{"id":88397,"date":"2022-06-22T00:01:29","date_gmt":"2022-06-21T22:01:29","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=88397"},"modified":"2022-06-22T04:20:49","modified_gmt":"2022-06-22T02:20:49","slug":"lyrische-novelle-4","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2022\/06\/22\/lyrische-novelle-4\/","title":{"rendered":"Lyrische Novelle 4"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es ist schade um die Menschen, sagt Strindberg. Vor einigen Monaten sass ich mit einem Dichter zusammen in einem Berliner Kaffeehaus, wir redeten begeistert und begeisterten uns immer mehr an unserem gegenseitigen Einverst\u00e4ndnis. Er war viele Jahre \u00e4lter als ich, ich h\u00e4tte beinahe sein Sohn sein k\u00f6nnen. Er beugte sich \u00fcber den kleinen Tisch und hielt meine H\u00e4nde fest, er schleuderte mir seine Ekstase, seinen Optimismus, seine rausch\u00e4hnliche Freude wie Flammen entgegen. \u00bbSie sind die Jugend\u00ab, sagte er, \u00bbdie einzige Jugend, der ich die Zukunft und den Sieg \u00fcber uns nicht missg\u00f6nne\u00a0\u2013\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Seine Worte ern\u00fcchterten mich ein wenig. Er schien es augenblicklich zu empfinden, er liess meine H\u00e4nde los, sah mir eindringlich ins Gesicht und sagte:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbWissen Sie denn, wie liebenswert und wie gef\u00e4hrdet Sie sind? Sie sind auf einmal so blass, sagen Sie, was ich f\u00fcr Sie tun kann.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Man sagt mir oft, dass ich gef\u00e4hrdet sei. Vielleicht liegt es an meiner zu grossen Jugend\u00a0\u2013<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Damals lachte ich dar\u00fcber. \u00bbIch liebe die Gefahr\u00ab, sagte ich, und ich f\u00fchlte, dass mir die Freude aus den Augen leuchtete.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbJetzt muss ich gehen\u00ab, sagte ich, es war Mitternacht, ich verliess ihn in Eile, fast ohne Abschied <a name=\"page014\"><\/a>zu nehmen. Unter der T\u00fcr kam mir das Unschickliche meines Verhaltens zum Bewusstsein, ich eilte zur\u00fcck, presste seine H\u00e4nde und sagte: \u00bbVerzeihen Sie, ich warte seit zwei Tagen auf eine grosse Gefahr\u00a0.\u00a0.\u00a0.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbGehen Sie\u00ab, sagte er l\u00e4chelnd, \u00bbbestehen Sie sie\u00a0.\u00a0.\u00a0.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich habe sie aber nicht bestanden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Lyrische Novelle<\/strong>, von Annemarie Schwarzenbach, Erstdruck: Berlin, Rowohlt 1933<\/p>\n<div id=\"attachment_88372\" style=\"width: 222px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/AnnemarieSchwarzenbach.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-88372\" class=\"wp-image-88372 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/AnnemarieSchwarzenbach-212x300.jpg\" alt=\"\" width=\"212\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/AnnemarieSchwarzenbach-212x300.jpg 212w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/AnnemarieSchwarzenbach-560x792.jpg 560w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/AnnemarieSchwarzenbach-260x368.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/AnnemarieSchwarzenbach-160x226.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/AnnemarieSchwarzenbach.jpg 640w\" sizes=\"auto, (max-width: 212px) 100vw, 212px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-88372\" class=\"wp-caption-text\">Annemarie Schwarzenbach: Selbstportr\u00e4t mit ihrer zwei\u00e4ugigen Rolleiflex Standard 621-Kamera (entstanden in den 1930er Jahren)<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die im Fr\u00fchling 1933 erstmals erschienene <em>Lyrische Novelle<\/em> stand im Schatten von Hitlers kurz zuvor erfolgter Machtergreifung. Die Aufnahme und Verbreitung des Buches wurde dadurch stark erschwert. Aber schon damals r\u00fchmte die Kritik die Musikalit\u00e4t und moderne Sachlichkeit der Sprache. Noch st\u00e4rker als in jener Zeit zieht der Text heute eine besondere Aufmerksamkeit auf sich: als eine fr\u00fche literarische Darstellung von lesbischer Liebe. Das Buch erz\u00e4hlt zwar von der ungl\u00fccklichen Liebe eines Mannes zu einer Frau. Doch die Autorin bekannte nach der Ver\u00f6ffentlichung: Zum besseren Verst\u00e4ndnis der Geschichte \u201eh\u00e4tte man eingestehen m\u00fcssen\u201c, dass der Held \u201ekein J\u00fcngling, sondern ein M\u00e4dchen\u201c sei.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In 2022 widmet sich KUNO der <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=19652\">Kunstform Novelle<\/a>. Diese Gattung lebt von der Schilderung der Realit\u00e4t im Bruchst\u00fcck.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Es ist schade um die Menschen, sagt Strindberg. Vor einigen Monaten sass ich mit einem Dichter zusammen in einem Berliner Kaffeehaus, wir redeten begeistert und begeisterten uns immer mehr an unserem gegenseitigen Einverst\u00e4ndnis. 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