{"id":88455,"date":"2022-09-28T00:01:30","date_gmt":"2022-09-27T22:01:30","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=88455"},"modified":"2022-02-24T16:40:26","modified_gmt":"2022-02-24T15:40:26","slug":"lyrische-novelle-17","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2022\/09\/28\/lyrische-novelle-17\/","title":{"rendered":"Lyrische Novelle 17"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als ich am besten mit Erik stand, reiste er ab. Er sagte, er habe gesch\u00e4ftlich zu tun und wolle in acht Tagen zur\u00fcck sein. Am ersten Tag ging ich sehr sp\u00e4t in das Theater und nahm mir vor, nicht auf Sibylle zu warten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es waren sehr viele Leute da. Ich hatte M\u00fche, bis zu meinem gewohnten Platz durchzukommen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auf der B\u00fchne tanzten Fred und Ingo. Sie machten seit drei Monaten das gleiche, aber das war \u00fcberall so, und sie hatten Erfolg.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es war ihnen ganz gleichg\u00fcltig, was sie machten, man studierte ihnen die T\u00e4nze ein, und sie \u00fcbten gewissenhaft. Das Ganze war nur eine Probe f\u00fcr ihre Geschicklichkeit, f\u00fcr ihren Fleiss oder f\u00fcr ihre Jugend. Ich fand sie beide langweilig, aber ich begriff, dass sie kindlich und reizvoll waren und dass die Leute das gerne sehen wollten. Wie gesagt, es war \u00fcberall das gleiche, und nachts war die ganze Stadt voll von erleuchteten S\u00e4len, die man pr\u00e4chtig herrichtete und wo h\u00fcbsche junge Menschen sich zeigten, alles war gut organisiert und furchtbar laut und farbig, und es hatte nicht das geringste mit Kunst zu tun oder mit irgendwelchen tieferen Ersch\u00fctterungen. Es war ein ungeheurer Leerlauf, und die betriebsamsten Leute waren von einer erstaunlich kurzsichtigen Tr\u00e4gheit. Aber wahrscheinlich hatte es keinen Sinn, dagegen <a name=\"page061\"><\/a>anzugehen, die Menschen waren gar nicht f\u00e4hig zu einem ernsthaften Fortschritt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Einzelne versuchten es immer wieder und brachten Herrliches fertig, aber es lag da und wurde gar nicht benutzt, immer k\u00fcmmerte sich nur eine verschwindend kleine Zahl von Menschen darum. Das war genau wie mit den Ergebnissen der Philosophen: Es gab Gelehrte, die ein ganzes Leben lang irgendetwas zu erforschen versuchten, sie trugen ungeheuer viel Material zusammen und am Ende ihres Lebens hatten sie ihr Ziel erreicht, sie dachten, sie h\u00e4tten der Menschheit einen Dienst geleistet, einen Schritt weiter in der grossen Erkenntnis geholfen. Sie wussten genau, dass diese Erkenntnis schliesslich zur Erkenntnis Gottes f\u00fchren musste. Aber nachher standen die B\u00fccher, die ihr Werk enthielten, in den Bibliotheken, und niemand las sie, denn niemand hatte Zeit daf\u00fcr, ausser vielleicht ein paar Fachgelehrten, und selbst diese konnten kaum alles lesen, was die Arbeit eines Lebens erfordert hatte. Und wieviele von diesen Gedanken waren schliesslich dazu bestimmt, fruchtbar zu werden und auf welchen Umwegen!\u00a0\u2013<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als Fred und Ingo fertig getanzt hatten, bestellte ich einen Cognac. Der Kellner sagte mir, dass Sibylle schon gesungen habe und wohl gleich kommen werde. Erst jetzt bemerkte ich, dass die Leute am Nebentisch mich ansahen und offenbar erwarteten, dass ich sie gr\u00fcsste. Ich tat es, weil eine Dame dabei war. Sie sass mit dem R\u00fccken zu mir, aber sie <a name=\"page062\"><\/a>drehte sich um und l\u00e4chelte und fragte, ob ich mich an ihren Tisch setzen wolle. \u00bbSie sehen so betr\u00fcbt aus\u00ab, sagte sie. Ich sagte, ich sei sehr guter Laune, dabei err\u00f6tete ich aus Verlegenheit, weil sie sch\u00f6n war und weil ich tats\u00e4chlich ihren Namen nicht wusste. Ihr Begleiter war elegant und kahl und hatte stumpfe und listige Augen. Sie selbst hatte leuchtende Augen und einen unbedingten, z\u00e4rtlich werbenden, sehr starken Blick.