{"id":88450,"date":"2022-09-22T00:01:56","date_gmt":"2022-09-21T22:01:56","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=88450"},"modified":"2022-02-24T16:34:45","modified_gmt":"2022-02-24T15:34:45","slug":"lyrische-novelle-16","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2022\/09\/22\/lyrische-novelle-16\/","title":{"rendered":"Lyrische Novelle 16"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich sah dann Erik jeden Tag, und wir wurden gute Freunde. Wir assen zusammen, er holte mich zu Hause ab, manchmal weckte er mich, und es war schon zwei Uhr nachmittags, und wenn ich aufstand, wurde mir \u00fcbel. Er sagte, er wolle mir einen Arzt schicken, aber er sah ein, dass es keinen Zweck haben w\u00fcrde.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbEs macht dir wohl Vergn\u00fcgen, krank zu sein und nichts mehr arbeiten zu k\u00f6nnen?\u00ab sagte er. Aber ich fand es schrecklich, ich konnte nur nichts dagegen tun, ich wusste keinen Ausweg. Ich war so mutlos geworden, dass ich nicht mehr wagte, \u00fcber irgend etwas nachzudenken. Ich hatte nie gedacht, dass mir ernstlich etwas zustossen k\u00f6nnte. Ich glaubte es noch immer nicht, nur zuweilen hatte ich Angst, und wenn ich nach Hause kam und es war dunkel oder wurde gerade hell auf den Strassen, dachte ich manchmal, dass ich mich nie mehr zurecht finden w\u00fcrde. Das sagte ich niemandem, auch Erik nicht. Wahrscheinlich erriet er es, er war sehr besorgt um mich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbWahrscheinlich wird Sibylle mit mir verreisen\u00ab, sagte er mir einmal. \u00bbSie k\u00f6nnte auch mit dir verreisen, wenn du Geld hast, aber ich denke, dass sie eher mit mir fahren wird.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich nickte und fand es sehr gut. Als Erik rauchen wollte, holte ich im Wohnzimmer Zigaretten und <a name=\"page058\"><\/a>bot sie ihm an. Sie lagen in einer Schachtel aus eingelegtem Holz, die ich in Mailand gekauft hatte. Ich war dort mit Magnus und seiner Schwester Edith gewesen und mit zwei anderen jungen M\u00e4dchen. Sie waren sehr h\u00fcbsch, und wir brachten die H\u00e4lfte unserer Sommerferien mit ihnen in Italien zu. Wir waren alle f\u00fcnf sehr befreundet, und eigentlich war das erst einige Monate her. Als ich die Schachtel in der Hand hielt, erinnerte ich mich pl\u00f6tzlich deutlich daran. Das Gesch\u00e4ft lag in einer kleinen dunklen Gasse in der N\u00e4he des Domes. Der Domplatz lag weiss und blendend in der Sonne. Auf den Stufen vor den Eing\u00e4ngen lagen Bettler und schliefen, Kinder liefen zwischen ihnen umher, manchmal wurde der dunkle Vorhang einer T\u00fcr beiseite geschoben, und ein Priester ging rasch \u00fcber die Treppe auf den Platz hinunter. Er trug eine weinrote Sch\u00e4rpe \u00fcber seinem schwarzen Kleid. Wir trieben uns in der Stadt herum und tranken sehr viel und abends fuhren wir auf der grossen Autostrasse bis zu unserem Hause, das mitten im Land lag, mitten zwischen den Maulbeerb\u00e4umen. Jetzt hielt ich die Schachtel aus Mailand in der Hand, es war in Berlin, die Freunde waren weit weg und keine Freunde mehr, und ich hatte sie vergessen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbErik\u00ab, sagte ich, \u00bbkannst du dir denken, dass Sibylle tot w\u00e4re?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbOh ja\u00ab, sagte er.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a name=\"page059\"><\/a>\u00bbOder dass man sie nicht kennt? Dass ihre Gegenwart erfunden ist? Dass man ohne sie lebt und von ihr befreit ist?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbKleiner, du solltest dich wirklich von ihr befreien.