{"id":88428,"date":"2022-08-12T00:01:22","date_gmt":"2022-08-11T22:01:22","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=88428"},"modified":"2022-02-24T14:45:17","modified_gmt":"2022-02-24T13:45:17","slug":"lyrische-novelle-11","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2022\/08\/12\/lyrische-novelle-11\/","title":{"rendered":"Lyrische Novelle 11"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Heute bin ich ungeduldig und beeile mich auf dem Heimweg, als k\u00f6nnte mich jemand erwarten. Und das ist doch nicht m\u00f6glich, niemand kennt meinen Aufenthalt, nicht einmal ein Brief kann mich erreichen. Ich werde mich zwingen, langsam zu gehen. Ich habe so viel blinde Hast in mich aufgenommen. Wochenlang drang die Stadt von allen Seiten auf mich ein, der Himmel war verdeckt, die Stille zerrissen. Hier ist der Himmel unermesslich, und wenn ich mich irgendwo auf einen Erdh\u00fcgel setze oder mich mit dem R\u00fccken an einen Baumstamm lehne, vernehme ich nichts als das Rauschen des Windes.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich kann mir nicht denken, dass es in dieser schwerm\u00fctigen Gegend Fr\u00fchling gibt oder die strotzenden Farben des Sommers. Manchmal, in meinem Bett ausgestreckt, versuche ich mich zu solchen Vorstellungen zu zwingen, und aus der Dunkelheit w\u00e4chst langsam der Anblick eines wogenden Feldes, gelbe \u00c4hren reihen sich aneinander, gelbe Halme in unendlicher Zahl schliessen sich zu auf und nieder schwellender Masse zusammen, ein bewegter Teppich \u00fcber der braunen Erde, in der Ferne wird von wuchtig schreitenden Schnittern eine Gasse ge\u00f6ffnet, bis zu den Knien gehen sie zwischen knisterndem Gelb, und rauschend sinken die Garben links und rechts von ihnen zu <a name=\"page028\"><\/a>Boden. Hinter den M\u00e4nnern folgen die Frauen, lachend und von Schweiss und Sonne gl\u00e4nzend, kr\u00e4ftigen Geruch ausstr\u00f6mend. Ihre nackten Arme greifen die niedersinkenden Garben und legen sie in wohlgeordnete B\u00fcndel zusammen. Unter den gerafften R\u00f6cken sieht man ihre kr\u00e4ftigen Knie.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ja, so war es im Sommer \u2013 \u2013 \u2013<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Himmel ist von hellen Strahlen durchschossen und blendet die Augen. Man kann so viel Helligkeit nicht aushalten, man senkt die Augen oder man wirft sich in das Gras: Es leuchtet vor Frische und legt sich sanft und feucht an die gl\u00fchende Haut.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Oder es war Fr\u00fchling. Und der Himmel hob sich zu immer gr\u00f6sserer Durchsichtigkeit, zu einer entr\u00fcckten, zartfarbigen Leichtigkeit, Winde erhoben sich lau, Wolken durcheilten die hohen R\u00e4ume, die kaum belaubten B\u00e4ume neigten ihre Wipfel, richteten sie wieder auf und liessen sich von der sanften Ersch\u00fctterung hinreissen, die Gr\u00e4ser, unter Schneemassen ermattet und gebleicht, lockerten sich, strebten aufw\u00e4rts und ergl\u00e4nzten. Stand man am Rand der Felder, so war man von diesem neuen Glanz ergriffen, ringsum badete das Land in junger Feuchtigkeit, Pastellfarben von lichtestem Gr\u00fcn bis zum Weiss der Wolken, unber\u00fchrtes Blau, Braun von der matten Helle der Tierpelze, unirdisches Grau, Silber der Baumrinden, r\u00f6tliche Erdrisse, Haselnussgezweig, Reste verblichener Bl\u00e4tter, erstes Auftauchen gelber Primeln in <a name=\"page029\"><\/a>br\u00e4unlichen Sumpfgr\u00fcnden, schwarze Erde der Gartenbeete, von grauen Schleiern verh\u00fcllt, und dann die tief aufgerissenen, dampfenden Ackerschollen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da ging man und neigte das Gesicht den verschwenderischen Ber\u00fchrungen entgegen, sog die leicht durchw\u00e4rmte Luft ein, f\u00fchlte im Schreiten aufbrechenden Jubel, hob die H\u00e4nde an die Brust, und sah in der Ferne die in Silber geh\u00fcllte Linie des Horizonts, ahnte H\u00fcgel, Strassen, kaum aufgetaut, brausende Wasser, Br\u00fccken \u00fcber Schluchten und steile Berggipfel, die sich in die blau durchwogten Gew\u00f6lbe hoben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich \u00f6ffne die Augen. Das Zimmer ist schlecht erhellt, aber es ist jetzt warm geworden, der weisse Ofen knistert, als ob man darin Tannenzweige verbrenne. Wenn ich morgen in den Wald gehe, will ich ein paar Zweige zur\u00fcckbringen und sie in die Flammen halten, das gibt einen weihnachtlichen Geruch. Ich werde dann Heimweh haben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich richte mich in meinem Bett auf. Vielleicht geht es mir besser. Aber das Zimmer dreht sich vor meinen Augen, ich falle wieder auf mein Kissen zur\u00fcck. Ich m\u00fcsste eigentlich entmutigt sein, ich bin vielleicht zu schwach, um \u00fcberhaupt etwas zu empfinden. Das Zimmer ist so h\u00e4sslich. Ach, wenn doch Willy hier w\u00e4re! Ich m\u00f6chte wissen, wer vorher in diesen schlechten Betten geschlafen hat.