{"id":88489,"date":"2000-05-08T00:01:43","date_gmt":"2000-05-07T22:01:43","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=88489"},"modified":"2021-07-13T05:56:45","modified_gmt":"2021-07-13T03:56:45","slug":"europaeisierung-der-kultur","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2000\/05\/08\/europaeisierung-der-kultur\/","title":{"rendered":"Europ\u00e4isierung der Kultur\/Literatur"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Was bedeutet dieses Schlagwort <em>\u201eEurop\u00e4isierung\u201c<\/em> f\u00fcr den Bereich der Kultur und hier eingeschr\u00e4nkt f\u00fcr die Literatur? Welche M\u00f6glichkeiten und Chancen gibt es zur Zusammenarbeit auf internationaler, europ\u00e4ischer Ebene zwischen Schriftstellern, ihren Organisationen, den Interessensverb\u00e4nden, den Verlegern, den Verlagskonzernen, dem Buchmarkt, dem Staat, seinen Einrichtungen; wiederum gesehen auf der legistischen, gesellschaftlichen, existentiellen Ebene? Wie greifen diese Bereiche ineinander, wie und wo gibt es da Gegens\u00e4tze, welche M\u00f6glichkeiten der Interessensharmonisierung gibt es, welche k\u00f6nnen wir nutzen; wie ist das Reglement f\u00fcr Regelungen? Wie ist der Istzustand, was wollen wir Schriftsteller erreichen, wo sehen wir Gefahren (vorallem existentiell f\u00fcr uns selber), welche Perspektiven gibt es \u00fcberhaupt; wie sehen wir diese? Das alles sind Fragen, die einen weiten Horizont abstecken, zur Auseinandersetzung aufrufen, der wir nicht ausweichen k\u00f6nnen. Die Bedingungen, unter denen wir stehen, arbeiten, publizieren, sind relevant f\u00fcr uns, auch wenn nat\u00fcrlich klar ist, da\u00df bessere Bedingungen nicht bessere Literatur erzeugen. Umgekehrt aber gilt auch: Bessere Bedingungen f\u00fcr die Kultur, f\u00fcr die Literatur, f\u00fcr die Schriftsteller eines Landes haben mit jenem Stellenwert zu tun, den Staat, Politik und Gesellschaft der Kultur, der Kunst, der Literatur einr\u00e4umen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Konkret bedeutet das insbesondere, da\u00df der rechtliche, soziale und existentielle Status von Kulturschaffenden in einem Land und im Staat &#8211; und nun immer mehr auch auf europ\u00e4ischer Ebene &#8211; neu definiert werden mu\u00df; und dies nicht nur von der Politik oder vom Markt allein und einseitig, sondern partnerschaftlich, wenn man hier nicht von vornherein programmierte Gegens\u00e4tzlichkeit und Konfliktsituationen haben will. Der Staat und die Politik m\u00fcssen sich ihrer Aufgabenstellung, Rahmenbedingungen f\u00fcr die ungehinderte, ja notwendigerweise auch zu f\u00f6rdernde Entfaltung der Kultur zu schaffen und zu sichern, bewu\u00dft sein und diese Aufgabenstellung als eine gesellschafts- und kulturpolitische akzeptieren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Der Markt mu\u00df beharrlich daran erinnert werden, da\u00df Aktienkapital und Indexsteigerung nicht alles sind, kein Lebenswert an sich. Ich wei\u00df, da\u00df es utopisch ist, sich davon positive Ergebnisse zu versprechen; vielleicht mu\u00df man diese Aussage so verpacken, da\u00df man die Wirtschaft und den freien Markt daran erinnert, da\u00df sie auch nicht existieren, jedenfalls nicht prosperieren k\u00f6nnen, wenn sie sich gegen den Wertekonsens einer Kulturgesellschaft wenden und mit dem Ziel der Profitmaximierung aggressiv dagegen vorgehen. Dies stellt aber an uns Kulturschaffende und an die verantwortlichen Politiker und Institutionen die Forderung und verlangt die Verantwortung dar\u00fcber ab, diesen Wertekonsens zu definieren und in der Kulturpolitik in Realit\u00e4t umzusetzen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Konkret