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie sprach von vielen Leuten, die ich fr\u00fcher gesehen hatte oder die mit meinen Eltern befreundet waren. Ich fand mich zurecht, und wir unterhielten uns gut. Manchmal sagte sie dazwischen etwas \u00dcberraschendes, worauf ich nichts zu antworten wusste. Dann schwieg sie, und ihre Augen wurden immer st\u00e4rker.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbIch m\u00f6chte wissen, wo Sie gestern nacht gewesen sind\u00ab, sagte sie. \u00bbIch m\u00f6chte wissen, wo Sie Ihr zweites Leben zubringen.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbEs ist mir lieber, wenn Sie es nicht wissen\u00ab, sagte ich, es war eine ungeschickte und anspruchsvolle Antwort, und ich err\u00f6tete wieder.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie lachte, und ihr Begleiter lachte auch. Er sagte nie selbst etwas, sondern schloss sich nachtr\u00e4glich seiner Frau an, wie um sie zu best\u00e4tigen. Sie sah dann freundlich zu ihm her\u00fcber und schien ihn gern zu haben. Ich war erstaunt, als ich h\u00f6rte, dass er ihr Mann sei. Er kam mir sehr unbedeutend vor.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als Sibylle kam, stand ich auf, verabschiedete mich, und wir setzten uns beide an meinen Tisch.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a name=\"page063\"><\/a>Ein paar Tage sp\u00e4ter wurde ich von Frau von Niehoff zum Abendessen eingeladen. Ich hatte sie ganz vergessen. Als ich sie wiedersah, war ich \u00fcberrascht, weil sie in Wirklichkeit viel sch\u00f6ner war als in meiner Vorstellung. Ich kam etwas zu fr\u00fch, ihr kleines M\u00e4dchen war noch bei ihr und bekam sein Abendessen auf einem blauen Tablett. Es war ein sehr h\u00fcbsches Kind von ungef\u00e4hr f\u00fcnf Jahren, und ich liebte es gleich. Es war hellblond, sehr zart und hiess wie seine Mutter: Irmgard.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als wir allein waren, sagte Frau von Niehoff, sie glaube, ich sei krank, und es sei besser, wenn ich sofort nach Hause ginge. Ich f\u00fchlte mich nicht schlechter als gew\u00f6hnlich. \u00bbAber Sie k\u00f6nnen nicht so aussehen\u00ab, sagte sie. \u00bbIch bin \u00e4lter als Sie, ich habe das Recht, Ihnen Vorw\u00fcrfe zu machen, und ich werde mich um Sie k\u00fcmmern.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich sagte \u00bbDanke\u00ab, und die Kehle war mir zugeschn\u00fcrt. Eigentlich dachte ich, sie w\u00fcrde mich jetzt nach Sibylle fragen, etwa, ob ich ein Verh\u00e4ltnis mit ihr h\u00e4tte. Und ich war verzweifelt bei dem Gedanken, dass ich ihr niemals erkl\u00e4ren k\u00f6nnte, wie die Sache mit Sibylle in Wirklichkeit war. Sie w\u00fcrde mich entweder auslachen oder bedauern, und beides konnte ich nicht ertragen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber sie fragte gar nicht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zum Essen kamen noch zwei Herren, die ich einmal bei einem Empfang getroffen hatte, und eine Frau, die mit Frau von Niehoff befreundet schien. Sie hatte ein nichtssagendes Gesicht, aber <a name=\"page064\"><\/a>sie war sehr freundlich und unterhielt sich w\u00e4hrend des ganzen Essens mit mir.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Um zw\u00f6lf Uhr wollte ich Sibylle treffen. Ich sagte Frau von Niehoff, dass ich gehen m\u00fcsse. \u00bbIst das so dringend?\u00ab fragte sie.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbJa, es ist eine Verabredung\u00ab, sagte ich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbAber dann machen Sie es kurz und kommen Sie nachher wieder.