{"id":88468,"date":"2022-10-28T00:01:09","date_gmt":"2022-10-27T22:01:09","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=88468"},"modified":"2022-02-24T17:32:02","modified_gmt":"2022-02-24T16:32:02","slug":"lyrische-novelle-20","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2022\/10\/28\/lyrische-novelle-20\/","title":{"rendered":"Lyrische Novelle 20"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber ich werde jetzt weitererz\u00e4hlen und damit zu Ende kommen. Ich bin nicht mehr m\u00fcde. Ich gew\u00f6hne mich daran, allein zu sein. Alles ist unwirklich und ver\u00e4ndert und sehr weit von den gewohnten Dingen entfernt. Ich m\u00f6chte von etwas befreit sein, aber ich habe Angst, tief zu atmen. Ich sehe immer nur die Wiesen, die graubraunen H\u00fcgel und die B\u00e4ume im Wald, und ich denke nicht daran, dass es andere Gegenden gibt, Landschaft und Stadt, wo ich wieder hingehen werde. Ich will davon nichts wissen. Man kann also allein leben? Man kann sich den gew\u00f6hnlichen Daseinsformen entziehen? Man hat mich angelogen: Ich h\u00e4tte doch mit Sibylle leben k\u00f6nnen. Gut, die Welt w\u00e4re mit mir nicht einverstanden gewesen, und ich w\u00e4re bestraft worden. Es gibt Gesetze, sagte Erik. Ich hasste ihn, weil er st\u00e4rker war als ich. Und ich war doch \u00fcberzeugt, dass ich ihm aufrichtig zugetan sei. Oh, ich war \u00fcberzeugt, dass ich niemals eifers\u00fcchtig sein w\u00fcrde und dass ich f\u00fcr solche Gef\u00fchle gar keinen Raum haben k\u00f6nnte. Aber ihn hat Sibylle in den Armen gehalten, das hat ihn befreit, und er ging unverletzt seines Weges. Er war unverletzt, niemand konnte ihm einen Vorwurf machen, und er liebte Sibylle immer noch, und es konnte ihm nichts anhaben. Er sagte mir, dass man gewisse Lebensnotwendigkeiten einsehen m\u00fcsse. Mit <a name=\"page086\"><\/a>gesellschaftlichen Vorurteilen habe das nicht das geringste zu tun, sagte er, sondern es habe mit unserer Seele zu tun, mit unserer Bezogenheit auf Gott. Ich war bereit, es einzusehen, und ich f\u00fchlte mich sehr schuldig. Aber ich bin nur ein Mensch, und er hatte gut reden. Er sagte, es g\u00e4be keine andere S\u00fcnde, als seine Kr\u00e4fte von Gott abzulenken und sie ins Leere zu werfen. Keine Willens\u00e4usserung und kein Opfer sei berechtigt, wenn es nicht dem Ganzen diene und der Erf\u00fcllung der pers\u00f6nlichen Form.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbWoher kenne ich meine pers\u00f6nliche Form\u00ab, sagte ich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbDu musst glauben, dass Gott dich liebt\u00ab, sagte Erik. \u00bbDu wirst dann nichts tun, was dir nicht entspricht.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er war ein gl\u00e4ubiger Mensch.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Am Abend ging ich an den Empfang des englischen Botschafters. Es waren sehr viele Leute da, und ich kannte viele von ihnen. Alle waren freundlich zu mir, sie erkundigten sich nach meiner Arbeit und sagten, dass ich Ferien bekommen m\u00fcsse, um mich zu erholen. Ein alter Herr, den ich nur fl\u00fcchtig kannte, lud mich ein, auf sein Gut in Ostpreussen zu kommen. Ich f\u00fchlte mich den ganzen Abend wohl und blieb ziemlich lange. Es gab ein gutes Buffet und viel Champagner, und ich sass mit ein paar jungen Engl\u00e4ndern von der Botschaft und unterhielt mich mit ihnen. Sie sagten, die jungen Leute in England seien immer noch viel zu ungebildet, aber viele h\u00e4tten sich ge\u00e4ndert und <a name=\"page087\"><\/a>interessierten sich f\u00fcr andere L\u00e4nder. Sie sprachen sehr gut Deutsch. Sie schlugen mir vor, im Sommer mit ihnen nach Oxford zu gehen und dort einen Ferienkurs zu besuchen. Das gefiel mir gut. Einer der Engl\u00e4nder wollte bald darauf gehen, und wir gingen zusammen fort. Als ich zu meinem Wagen kam, stand Willy da und wartete auf mich. Es fiel mir pl\u00f6tzlich auf, dass er bleich und mager war und dass man etwas f\u00fcr ihn tun m\u00fcsste. \u00bbFrierst du nicht?