{"id":88395,"date":"2022-06-12T00:01:35","date_gmt":"2022-06-11T22:01:35","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=88395"},"modified":"2022-06-11T18:49:05","modified_gmt":"2022-06-11T16:49:05","slug":"lyrische-novelle-3","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2022\/06\/12\/lyrische-novelle-3\/","title":{"rendered":"Lyrische Novelle 3"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Fr\u00fcher hatte ich immer das Bed\u00fcrfnis, mich allen Menschen zu erkl\u00e4ren, um mit allen im Einverst\u00e4ndnis leben zu k\u00f6nnen. Und ich hasste doch alle Geschw\u00e4tzigkeit. Ich weiss aber nicht, ob ich sie hasste, weil ich ihr immer wieder verfiel, oder weil ich einsah, wie vergeblich alle Versuche sind, sich selbst den besten Freunden verst\u00e4ndlich zu machen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich sage \u00bbfr\u00fcher\u00ab und meine damit die Zeit, die drei Monate zur\u00fcckliegt. Ich habe mich immer gegen alle \u00e4usseren Periodisierungen gewehrt, weil ich aufgedr\u00e4ngte Disziplin verabscheute. Jetzt muss ich mich an Freiwilligkeit gew\u00f6hnen, und es ist, als sei ich in einer einzigen Nacht erwachsen geworden. In dieser Nacht h\u00e4tte ich Sibylle im Walltheater sehen k\u00f6nnen, ich hatte ja die Wahl. Aber ich bin dann weggefahren. Und vor dieser Nacht h\u00e4tte ich es hier keinen Tag ausgehalten. Ich wusste nichts von Alleinsein. Ich halte es sogar aus, von meinen Freunden missverstanden zu werden. Es war tats\u00e4chlich bisher mein einziger Wunsch, mich ihres Wohlwollens zu versichern, und ich verschwendete daf\u00fcr meine ganze Liebensw\u00fcrdigkeit. Und noch viel mehr.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Damit bin ich jetzt zu Ende. Wer weiss, was daraus entsteht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Lyrische Novelle<\/strong>, von Annemarie Schwarzenbach, Erstdruck: Berlin, Rowohlt 1933<\/p>\n<div id=\"attachment_88372\" style=\"width: 222px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/AnnemarieSchwarzenbach.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-88372\" class=\"wp-image-88372 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/AnnemarieSchwarzenbach-212x300.jpg\" alt=\"\" width=\"212\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/AnnemarieSchwarzenbach-212x300.jpg 212w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/AnnemarieSchwarzenbach-560x792.jpg 560w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/AnnemarieSchwarzenbach-260x368.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/AnnemarieSchwarzenbach-160x226.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/AnnemarieSchwarzenbach.jpg 640w\" sizes=\"auto, (max-width: 212px) 100vw, 212px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-88372\" class=\"wp-caption-text\">Annemarie Schwarzenbach: Selbstportr\u00e4t mit ihrer zwei\u00e4ugigen Rolleiflex Standard 621-Kamera (entstanden in den 1930er Jahren)<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die im Fr\u00fchling 1933 erstmals erschienene <em>Lyrische Novelle<\/em> stand im Schatten von Hitlers kurz zuvor erfolgter Machtergreifung. Die Aufnahme und Verbreitung des Buches wurde dadurch stark erschwert. Aber schon damals r\u00fchmte die Kritik die Musikalit\u00e4t und moderne Sachlichkeit der Sprache. Noch st\u00e4rker als in jener Zeit zieht der Text heute eine besondere Aufmerksamkeit auf sich: als eine fr\u00fche literarische Darstellung von lesbischer Liebe. Das Buch erz\u00e4hlt zwar von der ungl\u00fccklichen Liebe eines Mannes zu einer Frau. Doch die Autorin bekannte nach der Ver\u00f6ffentlichung: Zum besseren Verst\u00e4ndnis der Geschichte \u201eh\u00e4tte man eingestehen m\u00fcssen\u201c, dass der Held \u201ekein J\u00fcngling, sondern ein M\u00e4dchen\u201c sei.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In 2022 widmet sich KUNO der <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=19652\">Kunstform Novelle<\/a>. Diese Gattung lebt von der Schilderung der Realit\u00e4t im Bruchst\u00fcck.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Fr\u00fcher hatte ich immer das Bed\u00fcrfnis, mich allen Menschen zu erkl\u00e4ren, um mit allen im Einverst\u00e4ndnis leben zu k\u00f6nnen. Und ich hasste doch alle Geschw\u00e4tzigkeit. 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