{"id":88386,"date":"2022-06-06T00:01:18","date_gmt":"2022-06-05T22:01:18","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=88386"},"modified":"2022-02-24T13:41:15","modified_gmt":"2022-02-24T12:41:15","slug":"lyrische-novelle-2","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2022\/06\/06\/lyrische-novelle-2\/","title":{"rendered":"Lyrische Novelle 2"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Am schmerzlichsten ist es mir, dass ich weggefahren bin, ohne von meinem Freund Magnus Abschied genommen zu haben. Er ist krank, jetzt liegt er schon seit drei Wochen, und ich habe ihn sehr vernachl\u00e4ssigt. Ich sah ihn vor einigen Tagen, da ging es ihm ziemlich schlecht. Er lag im Hinterraum seines Ateliers, der Arzt war gerade bei ihm und sch\u00fcttelte mir die Hand. Er untersuchte ihn schweigend, betrachtete die Fieberkurve und gab dem kleinen Portierssohn Anweisungen. Der Portierssohn ist ein blasser und magerer Bursche von etwa achtzehn Jahren, er kocht f\u00fcr Magnus und hat jetzt schon die ganze Pflege \u00fcbernommen. Wenn Besuch kommt, f\u00fchrt er ihn selbst in das Atelier und verschwindet dann in der K\u00fcche. Dort bleibt er, bis Magnus ihn ruft. Er ist ihm sehr ergeben .\u00a0.\u00a0. Der Arzt gab ihm ein Rezept und schickte ihn in die Apotheke. \u00bbEin braver Junge\u00ab, sagte er zu mir. Und Magnus l\u00e4chelte, und meine Zugeh\u00f6rigkeit wurde einfach \u00fcbersehen. Der Arzt ging fort, und ich wartete, bis der Junge aus der Apotheke zur\u00fcck war.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbHast du noch Geld?\u00ab fragte ich Magnus.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbHaben wir noch Geld?\u00ab fragte Magnus den Jungen. Der antwortete: \u00bbDu hast mir gestern zehn Mark gegeben, damit reichen wir vorl\u00e4ufig.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie sagten sich du.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a name=\"page011\"><\/a>Ich ging dann weg, und ein paar Tage sp\u00e4ter schickte mir Magnus eine Einladung zum englischen Botschafter, die er f\u00fcr mich bekommen hatte, und schrieb mir einen Brief dazu. Seither habe ich nichts mehr von ihm geh\u00f6rt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Lyrische Novelle<\/strong>, von Annemarie Schwarzenbach, Erstdruck: Berlin, Rowohlt 1933<\/p>\n<div id=\"attachment_88372\" style=\"width: 222px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/AnnemarieSchwarzenbach.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-88372\" class=\"wp-image-88372 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/AnnemarieSchwarzenbach-212x300.jpg\" alt=\"\" width=\"212\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/AnnemarieSchwarzenbach-212x300.jpg 212w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/AnnemarieSchwarzenbach-560x792.jpg 560w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/AnnemarieSchwarzenbach-260x368.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/AnnemarieSchwarzenbach-160x226.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/AnnemarieSchwarzenbach.jpg 640w\" sizes=\"auto, (max-width: 212px) 100vw, 212px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-88372\" class=\"wp-caption-text\">Annemarie Schwarzenbach: Selbstportr\u00e4t mit ihrer zwei\u00e4ugigen Rolleiflex Standard 621-Kamera (entstanden in den 1930er Jahren)<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die im Fr\u00fchling 1933 erstmals erschienene <em>Lyrische Novelle<\/em> stand im Schatten von Hitlers kurz zuvor erfolgter Machtergreifung. Die Aufnahme und Verbreitung des Buches wurde dadurch stark erschwert. Aber schon damals r\u00fchmte die Kritik die Musikalit\u00e4t und moderne Sachlichkeit der Sprache. Noch st\u00e4rker als in jener Zeit zieht der Text heute eine besondere Aufmerksamkeit auf sich: als eine fr\u00fche literarische Darstellung von lesbischer Liebe. Das Buch erz\u00e4hlt zwar von der ungl\u00fccklichen Liebe eines Mannes zu einer Frau. Doch die Autorin bekannte nach der Ver\u00f6ffentlichung: Zum besseren Verst\u00e4ndnis der Geschichte \u201eh\u00e4tte man eingestehen m\u00fcssen\u201c, dass der Held \u201ekein J\u00fcngling, sondern ein M\u00e4dchen\u201c sei.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In 2022 widmet sich KUNO der <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=19652\">Kunstform Novelle<\/a>. Diese Gattung lebt von der Schilderung der Realit\u00e4t im Bruchst\u00fcck.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Am schmerzlichsten ist es mir, dass ich weggefahren bin, ohne von meinem Freund Magnus Abschied genommen zu haben. Er ist krank, jetzt liegt er schon seit drei Wochen, und ich habe ihn sehr vernachl\u00e4ssigt. 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