auf die Literatur und die Interessen der SchriftstellerInnen angewandt, ergeben sich Forderungen nach gerechten gesetzlichen und pragmatischen Regelungen, sowohl im eigenen Land, als auch auf EU-Ebene; denn der Markt ist l\u00e4ngst internationalisiert, und die Konzerne (z.B. Libro-Amadeus) dominieren das Verlags- und Buchhandelswesen. Der Druck, den sie aus\u00fcben (Aufhebung der Buchpreisbindung in der EU) dient ihren Interessen und nicht dem gew\u00fcnschten Pluralismus in der Welt des Buches und der Kultur. Sie definieren die Vorgaben, wie der Markt zu funktionieren hat. Und das sind somit auch Vorgaben daf\u00fcr, welche Literatur es gibt und geben soll, n\u00e4mlich jene, die nach kommerziellen Gesichtspunkten leicht handhabbar, leicht verwertbar ist, an der man leicht und schnell \u201e<em>sein(?) gutes Geld\u201c<\/em> machen kann. Und das mu\u00df eben nicht unbedingt mit guter Literatur geschehen, sondern geschieht meist mit Massenware f\u00fcr die Massengesellschaft; bestenfalls mit <em>Bestsellerliteratur. <\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Ob bei solchen Marktbedingungen und in der (be)herrschenden Mediengesellschaft dann noch Kleinauflagen f\u00fcr DichterInnen, f\u00fcr AutorInnen von regionaler Bedeutung oder von \u00dcbersetzungen aus Literaturen kleinerer und\/oder unbekannterer L\u00e4nder m\u00f6glich sein werden, das darf wohl bezweifelt werden. Auf jeden Fall wird dies nicht m\u00f6glich sein ohne entsprechende F\u00f6rderung eines solchen Literaturprogrammes durch staatliche Einrichtungen und Institutionen, die sich dieser Aufgabe annehmen. Also mu\u00df in diesem Zusammenhang die Frage des F\u00f6rderwesens &#8211; sowohl die des staatlichen als auch die des privaten &#8211; diskutiert, kritisch bedacht und einer Regelung zugef\u00fchrt werden. Es geht beim F\u00f6rderwesen vorallem um Ma\u00dfnahmen zur Marktregulierung, ebenso um solche in bezug auf Rechtsverh\u00e4ltnisse, die sicherstellen sollen, da\u00df Literatur als Literatur \u00fcberhaupt existieren und fortbestehen kann, indem man die ungleichen Zug\u00e4nge zum Markt durch ein sinnvolles F\u00f6rderwesen ausgleicht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Vorallem aber geht es immer mehr um die \u00f6konomische, d.h. um die existentielle Position des Schriftstellers, der Schriftstellerin, die zunehmend gef\u00e4hrdet erscheint, ja gef\u00e4hrdet ist. Dies sowohl durch ge\u00e4nderte Marktbedingungen, aber auch durch gesellschaftspolitische Umstrukturierungen. Wie kann heute ein Schriftsteller, eine Schriftstellerin, die keine Bestsellerautoren sind, \u00fcberhaupt noch bestehen, es (sich) leisten, Literatur zu machen, ein <em>freier<\/em> Schriftsteller, eine <em>freie<\/em>Schriftstellerin zu sein? Besteht \u00fcberhaupt noch die M\u00f6glichkeit dazu?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Um nicht alleine unterzugehen, ist es sicherlich lebensnotwendig, da\u00df wir unsere Interessen gemeinsam suchen, definieren und geb\u00fcndelt der \u00d6ffentlichkeit als legitime Anspr\u00fcche \u00fcbermitteln; dies auch unter einem demokratiepolitischen Aspekt. Wir m\u00fcssen dem Staat, der Politik, der Gesellschaft eindringlich vor Augen f\u00fchren, da\u00df Literatur auch etwas mit Bildung zu tun hat, also auch bildungspolitische Ziele hier vorgegeben und erreicht werden m\u00fcssen. Das mu\u00df doch im Interesse des Staates und der gesellschaftsbildenden Kr\u00e4fte liegen. Denn sonst enden wir in einer bilder\u00fcberfluteten, analphabetischen Easy-Eventkultur ohne Reflexion, in einer bereits merkbaren Entintellektualisierung, deren Ursache der moderne, oft auch schon aggressive Zeitgeist ist. Wo w\u00e4re da der Sinn und was h\u00e4tte das f\u00fcr einen Sinn?