{"id":88291,"date":"2023-02-09T00:01:47","date_gmt":"2023-02-08T23:01:47","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=88291"},"modified":"2022-12-17T16:54:42","modified_gmt":"2022-12-17T15:54:42","slug":"freaks","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/02\/09\/freaks\/","title":{"rendered":"Freaks"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aufgrund der engen Verbindungen von Prodigien und Monstern\u00a0\u2013 nicht nur in der etymologischen Bedeutung des lateinischen \u201emonare\u201c als \u201emahnen\u201c, \u201ewarnen\u201c\u00a0\u2013 muss man den eigentlichen Beginn der Geschichte der Monster bereits in den Mythen und Sch\u00f6pfungsgeschichten orten. Es gibt keine Mythen ohne Monster, Deformierte und Schreckensfiguren. Doch noch ein weiterer, realerer Aspekt ist hier von Wichtigkeit: der historische Kontext. Denn auch der Hofnarr\u00a0\u2013 er findet sich als Figur eines Au\u00dfenseiters und schalkhaften Toren in der Bibel ebenso wie in G\u00f6ttersagen verschiedenster Kulturen\u00a0\u2013 ist, wenn man so m\u00f6chte, Teil dieser besonderen \u201eSpezies\u201c. Ja, bis heute erfindet sich jede Gesellschaft ihre fiktiven Monster. Das bedeutet, dass diese einem st\u00e4ndigen Wandel unterzogen sind. Bereits in den Sch\u00f6pfungsgeschichten unserer Kultur ist das komplexe Verh\u00e4ltnis realer und mythologischer Monster von elementarer Bedeutung und wirkt von Kindesbeinen auf jeden Einzelnen ein. \u201eJede sp\u00e4tere Rezeption ist eine Wiederaufnahme, eine Reaktivierung dieser mythischen Vorstellungswelt und sei es auch nur zur Abgrenzung. Bei der Zurschaustellung der Freaks griff man immer wieder auf die Mythologie von Vorzeit und Antike zur\u00fcck, die auch in der Verkleidung von M\u00e4rchen noch aktuell sind.<\/p>\n<p>:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Gaukler, Freaks und Wanderk\u00fcnstler\u00a0\u2013 die Monster der etwas anderen Art? <\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der zweite wichtige Aspekt, der sich sehr stark auf die historische Entwicklung des Monsterbegriffes bezieht, ist der der sogenannten \u201eFreaks\u201c. Dieser st\u00e4ndige R\u00fcckgriff auf die \u00e4ltesten Geschichten der Menschheit tritt in besonderem Ma\u00dfe in der Werbung f\u00fcr Freaks im 19.\u00a0Jahrhundert auf, wo eine Verbindung zu bestimmten mythologischen Figuren hergestellt wurde. Wir werden also innerhalb der Gesellschaft mit (fiktiven, irrealen) physisch und seelisch verkr\u00fcppelten Wesen auf verschiedenste Art und Weise konfrontiert und dabei kann es nur eine Konfrontation geben. Wann immer in \u00d6sterreich die Rede von Unterhaltungskultur ist, so bleibt ein Bereich davon meist ausgespart\u00a0\u2013 jener Bereich, der die Vorf\u00fchrung und die Zurschaustellung k\u00f6rperlich und in einigen F\u00e4llen auch geistig behinderter Menschen betrifft. Abnormes Aussehen wurde bis in die Neuzeit als g\u00f6ttlicher Fingerzeig und als Warnung gedeutet. Dar\u00fcber hinaus erscheint es oftmals in Verbindung mit Randgruppen der Gesellschaft. Kr\u00fcppel und Bettler traten besonders im sp\u00e4ten Mittelalter in Verbindung mit dem Fahrenden Volk\u00a0\u2013 Spielleuten und Gauklern\u00a0\u2013 auf. Diese galten als ehr- und gesetzlos und wurden in die N\u00e4he von Gaunern und Hausierern ger\u00fcckt. Jedes Monster versetzt uns in Alarmbereitschaft. Jahrtausende lang wurden Missgeburten und behinderte K\u00f6rper als Mahnzeichen interpretiert und mit Bestrafung in Verbindung gebracht. Historisch zeigt sich ein Wandel von der Feststellung, \u201eDer- oder Diejenige ist\u201c ein Monster zu \u201eDer oder Die sieht aus wie\u201c dieses oder jenes Monster. Entgegen dem Bild, das sich heute vielleicht darstellen mag, waren die Prodigien als menschliche \u201eMonster\u201c immer vom Positiven durchwirkt. Prodigien wurden in der Renaissance als \u201eWundergeburten\u201c oder sp\u00e4ter \u00fcberhaupt als \u201eWunder\u201c, eben als \u201eProdigien\u201c, bezeichnet. Die mit ihnen verbundenen Mahnungen und Bestrafungen waren immer g\u00f6ttlicherseits. Dass ihre Existenz etwa dem Teufel zugeschrieben wurde, scheint eher die Ausnahme gewesen zu sein. Das zeigen auch die ab der Renaissance bis ins 20.