{"id":88406,"date":"2022-07-08T00:01:30","date_gmt":"2022-07-07T22:01:30","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=88406"},"modified":"2022-02-24T13:55:08","modified_gmt":"2022-02-24T12:55:08","slug":"lyrische-novelle-6","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2022\/07\/08\/lyrische-novelle-6\/","title":{"rendered":"Lyrische Novelle 6"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In Marseille kannte ich ein M\u00e4dchen, man nannte sie Angelface. Eigentlich kannte ich sie kaum, denn ich sah sie nur in der Nacht, ein einziges Mal, und da stand sie in ihrem Zimmer und dachte, dass wir Einbrecher sein m\u00fcssten, Manuel und ich. Sie schlief zu ebener Erde in einem h\u00e4sslichen Haus. Das Dorf war zwei Bahnstationen von Marseille entfernt, ihre Mutter wohnte da, und wenn das M\u00e4dchen genug hatte von der Stadt, von den Kneipen und von den Matrosen, ging sie zu ihr zur\u00fcck und lebte still wie ein wohlerzogenes M\u00e4dchen. Deshalb nannte man sie wohl Angelface.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber wir sagten dazu: \u00bbOder die Hafendirne von Marseille.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Manuel und ich waren in einem Fordwagen unterwegs. Wir fuhren dem Meer entlang, es war mitten in der Nacht, und wir wollten nach Marseille zur\u00fcck. Ich war hungrig, deshalb hielten wir vor dem Haus, wo Angelface wohnte, und weckten sie.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Manuel kniete auf der Erde und hatte die Arme gegen die Mauer gest\u00fctzt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbAngelface!\u00ab rief er.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Niemand antwortete. Dann kam sie durch das Zimmer, man sah nichts als einen weissen Schatten, der auf das Fenster zuglitt. Und dann presste sie ihr weisses Gesicht gegen das dichte Drahtnetz, das das Fenster gegen Moskitos sch\u00fctzte. Ich konnte <a name=\"page018\"><\/a>ihre Z\u00fcge nicht unterscheiden, aber die Knie wankten mir.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbIch bin es\u00ab, sagte Manuel.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbWer ist bei dir?\u00ab fragte Angelface.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbMein Freund\u00ab, sagte Manuel.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbWie alt ist er?\u00ab fragte Angelface.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbZwanzig Jahre alt\u00ab, sagte Manuel. \u00bbUnd wir m\u00f6chten etwas essen.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbIch kann euch nicht hereinlassen\u00ab, sagte Angelface. \u00bbMeine Mutter wacht so leicht auf. Aber ich werde ein paar Brote f\u00fcr euch streichen.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich ging zum Wagen zur\u00fcck und wartete auf Manuel. Dann brachte er die Brote, und wir fuhren weiter.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbLiebst du denn Angelface?\u00ab fragte mich Manuel. Und dann sagte er kalt: \u00bbEs ist nicht sehr originell, sie zu lieben.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das war vor einem halben Jahr.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Manuel und ich schreiben uns nie. Aber durch einen Freund liess er mir sagen, dass Angelface sich erschossen habe.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und jetzt denke ich, dass es nicht sehr originell sei, Sibylle zu lieben. Ich denke, dass ihr niemand widerstehen kann.\u00a0\u2013<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Lyrische Novelle<\/strong>, von Annemarie Schwarzenbach, Erstdruck: Berlin, Rowohlt 1933<\/p>\n<div id=\"attachment_88372\" style=\"width: 222px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/AnnemarieSchwarzenbach.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-88372\" class=\"wp-image-88372 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/AnnemarieSchwarzenbach-212x300.jpg\" alt=\"\" width=\"212\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/AnnemarieSchwarzenbach-212x300.jpg 212w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/AnnemarieSchwarzenbach-560x792.jpg 560w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/AnnemarieSchwarzenbach-260x368.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/AnnemarieSchwarzenbach-160x226.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/AnnemarieSchwarzenbach.jpg 640w\" sizes=\"auto, (max-width: 212px) 100vw, 212px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-88372\" class=\"wp-caption-text\">Annemarie Schwarzenbach: Selbstportr\u00e4t mit ihrer zwei\u00e4ugigen Rolleiflex Standard 621-Kamera (entstanden in den 1930er Jahren)<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die im Fr\u00fchling 1933 erstmals erschienene <em>Lyrische Novelle<\/em> stand im Schatten von Hitlers kurz zuvor erfolgter Machtergreifung. Die Aufnahme und Verbreitung des Buches wurde dadurch stark erschwert. Aber schon damals r\u00fchmte die Kritik die Musikalit\u00e4t und moderne Sachlichkeit der Sprache. Noch st\u00e4rker als in jener Zeit zieht der Text heute eine besondere Aufmerksamkeit auf sich: als eine fr\u00fche literarische Darstellung von lesbischer Liebe. Das Buch erz\u00e4hlt zwar von der ungl\u00fccklichen Liebe eines Mannes zu einer Frau. Doch die Autorin bekannte nach der Ver\u00f6ffentlichung: Zum besseren Verst\u00e4ndnis der Geschichte \u201eh\u00e4tte man eingestehen m\u00fcssen\u201c, dass der Held \u201ekein J\u00fcngling, sondern ein M\u00e4dchen\u201c sei.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In 2022 widmet sich KUNO der <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=19652\">Kunstform Novelle<\/a>. Diese Gattung lebt von der Schilderung der Realit\u00e4t im Bruchst\u00fcck.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; In Marseille kannte ich ein M\u00e4dchen, man nannte sie Angelface. 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