{"id":88437,"date":"2022-08-27T00:01:24","date_gmt":"2022-08-26T22:01:24","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=88437"},"modified":"2022-02-24T15:09:21","modified_gmt":"2022-02-24T14:09:21","slug":"lyrische-novelle-13","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2022\/08\/27\/lyrische-novelle-13\/","title":{"rendered":"Lyrische Novelle 13"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dann lernte ich Erik kennen. Er kam aus Schweden und war mit Magnus verwandt, aber das wusste ich gar nicht, ich traf ihn in der Bar des Walltheaters, und Sibylle machte uns miteinander bekannt. Er fragte mich, ob ich Ski laufe. Sobald es Schnee gebe, sagte er, wolle er in die Schweiz fahren und da drei Monate bleiben. Er hatte eine Frau und zwei Kinder, deren Bilder er in seiner Brieftasche trug. Er zeigte sie mir, als er die Brieftasche herauszog, um zu zahlen. Er hatte auch einen Beruf, aber er schien das nicht wichtig zu nehmen, er sprach nie davon. \u00dcbrigens schien Sibylle ihn schon lange zu kennen. Er gefiel mir gut. Er trank nur einen Whisky, und in derselben Zeit trank ich drei Cognacs und dazwischen auch Whisky. Er sah es und sagte, es w\u00fcrde mir sicher nicht gut bekommen. Da legte ihm Sibylle die Hand auf die Schulter und sagte: \u00bbDas kannst du ruhig mir \u00fcberlassen.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich fand es merkw\u00fcrdig von ihr und wagte nicht mehr recht, ihn anzusehen. Er ging dann bald weg. Sibylle ging mit ihm hinaus, kam aber wieder zur\u00fcck, bestellte zu trinken und sah mich \u00fcberhaupt nicht an. Als sie ihren Mantel holen liess, bezahlte ich und ging mit ihr fort. Heute war kein Hund auf der Strasse. Willy stand neben der T\u00fcr, als wir in den Wagen stiegen. Sibylle kippte den Stuhl um und fragte, ob er mitfahren wolle. Er sah mich an <a name=\"page039\"><\/a>und sagte: \u00bbSie haben vergessen, das Licht anzuz\u00fcnden.\u00ab Ich antwortete: \u00bbWarum sagst du eigentlich Sie zu mir?\u00ab Sibylle sah geradeaus und gab mir den Weg an. Es war ungef\u00e4hr vier Uhr morgens, neblig, und die Strasse war sehr glatt. Ich fuhr langsam, aber Sibylle war entsetzlich ungeduldig und stampfte von Zeit zu Zeit mit dem Fuss auf. Ich gab Gas und hielt die Z\u00e4hne zusammengepresst. Ich fuhr nicht sehr achtsam, und pl\u00f6tzlich ragte vor uns ein dicker Baumstamm auf. Er stand mitten in der Kreuzung zweier Strassen und wirkte m\u00e4chtig wie ein rauhh\u00e4utiger Koloss in der feuchten, nebelverh\u00e4ngten Dunkelheit. Ich weiss nicht genau, wie ich daran vorbei kam. Sibylle sagte pl\u00f6tzlich: \u00bbrechts\u00ab, mit ihrer eigent\u00fcmlich tiefen, bes\u00e4nftigenden Stimme, und dann waren wir schon in der n\u00e4chsten Strasse.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir fuhren sehr lange. Endlich fragte ich, wohin Sibylle denn fahren wolle. \u00bbWohin?\u00ab sagte sie. \u00bbDas weiss ich auch nicht. Warum brauchen wir es zu wissen.\u00ab Ich fuhr an eine Tankstelle, sie war geschlossen, ich fragte an der n\u00e4chsten Strassenecke einen Chauffeur, wo man eine Nachtstation finden k\u00f6nne. Bis dorthin war es ziemlich weit, und ich hatte kein Wasser mehr im K\u00fchler.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbErik hat dir gefallen?\u00ab fragte Sibylle.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbEr ist sehr klug.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich sah auf das Schaltbrett und fuhr wieder langsamer.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbDer Wagen geht zum Teufel bei dieser <a name=\"page040\"><\/a>Behandlung\u00ab, sagte ich. Das war \u00fcbertrieben, aber ich war w\u00fctend und traurig, und ich liebe den Wagen. Ein Drittel davon habe ich selbst verdient, die beiden andern Drittel hat mein Vater bezahlt, bevor er wegen der grossen \u00d6lbohrungen nach Russland fuhr.