\u00ab fragte ich. Er sagte: \u00bbIch bin seit einer Stunde da.\u00ab Der junge Engl\u00e4nder verabschiedete sich. Ich glaube, er machte sich Willys wegen falsche Gedanken.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir fuhren weg. Es war ein Uhr. Man traf ziemlich viele Wagen an. Wir fuhren am Tiergarten vorbei \u00fcber die Br\u00fccke und das L\u00fctzowufer entlang.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbSibylle ist nicht im Theater\u00ab, sagte Willy pl\u00f6tzlich. \u00bbSie wartet in der Kneipe auf Sie.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbHat sie nicht gesungen?\u00ab fragte ich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbNein, sie hat abgesagt.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbIst etwas passiert?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Willy sah geradeaus und murmelte:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbSie will nicht, dass ich es Ihnen erz\u00e4hle.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbUnsinn\u00ab, sagte ich. \u00bbIch bin doch ihr Freund.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbJa, ja\u00ab, sagte Willy bes\u00e4nftigend. \u00bbAber so ist sie doch. Und jetzt will man ihr das Kind wegnehmen.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er sah mich an. Ich schwieg.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich empfand etwas sehr Merkw\u00fcrdiges. Es war, als verliere die Erde pl\u00f6tzlich ihre Anziehungskraft <a name=\"page088\"><\/a>und lasse mich frei. Ich hielt das Steuer des Wagens fest, aber meine F\u00fcsse waren weit weg und ohne Halt, und ich selbst war leicht und leer und konnte sicher durch den Raum fliegen, und mein Atem war auch ganz leicht und beinahe \u00fcberfl\u00fcssig. Neben mir sagte Willy: \u00bbAber es ist nicht ihr Kind. Die Mutter ist gestorben, und Sibylle hat es zu sich genommen.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich hatte neben Sibylle gelebt und hatte sie jeden Tag gesehen und war von ihr erf\u00fcllt gewesen, und sie war zur gleichen Zeit von etwas ganz anderem erf\u00fcllt gewesen. Jetzt erfuhr ich es und f\u00fchlte mich leer und h\u00e4tte doch beinahe erleichtert oder getr\u00f6stet sein m\u00fcssen\u00a0.\u00a0.\u00a0.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbWas ist es f\u00fcr ein Kind?\u00ab fragte ich. Ich hatte also recht gehabt. Sie betrog mich nicht, sie machte sich nicht \u00fcber mich lustig.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie hatte ein Kind.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbSie hat es f\u00fcr den Vater \u00fcbernommen\u00ab, sagte Willy. \u00bbNiemand weiss etwas davon. Man hat ihn wegen Rauschgifthandel verhaftet. Sie hat ihm versprochen, f\u00fcr das Kind zu sorgen. Aber sie hat ja kein Geld.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich fuhr langsam. Die Strasse war glatt und dunkel. Als ich \u00fcber eine Kreuzung fuhr, kam aus der Seitenstrasse das Licht meines eigenen Wagens auf mich zu und brach sich in der Scheibe.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbGeld kann man schliesslich beschaffen\u00ab, sagte ich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbAber der Chauffeur nimmt ihr das Kind weg\u00ab, <a name=\"page089\"><\/a>sagte Willy. \u00bbEr ist der Bruder der Mutter. Das Gericht hat ihn als Vormund bezeichnet. Er hat das Recht dazu.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbWarum will sie das Kind nicht hergeben?\u00ab fragte ich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbSie sagt, sie will nicht leben ohne das Kind\u00ab, sagte Willy bedr\u00fcckt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbSo sind die Frauen. Sie liebt es.