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbDann w\u00fcrde ich sie nicht mehr sehen\u00ab, sagte ich. \u00bbDas ist ganz unm\u00f6glich, man kann nicht darauf verzichten. Aber wenn man daran denkt, dass man einmal\u00a0\u2013\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es war erstaunlich, es war nur eine Erinnerung, und sie brachte mir unerwartet zum Bewusstsein, dass ich einmal sehr froh und ganz ohne Last gewesen war und dass ich Sibylle eigentlich fortw\u00e4hrend wie einen schweren Traum in mir trug.\u00a0\u2013<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sibylle sang weiter auf der B\u00fchne und trug jetzt ein anderes Kleid, das mir noch besser gefiel als das erste. Es war um den Hals ganz wenig und rund ausgeschnitten und \u00fcber den H\u00fcften war es so eng, dass ihr schmaler Leib darunter deutlich abgezeichnet wurde. Ihre Haare waren ein wenig glatter, und die Schl\u00e4fen traten frei hervor. Sie waren weiss und durchsichtig, ihre H\u00e4nde waren durchsichtig, ihr Gesicht schimmerte vor Bl\u00e4sse, und unter den Augen hatte sie blaue Schatten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Lyrische Novelle<\/strong>, von Annemarie Schwarzenbach, Erstdruck: Berlin, Rowohlt 1933<\/p>\n<div id=\"attachment_88372\" style=\"width: 222px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/AnnemarieSchwarzenbach.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-88372\" class=\"wp-image-88372 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/AnnemarieSchwarzenbach-212x300.jpg\" alt=\"\" width=\"212\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/AnnemarieSchwarzenbach-212x300.jpg 212w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/AnnemarieSchwarzenbach-560x792.jpg 560w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/AnnemarieSchwarzenbach-260x368.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/AnnemarieSchwarzenbach-160x226.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/AnnemarieSchwarzenbach.jpg 640w\" sizes=\"auto, (max-width: 212px) 100vw, 212px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-88372\" class=\"wp-caption-text\">Annemarie Schwarzenbach: Selbstportr\u00e4t mit ihrer zwei\u00e4ugigen Rolleiflex Standard 621-Kamera (entstanden in den 1930er Jahren)<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die im Fr\u00fchling 1933 erstmals erschienene <em>Lyrische Novelle<\/em> stand im Schatten von Hitlers kurz zuvor erfolgter Machtergreifung. Die Aufnahme und Verbreitung des Buches wurde dadurch stark erschwert. Aber schon damals r\u00fchmte die Kritik die Musikalit\u00e4t und moderne Sachlichkeit der Sprache. Noch st\u00e4rker als in jener Zeit zieht der Text heute eine besondere Aufmerksamkeit auf sich: als eine fr\u00fche literarische Darstellung von lesbischer Liebe. Das Buch erz\u00e4hlt zwar von der ungl\u00fccklichen Liebe eines Mannes zu einer Frau. Doch die Autorin bekannte nach der Ver\u00f6ffentlichung: Zum besseren Verst\u00e4ndnis der Geschichte \u201eh\u00e4tte man eingestehen m\u00fcssen\u201c, dass der Held \u201ekein J\u00fcngling, sondern ein M\u00e4dchen\u201c sei.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In 2022 widmet sich KUNO der <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=19652\">Kunstform Novelle<\/a>. Diese Gattung lebt von der Schilderung der Realit\u00e4t im Bruchst\u00fcck.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Ich sah dann Erik jeden Tag, und wir wurden gute Freunde. Wir assen zusammen, er holte mich zu Hause ab, manchmal weckte er mich, und es war schon zwei Uhr nachmittags, und wenn ich aufstand, wurde mir \u00fcbel. 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