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Endlich waren wir an der Tankstelle.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es war eine Olexpumpe, und der Mann war sehr freundlich. Ich versuchte, den Wasserdeckel aufzuschrauben. Aus dem K\u00fchler stieg Dampf in runden Wolken. Es war sehr kalt, aber das Metall war so heiss, dass ich es mit blossen H\u00e4nden nicht anfassen konnte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als ich aufsah, dachte ich pl\u00f6tzlich daran, dass ich im vollen Lichtschein der beiden Scheinwerfer stand, und ringsum war es dunkel. Ich stand wie auf einem erleuchteten Podium inmitten der dunklen Welt, und eigentlich gab es nur noch, wie Meer und Insel, die ungeheure Nacht und uns, den Wagen, den Mann von der Tankstelle, mich und Sibylle. Die vordere Scheibe des Wagens war beschlagen, aber dahinter sah ich Sibylles Gesicht unwirklich auftauchen und ihre Augen, schimmernd wie blasse Blumen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jetzt f\u00fchlte ich auch die K\u00e4lte nicht mehr. Ich wollte zahlen, ich hatte nur grosses Geld, Sibylle \u00f6ffnete die T\u00fcr und gab mir zwei F\u00fcnfmarkst\u00fccke. Der Mann gr\u00fcsste, und wir fuhren weg. Erst jetzt bemerkte ich, dass Willy nicht mehr im Wagen war.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir verirrten uns bald darauf. Die Strassen <a name=\"page041\"><\/a>waren leer, man konnte niemanden um Auskunft fragen. Wir fuhren immer sehr rasch.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dann kamen wir \u00fcber eine Br\u00fccke, wir h\u00e4tten es vielleicht nicht bemerkt, wenn nicht das Ger\u00e4usch des fahrenden Wagens sich pl\u00f6tzlich ver\u00e4ndert h\u00e4tte. Ich hielt auf der rechten Seite, die Br\u00fccke war nicht beleuchtet, aber die Scheinwerfer erhellten eine keilf\u00f6rmige Bahn, im Schatten sahen wir m\u00e4chtige Betonpfeiler aufragen und dar\u00fcber dunkles Eisenwerk, weit gespannte B\u00f6gen, durch viele Rippen gest\u00fctzt und verbunden. Ich \u00f6ffnete das Fenster und beugte mich hinaus. Das Wasser floss unter uns rasch und mit grosser Gewalt, ein wenig Licht fiel auf die Oberfl\u00e4che, so dass man die sich \u00fcberst\u00fcrzenden, unruhigen und in vielen Wirbeln zusammenstossenden Wellen sah. Dar\u00fcber w\u00f6lbte sich ruhig der Himmel, und wir hingen dazwischen, kaum mehr auf der Erde.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbSch\u00f6n\u00ab, sagte ich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbJa\u00ab, sagte Sibylle.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbWas die Leute sich dachten, als sie die erste Br\u00fccke bauten?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbSie wollten an das andere Ufer. Sie legten einen Baumstamm von einem Ufer zum anderen.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbBei den Indianern gibt es H\u00e4ngebr\u00fccken. Sie schwanken, wenn man dar\u00fcber geht. Und sie h\u00e4ngen \u00fcber Abgr\u00fcnden.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbAber jetzt baut man herrliche Br\u00fccken. In New York zum Beispiel. Und in Schweden kenne ich eine Betonbr\u00fccke, welche aussieht, als sei sie aus <a name=\"page042\"><\/a>weissem Glanzpapier ausgeschnitten, mit vielen zarten Pfeilern.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbWir sollten zu den Indianern reisen\u00ab, sagte ich. \u00bbWir sollten uns Geld verschaffen.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbNichts leichter als das\u00ab, sagte Sibylle. \u00bbAber du kannst ja nicht fort. Man l\u00e4sst dich nicht fort.