{"id":88474,"date":"2022-11-06T00:01:07","date_gmt":"2022-11-05T23:01:07","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=88474"},"modified":"2022-02-24T17:51:35","modified_gmt":"2022-02-24T16:51:35","slug":"lyrische-novelle-21","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2022\/11\/06\/lyrische-novelle-21\/","title":{"rendered":"Lyrische Novelle 21"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gestern sind die J\u00e4ger weggefahren. Jetzt schliesst man den Speisesaal, und ich esse in der Wirtsstube, wo die Leute aus dem Ort abends Karten spielen. Ich schreibe auch da, ich habe einen Tisch neben dem Fenster und kann auf den Platz hinaussehen. Ich denke, dass ich bald wegfahren werde, vielleicht schon morgen. Ich werde heute abend in der Garage Bescheid sagen. Eigentlich wollte ich alles durchlesen, was ich bisher geschrieben habe. Aber vielleicht w\u00fcrde es mir nicht gefallen. Es war f\u00fcr Sibylle, ich habe es f\u00fcr sie geschrieben, und wahrscheinlich wird sie es nie lesen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich habe Kaffee getrunken. Es ist drei Uhr. Ich m\u00f6chte noch spazieren gehen, und ich gehe in den Park hin\u00fcber.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Um sieben Uhr abends wird das grosse Tor geschlossen, aber auf der anderen Seite des Sees gibt es kein Tor, da beginnt gleich der Wald, und wenn man weiter geht, kommt man auf die Landstrasse, welche mitten durch den Wald l\u00e4uft und die einsamen D\u00f6rfer miteinander verbindet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich bleibe heute in der N\u00e4he des Schlosses, es ist ganz still zwischen den B\u00e4umen, und der Boden ist weich und wie von einem Teppich mit Nadeln bedeckt. Im Innern des Parks h\u00f6ren die Wege manchmal auf, das Gestr\u00fcpp wird dicht, und man muss sich m\u00fchsam hindurch k\u00e4mpfen. Ich m\u00f6chte an <a name=\"page095\"><\/a>das Ende des Parks kommen, aber daf\u00fcr brauche ich ziemlich lange und manchmal denke ich, dass ich die Richtung verloren habe und dass ich wieder auf das Schloss zugehe oder an das Seeufer.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber pl\u00f6tzlich bin ich da und trete ins Freie. Es ist eine Art von \u00dcberraschung. Man sieht den grauen Himmel, der sich auf die braunen Felder senkt, und die Felder dehnen sich aus bis zum Horizont. Dort gehen sie in den Himmel \u00fcber, und man kann die Farben nicht mehr unterscheiden. Im Wald war es warm, und die Luft war leicht, hier str\u00f6mt sie schwer auf mich ein, alles ist gewaltig, und die Ebene beginnt dicht vor meinen F\u00fcssen und setzt sich fort wie ein grosser Strom. \u00dcber mir werden die B\u00e4ume vom Wind bewegt, und das Rauschen h\u00f6rt sich an, als erf\u00fcllten gewaltige Vogelz\u00fcge den Himmel mit ihren Fl\u00fcgelschl\u00e4gen. Ich stehe mit dem R\u00fccken an einen Stamm gelehnt. Hier ist Wald und Ende des Waldes und Erde und Geruch von Erde und Bl\u00e4ttern unter den F\u00fcssen. Und hier ist Wind und unendliches Ausmass von Land und Ineinander von ged\u00e4mpften Farben, und K\u00e4lte wird kommen und dann wieder W\u00e4rme, und der Boden wird aufbrechen und Fr\u00fcchte werden ihn sprengen und reif werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und ich habe Lust, von hier wegzufahren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich denke, dass ich vielleicht an das Meer fahren k\u00f6nnte. Es ist nicht weit, in ein paar Stunden bin ich an der Ostsee. Dort w\u00fcrde ich die Schiffe im Hafen ansehen und die Matrosen, und mit den <a name=\"page096\"><\/a>Matrosen k\u00f6nnte ich trinken und sp\u00e4ter mit ihnen hinausfahren. Oder ich k\u00f6nnte in die Stadt zur\u00fcckkehren. Ich k\u00f6nnte wieder mit Magnus befreundet sein und in der Bibliothek arbeiten, und alles w\u00e4re wie vorher. Ich habe mich ja entschieden, und ich habe es nicht n\u00f6tig, mich vor irgendeinem Menschen zu sch\u00e4men. Sie sagten immer, dass ich mich nicht entscheiden k\u00f6nne, jetzt habe ich es getan, und ich bin zufrieden. Ich weiss jetzt, wie das Leben ist, und dass man nichts erh\u00e4lt, ohne auf etwas zu verzichten. Das ist Gerechtigkeit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich nehme meine Brieftasche heraus und das Geld aus der Brieftasche und z\u00e4hle die Scheine. Ich habe etwas mehr als dreihundert Mark, damit kann ich weit kommen. Alles ist in Ordnung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich denke an die Stadt, an Magnus, an Irmgard und an meine Arbeit .