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir liessen den Wagen ein paar H\u00e4user von der Kneipe entfernt stehen und deckten den K\u00fchler zu.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbGeh voran\u00ab, sagte ich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbNein\u00ab, sagte Willy. \u00bbSie weiss nicht, dass ich dich geholt habe.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich fragte pl\u00f6tzlich:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbWarum hast du Erik nicht geholt?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbDer tut nichts daf\u00fcr\u00ab, sagte Willy.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbSibylle will nicht, dass ich ihn um etwas bitte. Sie sagt, er sei ihr Freund, aber er brauche nicht alles zu wissen.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich f\u00fchlte mich ein wenig gl\u00fccklicher und weniger bedr\u00fcckt. Ich ging rasch an dem Portier vorbei. Sibylle sass an einem der ersten Tische und rauchte. Sie sah wundersch\u00f6n aus. Sie fragte, ob ich gegessen h\u00e4tte und bestellte Bier f\u00fcr mich. Willy war draussen an der Theke geblieben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbWas ist los?\u00ab fragte ich. Sibylle sah mich forschend an und sagte: \u00bbNichts. Gar nichts ist los.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir waren uns sehr fremd. Ich f\u00fchlte es und war erregt, und ich wusste nicht, was ich tun sollte. Wir sassen ziemlich lange, ohne zu sprechen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a name=\"page090\"><\/a>\u00bbWie ist es mit dem Kind?\u00ab fragte ich dann z\u00f6gernd.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbEs ist krank\u00ab, sagte Sibylle. \u00bbIch muss es wieder zu mir nehmen.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbWird er es herausgeben?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbDu m\u00fcsstest etwas f\u00fcr mich tun\u00ab, sagte sie. \u00bbIch bin erst heute auf den Gedanken gekommen. Du m\u00fcsstest unterschreiben, dass du f\u00fcr das Kind sorgen willst.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich f\u00fchlte etwas in mir kalt werden. Auch meine H\u00e4nde waren kalt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbIch m\u00fcsste es adoptieren\u00ab, sagte ich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sibylle schwieg.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbWann musst du Bescheid haben?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbSprich mit niemandem dar\u00fcber\u00ab, sagte sie kurz. \u00bbTelephoniere mir morgen.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir gingen hinaus, stiegen in das Auto und fuhren weg. Ich wollte ihr vorschlagen, noch in meine Wohnung zu kommen, ich sehnte mich wahnsinnig danach, sie allein zu haben, sie zu tr\u00f6sten, die Kluft zwischen uns zu \u00fcberbr\u00fccken. Aber ich hatte Angst, sie gerade jetzt darum zu bitten. Es h\u00e4tte sie sicher verletzt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als wir fuhren, legte sie die Hand auf meinen Hals und umschloss ihn mit ihren Fingern. Sie sagte kein Wort.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbIst es sehr schlimm?\u00ab fragte ich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbJa\u00ab, sagte sie. \u00bbEs ist doch mein Leben. Aber ich dachte mir, dass ich es nicht behalten k\u00f6nne.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbIch werde dir helfen\u00ab, sagte ich. Meine Stimme <a name=\"page091\"><\/a>war unsicher. Sie umschloss meinen Hals fester.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbLiebling\u00ab, sagte sie. \u00bbIch weiss, dass du mir nicht helfen wirst. Ihr seid alle gleich, ihr k\u00f6nnt ja nicht.