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbNichts leichter als das\u00ab, sagte ich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sibylle fing wieder an zu rauchen. Sie rauchte fast immer, w\u00e4hrend wir fuhren, und gab auch mir manchmal eine Zigarette, die sie selbst anz\u00fcndete und mir dann zwischen die Lippen schob.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbEs k\u00f6nnte dich deine Karriere kosten\u00ab, sagte sie.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich habe wohl vergessen zu erw\u00e4hnen, dass ich Diplomat werden will. Mein Vater hat mir dazu alle Wege geebnet. Er verlangt, dass ich das juristische Studium beende und daneben franz\u00f6sischen und englischen Unterricht nehme. Diese Sprachstunden hatte ich \u00fcbrigens schon seit Wochen ganz vernachl\u00e4ssigt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbEs k\u00f6nnte dich deine Karriere kosten\u00ab, sagte Sibylle. Ich konnte mir unter dem Wort \u00bbKarriere\u00ab nichts mehr vorstellen. Es war ein leeres Wort.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbWas ist das heutzutage\u00ab, sagte ich verstimmt. Magnus und ich hatten oft besprochen, dass unserer Generation wenig geblieben sei, aber daf\u00fcr der ungeheure Vorzug der Freundschaft. Wir meinten damit, dass alle normalen Voraussetzungen fehlten, alle erstrebenswerten Ziele unsicher seien, jede Stabilit\u00e4t aus unserem Leben entwichen sei. Wir <a name=\"page043\"><\/a>meinten, dass man dadurch geradezu auf die letzte Wertlosigkeit solcher Lebensziele gestossen werde, man verliere den b\u00fcrgerlichen Ehrgeiz, man sehe die d\u00fcnne Luft des Erfolges und gew\u00f6hne sich fr\u00fch an die sogenannte \u00bbResignation\u00ab der F\u00fcnfzigj\u00e4hrigen. Bei Leuten von zwanzig Jahren enthalte sie aber eine gr\u00f6ssere Heiterkeit und Tapferkeit, eine Note positiven Verzichtes.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir dachten, dass es ein grosses Gl\u00fcck sei, gleichgestimmte Freunde zu finden und sich ihnen br\u00fcderlich verbunden zu f\u00fchlen. Mit ihnen irgendwo zu leben, zu reisen, nachzudenken, sich innerlich aneinander zu st\u00e4rken und sich zu lieben, schien uns unser Vorrecht. Aber trotzdem war ich noch nie ernstlich auf den Gedanken gekommen, auf meine Berufsaussichten zu verzichten. Jetzt stellte ich mir vor, dass ich mit Sibylle reisen k\u00f6nnte, und vor mir erstanden Hafenst\u00e4dte, breite Fl\u00fcsse mit schaukelnd getriebenen Booten, Steppen, wandernde Tierherden, Flugpl\u00e4tze mit frischen Holzbaracken, Lastautomobile auf weissen Strassen und gl\u00fchende Sonne \u00fcber gedeckten Veranden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbAm besten w\u00fcrden wir dann gar nicht mehr zur\u00fcckkommen\u00ab, sagte ich. Dann bemerkte ich, dass Sibylle l\u00e4chelte und geradeaus sah. Sie schien nicht mehr an die Br\u00fccken zu denken.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbFahren wir\u00ab, sagte sie.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich richtete mich auf und tastete im Dunkeln nach dem Schl\u00fcssel.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbIch kann aber nicht mehr\u00ab, sagte ich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a name=\"page044\"><\/a>Ich wurde so pl\u00f6tzlich von Mutlosigkeit befallen, als h\u00e4tte mich jemand aus \u00fcberm\u00fcdetem Schlaf geweckt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sibylle sah mich schweigend an.