{"id":88416,"date":"2022-07-29T00:01:46","date_gmt":"2022-07-28T22:01:46","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=88416"},"modified":"2022-02-24T14:21:41","modified_gmt":"2022-02-24T13:21:41","slug":"lyrische-novelle-8","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2022\/07\/29\/lyrische-novelle-8\/","title":{"rendered":"Lyrische Novelle 8"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber damit war es bald vorbei. Und dann verbrachte ich den ganzen Tag in einer beinahe unertr\u00e4glichen Ungeduld.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Erst wenn der Abend begann, tr\u00f6stete ich mich, die Lichter flammten auf, und jetzt erwachte Sibylle.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ihren Namen zu denken, erf\u00fcllte mich mit entz\u00fcckter Bedr\u00e4ngnis. Ich verliess die Bibliothek, ging nach Hause, nahm ein Bad und zog mich um. Gew\u00f6hnlich ging ich zu Freunden zum Abendessen. Ich beteiligte mich an ihren Gespr\u00e4chen, es waren gebildete und freundliche Menschen, und die Abende vergingen rasch und angeregt. Ich verbarg meine Ungeduld, aber immer wenn ich auf meine Uhr sah, war es erst neun Uhr. Meistens unterhielt ich mich mit der Hausfrau, ich hatte sie sehr gern. Sie kannte meine Mutter.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber eines Abends war pl\u00f6tzlich alles ganz anders. Wir sprachen, glaube ich, \u00fcber das Deutsche Reich des Mittelalters, \u00fcber die Symbolkraft eines Namens, dem doch so wenig Realit\u00e4t zu Gebote gestanden habe. Da h\u00f6rte ich pl\u00f6tzlich meine Stimme wie die eines Fremden, Glut \u00fcberfiel mich, absichtslos fl\u00fcsterte ich Sibylles Namen, sah die unendliche Blassheit ihres Antlitzes hinter dem Saalfenster auftauchen, lief an das Fenster und riss den Vorhang zur\u00fcck.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a name=\"page022\"><\/a>Man betrachtete mich erstaunt. Was war geschehen?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nichts, Sibylles Gesicht. Und was wussten sie davon, grenzenlose Fremdheit riss uns pl\u00f6tzlich auseinander, fremde Menschen sahen mich an, \u00fcberall brach der Boden zwischen uns ein, das Licht tr\u00fcbte sich, ihre Gespr\u00e4che gelangten nicht mehr an mein Ohr, jetzt entschwanden sie selbst, und ich konnte nichts dagegen tun\u00a0.\u00a0.\u00a0.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich erinnerte mich, im Bayreuther Festspielhaus h\u00e4ufig eine besondere Art des Szenenwechsels gesehen zu haben:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">W\u00e4hrend die Musik weiterspielte, blieb der Vorhang ge\u00f6ffnet, aber dicht hinter der Rampe stiegen D\u00e4mpfe auf, von buntem Licht durchleuchtet, sie verdichteten sich, flossen in weisslichen Str\u00f6men ineinander und bildeten immer undurchdringlichere W\u00e4nde, hinter denen die Szene unmerklich versank. Dann wurde es still, die Nebel verteilten sich, die B\u00fchne tauchte wieder auf, eine neue Landschaft lag da, von jungem Licht mild \u00fcbergl\u00e4nzt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich wurde etwas gefragt und antwortete, aber ich weiss nicht, ob ich vern\u00fcnftig antwortete.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich stand auf und ging vereinsamt auf die Hausfrau zu, die mir l\u00e4chelnd die Hand gab.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auf der Strasse atmete ich auf. Ich war einer Gefahr entronnen. Niemand hatte meine Flucht bemerkt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So war es: Ich war ihnen entglitten, der Abgrund hatte sich vor mir aufgetan, unwiderstehlich <a name=\"page023\"><\/a>angezogen hatte ich die Arme ausgebreitet und war hinabgest\u00fcrzt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein Junge schlich an mir vor\u00fcber, hielt den Kopf geduckt und schickte mir einen misstrauisch auffordernden Blick zu.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbSie lassen Ihren Wagen stehen?\u00ab fragte er. \u00bbSoll ich aufpassen?\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich nickte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbDu kennst wohl meinen Wagen schon?\u00ab sagte ich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dann sah ich auf meine Uhr.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbElf Uhr\u00ab, sagte der Junge. \u00bbElf Uhr\u00ab, sagte ich gl\u00fccklich. Und eilte zum Wagen zur\u00fcck. Als ich die Schl\u00fcssel aus der Tasche zog und mir den Weg zum Walltheater \u00fcberlegte, musste ich pl\u00f6tzlich Atem holen und mich mit der Hand auf das Verdeck st\u00fctzen. Der Junge beobachtete mich streng.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich schrie ihn an: \u00bbSteig ein\u00ab \u2013 und schloss die T\u00fcr auf.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dann packte ich den Jungen um die Schulter, presste ihn heftig an mich und schaltete gleichzeitig mit der linken Hand den Motor ein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er schwieg hartn\u00e4ckig und starrte mich in wortloser Ergebenheit an.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Lyrische Novelle<\/strong>, von Annemarie Schwarzenbach, Erstdruck: Berlin, Rowohlt 1933<\/p>\n<div id=\"attachment_88372\" style=\"width: 222px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/AnnemarieSchwarzenbach.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-88372\" class=\"wp-image-88372 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/AnnemarieSchwarzenbach-212x300.jpg\" alt=\"\" width=\"212\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/AnnemarieSchwarzenbach-212x300.jpg 212w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/AnnemarieSchwarzenbach-560x792.jpg 560w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/AnnemarieSchwarzenbach-260x368.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/AnnemarieSchwarzenbach-160x226.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/AnnemarieSchwarzenbach.jpg 640w\" sizes=\"auto, (max-width: 212px) 100vw, 212px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-88372\" class=\"wp-caption-text\">Annemarie Schwarzenbach: Selbstportr\u00e4t mit ihrer zwei\u00e4ugigen Rolleiflex Standard 621-Kamera (entstanden in den 1930er Jahren)<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die im Fr\u00fchling 1933 erstmals erschienene <em>Lyrische Novelle<\/em> stand im Schatten von Hitlers kurz zuvor erfolgter Machtergreifung. Die Aufnahme und Verbreitung des Buches wurde dadurch stark erschwert. Aber schon damals r\u00fchmte die Kritik die Musikalit\u00e4t und moderne Sachlichkeit der Sprache. Noch st\u00e4rker als in jener Zeit zieht der Text heute eine besondere Aufmerksamkeit auf sich: als eine fr\u00fche literarische Darstellung von lesbischer Liebe. Das Buch erz\u00e4hlt zwar von der ungl\u00fccklichen Liebe eines Mannes zu einer Frau. Doch die Autorin bekannte nach der Ver\u00f6ffentlichung: Zum besseren Verst\u00e4ndnis der Geschichte \u201eh\u00e4tte man eingestehen m\u00fcssen\u201c, dass der Held \u201ekein J\u00fcngling, sondern ein M\u00e4dchen\u201c sei.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In 2022 widmet sich KUNO der <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=19652\">Kunstform Novelle<\/a>. Diese Gattung lebt von der Schilderung der Realit\u00e4t im Bruchst\u00fcck.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Aber damit war es bald vorbei. Und dann verbrachte ich den ganzen Tag in einer beinahe unertr\u00e4glichen Ungeduld. Erst wenn der Abend begann, tr\u00f6stete ich mich, die Lichter flammten auf, und jetzt erwachte Sibylle. 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