\u00a0.\u00a0. Ich stelle mir alles genau vor, die Strassen, den Weg durch den Tiergarten, den Nebel gegen Abend, meine Wohnung und den erleuchteten Lesesaal der Bibliothek. Ich denke auch daran, ob ich wieder in das Walltheater gehen werde.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und da \u00fcberf\u00e4llt es mich pl\u00f6tzlich. Sibylle wird nicht mehr da sein. Ich stehe noch an den Baum gelehnt, und ich habe pl\u00f6tzlich ein Gef\u00fchl, als m\u00fcsse ich mich daran festhalten. Aber ich wusste es doch. Ich bin weggegangen und wusste, was es zu bedeuten hatte. Aber ich habe es mir nicht klar gemacht. <a name=\"page097\"><\/a>Und jetzt ist mir alles gleichg\u00fcltig, ich m\u00f6chte mich auf die Erde legen und an nichts mehr denken. Alles k\u00f6nnte zu Ende sein, denn Sibylle ist nicht mehr da. Es ist gleichg\u00fcltig, wenn die Leute mit mir zufrieden sind und wenn ich Erfolg haben werde. Das ist alles nichts, denn man hat mir Sibylle genommen, und nichts wird sie mir jemals ersetzen. Das also ist Verzicht und Gerechtigkeit. Oh, ich verstehe nichts davon, ich bin blind vor Schmerzen. Hatte sie nicht ein Kind, das sie mehr liebte als mich? Aber sie wollte, dass ich ihr helfe, und dann h\u00e4tte sie das Kind behalten k\u00f6nnen. Und sie h\u00e4tte dann gewusst, wie sehr ich sie liebe. Jetzt ist es schon sp\u00e4t. Ich habe noch so viel vor mir, und f\u00fcr etwas ist es zu sp\u00e4t. Ich werde ohne Sibylle leben, und ich habe es mir nicht klar gemacht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich werde nicht an das Meer fahren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich werde nicht mit den Matrosen trinken.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich werde Sibylle diese Bl\u00e4tter nicht geben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn ich zur\u00fcckkomme, wird sie nicht mehr da sein.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Lyrische Novelle<\/strong>, von Annemarie Schwarzenbach, Erstdruck: Berlin, Rowohlt 1933<\/p>\n<div id=\"attachment_88372\" style=\"width: 222px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/AnnemarieSchwarzenbach.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-88372\" class=\"wp-image-88372 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/AnnemarieSchwarzenbach-212x300.jpg\" alt=\"\" width=\"212\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/AnnemarieSchwarzenbach-212x300.jpg 212w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/AnnemarieSchwarzenbach-560x792.jpg 560w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/AnnemarieSchwarzenbach-260x368.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/AnnemarieSchwarzenbach-160x226.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/AnnemarieSchwarzenbach.jpg 640w\" sizes=\"auto, (max-width: 212px) 100vw, 212px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-88372\" class=\"wp-caption-text\">Annemarie Schwarzenbach: Selbstportr\u00e4t mit ihrer zwei\u00e4ugigen Rolleiflex Standard 621-Kamera (entstanden in den 1930er Jahren)<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die im Fr\u00fchling 1933 erstmals erschienene <em>Lyrische Novelle<\/em> stand im Schatten von Hitlers kurz zuvor erfolgter Machtergreifung. Die Aufnahme und Verbreitung des Buches wurde dadurch stark erschwert. Aber schon damals r\u00fchmte die Kritik die Musikalit\u00e4t und moderne Sachlichkeit der Sprache. Noch st\u00e4rker als in jener Zeit zieht der Text heute eine besondere Aufmerksamkeit auf sich: als eine fr\u00fche literarische Darstellung von lesbischer Liebe. Das Buch erz\u00e4hlt zwar von der ungl\u00fccklichen Liebe eines Mannes zu einer Frau. Doch die Autorin bekannte nach der Ver\u00f6ffentlichung: Zum besseren Verst\u00e4ndnis der Geschichte \u201eh\u00e4tte man eingestehen m\u00fcssen\u201c, dass der Held \u201ekein J\u00fcngling, sondern ein M\u00e4dchen\u201c sei.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In 2022 widmet sich KUNO der <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=19652\">Kunstform Novelle<\/a>. Diese Gattung lebt von der Schilderung der Realit\u00e4t im Bruchst\u00fcck.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Gestern sind die J\u00e4ger weggefahren. Jetzt schliesst man den Speisesaal, und ich esse in der Wirtsstube, wo die Leute aus dem Ort abends Karten spielen. 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