{"id":88464,"date":"2022-10-21T00:01:20","date_gmt":"2022-10-20T22:01:20","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=88464"},"modified":"2022-02-24T17:16:37","modified_gmt":"2022-02-24T16:16:37","slug":"lyrische-novelle-19","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2022\/10\/21\/lyrische-novelle-19\/","title":{"rendered":"Lyrische Novelle 19"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es ist Zeit aufzuh\u00f6ren. Ich habe einen langen Weg nach Hause. Ich habe vier Stunden geschrieben, jetzt will ich die Bl\u00e4tter ordnen und nach Hause gehen. Ich bin ein wenig verwirrt. Man sollte nicht schreiben .\u00a0.\u00a0. Man ist so schnell bereit, Dinge, die man erlebt hat, zu vergessen und Gef\u00fchle L\u00fcgen zu strafen. Ich denke oft, dass ich gar nichts f\u00fchle, und sp\u00e4ter denke ich, dass alles nicht sehr wichtig war. Sicher werde ich sp\u00e4ter ganz im Ernst denken, dass ich Sibylle nicht geliebt habe. Nein, ich habe sie nie geliebt. Es war wie heute still in mir, so dass ich draussen den Wind h\u00f6ren kann. Bin ich feige oder nicht eifrig genug, mich zur\u00fcckzuversetzen? In der Erinnerung tun auch die gl\u00fccklichen Gef\u00fchle weh, und man geht lieber dar\u00fcber hinweg. Aber wenn ich schreibe, kommt alles ganz von selber wieder, ich merke es gar nicht, und pl\u00f6tzlich bin ich mitten darin, aufger\u00fchrt und verst\u00f6rt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich muss mir immer wieder aufs neue sagen, dass ich allein bin.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Wirt fragt mich, ob ich Dichter sei. \u00bbJa\u00ab, sage ich. \u00bbMein Gott, ja.\u00ab Dann sage ich Guten Abend, und er \u00f6ffnet die T\u00fcr f\u00fcr mich. Der Weg kommt mir jetzt k\u00fcrzer vor als heute morgen. Ich werde fr\u00fch essen und dann schlafen gehen. Ich kann so viel schlafen, wie ich will.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hoffentlich sind keine J\u00e4ger da. Gestern haben <a name=\"page083\"><\/a>sie Lieder gesungen, und ich konnte nicht einschlafen. Sicher hatten sie viele Tiere geschossen und waren stolz darauf und tranken sich gegenseitig zu.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ach, was geht es mich an. Was gehen mich die Leute an.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich biege vom Weg ab und gehe um den kleinen See herum. Es f\u00e4ngt schon an dunkel zu werden, und man trifft niemanden an. Wenn ich ein Landstreicher w\u00e4re, k\u00f6nnte ich immer tun, was mir gerade einfiele, und ich m\u00fcsste keinem Rechenschaft geben. Auch mir nicht, denn, was bin ich, eine irrende Seele. Ich kann das Leben nicht begreifen, nicht die einfachsten Zusammenh\u00e4nge, und doch trage ich die Verantwortung, wenn ich etwas falsch mache.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Oder ich m\u00f6chte viel Land besitzen, diese Felder und einen Teil des Waldes und den See und den Park dahinter. Ich w\u00fcrde hier wohnen und nie mehr fortgehen. Dann w\u00e4re ich sehr zufrieden, und niemand k\u00f6nnte mir meinen Besitz nehmen, und nichts k\u00f6nnte mich ersch\u00fcttern. Boden kann man nicht wegnehmen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jetzt bin ich am Ende des Sees, und gegen\u00fcber liegt das Schloss und der S\u00e4ulengang zwischen den beiden Fl\u00fcgeln. Die S\u00e4ulen ragen wie junge St\u00e4mme in den blauen Abendhimmel.