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Es geht also um die Neuorganisation von Verh\u00e4ltnissen, auch um die Selbstorganisation derer, die Literatur machen; vielleicht in einer noch m\u00f6glichen Solidarit\u00e4t mit denen, die Literatur noch lesen und brauchen. \u00dcber die einzelnen AutorInnenverb\u00e4nde hinaus mu\u00df eine umfassendere, eben europ\u00e4ische Interessens- und Rechtsvertretung f\u00fcr SchriftstellerInnen organisiert werden, die als Ansprechpartner und Verhandlungspartner zugleich untereinander und auch auf der EU-Ebene fungieren soll. Eine solche Organisation gibt es bereits: Den<em> EWC-European Writers Congress<\/em> in M\u00fcnchen. Immer wichtiger und bedeutender werden auf allen gesellschaftlichen Ebenen die <em>\u201eNon-Govenment-Organisations\u201c. <\/em>Auch f\u00fcr uns Schriftsteller wird es immer wichtiger, diese M\u00f6glichkeiten zu nutzen. Auch wir m\u00fcssen uns enger und kommunikativer zusammenschlie\u00dfen: zum Informationsaustausch, um gemeinsam und erfolgreich unsere Interessen zu vertreten, um unsere Rechte besser und effizienter wahrnehmen und durchsetzen zu k\u00f6nnen. Dies auch mit der Zielsetzung einer gr\u00f6\u00dferen Unabh\u00e4ngigkeit von Abh\u00e4ngigkeiten: von Subventionsgebern, von der Politik, vom Staat. Wir d\u00fcrfen nicht l\u00e4nger Bittsteller sein, nicht l\u00e4nger in dieser unw\u00fcrdigen, aber auch unsicheren und angreifbaren Position verharren. Wir d\u00fcrfen uns auch nicht vom Freien Markt v\u00f6llig an die Wand dr\u00e4ngen lassen. Wir brauchen dabei Unterst\u00fctzung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Und so wendet sich unser Appell f\u00fcr die Sache der Literatur an alle, die nicht nur eine Computertastatur und die TV-Fernbedienung (ge)brauchen, sondern die noch immer regelm\u00e4\u00dfig nach einem Buch greifen und die auch in Zukunft aus einem vielf\u00e4ltigen Angebot ausw\u00e4hlen und selbst entscheiden wollen, was sie lesen; und f\u00fcr die Literatur nach wie vor ein lebenswichtiger und unverzichtbarer Bestandteil der kulturellen Identit\u00e4t ist.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong><\/p>\n<div id=\"attachment_19167\" style=\"width: 235px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/01\/Wiplinger-Peter-Paul-2008-10-19-Copyright-Annemarie-Susanne-Nowak_sw.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-19167\" class=\"size-medium wp-image-19167\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/01\/Wiplinger-Peter-Paul-2008-10-19-Copyright-Annemarie-Susanne-Nowak_sw-225x300.jpg\" alt=\"\" width=\"225\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/01\/Wiplinger-Peter-Paul-2008-10-19-Copyright-Annemarie-Susanne-Nowak_sw-225x300.jpg 225w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/01\/Wiplinger-Peter-Paul-2008-10-19-Copyright-Annemarie-Susanne-Nowak_sw-768x1024.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 225px) 100vw, 225px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-19167\" class=\"wp-caption-text\">Wiplinger Peter Paul, Portr\u00e4t von Annemarie Susanne<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify\">\u00dcber den dezidiert politisch arbeitenden Peter Paul Wiplinger lesen Sie hier eine <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=14676\">W\u00fcrdigung<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Was bedeutet dieses Schlagwort \u201eEurop\u00e4isierung\u201c f\u00fcr den Bereich der Kultur und hier eingeschr\u00e4nkt f\u00fcr die Literatur? 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