{"id":88412,"date":"2022-07-19T00:01:20","date_gmt":"2022-07-18T22:01:20","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=88412"},"modified":"2022-02-24T14:04:16","modified_gmt":"2022-02-24T13:04:16","slug":"lyrische-novelle-7","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2022\/07\/19\/lyrische-novelle-7\/","title":{"rendered":"Lyrische Novelle 7"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich arbeitete sehr regelm\u00e4ssig, bevor ich Sibylle kannte. Ich stand um sieben Uhr auf, und wenn ich kein Kolleg zu h\u00f6ren hatte, ging ich um halb neun Uhr in die grosse Bibliothek. Am Morgen waren viele Pl\u00e4tze leer, ich bekam meine B\u00fccher sehr rasch und begann zu lesen. Der Lesesaal ist halbrund und d\u00fcster erleuchtet, und die Pulte sind im Halbkreis wie um den Platz eines Redners geordnet. Ich hatte immer die Vorstellung, dass dort, im Mittelpunkt des Saales, ein Redner stehen m\u00fcsste, ein gewaltiger Mann, auf den wir unsere Augen unwillk\u00fcrlich richten w\u00fcrden, und dass es uns eine Beruhigung sein w\u00fcrde, ihn dort zu wissen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mein Platz befand sich auf der linken Seite, nahe den Fenstern, die von schweren Vorh\u00e4ngen verh\u00fcllt waren. Nur an hellen Nachmittagen wurden die Vorh\u00e4nge zur\u00fcckgezogen, dann drang ein wenig Sonne in den Saal und glitt z\u00f6gernd und farblos \u00fcber den Boden. Ich konnte nicht hinaussehen, aber der L\u00e4rm der Strasse drang herauf und verlockte mich. Ich stellte mir vor, dass unten die Wagen hin und her fuhren und sich \u00fcberholten, dass die Leute in die Restaurants eilten, Zeitungen lasen und sich behaglich f\u00fchlten, und ich packte meine B\u00fccher zusammen und ging weg.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Niemand k\u00fcmmerte sich darum. Jeder war hier <a name=\"page020\"><\/a>f\u00fcr sich und schenkte dem anderen keine Beachtung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich ging dann in ein Restaurant und bestellte etwas zu essen. Und fast immer war ich sehr hungrig.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Lyrische Novelle<\/strong>, von Annemarie Schwarzenbach, Erstdruck: Berlin, Rowohlt 1933<\/p>\n<div id=\"attachment_88372\" style=\"width: 222px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/AnnemarieSchwarzenbach.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-88372\" class=\"wp-image-88372 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/AnnemarieSchwarzenbach-212x300.jpg\" alt=\"\" width=\"212\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/AnnemarieSchwarzenbach-212x300.jpg 212w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/AnnemarieSchwarzenbach-560x792.jpg 560w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/AnnemarieSchwarzenbach-260x368.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/AnnemarieSchwarzenbach-160x226.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/AnnemarieSchwarzenbach.jpg 640w\" sizes=\"auto, (max-width: 212px) 100vw, 212px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-88372\" class=\"wp-caption-text\">Annemarie Schwarzenbach: Selbstportr\u00e4t mit ihrer zwei\u00e4ugigen Rolleiflex Standard 621-Kamera (entstanden in den 1930er Jahren)<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die im Fr\u00fchling 1933 erstmals erschienene <em>Lyrische Novelle<\/em> stand im Schatten von Hitlers kurz zuvor erfolgter Machtergreifung. Die Aufnahme und Verbreitung des Buches wurde dadurch stark erschwert. Aber schon damals r\u00fchmte die Kritik die Musikalit\u00e4t und moderne Sachlichkeit der Sprache. Noch st\u00e4rker als in jener Zeit zieht der Text heute eine besondere Aufmerksamkeit auf sich: als eine fr\u00fche literarische Darstellung von lesbischer Liebe. Das Buch erz\u00e4hlt zwar von der ungl\u00fccklichen Liebe eines Mannes zu einer Frau. Doch die Autorin bekannte nach der Ver\u00f6ffentlichung: Zum besseren Verst\u00e4ndnis der Geschichte \u201eh\u00e4tte man eingestehen m\u00fcssen\u201c, dass der Held \u201ekein J\u00fcngling, sondern ein M\u00e4dchen\u201c sei.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In 2022 widmet sich KUNO der <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=19652\">Kunstform Novelle<\/a>. Diese Gattung lebt von der Schilderung der Realit\u00e4t im Bruchst\u00fcck.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Ich arbeitete sehr regelm\u00e4ssig, bevor ich Sibylle kannte. Ich stand um sieben Uhr auf, und wenn ich kein Kolleg zu h\u00f6ren hatte, ging ich um halb neun Uhr in die grosse Bibliothek. 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