\u00ab Sie gab mir die Hausschl\u00fcssel, damit das M\u00e4dchen nicht mit mir hinuntergehen m\u00fcsse. Als ihre Freundin sah, dass sie mir die Schl\u00fcssel gab, sah sie Frau von Niehoff an und schien unzufrieden. Aber Frau von Niehoff lachte pl\u00f6tzlich laut und brachte mich auf den Flur hinaus. Draussen sagte sie: \u00bbKann man denn nichts f\u00fcr Sie tun? Kann ich nichts f\u00fcr Sie tun?\u00ab und strich mit der Hand \u00fcber meine Stirn. Ich f\u00fchlte, dass etwas in mir schwach wurde und ging rasch die Treppe hinunter.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sibylle wartete schon auf mich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie wollte gleich gehen, und ich holte ihren Mantel und gab dem Kellner ein Trinkgeld, weil er meinen Tisch frei gehalten hatte. Wir fuhren weg, und ich fragte, ob Willy nicht dagewesen sei. Ich h\u00e4tte es gern gehabt, wenn er heute mitgekommen w\u00e4re, um Sibylle sp\u00e4ter nach Hause zu begleiten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber er war seit einigen Tagen verschwunden, und Sibylle sagte, sie habe ihn auch nicht gesehen. Aber sie sagte es so nebenbei, und ich glaubte ihr nicht. Ich hatte immer das Gef\u00fchl, dass sie mir vieles verschweige, aber man konnte sie nicht fragen. <a name=\"page065\"><\/a>Als ich sie schon mehrere Wochen kannte, wusste ich immer noch ihren richtigen Namen nicht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir fuhren zuerst zur Ged\u00e4chtniskirche, durch die Tauentzienstrasse und dann durch die Lutherstrasse. Nachher kannte ich mich nicht mehr aus, aber wir fuhren ziemlich weit, und vor einem Haus, das die Hausnummer 34 trug, liess mich Sibylle warten. Das Haus hatte verzierte Balkone und vorspringende Konsolen und sah aus, als sei es vor zwanzig Jahren vornehm-b\u00fcrgerlich gewesen. Jetzt war es ein wenig verwahrlost. Sibylle hatte einen Schl\u00fcssel f\u00fcr die Haust\u00fcr. Ich wartete und rauchte, und w\u00e4hrend ich wartete, dachte ich an Irmgard von Niehoff. Ich nahm ihre Wohnungsschl\u00fcssel aus der Tasche und sah sie mir genau an.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und pl\u00f6tzlich merkte ich, dass ich erregt war, dass ich nur an Frau von Niehoff denken konnte und dass ich lieber mit ihr zusammen gewesen w\u00e4re als mit Sibylle. Es war ganz nat\u00fcrlich, dass ich mich an diesen Gedanken klammerte. Ich war pl\u00f6tzlich von etwas erl\u00f6st, und ein Gef\u00fchl von W\u00e4rme und begeisterter Z\u00e4rtlichkeit durchstr\u00f6mte mich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbEs gibt also noch andere Frauen\u00ab, dachte ich und war von der Erinnerung an Irmgard hingerissen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbEs gibt ganz einfache M\u00f6glichkeiten, um gl\u00fccklicher zu sein, als ich es jetzt bin. Ich werde Sibylle vergessen. Ich liebe Sibylle nicht, ich habe mich nur daran gew\u00f6hnt, in ihrer N\u00e4he zu sein, es <a name=\"page066\"><\/a>war eine Art von Bannkreis, in dem sie mich festhielt. Irmgard hat schwarzes Haar und einen herrlichen Blick, und sie hat gefragt, ob sie etwas f\u00fcr mich tun k\u00f6nne. \u2013 Oh, sie hat einen herrlichen Blick\u00ab, wiederholte ich mir und hatte Sibylle ganz aus mir verdr\u00e4ngt. Sie kam zur\u00fcck, und ich liess den Motor anspringen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich fragte sie nicht, was sie in dem fremden Haus getan habe. Eine ungewisse Ahnung sagte mir, dass sie sich mit etwas Wichtigem besch\u00e4ftigt habe, dass sie vielleicht bedroht sei und dass sie meine Hilfe brauchen w\u00fcrde. Aber ich war daran gew\u00f6hnt, sie nicht zu fragen. Es ging mich wohl nichts an.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbIch zeige dir den Weg\u00ab, sagte Sibylle. Ihre Stimme kam von weit her und war doch unver\u00e4ndert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir fuhren wieder zur\u00fcck und hielten an einer Ecke, wo zwei Taxis standen. Sie waren ohne Licht, und die Chauffeure waren nicht da. Vor einer gew\u00f6hnlichen kleinen T\u00fcr stand ein Mann und gr\u00fcsste Sibylle. Sie sagte: \u00bbDu k\u00f6nntest vielleicht mit hineinkommen. Du brauchst nichts zu sagen, und wenn man dich anspricht, darfst du nicht grob werden.