{"id":88401,"date":"2022-06-29T00:01:33","date_gmt":"2022-06-28T22:01:33","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=88401"},"modified":"2022-06-28T13:48:43","modified_gmt":"2022-06-28T11:48:43","slug":"lyrische-novelle-5","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2022\/06\/29\/lyrische-novelle-5\/","title":{"rendered":"Lyrische Novelle 5"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich bin den ganzen Nachmittag im Wald gewesen. Zuerst lief ich gegen den Wind \u00fcber ein grosses Feld, es war anstrengend, ich fror, und der Waldrand war wie ein Obdach. Nirgends war ein Mensch, ich blieb einmal stehen und sah mich um, und die herbstliche Verlassenheit der Landschaft d\u00e4mpfte meine Traurigkeit. Der Himmel war grau, von dunkleren Wolken durchjagt, Regenschauer gingen strichweise auf die Erde nieder. Und die Erde nahm sie gelassen auf.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich ging weiter, und die schweren Erdschollen hemmten mich. Aber dann war ich im Wald, Laub raschelte, nackte Str\u00e4ucher streiften mich, ich bog sie auseinander, der Wind hatte sich pl\u00f6tzlich gelegt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dicht vor mir sprang lautlos ein Tier empor, es war ein grosser graubrauner Hase, er schnellte geschmeidig \u00fcber die Wurzeln, duckte sich zusammen und verschwand dann pfeilschnell im Waldinnern. Ich sah sein Nest, rund ausgelegt unter den Str\u00e4uchern, b\u00fcckte mich und legte die H\u00e4nde auf die Stelle, wo sein pelzumh\u00fcllter K\u00f6rper gelegen war. Eine Spur von tierischer W\u00e4rme war zur\u00fcckgeblieben, die ich mit unbekannter Ersch\u00fctterung empfand. Ich neigte mein Gesicht und schmiegte es an diese Stelle, und es war ein winziges Atmen und beinahe wie eine menschliche Brust.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a name=\"page016\"><\/a>Ich komme von den Feldern zur\u00fcck. Die Erde klebt an meinen Schuhen, darum gehe ich langsam, wie ein Bauer. Manchmal vergesse ich, warum ich hier bin, auf der Flucht sozusagen, und bilde mir ein, schon lange hier gelebt zu haben. Aber wenn ich ein wirklicher Bauer w\u00e4re, w\u00fcsste ich, was auf diesen Feldern ges\u00e4t, wieviel geerntet wird und welcher Boden der fruchtbarste ist. Das weiss ich alles nicht. Ich denke manchmal, dass den Bauern ihr Wissen vom Himmel kommt, weil sie fromm und von den Gewalten des Himmels abh\u00e4ngig sind. Ich gehe wie ein Fremder \u00fcber die Felder und bin nur geduldet. Jetzt hasse ich mich pl\u00f6tzlich, weil ich ohne Verpflichtung bin. Hier, auf dem Lande, verstehe ich Gides \u00bbImmoraliste\u00ab und bin ihm verwandt, mit gleicher S\u00fcnde beladen, einer feindlichen, imagin\u00e4ren und fruchtlosen Freiheit ausgeliefert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u2013 Die Leute wissen ja nicht, was S\u00fcnde ist. \u2013<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ja, nun sch\u00e4me ich mich vieler Dinge und w\u00fcrde gern Gott um Verzeihung bitten. Wenn ich nur fromm w\u00e4re.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Lyrische Novelle<\/strong>, von Annemarie Schwarzenbach, Erstdruck: Berlin, Rowohlt 1933<\/p>\n<div id=\"attachment_88372\" style=\"width: 222px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/AnnemarieSchwarzenbach.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-88372\" class=\"wp-image-88372 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/AnnemarieSchwarzenbach-212x300.jpg\" alt=\"\" width=\"212\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/AnnemarieSchwarzenbach-212x300.jpg 212w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/AnnemarieSchwarzenbach-560x792.jpg 560w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/AnnemarieSchwarzenbach-260x368.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/AnnemarieSchwarzenbach-160x226.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/AnnemarieSchwarzenbach.jpg 640w\" sizes=\"auto, (max-width: 212px) 100vw, 212px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-88372\" class=\"wp-caption-text\">Annemarie Schwarzenbach: Selbstportr\u00e4t mit ihrer zwei\u00e4ugigen Rolleiflex Standard 621-Kamera (entstanden in den 1930er Jahren)<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die im Fr\u00fchling 1933 erstmals erschienene <em>Lyrische Novelle<\/em> stand im Schatten von Hitlers kurz zuvor erfolgter Machtergreifung. Die Aufnahme und Verbreitung des Buches wurde dadurch stark erschwert. Aber schon damals r\u00fchmte die Kritik die Musikalit\u00e4t und moderne Sachlichkeit der Sprache. Noch st\u00e4rker als in jener Zeit zieht der Text heute eine besondere Aufmerksamkeit auf sich: als eine fr\u00fche literarische Darstellung von lesbischer Liebe. Das Buch erz\u00e4hlt zwar von der ungl\u00fccklichen Liebe eines Mannes zu einer Frau. Doch die Autorin bekannte nach der Ver\u00f6ffentlichung: Zum besseren Verst\u00e4ndnis der Geschichte \u201eh\u00e4tte man eingestehen m\u00fcssen\u201c, dass der Held \u201ekein J\u00fcngling, sondern ein M\u00e4dchen\u201c sei.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In 2022 widmet sich KUNO der <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=19652\">Kunstform Novelle<\/a>. Diese Gattung lebt von der Schilderung der Realit\u00e4t im Bruchst\u00fcck.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Ich bin den ganzen Nachmittag im Wald gewesen. Zuerst lief ich gegen den Wind \u00fcber ein grosses Feld, es war anstrengend, ich fror, und der Waldrand war wie ein Obdach. 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