{"id":88446,"date":"2022-09-16T00:01:11","date_gmt":"2022-09-15T22:01:11","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=88446"},"modified":"2022-09-16T04:19:50","modified_gmt":"2022-09-16T02:19:50","slug":"lyrische-novelle-15","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2022\/09\/16\/lyrische-novelle-15\/","title":{"rendered":"Lyrische Novelle 15"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Widerhall der Sch\u00fcsse dringt aus den W\u00e4ldern bis in das St\u00e4dtchen und erf\u00fcllt die Luft mit Unruhe. Ich bin am fr\u00fchen Morgen im Schlossgarten gewesen, die alten Mauern des Schlosses tropften vor Feuchtigkeit. Das Schloss ist sch\u00f6n, obwohl sich sein Stil kaum mehr bestimmen l\u00e4sst. Zu allen Zeiten haben F\u00fcrsten hier gewohnt und nach ihren Bed\u00fcrfnissen gebaut, abgerissen und erweitert. Einige Fenster in den oberen Stockwerken der runden T\u00fcrme sind nicht viel mehr als Schiessscharten, aber die Fenster des langen Haupthauses sind hoch, zahlreich und mit reinen Sp\u00e4tbarockornamenten geschm\u00fcckt. Der Portier wohnt in einem Zimmer mit einfacher Stuckdecke und einem Boden aus weissgescheuertem Tannenholz. Der Schlosshof ist gepflastert und so gross, dass ein Wagen bequem darin kehren kann. Vorn, gegen den Park und gegen das Wasser hin, sind die beiden Seitenfl\u00fcgel des Schlosses durch einen geraden S\u00e4ulengang verbunden. Die S\u00e4ulen sind blassrosa, gelb oder weiss in der wechselnden Beleuchtung, und immer hat man Lust, sich gegen eine von ihnen zu st\u00fctzen und in den Park hinunter zu sehen. Jetzt ist der Anblick eher traurig. Die B\u00e4ume sind ohne Bl\u00e4tter, und das Laub liegt gelb und rostbraun auf der Wasserfl\u00e4che. Heute waren die \u00c4ste von schwerem, ges\u00e4ttigtem Tau bedeckt und sahen <a name=\"page053\"><\/a>beinahe aus wie bereift. Ich m\u00f6chte den ganzen Tag draussen bleiben. Mein Hals ist wie ausgetrocknet, obwohl ich sehr viel trinke. Ich habe eine schlechte Nacht hinter mir.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jetzt gehe ich. Ich will nicht, wie gew\u00f6hnlich, durch die W\u00e4lder gehen, sondern nehme einen Weg, der links an der Kirche vorbeif\u00fchrt, die Stadt unauff\u00e4llig verl\u00e4sst und in die sandigen, flachen, un\u00fcbersichtlichen H\u00fcgel hineinl\u00e4uft. Ich gehe zuerst ziemlich rasch. Ich freue mich, dass ich mich von den W\u00e4ldern entferne. Von den ged\u00e4mpften Moosb\u00f6den, den Kaninchengruben, den rieselnden Fichtennadeln. Von den warmen Tiernestern.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hier ist nur kahle Fl\u00e4che, ein grosses gewelltes Meer. Der Boden hat in den letzten Wochen viel Feuchtigkeit aufgesaugt. Rechts sind die H\u00fcgel angeschnitten, in den Sandgruben wird gearbeitet, eine Baggermaschine macht grossen L\u00e4rm, die d\u00fcnne, reine Luft erzittert davon, und ein Kran ragt schwarz empor. Ich gehe an den Rand der Grube und sehe den Arbeitern zu. Es sind ernste, gefasste, achtunggebietende M\u00e4nner. Sie arbeiten unentwegt seit dem fr\u00fchen Morgen und essen ihr Mittagsbrot unter freiem Himmel auf ihrer Arbeitsst\u00e4tte und abends gehen sie unbeirrt den langen Weg bis in das St\u00e4dtchen zur\u00fcck.