\u00ab Dann nahm sie rasch ein paar Geldscheine aus ihrer Tasche und gab sie mir.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbEs ist besser, du steckst es innen in die Jacke\u00ab, sagte sie, und zu dem Mann vor dem Hause:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbDas ist ein Freund von mir.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er liess uns hinein. Es gab zwei Vorh\u00e4nge, und dann kam man in eine kleine Kneipe, die von einer <a name=\"page067\"><\/a>breiten und langen Theke fast vollst\u00e4ndig ausgef\u00fcllt war. Ein Mann stand dahinter, und eine ganze Anzahl von M\u00e4nnern standen oder sassen davor und tranken. Es waren meistens Chauffeure, und kein einziger war elegant angezogen. Die Zivilisten sahen aus wie kleine Angestellte, sie trugen Anz\u00fcge aus schlechten glatten Stoffen, blauviolett oder r\u00f6tlich, und bunte Hemden mit glanzseidenen Krawatten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sibylle ging an den Leuten vorbei, einige drehten sich um und kannten sie, und der Mann hinter dem Schanktisch war sehr h\u00f6flich zu ihr. Ein zweiter Raum lag hinter der Schenke, er war sehr schlecht beleuchtet und stark geheizt durch einen eisernen Ofen. Der Raum war ganz \u00f6de, viereckige Tische mit Wachstuch bezogen standen nebeneinander, je drei auf einer Seite. An der Wand hing ein bedruckter Zettel mit der Aufschrift:<\/p>\n<p class=\"center\" style=\"text-align: justify;\">\u00bbIm Interesse der verehrlichen G\u00e4ste bitte ich, leise zu sprechen\u00ab<\/p>\n<p class=\"leftjust\" style=\"text-align: justify;\">und ein anderer:<\/p>\n<p class=\"center\" style=\"text-align: justify;\">\u00bbF\u00fcr abhanden gekommene Gegenst\u00e4nde kann ich keine Verantwortung \u00fcbernehmen.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die W\u00e4nde waren mit einer lila Tapete beklebt. Wir setzten uns, und ein Kellner sagte, dass wir kalten Schweinebraten mit Rosenkohl essen k\u00f6nnten. Er war schwerh\u00f6rig, und Sibylle wiederholte ihm mehrere Male, dass er uns Bier bringen solle. Schliesslich brachte er zwei kleine Gl\u00e4ser mit dunklem Bier.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a name=\"page068\"><\/a>In diesem Raum sassen ausser uns nur zwei Leute an einem Tisch. Der Mann war gross und erstaunlich dick, und die Frau hatte schwarzes krauses Haar wie eine Negerin und war stark geschminkt. Ausser Sibylle war sie die einzige Frau hier, und Sibylle sagte, dass sie ein verkleideter Mann sei. Als wir eine Weile dasassen, kam einer der Chauffeure herein und setzte sich an unseren Tisch. Er beachtete mich nicht und sprach leise mit Sibylle. Sie sah ziemlich b\u00f6se aus und sagte ihm, dass sie ihm irgendetwas nicht geben wolle, und als sie laut und mit ihrer sch\u00f6nen und eingeh\u00fcllten Stimme sagte: \u00bbDas kommt gar nicht in Frage\u00ab, stand er auf, zuckte die Achseln und ging.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich fragte nichts, aber ich fand alles sehr unangenehm und war froh, als Sibylle den Kellner rief. Sie sah ziemlich ersch\u00f6pft aus. Es war schon halb vier Uhr morgens. Ich war todm\u00fcde, ich dachte an Frau von Niehoff und war ungl\u00fccklich. Aber ich h\u00e4tte ja Sibylle nicht im Stich lassen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbJetzt bringe ich dich nach Hause\u00ab, sagte ich und legte den Arm um sie.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbIch kann nicht\u00ab, sagte sie. \u00bbIch kann jetzt nicht nach Hause.