\u00a0Jahrhundert immer wieder auftauchenden Bezugnahmen von Prodigien auf die vom Prinzip her positiv behafteten M\u00e4rchen- und Mythenfiguren wie Riesen und Zwerge oder Prinzessinnen und Prinzen. Prodigien erscheinen niemals aggressiv, sondern maximal mit wilden Attributen versehen. Dass es sie \u00fcberhaupt gibt ist der beste Beweis daf\u00fcr, dass sie \u201eauf der guten Seite\u201c stehen. W\u00e4ren sie als mehrheitlich bedrohlich f\u00fcr die Menschheit empfunden worden, h\u00e4tten sie nicht so lange und so exponiert in der \u00d6ffentlichkeit gestanden. Das Staunen hat stets die Oberhand behalten, wof\u00fcr wohl eine besondere Eigenschaft der Prodigien in Bezug auf ihre Unterhaltungsfunktion mitverantwortlich sein mag. Im Gegensatz zu anderen Schaunummern, Showacts oder Akrobaten imitieren sie nicht, sie verk\u00f6rpern nicht, sie SIND\u00a0\u2013 \u201eMonster\u201c und \u201eWunder\u201c. Im Showgesch\u00e4ft t\u00e4tige Menschen ben\u00f6tigen, um Aufmerksamkeit zu erlangen, eine Verkleidung. Ob Artisten, Clowns oder Hofnarren allgemein, sie werden erst durch ihr Kost\u00fcm als solche erkennbar und wahrgenommen. Prodigien ben\u00f6tigen keine Verkleidung, keinerlei Maske oder Rolle, um die Berechtigung zu erhalten, auf einer B\u00fchne zu erscheinen. Diese erstaunliche Tatsache unterscheidet sie auch von den Tieren und macht sie mitunter deswegen zu Zwischenwesen. Es f\u00e4llt uns schwer, sie einzuordnen, ihr Dasein erinnert immer an etwas, jedoch scheinen sie sich jeder uns bekannten Kategorie zu entziehen\u00a0\u2013 womit ihnen selbstverst\u00e4ndlich in keiner Weise ihre Menschlichkeit als biologische Tatsache abgesprochen werden soll. Selbst die Mythologie st\u00f6\u00dft in Bezug auf ihre urspr\u00fcngliche Aufgabe, die Welt zu erkl\u00e4ren und zu vermitteln, bei ihnen an ihre Grenzen. Auch sie kann die realen \u201eMonster\u201c nicht erkl\u00e4ren, sie kann sie nur spiegeln und ihnen eine Geschichte geben. Hier sto\u00dfen wir auf eine gegenl\u00e4ufige Entwicklung in j\u00fcngster Zeit. Roland Barthes definiert den Mythos als eine entpolitisierte Aussage, die von den Dingen in einer Weise erz\u00e4hle, die sie unschuldig, also unnahbar mache und ihnen ihre Geschichte entziehe. In diesem Sinne scheinen die Prodigien heute tats\u00e4chlich in eine halbmythologische Existenz verdr\u00e4ngt worden zu sein, die ihre Kulturgeschichte und ihre sozialpolitische Funktion verschleiert. Insgesamt betrachtet erscheinen Prodigien als mythologische Ankerpunkte in der Realit\u00e4t, die auch angesichts der naturwissenschaftlichen Erkenntnisse eine \u201ewunderbare\u201c Komponente behalten haben. In der Verbrechensbek\u00e4mpfung des 19.\u00a0Jahrhunderts spielten \u00e4u\u00dferliche Merkmale eine wesentliche Rolle. Indem man k\u00f6rperliche Normkonzepte erstellte, zog man R\u00fcckschl\u00fcsse auf die \u201ePhysiognomie des Verbrechens\u201c und schloss von Gesichts- und Kopfformen auf schlechte Eigenschaften. Abnormit\u00e4ten und Verbrecher waren die zwei gro\u00dfen Gruppen, die zu jener Zeit im Mittelpunkt des wissenschaftlichen, vor allem des medizinischen, Interesses standen\u00a0\u2013 als Randgruppen, die sich au\u00dferhalb gesellschaftlicher Normen bewegten. Selbstverst\u00e4ndlich unterschieden sie sich wesentlich, denn bei aller Monstrosit\u00e4t waren die zu Schau gestellten \u201eAbnormit\u00e4ten\u201c der Unterhaltungskultur nicht aggressiv, nicht aktiv bedrohlich. Das Monstr\u00f6se ging nicht direkt von ihnen aus sondern wurde sozusagen \u201evon einer h\u00f6heren Macht\u201c, von der Natur, geschaffen. Verbrecher sind T\u00e4ter, Freaks und Abnormit\u00e4ten waren Opfer. Was Scheugl allgemein \u00fcber Monster bemerkt, gilt also ganz speziell f\u00fcr die menschlichen, zur Schau gestellten \u201eMonstren\u201c. Wie sehen diese \u201eFreaks\u201c nun im heutigen Zeitalter aus?