{"id":88503,"date":"2003-01-27T00:01:18","date_gmt":"2003-01-26T23:01:18","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=88503"},"modified":"2022-05-23T07:20:16","modified_gmt":"2022-05-23T05:20:16","slug":"zeitzeugin-und-mahnerin","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2003\/01\/27\/zeitzeugin-und-mahnerin\/","title":{"rendered":"Zeitzeugin und Mahnerin"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als das Buch \u201eWir leben im Verborgenen &#8211; Erinnerung einer Rom-Zigeunerin\u201c, 1988 von Karin Berger herausgegeben, im Picus Verlag erschien, 1989 gleich in einer zweiten Auflage, war Ceija Stojka die erste Romni, die ihre Erinnerungen an die Leidensgeschichte ihrer Familie stellvertretend f\u00fcr die vom Nationalsozialismus verfolgten und in den Konzentrationslagern gepeinigten und massenweise ermordeten Roma und Sinti schriftlich niederlegte. Das Buch erregte gro\u00dfes Aufsehen und r\u00fcckte somit die bis dahin vergessene und verdr\u00e4ngte Leidensgeschichte, aber auch die aktuellen Fragen und Probleme der ins Abseits, ins Verborgene gedr\u00e4ngten Volksgruppe der Roma und Sinti ins Licht der \u00d6ffentlichkeit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ceija Stojka wurde mit diesem Buch \u00fcber Nacht bekannt. 1992 folgte, gleichfalls im Picus-Verlag, \u201eReisende auf dieser Welt\u201c. Ausstellungen ihrer aussagekr\u00e4ftigen Bilder, die das fr\u00fchere \u201eZigeunerleben\u201c und dann die Schreckenszeit in den Konzentrationslagern zum Thema hatten, und musikalische Auftritte, in denen sie die alten, m\u00fcndlich tradierten Roma-Lieder der Lovara sang, erweiterten ihren Wirkungskreis und rundeten gleichzeitig das Erscheinungsbild ab. Immer st\u00e4rker trat dabei ein bekenntnishaftes, charismatisches Mitteilungsstreben zu Tage, mit dem sich Ceija Stojka von der Zeitzeugin des Holocaust zur Menschenrechtsaktivistin entwickelte, die sich engagiert f\u00fcr ein friedliches Miteinander aller Menschen einsetzt und zugleich die Rechte f\u00fcr die Volksgruppe der Roma und Sinti, aber auch aller anderen einmahnt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn man heute, nach f\u00fcnfzehn Jahren, das neu aufgelegte Buch wieder liest, so hat es nichts an Eindringlichkeit und unmittelbarer Aussagekraft verloren. Es ber\u00fchrt und ersch\u00fcttert, indem es die Ereignisse aus einer ganz privaten Sicht und in einer sehr einfachen, fast kindlichen Erz\u00e4hlweise schildert. Gerade diese Einfachheit, mit der Ceija Stojka den Leidensweg ihrer Familie und den ihres Volkes und sp\u00e4ter das Leben im Verborgenen der wenigen \u00dcberlebenden erz\u00e4hlt, ist es, die das Buch zu etwas so Besonderem macht. Wie hier im R\u00fcckblick, Jahrzehnte sp\u00e4ter und mit einem anderen, neuen Leben dazwischen, noch immer \u00fcber das Unbegreifbare dessen, was Menschen anderen Menschen antun k\u00f6nnen, ohne geschichtstr\u00e4chtige Pathosgeste, sondern ganz einfach aus dem eigenen Betroffen- und Verwundetwordensein heraus gesprochen wird, das ist zutiefst bewegend.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Alles was geschehen ist und erz\u00e4hlt wird, haben ja die Augen eines jungen M\u00e4dchens, fast noch Kind, gesehen: Die mitleidlose Gewalt, das Elend, das Leid, das allt\u00e4gliche Sterben, den Tod; die aufgeschichteten Leichen, darauf der kleine, an Bauchtyphus gestorbene Bruder Ossi, dem Ceija das eigene Unterkleidchen als Totenhemd dar\u00fcberbreitet. Ein kleines M\u00e4dchen, das inmitten des Grauens eine solche Geste setzt, ein Zeichen zur Bewahrung der Menschenw\u00fcrde.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jahrzehnte sp\u00e4ter sieht die erwachsene Frau Ceija sich selbst wieder als dieses kleine M\u00e4dchen, auch in diesem Augenblick. Da gibt es nichts zu begreifen, wie so etwas \u00fcberhaupt m\u00f6glich sein konnte &#8211; und auf der Welt immer noch m\u00f6glich ist. Da sp\u00fcrt man r\u00fcckblickend bei solcher Erinnerung nur die Trauer, in manchen Stunden vielleicht auch die Verzweiflung \u00fcber den Menschen. Und trotzdem diese Liebe, diese Kraft des Lebens, diese W\u00e4rme und Herzlichkeit, die bei Ceija Stojka durch alles hindurch zu sp\u00fcren ist. Und der Glaube, da\u00df es besser werden kann; das Wissen um die Notwendigkeit, da\u00df es besser werden mu\u00df auf dieser Welt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie kann man mit einer solchen Erinnerung weiterleben, wie mit jener an den todkranken kleinen Bruder Ossi, zu dem sich Ceija nachts in den ber\u00fcchtigten Krankenblock schleicht, sich zu ihm legt, ihn fest an sich dr\u00fcckt, ihn zu tr\u00f6sten versucht mit den kindlichen Worten: \u201eOssi, wir k\u00f6nnen bald nach Hause gehen, und dann gehen wir ins Kongre\u00dfbad. Freust du dich?