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mir sank der Mut. Das Bier hatte mich noch m\u00fcder gemacht, jetzt hatte ich Kopfschmerzen und wenn ich durch die Scheibe auf die Strasse sah, fielen beide H\u00e4userreihen \u00fcbereinander, und der L\u00e4rm brauste mir in den Ohren, und un\u00fcberwindliche Hindernisse verschlossen den Weg.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a name=\"page069\"><\/a>\u00bbFahren wir doch\u00ab, sagte Sibylle. Sie bat beinahe darum. Ich schlug mit der Faust auf mein Steuerrad.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbAber was hat es denn f\u00fcr einen Zweck\u00ab, sagte ich. \u00bbWarum sollen wir nicht endlich einmal schlafen? Ich kann es nicht mehr aushalten.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sibylle liess mich einen Augenblick in Ruhe, und ich schloss die Augen und legte die Stirn auf meine H\u00e4nde.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbDu h\u00e4ltst es schon aus\u00ab, sagte sie. \u00bbEs ist ganz gut f\u00fcr dich, einmal gegen deine Vernunft zu leben. Ich weiss, ich bin nicht sehr bequem.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es war eine Art von Versprechung in ihrer Stimme. Aber ich wollte sie nicht h\u00f6ren. Ich wusste genau, dass sie mich nicht liebte, und ich empfand einen Schmerz, als h\u00e4tte ich sie schon verloren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich dachte an Frau von Niehoff, wie man an eine Heimat denkt, aber alles war schon wieder abgebogen, und ich traute mir selbst nicht mehr.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich fuhr Sibylle nach Hause, sie wandte nichts mehr dagegen ein. W\u00e4hrend wir fuhren, begann es zu regnen, und der Wagen glitt unsicher \u00fcber den Asphalt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als Sibylle ausstieg, regnete es schon in Str\u00f6men. Ich begleitete sie bis zur T\u00fcr und hielt die Z\u00e4hne zusammengebissen, und sie sagte noch immer kein Wort. Als sie die T\u00fcr aufgeschlossen hatte, drehte sie sich um und schlug mir den Mantelkragen in die H\u00f6he.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich ging zum Wagen zur\u00fcck und war v\u00f6llig <a name=\"page070\"><\/a>durchn\u00e4sst. Ich glaubte, Fieber zu haben, meine Z\u00e4hne l\u00f6sten sich nicht mehr voneinander, ich fuhr ohne klares Bewusstsein bis zu Frau von Niehoffs Wohnung. Dort schloss ich sorgf\u00e4ltig den Wagen ab, fand die Schl\u00fcssel, das automatische Licht und das Sicherheitsschloss der Wohnung. Ich wusste, dass ich etwas Unm\u00f6gliches tat, aber es drang nicht weit genug hervor, um meinen Willen wach zu rufen. So f\u00e4hrt man manchmal, der Schutzmann steht mit ausgebreiteten Armen, um die Fahrtrichtung zu sperren, man sieht es, man sieht die weissen Handschuhe und die ausgestreckten Arme und doch f\u00e4hrt man weiter und sieht sogar dem Schutzmann ins Gesicht, und niemand wird nachher glauben, dass man nicht begriffen hatte, was sein ausgestreckter Arm bedeutete\u00a0.\u00a0.\u00a0.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich stand in der fremden Wohnung und dachte nicht daran, dass ein Dienstm\u00e4dchen erwachen k\u00f6nnte oder dass ich nicht wusste, in wessen Zimmer ich hineingeraten w\u00fcrde. Ich ging durch das grosse Wohnzimmer, durch einen Gang und an zwei T\u00fcren vorbei. An der dritten T\u00fcr klopfte ich und dr\u00fcckte vorsichtig die Klinke nieder. Die Frau, die im Zimmer lag, drehte sich um und z\u00fcndete eine kleine Lampe an. Sie sah mir gerade ins Gesicht und sagte sofort:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbSeien Sie still. Das Kind erwacht.