{"id":88715,"date":"2023-09-01T00:01:54","date_gmt":"2023-08-31T22:01:54","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=88715"},"modified":"2022-02-25T19:19:31","modified_gmt":"2022-02-25T18:19:31","slug":"warten-4","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/09\/01\/warten-4\/","title":{"rendered":"Warten"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Helle Rosen liebt sie und die schwarze Vase. Abt\u00f6nung! ich werde sie entbl\u00e4ttern. der Duft! toll! ein M\u00e4dchen auf meinem Zimmer! das h\u00e4tt ich nicht von ihr gedacht. sie ist so fein. aber wer nicht nimmt. ich bin immer zu zach gewesen. damals die Rote. ich will auch genie\u00dfen. die Rosen vor ihren Platz. herrlich. hier auf dem Sofa soll sie sitzen. ich setze mich neben. ich kann sie umfassen. ich f\u00fchle ihre Brust. nein! nichts vorwegnehmen. \u00fcberhaupt. ich werde mich umwerben lassen. ganz k\u00fchl werde ich sein. sie ist auf meinem Zimmer. auf <i>mein Zimmer<\/i> gekommen. \u00fcberhaupt wenn ich k\u00fchl bin. ich werde sie zerrei\u00dfen. die Kleider rei\u00df ich ihr vom Leibe. nackt soll sie stehen hier. vor mir liegen. die Haare w\u00fchl ich ihr auf. Unsinn! wo ist der Wein? schwerer echter! Burgunder! ja aufziehn. das st\u00f6rt nachher. zwei Flaschen. das gen\u00fcgt. ausziehn. aufziehn. entkorken. meine Haut ist mir zu eng! ein sch\u00f6ner Kerl! ja! K\u00f6rper. Wuchs. im Spiegel sogar. eigentlich? ich habe nicht viel Gl\u00fcck gehabt bei den Weibern. zu zach! zu zach! zu zach! jawohl. heute nachholen! heute. das Bett aufdecken. ach was! wir gehn ja gar nicht zu Bett. rauschen will ich! rauschen! ein Glas trink ich vor. Flammen. Blut! Lodern! alles vergessen. richtig! Geb\u00e4ck. Weihnachten. Ja. meine Mutter. hahaha! wenn sie ahnte, was ich damit k\u00f6dere. ahnt nicht, sicher nicht. schlechter Kerl. schlecht? ich. nein. ich tus wohl lieber nicht. lieber nicht. wenn sie kommt. sie ist ein anst\u00e4ndiges M\u00e4dchen. sicher, ohne Zweifel. das zeigt ihr Blick. sie tuts nur. sie liebt mich. ich bin der Verf\u00fchrer. pfui Teufel! Verf\u00fchrer! ich will leben. leben. leben. Ja. ich will. und wenn sie dran glauben will. sie soll dran glauben. sie mu\u00df dran glauben. der Teufel holt sie. ich fetze sie auseinander. die weiche Haut streichen will ich. alle Geheimnisse. ein Glas noch. wild. wild. wild. ein Stier. ich renne die Wand ein. <i>hier<\/i> soll sie sein. s\u00e4\u00df sie da. Ja. wenn sie jetzt da s\u00e4\u00dfe. du du du! verr\u00fcckt! ich k\u00fcsse das dreckige Sofa. alles zittert. Arme. Beine. die Adern sind gequollen. ich halte nicht mehr aus. sie k\u00e4m. wenn sie nur kommt? wenn sie nun <i>nicht<\/i> kommt? <i>nicht<\/i>kommt? <i>sicher<\/i> nicht. kommt nicht! Satan! ich hole sie. ich hole sie aus dem eigenen Hause. ich schlage. ich schlage sie auf der offenen Stra\u00dfe. ich werfe sie in den Rinnstein. in den Rinnstein. die Dirne! Dirne! Dirne! ooo! ich schie\u00dfe. ich schie\u00dfe sie nieder. die ganze Qual. Muskeln. Sehnen. Fieber. mit dem Revolver schie\u00df ich sie nieder. wie leicht er in der Hand liegt. zierlich. flach. die M\u00fcndung vorn. und rund. fein. zum K\u00fcssen. Lippen. haha! ich bin verliebt. der Revolver ein M\u00e4dchen! ich hab noch nie mit ihr geschossen. jungfr\u00e4ulich. und die kleinen Patronen. sie hinein passen. schl\u00fcpfen. Donnerwetter! jetzt wirds aber Zeit! sie m\u00fc\u00dfte schon hier sein. wahrhaftig. sie kommt nicht. nein. sie kommt nicht. ich wollte doch. ich wollte sie k\u00e4me nicht. Gott! la\u00df sie nicht kommen. la\u00df sie nicht kommen. la\u00df sie verhindert sein. verhindert. fl\u00f6\u00dfe ihr Scheu ein. Scheu. Scheu. fortbleiben. ja fort. besser. ja. ich behalte ein reines Gewissen. mein ganzes Leben lang werde ich den