{"id":88441,"date":"2022-09-07T00:01:41","date_gmt":"2022-09-06T22:01:41","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=88441"},"modified":"2022-02-24T15:39:43","modified_gmt":"2022-02-24T14:39:43","slug":"lyrische-novelle-14","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2022\/09\/07\/lyrische-novelle-14\/","title":{"rendered":"Lyrische Novelle 14"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Am n\u00e4chsten Tag schlief ich bis mittags. Einmal kam das M\u00e4dchen herein, es war gegen elf Uhr, und stellte Kaffee auf einen niedrigen Tisch neben mein Bett. Sie fragte auch, ob sie mir etwas zu essen bringen d\u00fcrfe, aber ich sagte, dass ich mich sehr schlecht f\u00fchle und am liebsten weiterschlafen wolle. Als ich zwei Stunden sp\u00e4ter aufstand, wurde mir \u00fcbel. Ich musste mich wieder hinlegen und war ganz in Schweiss gebadet. Ich lag, ohne mich zu bewegen, bis nebenan das Telephon l\u00e4utete. Es war Erik. Er fragte, ob ich mit ihm fr\u00fchst\u00fccken wolle, er w\u00fcrde mich in einer halben Stunde abholen. \u00bbSie fordern meine F\u00fcrsorge heraus\u00ab, sagte er.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich badete und zog mich an. Dabei war mir immer schwindlig, wie jetzt fast jeden Vormittag. Schliesslich dachte ich, dass man sich an diesen Zustand gew\u00f6hnen k\u00f6nne.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Erik kam sehr p\u00fcnktlich. Er warf zuerst einen Blick auf meine B\u00fccher und blieb dann vor dem Schreibtisch stehen. \u00bbArbeiten Sie sehr viel?\u00ab fragte er. \u00bbSie studieren noch, Sie sind sehr gl\u00fccklich.\u00ab Ich wusste nicht, was ich darauf antworten sollte. \u00bbIch bin immer ein Abenteurer gewesen\u00ab, sagte Erik. \u00bbIn Ihrem Alter war ich, glaube ich, ein geistiger Abenteurer.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00dcber dem Schreibtisch hing eine grosse Photographie von Sibylle. Sie trug kurze Hosen und ein <a name=\"page049\"><\/a>offenes, grosskariertes Hemd. Das weisse Gesicht war \u00fcberm\u00e4ssig stark beleuchtet und wirkte beinahe maskenhaft. Aber man erkannte doch den eigent\u00fcmlich ged\u00e4mpften, wie aus vielen Dunkelheiten dringenden Schimmer der Augen. \u00bbSie hat wunderbare Augen\u00ab, sagte Erik. \u00bbGestern habe ich Magnus gesehen. Wissen Sie, was er von Ihnen sagte? Aber nehmen Sie Ihren Mantel, wir wollen gehen. Also, er sagte, Ihnen sei nicht zu helfen. Sie seien zu jung, um solchen Ersch\u00fctterungen standzuhalten. Jawohl, Sie seien anf\u00e4llig und erotisch versklavt wie ein Primaner. Es war nicht sehr freundlich ausgedr\u00fcckt. Ich nehme an, dass Magnus Sie liebt und dass es ihn kr\u00e4nkt, die Achtung vor Ihnen verlieren zu m\u00fcssen. Strindberg sagt irgendwo: \u203aEs ist schade um die Menschen\u2039\u00a0\u2013\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Gespr\u00e4ch war mir sehr unangenehm. Wenn man leidet, ertr\u00e4gt man es nicht gern, dass die Leiden nicht ernst genommen werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbMagnus weiss wohl genau Bescheid\u00ab, sagte ich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbNein\u00ab, sagte Erik. Er parkte vor dem \u00bbAtelier\u00ab, ein Schupo sagte ihm, dass er n\u00e4her an den Randstein fahren m\u00fcsse. Er tat es, und ich wartete auf ihn. Ich fror. Dann gingen wir hinein, und Erik bestellte sorgf\u00e4ltig das Essen. Er behandelte mich wie ein kleines Kind. Ich erinnere mich noch an alle Einzelheiten dieser Mahlzeit, weil ich zum erstenmal wieder mit Bewusstsein an einem sorgf\u00e4ltig gedeckten Tisch heisse und angenehme Gerichte ass. Dazwischen sprachen wir, es war ein sehr <a name=\"page050\"><\/a>vorsichtiges Gespr\u00e4ch, ein Gespr\u00e4ch zwischen heimlichen Gegnern. Pl\u00f6tzlich fragte ich:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbLieben Sie denn Sibylle?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er schwieg und schien \u00fcberrascht. Sehr langsam antwortete er dann:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbIch bin vor zwei Jahren jeden Abend in ein schlechtes Kabarett in Br\u00fcssel gegangen. Dort war Sibylle. Aus welchem Grunde glauben Sie, dass ich jetzt in das Walltheater gehe?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich kannte ihn ja gar nicht, aber ich hatte Angst, dass er mich als seinen Rivalen betrachten w\u00fcrde. Ich hatte in diesem Augenblick einen Freund n\u00f6tig, und ich war sehr allein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbSoll ich gehen?\u00ab fragte Erik. \u00bbVielleicht wollen Sie, dass ich verschwinde?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbNein\u00ab, sagte ich, \u00bbdas w\u00fcrde nichts helfen.