{"id":88358,"date":"2022-05-23T00:01:01","date_gmt":"2022-05-22T22:01:01","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=88358"},"modified":"2022-05-08T05:14:52","modified_gmt":"2022-05-08T03:14:52","slug":"erinnerung-an-eine-umtriebige-schriftstellerin","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2022\/05\/23\/erinnerung-an-eine-umtriebige-schriftstellerin\/","title":{"rendered":"Erinnerung an eine umtriebige Schriftstellerin"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Annemarie Schwarzenbach hat sich schon als Kind gegen diese Genderrollen aufgelehnt, indem sie sich wie ihre Br\u00fcder angefangen hat anzuziehen. Sich Fritz genannt hat. Und sp\u00e4ter dann, als sie in die Pubert\u00e4t kam und als junge Frau dann, mit dieser Androgynit\u00e4t sehr gespielt.<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Alexis Schwarzenbach<\/span><\/p>\n<div id=\"attachment_88356\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/07\/Erika-Mann.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-88356\" class=\"wp-image-88356 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/07\/Erika-Mann-290x300.jpg\" alt=\"\" width=\"290\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/07\/Erika-Mann-290x300.jpg 290w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/07\/Erika-Mann-989x1024.jpg 989w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/07\/Erika-Mann-768x795.jpg 768w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/07\/Erika-Mann-560x580.jpg 560w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/07\/Erika-Mann-260x269.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/07\/Erika-Mann-160x166.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/07\/Erika-Mann.jpg 1158w\" sizes=\"auto, (max-width: 290px) 100vw, 290px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-88356\" class=\"wp-caption-text\">Erika Mann, Photo: Annemarie Schwarzenbach<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vor 114 Jahren wurde Annemarie Schwarzenbach in Z\u00fcrich geboren. Sie wuchs in der Seegemeinde Horgen auf dem stattlichen Landgut Bocken auf. In Paris und Z\u00fcrich studierte sie Geschichte. 1931 promovierte sie mit einer Arbeit zur <i>Geschichte des Oberengadins im Mittelalter und zu Beginn der Neuzeit<\/i>. Erste journalistische Ver\u00f6ffentlichungen sowie literarische Texte entstanden noch w\u00e4hrend ihrer Studienzeit. Kurz nach Abschluss ihres Studiums deb\u00fctierte sie mit dem Roman <i>Freunde um Bernhard<\/i>. Im Jahr 1931 hielt sie sich \u00f6fter in Berlin auf und stand in engem Kontakt mit Klaus und Erika Mann in M\u00fcnchen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Schwarzenbach f\u00fchrte nach 1933 teilweise das Leben einer Migrantin und reiste in verschiedene L\u00e4nder, \u00f6fter zusammen mit Klaus Mann, dessen literarische Exilzeitschrift <em>Die Sammlung\u00a0<\/em>sie finanziell unterst\u00fctzte. 1933 begab sich Annemarie Schwarzenbach gemeinsam mit der Fotografin Marianne Breslauer auf eine erste journalistische Reise nach Spanien. Im gleichen Jahr fuhr sie nach Persien. Nach der R\u00fcckkehr in die Schweiz reiste sie 1934 nach Moskau, wo sie zusammen mit Klaus Mann am ersten Allunionskongress sowjetischer Schriftsteller teilnahm.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Merkw\u00fcrdig, wenn Sie ein Junge w\u00e4ren, dann m\u00fcssten Sie doch als ungew\u00f6hn\u00adlich h\u00fcbsch gelten.<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Thomas Mann<\/span><\/p>\n<div id=\"attachment_88372\" style=\"width: 222px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-88372\" class=\"wp-image-88372 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/AnnemarieSchwarzenbach-212x300.jpg\" alt=\"\" width=\"212\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/AnnemarieSchwarzenbach-212x300.jpg 212w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/AnnemarieSchwarzenbach-560x792.jpg 560w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/AnnemarieSchwarzenbach-260x368.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/AnnemarieSchwarzenbach-160x226.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/AnnemarieSchwarzenbach.jpg 640w\" sizes=\"auto, (max-width: 212px) 100vw, 212px\" \/><p id=\"caption-attachment-88372\" class=\"wp-caption-text\">Annemarie Schwarzenbach: Selbstportr\u00e4t mit ihrer zwei\u00e4ugigen Rolleiflex Standard 621-Kamera (entstanden in den 1930er Jahren)<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die im Fr\u00fchling 1933 erstmals erschienene <em>Lyrische Novelle<\/em> stand im Schatten von Hitlers kurz zuvor erfolgter Machtergreifung. Die Aufnahme und Verbreitung des Buches wurde dadurch stark erschwert. Aber schon damals r\u00fchmte die Kritik die Musikalit\u00e4t und moderne Sachlichkeit der Sprache. Noch st\u00e4rker als in jener Zeit zieht der Text heute eine besondere Aufmerksamkeit auf sich: als eine fr\u00fche literarische Darstellung von lesbischer Liebe. Das Buch erz\u00e4hlt zwar von der ungl\u00fccklichen Liebe eines Mannes zu einer Frau. Doch die Autorin bekannte nach der Ver\u00f6ffentlichung: Zum besseren Verst\u00e4ndnis der Geschichte \u201eh\u00e4tte man eingestehen m\u00fcssen\u201c, dass der Held \u201ekein J\u00fcngling, sondern ein M\u00e4dchen\u201c sei.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">1935 kehrte sie nach Persien zur\u00fcck und heiratete dort \u2013 trotz ihrer lesbischen Orientierung \u2013 den ebenfalls homosexuellen franz\u00f6sischen Diplomaten Claude-Achille Clarac. 