{"id":88691,"date":"2022-07-17T00:01:05","date_gmt":"2022-07-16T22:01:05","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=88691"},"modified":"2022-02-24T14:01:33","modified_gmt":"2022-02-24T13:01:33","slug":"wunderkiste","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2022\/07\/17\/wunderkiste\/","title":{"rendered":"Wunderkiste"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bei den Dingen, die die Kunst des Lebens ausmachen, ist es wie mit den W\u00f6rtern. F\u00fcr sich genommen kann man sie leicht nach Wortarten unterscheiden. Harmonie, gesund sein, Freude, essen, Liebe, genug haben, Sicherheit, sich frei f\u00fchlen usw. Doch je nach ihrer Stellung und Aufgabe in jenem gro\u00dfen Satzzusammenhang, der Leben hei\u00dft, k\u00f6nnen sie zu etwas ganz Verschiedenem werden. Das Hauptwort wird zu Subjekt oder Objekt, das T\u00e4tigkeitswort zum Satzgegenstand, das Eigenschaftswort zur Satzaussage, und einige von ihnen finden sich auch mal als Satzerg\u00e4nzung oder Objekt wieder. Aber das ist nur Grammatik!<br \/>\nNun kommen wir, die Menschen, und erlegen den Worten auf, was wir ausdr\u00fccken wollen: Rot, eigentlich ein Adjektiv, wie gemacht f\u00fcr die Stellung als Satzaussage, kann zum Subjekt oder Satzgegenstand werden, wenn wir sagen: \u00bbRot ist meine absolute Lieblingsfarbe.\u00ab Nun wendet der Grammatiker ein: Das ist doch blo\u00df eine T\u00e4uschung, nur ein raffiniert verdrehter Satz, der in richtiger Reihenfolge hei\u00dfen muss: \u00bbMeine absolute Lieblingsfarbe ist rot.\u00ab Aber wer so kleinkr\u00e4merisch herumgrammatisiert, der verkennt den Menschen. Manchmal ist ihm das, was er f\u00fchlt, w\u00fcnscht, glaubt, so wichtig, dass er durch die Satzstellung andeutet, dass Rot f\u00fcr ihn zur Hauptsache wird, also zum Satzgegenstand, dem etwas zust\u00f6\u00dft, und was ihm zust\u00f6\u00dft, das ist eben: \u00bbmeine Lieblingsfarbe sein\u00ab!<br \/>\nVerstandesmenschen erkennen ganz richtig, dass hier die Gef\u00fchle eines Menschen die Sache umkehren und das Pr\u00e4dikat zum Subjekt, das Subjekt zum Pr\u00e4dikat machen. Muss das wirklich sein? Manchmal ja, jedenfalls f\u00fcr Lehrlinge in der Lebensk\u00fcnstlerei: Die wollen ja nicht blo\u00df eine Aussage \u00fcber sich machen, sondern den Grad ihrer Begeisterung mit-teilen, ihr Verh\u00e4ltnis, ihr Hingezogensein zur Farbe ausdr\u00fccken, also eine Bewegung. Man pfeift ja auch nicht das Rot zu sich hin, als w\u00e4re es ein dressierter Hund, oder legt es sich mit einer herrischen Greifbewegung in den Einkaufswagen oder bestellt es mit einem Anruf beim Lieferservice: \u00bbBitte einmal das R\u00f6teste, was sie auf der Karte haben\u00ab, sondern man selbst eilt emotional zum Roten hin.<br \/>\nSo lernen wir als Erstes: Kaum kommt der Mensch mit seinen W\u00fcnschen, Neigungen und Begierden ins Spiel, reicht das sachlich Richtige oft einfach nicht, es sagt nicht die ganze Wahrheit. Es sagt vielleicht etwas, aber es dr\u00fcckt nichts aus. Der ganze menschliche Faktor besteht aber genau darin: Wir k\u00f6nnen nicht einfach nur etwas feststellen, wir dr\u00fccken dabei immer etwas aus. Auch wenn wir ganz kalt und n\u00fcchtern auftreten und nur sachliche Feststellungen treffen, so sagen wir damit eben nicht blo\u00df etwas aus, wie Technokraten gern glauben, sondern wir dr\u00fccken dabei, ob uns das bewusst ist oder nicht, immer auch aus: Ich bin ein Technokrat, nur dass du Bescheid wei\u00dft.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Wunderkiste<\/strong>, Fundst\u00fccke aus meiner Lebensk\u00fcnstlerei, von Thomas Frahm. Chora-Verlag\u00a02017<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"letter-spacing: 0.05em;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/wunderkiste-cover-vorn.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-88696 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/wunderkiste-cover-vorn-297x300.jpg\" alt=\"\" width=\"297\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/wunderkiste-cover-vorn-297x300.jpg 297w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/wunderkiste-cover-vorn-560x566.jpg 560w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/wunderkiste-cover-vorn-260x263.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/wunderkiste-cover-vorn-160x162.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/wunderkiste-cover-vorn.jpg 577w\" sizes=\"auto, (max-width: 297px) 100vw, 297px\" \/><\/a>Kunst des Lebens hei\u00dft nicht R\u00fcckzug aufs Angenehme, in die Wohlf\u00fchlzonen, die Idylle, um, einmal drinnen, die T\u00fcr zu verriegeln und die bunte Welt nur \u00fcber Bildschirm zu erfahren. Man muss schon auch selbst ein bunter Vogel sein oder werden, sich schon \u00f6ffnen, etwas riskieren, sich am Leben messen, auch wenn das weh tut oder gar Entbehrungen mit sich bringt. Also: offen bleiben, ohne die Freude am Leben unter schwerem Problembewusstsein zu begraben. Der Band enth\u00e4lt daher neben heiteren, ernsten und bissigen Spruchweisheiten f\u00fcr das kleine Lachen zwischendurch, neben Geschichten und Gedichten vor allem auch eigens f\u00fcr dies Buch verfasste Essays und philosophische Betrachtungen, die die alten Topoi vom \u201eguten Leben\u201c, von der \u201eNatur des Menschen\u201c und dem alten Gegensatz von K\u00f6rper und Geist er\u00f6rtern.<\/span><\/p>\n<div class=\"entry-content\">\n<p style=\"text-align: justify;\">In dieser Neuausgabe wurde dem Band ein Erfahrungstext hinzugef\u00fcgt, der die Erfahrungen schildert, die man auf der Stra\u00dfe mit Menschen machen kann, wenn man keinen erkennbaren sozialen Rang mehr hat: als Flaschensammler.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Bei den Dingen, die die Kunst des Lebens ausmachen, ist es wie mit den W\u00f6rtern. F\u00fcr sich genommen kann man sie leicht nach Wortarten unterscheiden. 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