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Bio<\/strong><span id=\"productTitle\" class=\"a-size-extra-large\"><strong>MachtMonsterWeiber<\/strong>: eine Enzyklop\u00e4die von Sophie Reyer. Passagen Verlag 2021<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/BioMachtMonster.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-88286 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/BioMachtMonster-195x300.jpg\" alt=\"\" width=\"195\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/BioMachtMonster-195x300.jpg 195w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/BioMachtMonster-260x400.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/BioMachtMonster-160x246.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/BioMachtMonster.jpg 324w\" sizes=\"auto, (max-width: 195px) 100vw, 195px\" \/><\/a>Weiterf\u00fchrend <\/strong><strong>\u2192 <\/strong>Ein Portr\u00e4t von Sophie Reyer findet sich\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=18115\">hier<\/a>.\u00a0In ihrem preisgekr\u00f6nten Essay <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=17985\"><em>Referenzuniversum<\/em><\/a> geht Sophie Reyer der Frage nach, wie das Schreiben durch das schreibende Analysieren gebrochen wird.\u00a0Die Sprechpartitur <em>Wortspielhalle<\/em> wurde mit dem <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=22035\">lime_lab<\/a> ausgezeichnet. Einen Artikel zum Konzept von <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Sophie_Reyer\">Sophie Reyer<\/a> und A.J. Weigoni lesen Sie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=19038\">hier<\/a>. Vertiefend zur Lekt\u00fcre empfohlen sei auch\u00a0das Kollegengespr\u00e4ch\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=19055\">:2= Verweisungszeichen zur Twitteratur<\/a>\u00a0von Reyer und Weigoni zum Projekt\u00a0<em>Wortspielhalle<\/em>. Eine <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/10\/19\/hoeherwertige-konfiguration\/\">h\u00f6herwertige Konfiguration<\/a>entdeckt Constanze Schmidt in dieser Collaboration. Holger Benkel lauscht <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/10\/29\/zikaden-und-haeher\/\">Zikaden und H\u00e4her<\/a>n nach. <span data-offset-key=\"7ldlg-0-0\">Ein weiterer Blick beleuchtet die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2015\/10\/20\/erkenntnisinstrument\/\">Inventionen<\/a> von Peter Meilchen. <\/span>Ein Essay fasst dieses <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2021\/04\/14\/bi-textualitaet\/\"><em>transmediale Projekt <\/em><\/a>zusammen<em>. <\/em>Eine W\u00fcrdigung des Lebenswerks von Peter Meilchen findet sich <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=12763\">hier<\/a>. Alle <em>LiteraturClips<\/em> dieses Projekts k\u00f6nnen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?author=124\">hier<\/a> abgerufen werden. H\u00f6ren kann man einen Auszug aus der <em>Wortspielhalle<\/em> in der Reihe <a href=\"http:\/\/vordenker.de\/weigoni\/wortspielhalle.htm\">MetaPhon<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Aufgrund der engen Verbindungen von Prodigien und Monstern\u00a0\u2013 nicht nur in der etymologischen Bedeutung des lateinischen \u201emonare\u201c als \u201emahnen\u201c, \u201ewarnen\u201c\u00a0\u2013 muss man den eigentlichen Beginn der Geschichte der Monster bereits in den Mythen und Sch\u00f6pfungsgeschichten orten. 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