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich wusste genau, dass es mir bei Sibylle nichts helfen konnte, wenn Erik wegging. Und wir hatten sie auch gar nicht um ihre Meinung gefragt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbDie Leute sagen, Sibylle sei ein kalte Frau\u00ab, sagte Erik. \u2013 \u00bbLieber, Sie essen ja nichts. Wir werden von anderen Dingen sprechen.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbIch habe seit Wochen nur an Sibylle gedacht\u00ab, sagte ich. Erik schob mir eine Platte zu und legte etwas auf meinen Teller.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbIch glaube, dass sie sehr viel durchgemacht hat\u00ab, sagte er. \u00bbSie hat zweifellos schon einige Menschen zu Grunde gerichtet. Sie hat nicht die Schlechtesten auf dem Gewissen.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbGestern hatte ich pl\u00f6tzlich Angst\u00ab, sagte ich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a name=\"page051\"><\/a>Draussen schien die Sonne. Man sah es nicht direkt, aber durch die Vorh\u00e4nge fielen einzelne Strahlen und verbreiteten auf den steinernen W\u00e4nden einen Hauch sanfter, tieffarbiger W\u00e4rme. Eine Dame ging durch das Lokal, und ihr Gesicht wurde eine Sekunde lang von den kaum sichtbaren Sonnenstrahlen getroffen, es ergl\u00e4nzte, und die blonden Haare sahen ebensolange aus wie aufgel\u00f6stes Gold.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich hatte kalte H\u00e4nde, obwohl das Restaurant stark geheizt war.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbMan hat mir immer gesagt, dass mir einmal etwas zustossen w\u00fcrde\u00ab, sagte ich. \u00bbAber ich habe es nicht geglaubt. Meine Lehrer sagten, ich w\u00fcrde einmal unter die R\u00e4der kommen.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbJa, man stellt sich die Dinge immer anders vor, als sie sind.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbIch bin nicht eifers\u00fcchtig\u00ab, sagte ich. Ich hoffte sehr, Erik w\u00fcrde einsehen, dass wir nat\u00fcrliche Verb\u00fcndete waren. Warum sollte ich eifers\u00fcchtig sein, wenn er Sibylle liebte, oder sogar wenn Sibylle ihn liebte. Schliesslich w\u00fcrden wir doch die gleiche Sprache reden. Ich f\u00fchlte mich ein wenig getr\u00f6stet.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Lyrische Novelle<\/strong>, von Annemarie Schwarzenbach, Erstdruck: Berlin, Rowohlt 1933<\/p>\n<div id=\"attachment_88372\" style=\"width: 222px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/AnnemarieSchwarzenbach.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-88372\" class=\"wp-image-88372 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/AnnemarieSchwarzenbach-212x300.jpg\" alt=\"\" width=\"212\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/AnnemarieSchwarzenbach-212x300.jpg 212w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/AnnemarieSchwarzenbach-560x792.jpg 560w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/AnnemarieSchwarzenbach-260x368.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/AnnemarieSchwarzenbach-160x226.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/AnnemarieSchwarzenbach.jpg 640w\" sizes=\"auto, (max-width: 212px) 100vw, 212px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-88372\" class=\"wp-caption-text\">Annemarie Schwarzenbach: Selbstportr\u00e4t mit ihrer zwei\u00e4ugigen Rolleiflex Standard 621-Kamera (entstanden in den 1930er Jahren)<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die im Fr\u00fchling 1933 erstmals erschienene <em>Lyrische Novelle<\/em> stand im Schatten von Hitlers kurz zuvor erfolgter Machtergreifung. Die Aufnahme und Verbreitung des Buches wurde dadurch stark erschwert. Aber schon damals r\u00fchmte die Kritik die Musikalit\u00e4t und moderne Sachlichkeit der Sprache. Noch st\u00e4rker als in jener Zeit zieht der Text heute eine besondere Aufmerksamkeit auf sich: als eine fr\u00fche literarische Darstellung von lesbischer Liebe. Das Buch erz\u00e4hlt zwar von der ungl\u00fccklichen Liebe eines Mannes zu einer Frau. Doch die Autorin bekannte nach der Ver\u00f6ffentlichung: Zum besseren Verst\u00e4ndnis der Geschichte \u201eh\u00e4tte man eingestehen m\u00fcssen\u201c, dass der Held \u201ekein J\u00fcngling, sondern ein M\u00e4dchen\u201c sei.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In 2022 widmet sich KUNO der <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=19652\">Kunstform Novelle<\/a>. Diese Gattung lebt von der Schilderung der Realit\u00e4t im Bruchst\u00fcck.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Am n\u00e4chsten Tag schlief ich bis mittags. Einmal kam das M\u00e4dchen herein, es war gegen elf Uhr, und stellte Kaffee auf einen niedrigen Tisch neben mein Bett. 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