{"id":88355,"date":"2022-05-26T00:01:07","date_gmt":"2022-05-25T22:01:07","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=88355"},"modified":"2022-02-18T14:57:42","modified_gmt":"2022-02-18T13:57:42","slug":"lyrische-novelle-1","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2022\/05\/26\/lyrische-novelle-1\/","title":{"rendered":"Lyrische Novelle 1"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese Stadt ist so klein, man kennt nach einem einzigen Spaziergang jeden Winkel. Auch einen alten, sehr h\u00fcbschen Hof hinter der Kirche habe ich schon entdeckt und den besten Friseur des Ortes, der in einer gepflasterten Nebenstrasse wohnt. Als ich von seinem Laden aus einige Schritte weiterging, war ich pl\u00f6tzlich am Ausgang, es gab nur noch einige Backsteinvillen, und die Strasse war sandig und sah aus wie ein Feldweg. Dahinter begann gleich der Wald. Ich kehrte um, kam wieder an der Kirche vorbei und kannte mich ganz gut aus. Durch den alten Hof gelangt man in die Hauptstrasse, und jetzt trete ich in das Caf\u00e9 \u00bbZum roten Adler\u00ab, um hier ein wenig zu schreiben. In meinem Hotelzimmer komme ich immer wieder in Versuchung, mich auf mein Bett zu werfen und die kurzen Stunden des Tages unt\u00e4tig hinzubringen. Es kostet mich grosse \u00dcberwindung zu schreiben, denn ich habe Fieber, und mein Kopf dr\u00f6hnt wie unter Hammerschl\u00e4gen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich glaube, wenn ich hier einen Menschen kennen w\u00fcrde, w\u00e4re ich gleich am Ende meiner Beherrschung. Aber ich spreche kein Wort und gehe so umher, ohne mir \u00fcber meine Empfindungen klar zu werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Lokal kommt mir ziemlich merkw\u00fcrdig vor. Eigentlich ist es eine Konditorei mit <a name=\"page008\"><\/a>Glask\u00e4sten, ausgestellten Kuchen und einer Verk\u00e4uferin in schwarzem Wollkleid mit weisser Sch\u00fcrze. In der Ecke steht ein hellblauer Kachelofen, und die Sofas sind mit steilen, gepolsterten R\u00fcckenlehnen den W\u00e4nden entlang aufgestellt. Ein junger Hund l\u00e4uft kl\u00e4ffend umher, ein ungepflegtes und armseliges Tierchen. Eine grauhaarige Frau versucht ihn zu streicheln, aber er entwischt ihr mit \u00e4ngstlich gebogenem R\u00fccken. Die Alte geht ihm nach, lockt ihn mit einem St\u00fcck Zucker und spricht laut und unentwegt zu ihm.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich glaube, sie ist geisteskrank. Niemand im Lokal scheint sie zu beachten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jetzt habe ich erst zwei Seiten geschrieben, und schon beginnen die Schmerzen wieder. Es sind Stiche in der rechten Seite, sie h\u00f6ren sofort auf, wenn ich mich hinlege oder wenn ich starken Alkohol trinke. Ich will mich aber nicht niederlegen, ich k\u00f6nnte jetzt so gut schreiben, und es entmutigt mich sehr, in meiner Einsamkeit unt\u00e4tig zu sein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die irrsinnige Alte ist weggegangen, ich w\u00fcrde gern sehen, wie sie \u00fcber die Strasse geht und ob sie auch draussen laut vor sich hinredet wie die grauhaarigen Bettlerinnen in Paris.\u00a0\u2013<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Fr\u00fcher konnte ich Geisteskranke nicht von Betrunkenen unterscheiden, ich beobachtete sie mit einer Art von ehrf\u00fcrchtigem Grauen. Jetzt habe ich vor Betrunkenen keine Angst mehr. Ich war selber oft betrunken, es ist ein sch\u00f6ner und trauriger Zustand, man wird sich klar \u00fcber Dinge, die man sich <a name=\"page009\"><\/a>sonst niemals eingestehen w\u00fcrde, \u00fcber Empfindungen, die man zu verbergen trachtet und die doch nicht das Schlechteste in uns sind.\u00a0\u2013<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich f\u00fchle mich jetzt ein wenig besser. Ich werde f\u00fcr das, was ich heute schreibe, um die Nachsicht des Lesers bitten m\u00fcssen. Aber Sibylle sagte mir, dass nichts, auch nicht die bittersten Erlebnisse und die verlorensten Stunden meines Lebens g\u00e4nzlich unfruchtbar werden d\u00fcrfen. Darum liegt mir so viel daran, selbst in diesem unf\u00e4higen Zustand mich meiner Schw\u00e4che zu \u00fcberlassen und sie sp\u00e4ter einmal der Kritik zu unterziehen, an der mir einzig gelegen ist: ob es mir gelingen kann, einmal in irgendeinem Sinn von Sibylle ernst genommen zu werden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Lyrische Novelle<\/strong>, von Annemarie Schwarzenbach, Erstdruck: Berlin, Rowohlt 1933<\/p>\n<div id=\"attachment_88372\" style=\"width: 222px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/AnnemarieSchwarzenbach.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-88372\" class=\"wp-image-88372 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/AnnemarieSchwarzenbach-212x300.jpg\" alt=\"\" width=\"212\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/AnnemarieSchwarzenbach-212x300.jpg 212w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/AnnemarieSchwarzenbach-560x792.jpg 560w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/AnnemarieSchwarzenbach-260x368.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/AnnemarieSchwarzenbach-160x226.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/AnnemarieSchwarzenbach.jpg 640w\" sizes=\"auto, (max-width: 212px) 100vw, 212px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-88372\" class=\"wp-caption-text\">Annemarie Schwarzenbach: Selbstportr\u00e4t mit ihrer zwei\u00e4ugigen Rolleiflex Standard 621-Kamera (entstanden in den 1930er Jahren)<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die im Fr\u00fchling 1933 erstmals erschienene <em>Lyrische Novelle<\/em> stand im Schatten von Hitlers kurz zuvor erfolgter Machtergreifung. Die Aufnahme und Verbreitung des Buches wurde dadurch stark erschwert. Aber schon damals r\u00fchmte die Kritik die Musikalit\u00e4t und moderne Sachlichkeit der Sprache. Noch st\u00e4rker als in jener Zeit zieht der Text heute eine besondere Aufmerksamkeit auf sich: als eine fr\u00fche literarische Darstellung von lesbischer Liebe. Das Buch erz\u00e4hlt zwar von der ungl\u00fccklichen Liebe eines Mannes zu einer Frau. Doch die Autorin bekannte nach der Ver\u00f6ffentlichung: Zum besseren Verst\u00e4ndnis der Geschichte \u201eh\u00e4tte man eingestehen m\u00fcssen\u201c, dass der Held \u201ekein J\u00fcngling, sondern ein M\u00e4dchen\u201c sei.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In 2022 widmet sich KUNO der <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=19652\">Kunstform Novelle<\/a>. Diese Gattung lebt von der Schilderung der Realit\u00e4t im Bruchst\u00fcck.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Diese Stadt ist so klein, man kennt nach einem einzigen Spaziergang jeden Winkel. Auch einen alten, sehr h\u00fcbschen Hof hinter der Kirche habe ich schon entdeckt und den besten Friseur des Ortes, der in einer gepflasterten Nebenstrasse wohnt. 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