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbIch kann nicht mehr\u00ab, wiederholte ich. Und dann begann sich die Nacht wirbelnd um uns zu drehen. Ich presste die Hand vor die Augen, bunte Kugeln l\u00f6sten sich aus der Dunkelheit, n\u00e4herten sich meinem Gesicht, wuchsen gross an, blendeten mich und zersprangen. \u00dcbelkeit stieg mir w\u00fcrgend in die Kehle. Ich drehte den Kopf, als k\u00f6nne ich mir dadurch selbst entgehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sibylle wandte sich pl\u00f6tzlich zu mir und legte ihre H\u00e4nde um mein Gesicht. Ihre H\u00e4nde waren k\u00fchl. Es war, als lege man meinen Kopf auf frisches Leinen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nach einiger Zeit gab sie mir etwas aus einer kleinen Flasche zu trinken, die sie bei sich trug. Es schmeckte sehr stark, und ich trank es mit Widerwillen. Sie hatte meinen Kopf an ihre Schulter gelegt und mir wurde besser. Manchmal streifte mich ihr Atem, wie wenn wir zusammen tanzten, und manchmal presste sie ihr Kinn und ihre Wange einen Augenblick gegen meine Stirn.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich liess den Motor anspringen, und wir fuhren. Es kostete mich eine unbeschreibliche Anstrengung, geradeaus zu fahren. Ich glaubte jede Sekunde, das Rad nicht mehr halten zu k\u00f6nnen. Die Strasse wogte auf und ab, B\u00e4ume, Laternen, ja selbst die gerade Linie des Gehsteigs wurden mir <a name=\"page045\"><\/a>erst im letzten Augenblick sichtbar. Sie st\u00fcrzten gleichsam in mein Blickfeld und verwirrten mich. Sibylle ber\u00fchrte mit der linken Hand meine Schulter. Das beruhigte mich. Manchmal griff sie fester zu. Ich fuhr wohl sehr langsam, denn sie schob pl\u00f6tzlich entschlossen meinen Fuss vom Benzinhebel weg und gab selbst Gas. Es war eine gef\u00e4hrliche Fahrweise. Nach kurzer Zeit hielt ich an, \u00f6ffnete die T\u00fcr und sagte: \u00bbJetzt kannst du fahren.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie schien ein wenig erschrocken, aber sie sagte nur: \u00bbWenn du willst\u00a0.\u00a0.\u00a0.\u00ab und blieb einige Sekunden sitzen und sah mich an. Dann wechselten wir die Pl\u00e4tze. Ich wusste nicht einmal, ob sie fahren konnte, aber ich war so m\u00fcde, mir war das schon gleichg\u00fcltig.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie fuhr nicht gleich an, deshalb schaltete ich f\u00fcr sie ein, bis wir im dritten Gang waren, dann lehnte ich mich zur\u00fcck und sah durch die leicht beschlagene Scheibe hinaus. Wir waren auf der Heerstrasse, irgendwo weit draussen. Wir fuhren sehr rasch. Manchmal n\u00e4herte sich der Wagen einer Strassenseite, als werde er von einem Magneten angezogen. Das war sehr gef\u00e4hrlich, und ich musste oft im letzten Augenblick, dicht vor einem Randstein oder einem anderen Hindernis, das Rad nach der anderen Seite drehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jetzt wurde es schon hell, eine leichte Nebelschicht wogte durch den Wald, nur etwa einen Meter hoch \u00fcber dem Boden, und h\u00fcllte die St\u00e4mme der Fichten ein. Als ich den Kopf wandte, sah ich <a name=\"page046\"><\/a>eine schwache R\u00f6te am Himmel. Sonst war alles eisgrau, kalt und windstill. Wir n\u00e4herten uns der Stadt, und ich setzte mich wieder an das Steuer. Sibylles Gesicht war ver\u00e4ndert, sie schien sehr m\u00fcde zu sein, aber sie war weniger blass als gew\u00f6hnlich, und ihre Augen gl\u00e4nzten st\u00e4rker. Als sie vor ihrer Haust\u00fcr ausstieg, presste sie meine Hand an ihre Wange und sagte, dass ich ihr versprechen m\u00fcsse, vorsichtig nach Hause zu fahren und keinesfalls vor Mittag aufzustehen. Ich fuhr bis zu meiner Wohnung und liess den Wagen auf der Strasse stehen. Es war jetzt ganz hell. Ich f\u00fchlte mich ziemlich wohl und ging, ohne den Fahrstuhl zu ben\u00fctzen, in den zweiten Stock hinauf. Im Schlafzimmer hatte das M\u00e4dchen die schwarzen Vorh\u00e4nge gezogen, es war dunkel, und ich legte mich sofort in mein Bett. Ich konnte nicht schlafen. Ich dachte an die Fahrt und stellte mir vor, wie irrsinnig gef\u00e4hrlich es gewesen war. Sibylle war so rasch gefahren, wir h\u00e4tten uns wahrscheinlich \u00fcberschlagen, wenn wir gegen einen Randstein geprallt w\u00e4ren. Aber das war es ja nicht. Etwas anderes war viel schlimmer: Ich stellte fest, dass es mir gleichg\u00fcltig gewesen w\u00e4re zu verungl\u00fccken. Sibylle fragte mich: \u00bbHattest du Angst?