Vorwurf nicht mehr los. ich bin kein Verf\u00fchrer. ich will kein Verf\u00fchrer sein. meine Mutter. doch! aber braucht doch nicht gleich? braucht denn? wenn sie nun k\u00e4me? wir plaudern. plaudern. gewi\u00df. nein. da braucht doch nicht. haha! Mann und Frau. gewi\u00df. Freunde wirkliche Freunde. warum nicht? ich lache. sie wird mich auslachen. auslachen. mich die rothaarige damals. t\u00fcckisch. heimlich. der Blick. \u00e4h! Blicke! die halt ich nicht aus. das ertrage ich nicht. nie mehr. nein. ich gehe fort. ich bin nicht da. sie wird nicht kommen. aber ich gehe fort. das ist das beste. mir wird ordentlich leichter. ganz leicht. gesiegt. ja. ich. jaja. ist? ja? ist? o? rauscht? trippeln. ja? und? es? ja? klopft. Donner. wahrhaftig. klopfen. \u00e4\u00e4\u00e4! Frechheit. unversch\u00e4mt. schamlos. Dirne. Dirne. sie will mich. Verf\u00fchrerin. sie will mich nein. \u00e4. nein. ich kann nicht. nein. ich will nicht. nein. klopfe nur. ja. klopfe. <i>ich kann nicht. will nicht. kann nicht. will nicht<\/i>. klopfe nicht! klopfe nicht! klopfe! ja! klopfe doch! klopfe doch! klopfe! ja! klopfe! <i>paff!!!<\/i><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Am\u00a01. September 1915 ist August Stramm\u00a0bei <em>Horodec<\/em> \u00f6stlich Kobryn, in einem sinnlosen Krieg gestorben. Seine\u00a0Texte\u00a0fallen auf durch ihre schlichte, reduzierte Sprache. Oft wird kein Wert auf Grammatik gelegt; Substantive, substantivierte Verben und Neologismen bilden den Hauptbestandteil.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/09\/Stramm.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-88052 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/09\/Stramm.jpg\" alt=\"\" width=\"200\" height=\"236\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/09\/Stramm.jpg 200w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/09\/Stramm-160x189.jpg 160w\" sizes=\"auto, (max-width: 200px) 100vw, 200px\" \/><\/a>Stramms Stil war \u00fcberraschend und neu. Durch seine Knappheit, H\u00e4rte und die weit vorangetriebenen Sprachexperimente heben sich Stramms Gedichte deutlich von denen anderer, fr\u00fcher Expressionisten wie beispielsweise Georg Heym und Theodor D\u00e4ubler ab. W\u00e4hrend letztere meist noch deutlich von der Neuromantik und dem Symbolismus beeinflusst sind, rei\u00dfen Stramms Sprachmontagen den Horizont in die Moderne auf. Die zerhackten Rhythmen, die Satz- und Wortfetzen machen Stramms Gedichte zudem zu den \u00fcberzeugendsten lyrischen Zeugnissen des Weltkriegs, umso mehr, da es kaum einem anderen Autor gelungen ist, das Grauen dieses ersten Maschinenkriegs in einer dieser ganz neuen Erfahrung angemessenen Form zu verarbeiten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Schon mit den ersten Ver\u00f6ffentlichungen im <em>Sturm<\/em> nahmen junge Autoren Stramms Stil auf, darunter Kurt Heynicke, Walter Mehring und Kurt Schwitters. Auch auf die expressionistische Prosa von beispielsweise Alfred D\u00f6blin hatte Stramms Sprachduktus Einfluss. Zu sp\u00e4teren Stramm-Anh\u00e4ngern geh\u00f6ren u. a. Arno Schmidt, dessen fr\u00fche Prosa (1946\u20131956) auch stilistisch von Stramms Lyrik beeinflusst ist, Gerhard R\u00fchm, Ernst Jandl und der Stamm-Adept Thomas Kling.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend <\/strong><strong>\u2192\u00a0<\/strong>Poesie z\u00e4hlt f\u00fcr KUNO weiterhin zu den identit\u00e4ts- und identifikationstiftenden Elementen einer Kultur, dies bezeugte auch der Versuch einer <strong><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25630\">poetologischen Positionsbestimmung<\/a><\/strong><strong>.<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Helle Rosen liebt sie und die schwarze Vase. 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