\u201c. Worauf der kleine Ossi sagt: \u201eSchau mich doch an, ich komme bestimmt nicht mehr nach Hause\u201c. Und nach einer Weile: \u201eWenn du wieder zu Hause bist, dann denkst du an mich, ja?\u201c Und zwei Tage sp\u00e4ter ist der Ossi tot und das M\u00e4dchen Ceija sieht, wie sein kleiner lebloser K\u00f6rper auf den Leichenberg obenauf gelegt wird. Wie lebt man dann sp\u00e4ter mit einer solchen Lebensgeschichte, mit solchen Erinnerungen? Oder mit jener an den Augenblick, da die Urne mit der Asche des im KZ Dachau ermordeten Vaters per Post zur\u00fcckkommt, die verzweifelte Mutter diese \u00f6ffnet, ein paar Knochen herausnimmt, die sie sich dann in einem selbstgen\u00e4hten T\u00e4schchen um den Hals h\u00e4ngt? Oder mit der Erinnerung an das letzte Winken hin\u00fcber zu den anderen aus der Gro\u00dffamilie, die nach der Selektion in der Reihe derer stehen, die f\u00fcr den Weg ins Gas bestimmt sind? Oder mit der Erinnerung an das stundenlange Stehen im Winter beim Appell mit blo\u00dfen F\u00fc\u00dfen, an den Anblick der mit dem Ochsenziemer fast zu Tode gepr\u00fcgelten eigenen Br\u00fcder und Schwestern? Mit der Erinnerung an die gef\u00fchllose Menschenverachtung der SS-Wachleute, M\u00e4nner wie Frauen, die sp\u00e4ter dann unbehelligt in das normale b\u00fcrgerliche Leben zur\u00fcckgekehrt sind?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie kann man leben mit solchen Erinnerungen ohne v\u00f6llig zu verzweifeln oder in d\u00fcsterer Lebensverbitterung zu versinken? Da\u00df dies bei Ceija Stojka, bei ihrer starken Mutter und ihren Geschwistern, von denen die Br\u00fcder Karl und Hans (Mongo) ebenfalls ihre Lebens- und Leidensgeschichte in B\u00fcchern niedergeschrieben, sie in Bildern als Botschaften festgehalten oder in ihre Musik haben einflie\u00dfen lassen, nicht der Fall war, das ist die gro\u00dfe Lebensleistung dieser beispielhaften Menschen, dieser Opfer, Zeitzeugen und Mahner, die wir an ihnen bewundern, weil die Kraft des Lebens in ihnen st\u00e4rker war als jede angetane Erniedrigung und weil so das Leben \u00fcber das T\u00f6ten, \u00fcber den Tod gesiegt hat.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>\u00a0<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Wir leben im Verborgenen<\/strong> &#8211; Erinnerungen einer Rom-Zigeunerin. Von Ceija Stojka. Picus Verlag, Wien, 1988; vierte Auflage, Wien, 2003<\/p>\n<div id=\"attachment_103153\" style=\"width: 227px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-103153\" class=\"wp-image-103153 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/Ceija-Stojka-217x300.jpeg\" alt=\"\" width=\"217\" height=\"300\" \/><p id=\"caption-attachment-103153\" class=\"wp-caption-text\">Ceija Stojka, Photo: Peter Paul Wiplinger<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong>\u00a0Eine Erinnering an Ceija Stojka von Peter Paul Wiplinger<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2192<\/strong>\u00a0Poesie z\u00e4hlt f\u00fcr KUNO weiterhin zu den identit\u00e4ts- und identifikationstiftenden Elementen einer Kultur, dies bezeugte auch der Versuch einer <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25630\">poetologischen Positionsbestimmung<\/a>.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Als das Buch \u201eWir leben im Verborgenen &#8211; Erinnerung einer Rom-Zigeunerin\u201c, 1988 von Karin Berger herausgegeben, im Picus Verlag erschien, 1989 gleich in einer zweiten Auflage, war Ceija Stojka die erste Romni, die ihre Erinnerungen an die Leidensgeschichte ihrer&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2003\/01\/27\/zeitzeugin-und-mahnerin\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":98,"featured_media":103153,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[1701,1142],"class_list":["post-88503","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-ceija-stojka","tag-peter-paul-wiplinger"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/88503","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/98"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=88503"}],"version-history":[{"count":2,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/88503\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":103158,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/88503\/revisions\/103158"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/103153"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=88503"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=88503"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=88503"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}