\u00ab Und ich sagte nein, und es war ehrlich. Ich war zu m\u00fcde, um Angst zu haben. Ich dachte, wenn sie Lust hat, dass wir uns die K\u00f6pfe einstossen, soll sie es eben versuchen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und jetzt, auf meinem Bett kniend, war es mir immer noch gleichg\u00fcltig, ich konnte dem <a name=\"page047\"><\/a>Gedanken, dass ich h\u00e4tte sterben k\u00f6nnen, kein Grauen abgewinnen. Aber als ich das feststellte, ergriff mich eine Art von Verzweiflung, ich warf mich nieder und weinte fassungslos und f\u00fcrchtete zum erstenmal das Leben. <a name=\"page048\"><\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Lyrische Novelle<\/strong>, von Annemarie Schwarzenbach, Erstdruck: Berlin, Rowohlt 1933<\/p>\n<div id=\"attachment_88372\" style=\"width: 222px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/AnnemarieSchwarzenbach.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-88372\" class=\"wp-image-88372 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/AnnemarieSchwarzenbach-212x300.jpg\" alt=\"\" width=\"212\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/AnnemarieSchwarzenbach-212x300.jpg 212w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/AnnemarieSchwarzenbach-560x792.jpg 560w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/AnnemarieSchwarzenbach-260x368.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/AnnemarieSchwarzenbach-160x226.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/AnnemarieSchwarzenbach.jpg 640w\" sizes=\"auto, (max-width: 212px) 100vw, 212px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-88372\" class=\"wp-caption-text\">Annemarie Schwarzenbach: Selbstportr\u00e4t mit ihrer zwei\u00e4ugigen Rolleiflex Standard 621-Kamera (entstanden in den 1930er Jahren)<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die im Fr\u00fchling 1933 erstmals erschienene <em>Lyrische Novelle<\/em> stand im Schatten von Hitlers kurz zuvor erfolgter Machtergreifung. Die Aufnahme und Verbreitung des Buches wurde dadurch stark erschwert. Aber schon damals r\u00fchmte die Kritik die Musikalit\u00e4t und moderne Sachlichkeit der Sprache. Noch st\u00e4rker als in jener Zeit zieht der Text heute eine besondere Aufmerksamkeit auf sich: als eine fr\u00fche literarische Darstellung von lesbischer Liebe. Das Buch erz\u00e4hlt zwar von der ungl\u00fccklichen Liebe eines Mannes zu einer Frau. Doch die Autorin bekannte nach der Ver\u00f6ffentlichung: Zum besseren Verst\u00e4ndnis der Geschichte \u201eh\u00e4tte man eingestehen m\u00fcssen\u201c, dass der Held \u201ekein J\u00fcngling, sondern ein M\u00e4dchen\u201c sei.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In 2022 widmet sich KUNO der <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=19652\">Kunstform Novelle<\/a>. Diese Gattung lebt von der Schilderung der Realit\u00e4t im Bruchst\u00fcck.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Dann lernte ich Erik kennen. Er kam aus Schweden und war mit Magnus verwandt, aber das wusste ich gar nicht, ich traf ihn in der Bar des Walltheaters, und Sibylle machte uns miteinander bekannt. 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