1937 recherchierte sie in Moskau f\u00fcr ihr Buch \u00fcber den Schweizer Expeditionsbergsteiger Lorenz Saladin, der im Jahr zuvor nach einer Besteigung des Khan Tengri in Kirgistan gestorben war. 1939 hielt sie sich l\u00e4ngere Zeit f\u00fcr einen Drogenentzug in Kliniken auf. W\u00e4hrend dieser Zeit schrieb sie ihr Buch <em>Das gl\u00fcckliche Tal<\/em>.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>F\u00fcrchterliche Ungewissheit? F\u00fcrchterlich nur so lange, als wir ihr nicht ins Auge zu blicken verm\u00f6gen.<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Annemarie Schwarzenbach<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gemeinsam mit der Schweizer Schriftstellerin Ella Maillart reiste sie im Juni 1939 in einem Ford V8 91A Deluxe \u00fcber Istanbul, Trabzon und Teheran \u00fcber Land nach Afghanistan. Im September, zum Ausbruch des Zweiten Weltkrieges, hielt sie sich in Kabul auf. Schwarzenbach war \u00fcber mehrere Wochen krank, woraufhin sie Maillart verliess. Danach zog es sie in die USA, wo sie in New York erneut mit den Geschwistern Mann zusammentraf. Dort lernte sie auch die Schriftstellerin Carson McCullers kennen, die sich Hals \u00fcber Kopf in Schwarzenbach verliebte. Sie erwiderte deren Gef\u00fchle nicht, blieb jedoch w\u00e4hrend ihrer Zeit in den USA mit den McCullers befreundet und schrieb mehrere wohlwollende Rezensionen zu McCullers Deb\u00fctroman <em>The Heart Is a Lonely Hunter<\/em>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch in den USA musste Schwarzenbach sich wegen ihrer Morphiumsucht, schwerer Depressionen und Suizidversuchen mehrfach in psychiatrische Behandlung begeben. Nach einem Besuch ihres Ehemannes in T\u00e9touan im Juni 1942 kehrte Schwarzenbach wieder in die Schweiz zur\u00fcck. Am 7. September 1942 st\u00fcrzte sie im Engadin mit ihrem Fahrrad und zog sich eine schwere Kopfverletzung zu, an der sie nach einer Fehldiagnose und anschliessenden Fehlbehandlungen am 15. November starb.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em><span style=\"color: #999999;\">Ich bin nicht gen\u00fcgsam, will jeden Tag das Einzige und Letzte<\/span><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Annemarie Schwarzenbach<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nichts als <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2008\/05\/31\/wir-werden-es-schon-zuwege-bringen-das-leben\/\">Lob<\/a> hat KUNO f\u00fcr die Biografie, die Alexis Schwarzenbach \u00fcber seine Gro\u00dftante, die Reiseschriftstellerin, bekennende Homosexuelle und k\u00e4mpferische Antifaschistin Annemarie Schwarzenbach geschrieben hat. Er zeichnet mithilfe zum Teil unver\u00f6ffentlichter, aus Familienbesitz stammender Dokumente und Fotos, sowie umfangreichen Archivmaterials (darunter der Nachlass der Familie Mann) das Leben seiner Gro\u00dftante nach. Erstmals publizierte Texte und zahlreiche Bilder, die das Talent Schwarzenbachs als Fotojournalistin belegen, erm\u00f6glichen ein umfassendes Portrait der schillernden Schweizerin. Wie erkennen eine Nomadin, die zwischen den literarischen Genres pendelt, und ihr Textmaterial durch verschiedenste Landschaften und St\u00e4dte reisend sammelt. Der Dialog zwischen Schwarzenbachs Texten und Fotografien er\u00f6ffnet den Blick auf die Umbr\u00fcche und Konflikte der 1930er-Jahre. Zugleich erschliesst Schwarzenbach mit ihrem dokumentarischen Auge Themen von erstaunlicher Poesie und verbl\u00fcffender Aktualit\u00e4t. In diesem Buch finden sich es neben zahlreichen Abbildungen auch eine Audio-CD mit <em>Eine Frau zu sehen<\/em>, gelesen von Bibiana Beglau.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Auf der Schwelle des Fremden<\/strong> &#8211; Das Leben der Annemarie Schwarzenbach, eine Biographie von Alexis Schwarzenbach. Verlag: Collection Rolf Heyne, 2008<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-97429 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/Auf-der-Schwelle-des-Fremden-238x300.jpg\" alt=\"\" width=\"238\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/Auf-der-Schwelle-des-Fremden-238x300.jpg 238w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/Auf-der-Schwelle-des-Fremden-160x202.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/Auf-der-Schwelle-des-Fremden.jpg 396w\" sizes=\"auto, (max-width: 238px) 100vw, 238px\" \/><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong> KUNO gedachte ihrer zum 100. Geburtstag mit einem Ausschnitt aus dem Gedichtzyklus <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2008\/05\/23\/kongo-ufer\/\">Kongo-Ufer<\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2192<\/strong> Poesie z\u00e4hlt f\u00fcr KUNO weiterhin zu den identit\u00e4ts- und identifikationstiftenden Elementen einer Kultur, dies bezeugte auch der Versuch einer <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25630\">poetologischen Positionsbestimmung<\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2192<\/strong> Ab der kommenden Woche pr\u00e4sentiert KUNO die <strong>Lyrische Novelle<\/strong> von Annemarie Schwarzenbach.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Annemarie Schwarzenbach hat sich schon als Kind gegen diese Genderrollen aufgelehnt, indem sie sich wie ihre Br\u00fcder angefangen hat anzuziehen. Sich Fritz genannt hat. 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