{"id":88424,"date":"2022-08-07T00:01:36","date_gmt":"2022-08-06T22:01:36","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=88424"},"modified":"2022-02-24T14:37:21","modified_gmt":"2022-02-24T13:37:21","slug":"lyrische-novelle-10","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2022\/08\/07\/lyrische-novelle-10\/","title":{"rendered":"Lyrische Novelle 10"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es ist noch nicht sp\u00e4t, aber die Dunkelheit ist wie ein Vorhang \u00fcber das Land gesunken. Wenn ich an die Stadt denke, ist es mir, als habe ich dort ohne Ahnung von der Welt gelebt, ich weiss nicht, wie ich die Enge, die grausame Gleichf\u00f6rmigkeit der W\u00e4nde, die bange Verschlossenheit der H\u00e4user und die \u00d6de der Strassen ertragen habe. Ich habe geschlafen, und kein Traum hat mich getr\u00f6stet, und wenn ich aufwachte, war ich m\u00fcde. Dann sass ich am Schreibtisch, und es wurde schon wieder dunkel, und die Scheinwerfer der Wagen glitten vor meinem Fenster auf und nieder. \u2013 Nachts wurde es immer sehr sp\u00e4t. Manchmal begann die D\u00e4mmerung, w\u00e4hrend ich nach Hause fuhr. Zuerst war es dunkel, und die Scheinwerfer warfen sich leuchtend auf den schw\u00e4rzlichen Asphalt. Dann verblassten sie langsam, die Strasse wurde hell und ihr Glanz ermattete. Der Himmel zwischen den B\u00e4umen des Tiergartens war grau durchwogt, Wolken, sackf\u00f6rmige Gebilde, Schleier und Keile schoben sich in das weichende Schwarz, die St\u00e4mme erschienen silbrig, zwischen den \u00c4sten tanzten die Wellen der D\u00e4mmerung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich sehnte mich nach dem Anblick der Sonne, die jetzt irgendwo glanzvoll emporstieg. Aber in der Stadt sah man sie nicht. Ein wenig Rot war am Himmel, dort war Osten. Alles blieb still.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich hielt vor dem Haus, in welchem ich wohnte. Ein sanfter Wind fiel \u00fcber mich her und erfrischte mein Gesicht. Es war der Morgenwind. Bald w\u00fcrde er im L\u00e4rm der Stadt untergehen, ihre Hast erstickte ihn. Ich ging ins Haus, fuhr im Fahrstuhl in den zweiten Stock, durchlief den Flur und schloss die T\u00fcr meiner Wohnung auf. Ich nahm mir kaum die Zeit, die Kleider auszuziehen, und sank dann in Schlaf.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Lyrische Novelle<\/strong>, von Annemarie Schwarzenbach, Erstdruck: Berlin, Rowohlt 1933<\/p>\n<div id=\"attachment_88372\" style=\"width: 222px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/AnnemarieSchwarzenbach.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-88372\" class=\"wp-image-88372 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/AnnemarieSchwarzenbach-212x300.jpg\" alt=\"\" width=\"212\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/AnnemarieSchwarzenbach-212x300.jpg 212w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/AnnemarieSchwarzenbach-560x792.jpg 560w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/AnnemarieSchwarzenbach-260x368.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/AnnemarieSchwarzenbach-160x226.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/AnnemarieSchwarzenbach.jpg 640w\" sizes=\"auto, (max-width: 212px) 100vw, 212px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-88372\" class=\"wp-caption-text\">Annemarie Schwarzenbach: Selbstportr\u00e4t mit ihrer zwei\u00e4ugigen Rolleiflex Standard 621-Kamera (entstanden in den 1930er Jahren)<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die im Fr\u00fchling 1933 erstmals erschienene <em>Lyrische Novelle<\/em> stand im Schatten von Hitlers kurz zuvor erfolgter Machtergreifung. Die Aufnahme und Verbreitung des Buches wurde dadurch stark erschwert. Aber schon damals r\u00fchmte die Kritik die Musikalit\u00e4t und moderne Sachlichkeit der Sprache. Noch st\u00e4rker als in jener Zeit zieht der Text heute eine besondere Aufmerksamkeit auf sich: als eine fr\u00fche literarische Darstellung von lesbischer Liebe. Das Buch erz\u00e4hlt zwar von der ungl\u00fccklichen Liebe eines Mannes zu einer Frau. Doch die Autorin bekannte nach der Ver\u00f6ffentlichung: Zum besseren Verst\u00e4ndnis der Geschichte \u201eh\u00e4tte man eingestehen m\u00fcssen\u201c, dass der Held \u201ekein J\u00fcngling, sondern ein M\u00e4dchen\u201c sei.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In 2022 widmet sich KUNO der <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=19652\">Kunstform Novelle<\/a>. Diese Gattung lebt von der Schilderung der Realit\u00e4t im Bruchst\u00fcck.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Es ist noch nicht sp\u00e4t, aber die Dunkelheit ist wie ein Vorhang \u00fcber das Land gesunken. 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