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich gehe weiter, und nachdem ich \u00fcber eine Stunde gegangen bin, gelange ich in ein Dorf. Die Strasse ist in der Mitte gepflastert, auf beiden Seiten stehen niedrige, graue H\u00e4user mit D\u00e4chern, die <a name=\"page054\"><\/a>nicht \u00fcber die Mauern hinausgebaut sind. Man k\u00f6nnte darunter nicht einmal Schutz vor dem Regen finden. Ich gehe bis zum Dorfkrug und setze mich in die Wirtsstube. Sie ist gross und niedrig und halbdunkel. Die W\u00e4nde sind geschw\u00e4rzt. Die Tische und B\u00e4nke sind schwer und roh, und das Holz ist hell und farblos vor Alter. \u00dcber dem Schanktisch h\u00e4ngt ein Bild Bismarcks, von einem Eichenkranz umrahmt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Wirt besitzt kein Schreibpapier, ich gehe deshalb zuerst in den Ort und finde einen Laden, wo ich auch Tinte und eine Feder kaufen kann. Dann gehe ich in den Krug zur\u00fcck, bestelle Rotwein und lege die Bl\u00e4tter neben mich. Ich kann jetzt noch nicht schreiben, der Weg hat mich m\u00fcde gemacht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und dann schreibe ich doch. Lieber Gott, es ist schon eine Gewohnheit von mir geworden, und ich werde ein ganzes Buch schreiben, eigentlich aus Versehen .\u00a0.\u00a0. Das Buch werde ich Sibylle schicken, sie wird es lesen und mir sagen, ob sie es gut oder schlecht findet. Wenn sie es gut findet, will ich es drucken lassen. Nein, ich bin nicht ehrgeizig daf\u00fcr. Die Leute sagten ja immer, dass ich, Sibylles wegen, alle guten Eigenschaften verleugne.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und sie setzten doch fr\u00fcher einige Hoffnungen in mich. Aber alle stimmten eigentlich mit Magnus \u00fcberein, und ich selbst gab es zu, und wurde sehr traurig davon. Sie sagten dann, es sei gut, dass ich es einsehe, und was ich mir von Sibylle verspreche. <a name=\"page055\"><\/a>Nat\u00fcrlich versprach ich mir nichts von ihr, und wenn sie mir vorhielten, dass man mit einer Frau wie Sibylle niemals leben k\u00f6nne, wusste ich selbst die besten Gr\u00fcnde daf\u00fcr. Sie dachten sich alle, dass Sibylle die ideale Geliebte sei, nur ich wusste, dass sie daf\u00fcr \u00fcberhaupt nicht zu haben ist, auch nicht, wenn ich Geld h\u00e4tte, auch nicht, wenn ich zehn Jahre \u00e4lter und mein eigener Herr w\u00e4re. Sie dachten alle, dass Sibylle mich betr\u00fcge und mich nur aus Berechnung nicht wegschicke. Sie konnten sich nicht vorstellen, dass eine Frau wie Sibylle ohne einen Geliebten lebe. Aber mir kam Sibylle manchmal so merkw\u00fcrdig besch\u00e4ftigt vor, und ich f\u00fchlte mich dann weit von ihrem Vertrauen entfernt. Ich wusste, dass sie mich belog oder dass sie mir doch etwas Wichtiges, vielleicht das Wichtigste ihres Lebens verschwieg. Einmal sagte ich es ihr. Es war sp\u00e4t in der Nacht, und wir tranken in einem Keller in der Kantstrasse. Sie war unfreundlich zu mir, und ich war bedr\u00fcckt und deshalb fragte ich sie. Sie antwortete sofort, dass sie mir keine Minute ihres Schlafes opfern w\u00fcrde, wenn sie mich nicht gern h\u00e4tte. In diesem Augenblick sah ich ein, dass ich ihr meinen Schlaf opferte und noch mehr, und dass ich sie daf\u00fcr liebte, wie man einen anderen Menschen daf\u00fcr hassen w\u00fcrde. Oder vielleicht hasste ich sie auch zuweilen. Aber ich h\u00e4tte ebenso gut mich selbst hassen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Man erz\u00e4hlte mir viel von Sibylle, etwa dass sie mit einem Chauffeur gelebt habe und sp\u00e4ter mit <a name=\"page056\"><\/a>einem Kunsth\u00e4ndler. Der Chauffeur sei im Gef\u00e4ngnis und der Kunsth\u00e4ndler habe sich erschossen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das war nat\u00fcrlich Unsinn, Entstellung und Ger\u00fccht. \u2013 Aber es ist schon richtig, es k\u00f6nnte genau so gewesen sein. Im Grunde kann man f\u00fcr Sibylle nur sterben. F\u00fcr sie zu leben, sagten meine Freunde, sei entw\u00fcrdigend.