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es gibt hier zwei Betten, und ich bin doch ganz allein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a name=\"page030\"><\/a>Ich halte den Schreibblock auf den Knien, und die Buchstaben tanzen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bald werde ich zu m\u00fcde sein, um weiter zu schreiben, und ich bin noch nicht bis zu meinem Thema gelangt. Denn ich habe doch ein Thema. Ich will die Geschichte einer Liebe niederschreiben, aber ich lasse mich immer wieder ablenken und spreche nur von mir. Wahrscheinlich liegt es daran, dass ich krank bin. Ich kann mich zu nichts \u00fcberwinden. Ich bin auch noch in den Stoff meiner Arbeit verstrickt, ich hatte mich in abwegige Gegenden verirrt, jetzt m\u00f6chte ich in das Leben zur\u00fcckkehren. Ich m\u00f6chte mich wieder an den Ablauf der Tage gew\u00f6hnen, an Essen und Trinken und gesunden Schlaf.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich bin deshalb weggegangen, aber ich h\u00e4tte in diesem Augenblick nicht krank werden d\u00fcrfen. Jetzt werde ich mehr denn je in die seltsamsten Verstrickungen zur\u00fcckgeworfen. Und ich schreibe wieder. Damit habe ich in all diesen Wochen eigentlich nicht aufgeh\u00f6rt, ich habe \u00fcber mich selbst gebeugt gelebt, das ist mir nicht gut bekommen. Von Sibylle weiss ich eigentlich nichts, ich habe es vers\u00e4umt, \u00fcber sie nachzudenken. Oder \u00fcber Willy\u00a0.\u00a0.\u00a0.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber kann man \u00fcber Sibylle nachdenken?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Denke ich \u00fcber die Waffe nach, die mich verwundet hat?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(\u00abEine Waffe warst du, Sibylle, aber in wessen H\u00e4nden.\u00ab)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Lyrische Novelle<\/strong>, von Annemarie Schwarzenbach, Erstdruck: Berlin, Rowohlt 1933<\/p>\n<div id=\"attachment_88372\" style=\"width: 222px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/AnnemarieSchwarzenbach.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-88372\" class=\"wp-image-88372 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/AnnemarieSchwarzenbach-212x300.jpg\" alt=\"\" width=\"212\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/AnnemarieSchwarzenbach-212x300.jpg 212w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/AnnemarieSchwarzenbach-560x792.jpg 560w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/AnnemarieSchwarzenbach-260x368.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/AnnemarieSchwarzenbach-160x226.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/AnnemarieSchwarzenbach.jpg 640w\" sizes=\"auto, (max-width: 212px) 100vw, 212px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-88372\" class=\"wp-caption-text\">Annemarie Schwarzenbach: Selbstportr\u00e4t mit ihrer zwei\u00e4ugigen Rolleiflex Standard 621-Kamera (entstanden in den 1930er Jahren)<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die im Fr\u00fchling 1933 erstmals erschienene <em>Lyrische Novelle<\/em> stand im Schatten von Hitlers kurz zuvor erfolgter Machtergreifung. Die Aufnahme und Verbreitung des Buches wurde dadurch stark erschwert. Aber schon damals r\u00fchmte die Kritik die Musikalit\u00e4t und moderne Sachlichkeit der Sprache. Noch st\u00e4rker als in jener Zeit zieht der Text heute eine besondere Aufmerksamkeit auf sich: als eine fr\u00fche literarische Darstellung von lesbischer Liebe. Das Buch erz\u00e4hlt zwar von der ungl\u00fccklichen Liebe eines Mannes zu einer Frau. Doch die Autorin bekannte nach der Ver\u00f6ffentlichung: Zum besseren Verst\u00e4ndnis der Geschichte \u201eh\u00e4tte man eingestehen m\u00fcssen\u201c, dass der Held \u201ekein J\u00fcngling, sondern ein M\u00e4dchen\u201c sei.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In 2022 widmet sich KUNO der <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=19652\">Kunstform Novelle<\/a>. Diese Gattung lebt von der Schilderung der Realit\u00e4t im Bruchst\u00fcck.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Heute bin ich ungeduldig und beeile mich auf dem Heimweg, als k\u00f6nnte mich jemand erwarten. Und das ist doch nicht m\u00f6glich, niemand kennt meinen Aufenthalt, nicht einmal ein Brief kann mich erreichen. 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