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das r\u00fchrte mich sehr. Ich ging durch den Gang und durch das grosse Zimmer zur\u00fcck und blieb neben der T\u00fcr im Wohnraum stehen. Ich lehnte mich <a name=\"page071\"><\/a>an die T\u00fcr, und als ich den Kopf hob, sah ich mich pl\u00f6tzlich in einem hohen Wandspiegel, mein nasses Haar klebte an den Schl\u00e4fen, und ich sah entsetzlich bleich aus. Ich senkte den Kopf wieder und wartete. Wahrhaftig, jetzt weinte ich. Ich sch\u00e4mte mich und war ohne Widerstand. Mit Inbrunst w\u00fcnschte ich, dass die Frau kommen w\u00fcrde, und dann w\u00fcnschte ich wieder, allein auf der Strasse draussen zu sein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jetzt kam sie, sie machte Licht und ging \u00fcber den Teppich und um den Tisch herum und stand im T\u00fcrrahmen und sah mich an. Ich sah sie auch an und weinte nicht mehr, aber mein ganzer K\u00f6rper zitterte, und daf\u00fcr konnte ich nichts.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbKommen Sie herein\u00ab, sagte Irmgard. Sie ging mir voran in das Wohnzimmer. Sie setzte sich in einen grossen Stuhl, und ich sass ihr gegen\u00fcber.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbSie sind ja wohl wahnsinnig geworden\u00ab, sagte sie.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbJa\u00ab, sagte ich. \u00bbNein, ich bin nicht wahnsinnig. Nein, ich bin nur so m\u00fcde.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie sass da und sah auf ihre Fussspitzen. Sie trug blaue Lederpantoffeln, und ihre F\u00fcsse waren sehr weiss, und die Haut war straff \u00fcber die zarten Knochen gespannt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbEs tut mir leid\u00ab, sagte ich. \u00bbIch bitte Sie um Entschuldigung.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nat\u00fcrlich h\u00e4tte ich jetzt aufstehen, mich verabschieden und gehen m\u00fcssen. Aber das konnte ich tats\u00e4chlich nicht tun, ich hatte nicht mehr die <a name=\"page072\"><\/a>geringste Kraft. Ich empfand eine seltsame Mischung von Selbstverachtung, Befriedigung und Elend.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbIch bin sonst nicht schlecht erzogen\u00ab, sagte ich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Irmgard beugte sich vor, l\u00e4chelte und strich mit der Hand mehrmals \u00fcber meine Augen. Ich presste die Stirn gegen ihre Hand.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbSie haben wohl Angst, allein zu sein?\u00ab sagte sie sanft. \u00bbSie wollen wohl hier \u00fcbernachten?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbJa\u00ab, sagte ich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbGut\u00ab, sagte sie. \u00bbSie kompromittieren mich, daran haben Sie leider nicht gedacht. Sie k\u00f6nnen im Zimmer meines Mannes schlafen.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbIst er verreist?\u00ab fragte ich z\u00f6gernd. Irmgard sagte kurz:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbSonst h\u00e4tten Sie hier auf der Couch schlafen m\u00fcssen. Sie haben Gl\u00fcck gehabt. Jetzt werde ich Tee f\u00fcr Sie machen, gehen Sie nur hinein und legen Sie sich zu Bett.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie \u00f6ffnete eine T\u00fcr, machte Licht und nahm aus einem Wandschrank ein Pyjama.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbHier, bitte\u00ab, sagte sie und ging.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich stand einen Augenblick im Zimmer und st\u00fctzte mich mit den H\u00e4nden auf die R\u00fcckwand des Bettes. Es war ein breites, blau \u00fcberzogenes Bett, auf dem Tischchen daneben stand ein Bild von Irmgard. Ich f\u00fchlte mich sehr merkw\u00fcrdig und dachte, dass sich gleich irgendein grosser Irrtum herausstellen w\u00fcrde: Vielleicht war es gar nicht f\u00fcnf Uhr morgens, und diese Wohnung war nicht in Berlin in einer bestimmten Strasse, und ich <a name=\"page073\"><\/a>kannte keine Frau, die Sibylle hiess, nie war ich mit ihr in einer Verbrecherkneipe gewesen, und nie w\u00fcrde Irmgard zur\u00fcckkommen, ja vor allem w\u00fcrde Irmgard nie zur\u00fcckkommen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dann