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber sie verstanden nichts von ihr. Sie nahmen alles sehr einfach, es w\u00e4re ja auch sonst zu schwer, das Dasein zu ertragen: denn alles, was geschieht, ist so entsetzlich verkettet, und alles, was man tut, hat tausend Folgen und die Verantwortung ist ungeheuer und kein Urteil ist richtig und gerecht. Und doch m\u00fcssen wir leben\u00a0.\u00a0.\u00a0.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Lyrische Novelle<\/strong>, von Annemarie Schwarzenbach, Erstdruck: Berlin, Rowohlt 1933<\/p>\n<div id=\"attachment_88372\" style=\"width: 222px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/AnnemarieSchwarzenbach.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-88372\" class=\"wp-image-88372 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/AnnemarieSchwarzenbach-212x300.jpg\" alt=\"\" width=\"212\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/AnnemarieSchwarzenbach-212x300.jpg 212w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/AnnemarieSchwarzenbach-560x792.jpg 560w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/AnnemarieSchwarzenbach-260x368.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/AnnemarieSchwarzenbach-160x226.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/AnnemarieSchwarzenbach.jpg 640w\" sizes=\"auto, (max-width: 212px) 100vw, 212px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-88372\" class=\"wp-caption-text\">Annemarie Schwarzenbach: Selbstportr\u00e4t mit ihrer zwei\u00e4ugigen Rolleiflex Standard 621-Kamera (entstanden in den 1930er Jahren)<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die im Fr\u00fchling 1933 erstmals erschienene <em>Lyrische Novelle<\/em> stand im Schatten von Hitlers kurz zuvor erfolgter Machtergreifung. Die Aufnahme und Verbreitung des Buches wurde dadurch stark erschwert. Aber schon damals r\u00fchmte die Kritik die Musikalit\u00e4t und moderne Sachlichkeit der Sprache. Noch st\u00e4rker als in jener Zeit zieht der Text heute eine besondere Aufmerksamkeit auf sich: als eine fr\u00fche literarische Darstellung von lesbischer Liebe. Das Buch erz\u00e4hlt zwar von der ungl\u00fccklichen Liebe eines Mannes zu einer Frau. Doch die Autorin bekannte nach der Ver\u00f6ffentlichung: Zum besseren Verst\u00e4ndnis der Geschichte \u201eh\u00e4tte man eingestehen m\u00fcssen\u201c, dass der Held \u201ekein J\u00fcngling, sondern ein M\u00e4dchen\u201c sei.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In 2022 widmet sich KUNO der <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=19652\">Kunstform Novelle<\/a>. Diese Gattung lebt von der Schilderung der Realit\u00e4t im Bruchst\u00fcck.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Der Widerhall der Sch\u00fcsse dringt aus den W\u00e4ldern bis in das St\u00e4dtchen und erf\u00fcllt die Luft mit Unruhe. Ich bin am fr\u00fchen Morgen im Schlossgarten gewesen, die alten Mauern des Schlosses tropften vor Feuchtigkeit. 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