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dann waren wir vor ihrer Wohnung. Sie stieg aus, nahm den Schl\u00fcssel aus der Tasche, gab mir die Hand und ging die Treppe bis zur Haust\u00fcr hinauf. Es waren drei Stufen, und ich sah durch das niedere Wagenfenster nur ihre sehr schlanken Beine und die schmalen Abendschuhe. Sie hatte heute ein kurzes Kleid an, weil sie nicht im Theater sang.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich blieb am Steuerrad sitzen. Ich war irgendwo gel\u00e4hmt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als Sibylle sah, dass ich nicht wegfuhr, kam sie zur\u00fcck, und ich \u00f6ffnete ihr die T\u00fcr. Sie sass neben mir und zog meinen Kopf zu sich herab.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbVielleicht w\u00fcrde ich dich lieben\u00ab, sagte sie. \u00bbAber sei nicht verzweifelt. Ich war sehr gut f\u00fcr dich, sp\u00e4ter wirst du das einsehen.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wer musste denn hier getr\u00f6stet werden!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbIch gehe fort\u00ab, sagte sie. \u00bbAber vielleicht kommst du doch mit?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbW\u00fcrdest du dich denn freuen?\u00ab fragte ich gepresst.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbJa\u00ab, sagte sie. \u00bbSonst w\u00fcrde ich es nicht vorschlagen.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbWir nehmen das Kind mit\u00ab, sagte ich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mein Gott, jetzt l\u00e4chelte sie. Sie liess meinen Kopf los und l\u00e4chelte. Und Willy hatte gesagt, sie habe geweint.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a name=\"page092\"><\/a>\u00bbZuerst kommt unsere Beziehung zu Gott. Alles Pers\u00f6nliche ist ohne Bedeutung. Du musst deiner Form gem\u00e4ss leben. Alles, was dich davon ablenkt, ist S\u00fcnde. Es gibt keine andere S\u00fcnde, als sich von Gott ablenken zu lassen.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und sie hatte geweint!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ach, es gab keine andere S\u00fcnde, als Sibylle leiden zu lassen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbIch werde alles tun, um dir zu helfen\u00ab, sagte ich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie sagte nichts mehr. Sie stieg zum zweitenmal aus. Und jetzt fuhr ich sofort weg.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Am n\u00e4chsten Tag sprach ich mit einem Rechtsanwalt, den ich durch Erik kannte. Er sagte, er werde sich der Sache annehmen, und als ich fortgegangen war, rief er Magnus an. Das war nicht korrekt gehandelt, aber er meinte es sicher gut. Er ging auch zu Sibylle, aber sie wies ihn ab. Als ich sie am Nachmittag sprechen wollte, sagte mir die Wirtin, sie schlafe noch, aber ich k\u00f6nne sie abends im Walltheater treffen. Es war sehr schwer, etwas f\u00fcr sie zu tun. Ich f\u00fchlte mich den ganzen Tag sehr schlecht und erbrach mich mehrmals. Erik schickte mir einen Arzt. Er untersuchte mich und sagte, mein Organismus sei geschw\u00e4cht und die Magennerven funktionierten nicht mehr.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich versuchte noch einmal, Sibylle zu erreichen. Sie kam auch an den Apparat und sagte mir, ich h\u00e4tte nichts Offizielles unternehmen d\u00fcrfen, ohne sie zu fragen. \u00bbVielleicht schickst du mir gleich die Polizei\u00ab, sagte sie. Ich hatte vergessen, dass sie <a name=\"page093\"><\/a>weder mit der Polizei noch mit Beamten irgend etwas zu tun haben wollte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dann telephonierte Erik. Er wollte meinen Vater benachrichtigen. Ich schrie ihn an und bat ihn, es nicht zu tun. Ich sagte: \u00bbIhr seid ja alle wahnsinnig geworden.