zog ich mich pl\u00f6tzlich rasch aus, warf mich auf das Bett und f\u00fchlte, dass ich Kopfschmerzen hatte und dass das Leinen des Kissens wunderbar k\u00fchl war und ganz leicht nach Toilettenwasser roch. Ich schloss die Augen und wartete auf eine Frau. Und es gibt nichts Herrlicheres, als auf eine Frau zu warten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Lyrische Novelle<\/strong>, von Annemarie Schwarzenbach, Erstdruck: Berlin, Rowohlt 1933<\/p>\n<div id=\"attachment_88372\" style=\"width: 222px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/AnnemarieSchwarzenbach.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-88372\" class=\"wp-image-88372 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/AnnemarieSchwarzenbach-212x300.jpg\" alt=\"\" width=\"212\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/AnnemarieSchwarzenbach-212x300.jpg 212w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/AnnemarieSchwarzenbach-560x792.jpg 560w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/AnnemarieSchwarzenbach-260x368.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/AnnemarieSchwarzenbach-160x226.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/AnnemarieSchwarzenbach.jpg 640w\" sizes=\"auto, (max-width: 212px) 100vw, 212px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-88372\" class=\"wp-caption-text\">Annemarie Schwarzenbach: Selbstportr\u00e4t mit ihrer zwei\u00e4ugigen Rolleiflex Standard 621-Kamera (entstanden in den 1930er Jahren)<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die im Fr\u00fchling 1933 erstmals erschienene <em>Lyrische Novelle<\/em> stand im Schatten von Hitlers kurz zuvor erfolgter Machtergreifung. Die Aufnahme und Verbreitung des Buches wurde dadurch stark erschwert. Aber schon damals r\u00fchmte die Kritik die Musikalit\u00e4t und moderne Sachlichkeit der Sprache. Noch st\u00e4rker als in jener Zeit zieht der Text heute eine besondere Aufmerksamkeit auf sich: als eine fr\u00fche literarische Darstellung von lesbischer Liebe. Das Buch erz\u00e4hlt zwar von der ungl\u00fccklichen Liebe eines Mannes zu einer Frau. Doch die Autorin bekannte nach der Ver\u00f6ffentlichung: Zum besseren Verst\u00e4ndnis der Geschichte \u201eh\u00e4tte man eingestehen m\u00fcssen\u201c, dass der Held \u201ekein J\u00fcngling, sondern ein M\u00e4dchen\u201c sei.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In 2022 widmet sich KUNO der <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=19652\">Kunstform Novelle<\/a>. Diese Gattung lebt von der Schilderung der Realit\u00e4t im Bruchst\u00fcck.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Als ich am besten mit Erik stand, reiste er ab. Er sagte, er habe gesch\u00e4ftlich zu tun und wolle in acht Tagen zur\u00fcck sein. Am ersten Tag ging ich sehr sp\u00e4t in das Theater und nahm mir vor, nicht&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2022\/09\/28\/lyrische-novelle-17\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":227,"featured_media":98320,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[3064],"class_list":["post-88455","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-annemarie-schwarzenbach"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/88455","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/227"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=88455"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/88455\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":100274,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/88455\/revisions\/100274"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/98320"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=88455"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=88455"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=88455"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}