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich bin am Ufer, das Wasser bewegt sich hin und her und l\u00e4uft ein St\u00fcckchen \u00fcber den groben Sand. Dann fliesst es wieder zur\u00fcck, der Rest versickert und hinterl\u00e4sst kleine Rinnen, die nachher wieder <a name=\"page084\"><\/a>\u00fcbersp\u00fclt und gegl\u00e4ttet werden. Weiter draussen sieht der See ganz still aus, und am andern Ufer neigen sich die B\u00e4ume des Parks ein wenig dem Wasser entgegen und spiegeln sich darin. Hier ist das Ufer ziemlich steil und ohne B\u00e4ume. Man hat eine breitansteigende Lichtung in den Wald hineingelegt, und auf der h\u00f6chsten Stelle wurde von Friedrich dem Grossen ein Denkmal errichtet. Es ist nur ein grosser, grauer Stein, ein Obelisk, und der K\u00f6nig liess ihn aufstellen, um seine treuen Offiziere zu ehren. Sie zeichneten sich durch ihren Mut und durch ihre Treue aus, und ihre Namen wurden in den Stein eingegraben. Man liest sie, und es klingt wie Fanfarenst\u00f6sse. Ich weiss nicht warum, aber es hat etwas Erhebendes, diese Namen zu lesen. Ich habe wohl schon irgendwo gesagt, dass es in meiner Familie viele Offiziere gab. Aber in diesem Augenblick habe ich nicht daran gedacht. Und pl\u00f6tzlich wird mir heiss, und mein Herz schl\u00e4gt, und ich denke, dass ich schon einmal hier gestanden bin. Ich sch\u00e4me mich, ich m\u00f6chte einen Degen haben, ich sch\u00e4me mich und bin doch allein und lese auf dem Stein den Namen meines Ahnen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Lyrische Novelle<\/strong>, von Annemarie Schwarzenbach, Erstdruck: Berlin, Rowohlt 1933<\/p>\n<div id=\"attachment_88372\" style=\"width: 222px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/AnnemarieSchwarzenbach.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-88372\" class=\"wp-image-88372 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/AnnemarieSchwarzenbach-212x300.jpg\" alt=\"\" width=\"212\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/AnnemarieSchwarzenbach-212x300.jpg 212w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/AnnemarieSchwarzenbach-560x792.jpg 560w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/AnnemarieSchwarzenbach-260x368.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/AnnemarieSchwarzenbach-160x226.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/AnnemarieSchwarzenbach.jpg 640w\" sizes=\"auto, (max-width: 212px) 100vw, 212px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-88372\" class=\"wp-caption-text\">Annemarie Schwarzenbach: Selbstportr\u00e4t mit ihrer zwei\u00e4ugigen Rolleiflex Standard 621-Kamera (entstanden in den 1930er Jahren)<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die im Fr\u00fchling 1933 erstmals erschienene <em>Lyrische Novelle<\/em> stand im Schatten von Hitlers kurz zuvor erfolgter Machtergreifung. Die Aufnahme und Verbreitung des Buches wurde dadurch stark erschwert. Aber schon damals r\u00fchmte die Kritik die Musikalit\u00e4t und moderne Sachlichkeit der Sprache. Noch st\u00e4rker als in jener Zeit zieht der Text heute eine besondere Aufmerksamkeit auf sich: als eine fr\u00fche literarische Darstellung von lesbischer Liebe. Das Buch erz\u00e4hlt zwar von der ungl\u00fccklichen Liebe eines Mannes zu einer Frau. Doch die Autorin bekannte nach der Ver\u00f6ffentlichung: Zum besseren Verst\u00e4ndnis der Geschichte \u201eh\u00e4tte man eingestehen m\u00fcssen\u201c, dass der Held \u201ekein J\u00fcngling, sondern ein M\u00e4dchen\u201c sei.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In 2022 widmet sich KUNO der <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=19652\">Kunstform Novelle<\/a>. Diese Gattung lebt von der Schilderung der Realit\u00e4t im Bruchst\u00fcck.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Es ist Zeit aufzuh\u00f6ren. Ich habe einen langen Weg nach Hause. Ich habe vier Stunden geschrieben, jetzt will ich die Bl\u00e4tter ordnen und nach Hause gehen. Ich bin ein wenig verwirrt. Man sollte nicht schreiben .\u00a0.\u00a0. 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