\u00ab Aber sicher hielten sie mich f\u00fcr wahnsinnig. Ich hasste Erik. Um vier Uhr rief ich das Dienstm\u00e4dchen und liess eine Handtasche packen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich war entsetzlich verwirrt und dachte, dass alles, was ich tun wollte, falsch sei. Ich dachte, es w\u00e4re besser, zu meinem Vater zu fahren und ihn zu bitten, mich mit Sibylle fortreisen zu lassen. Aber ich sah ein, dass ich mich l\u00e4cherlich machen w\u00fcrde. Man w\u00fcrde mich wie einen Primaner behandeln. Dann nahm ich mir vor, mit Sibylle zu sprechen. Aber sie hatte mir Vertrauen geschenkt, und ich entt\u00e4uschte sie, und das war alles einfach und klar.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich warf mich auf mein Bett und war ausser mir und wusste keinen Ausweg.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dann zog ich meinen Mantel an, nahm die Handtasche und ging hinunter, um den Wagen zu holen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich h\u00e4tte Irmgard gern noch gesehen. Aber ich hatte Angst, bei ihr wieder weich zu werden, und ich musste doch fort. Ich fuhr durch eine andere Strasse, um nicht an ihrem Haus vorbeizukommen. Es war schon dunkel, und ich brauchte fast eine Stunde, bis ich aus der Stadt draussen war.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Lyrische Novelle<\/strong>, von Annemarie Schwarzenbach, Erstdruck: Berlin, Rowohlt 1933<\/p>\n<div id=\"attachment_88372\" style=\"width: 222px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/AnnemarieSchwarzenbach.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-88372\" class=\"wp-image-88372 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/AnnemarieSchwarzenbach-212x300.jpg\" alt=\"\" width=\"212\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/AnnemarieSchwarzenbach-212x300.jpg 212w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/AnnemarieSchwarzenbach-560x792.jpg 560w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/AnnemarieSchwarzenbach-260x368.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/AnnemarieSchwarzenbach-160x226.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/AnnemarieSchwarzenbach.jpg 640w\" sizes=\"auto, (max-width: 212px) 100vw, 212px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-88372\" class=\"wp-caption-text\">Annemarie Schwarzenbach: Selbstportr\u00e4t mit ihrer zwei\u00e4ugigen Rolleiflex Standard 621-Kamera (entstanden in den 1930er Jahren)<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die im Fr\u00fchling 1933 erstmals erschienene <em>Lyrische Novelle<\/em> stand im Schatten von Hitlers kurz zuvor erfolgter Machtergreifung. Die Aufnahme und Verbreitung des Buches wurde dadurch stark erschwert. Aber schon damals r\u00fchmte die Kritik die Musikalit\u00e4t und moderne Sachlichkeit der Sprache. Noch st\u00e4rker als in jener Zeit zieht der Text heute eine besondere Aufmerksamkeit auf sich: als eine fr\u00fche literarische Darstellung von lesbischer Liebe. Das Buch erz\u00e4hlt zwar von der ungl\u00fccklichen Liebe eines Mannes zu einer Frau. Doch die Autorin bekannte nach der Ver\u00f6ffentlichung: Zum besseren Verst\u00e4ndnis der Geschichte \u201eh\u00e4tte man eingestehen m\u00fcssen\u201c, dass der Held \u201ekein J\u00fcngling, sondern ein M\u00e4dchen\u201c sei.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In 2022 widmet sich KUNO der <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=19652\">Kunstform Novelle<\/a>. Diese Gattung lebt von der Schilderung der Realit\u00e4t im Bruchst\u00fcck.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Aber ich werde jetzt weitererz\u00e4hlen und damit zu Ende kommen. Ich bin nicht mehr m\u00fcde. Ich gew\u00f6hne mich daran, allein zu sein. Alles ist unwirklich und ver\u00e4ndert und sehr weit von den gewohnten Dingen entfernt. 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