{"id":88028,"date":"1991-10-18T00:01:40","date_gmt":"1991-10-17T23:01:40","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=88028"},"modified":"2021-07-10T14:44:18","modified_gmt":"2021-07-10T12:44:18","slug":"gnadenfrist-2","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1991\/10\/18\/gnadenfrist-2\/","title":{"rendered":"Gnadenfrist"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Vor zehn Jahren starb der Lyriker Alfred Gong in New York City. Eine Erinnerung<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als Vorwort zum Gedichtband \u201eGnadenfrist\u201c von Alfred Gong steht der Ausspruch eines lndianerh\u00e4uptlings: \u201eWas ist schon ein Leben? <em>\/ <\/em>Ein winziger Schatten nur, der \u00fcbers Gras huscht \/ und sich in den Sonnenuntergang verl\u00e4uft.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Von dieser poetischen Sentenz gelangt Alfred Gong in und mit seinen Gedichten zu einer konkreten, pers\u00f6nlichkeitsbezogenen Aussage schmerzlicher Gewi\u00dfheit: ,,Ausgesetzt in einer fremden Zeit \/ &#8230; l\u00e4uft die Gnadenfrist ab &#8230;,,, denn \u201eder abruf ist unterwegs.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das gilt f\u00fcr jeden; aber in einem besonderen Ma\u00dfe und in einer bestimmteren Weise f\u00fcr einen aus dem auserw\u00e4hlten (!) Volk, einen Juden. F\u00fcr einen, dessen Schicksal schon lange vor seiner Geburt bestimmt, dessen Weg l\u00e4ngst vorgezeichnet ist. Was folgt, ist nur mehr der Ablauf. Bestimmend ist die Verhei\u00dfung, das Schicksal, der Tod. Dazwischen die ,Gnadenfrist: ,,Ohne Uhr, ohne Ausweis \/wies man uns ein ins Heim Vogelfrei. \/ Sie strichen uns aus im Register. \/ Wir trugen uns auf: Keine Worte! \/ Sie haben gelobt, nicht zu st\u00f6ren. \/ Man wei\u00df: uns darf nur wecken \/ der Tod.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dies als Metapher f\u00fcr Leben, f\u00fcr Schicksal; f\u00fcr alle, und im besonderen doch f\u00fcr die Juden. Dies ist die Welt der Verhei\u00dfung und ihrer Erf\u00fcllung. Der Einzelne sowie alle unentrinnbar ausgeliefert. Kein Exil, keine Gnadenfrist t\u00e4uscht dar\u00fcber hinweg. Aus dem Wunschbild einer gewollten Wirklichkeit, aus der Einbildung eines sich selbst beruhigenden Sicherheitsgef\u00fchls, unauffindbar, un(an)greifbar zu sein &#8211; ,,Ich habe mich abgesetzt \/ ohne Spur, ohne Marke &#8230;\u201c &#8211; treten hinter diesem Spiegelbild der eigenen Illusion von Gerettsein immer wieder als Bef\u00fcrchtung und schlie\u00dflich als mahnende Gewi3heit die Erkenntnis und das Bewu\u00dftsein des Verlorenseins, der Unausweichlichkeit, Opfer zu sein und zu werden, hervor, einzig noch von Sehnsucht beseelt, die Zeitspanne zwischen Bestimmung und ihrer Erf\u00fcllung, die Gnadenfrist, zu n\u00fctzen. &#8211; ,,Was bleibt uns \u00fcbrig, als \/ einmal noch das das Salz und die S\u00fc\u00dfe \/ des n\u00e4chsten Leibes zu kosten, \/ bevor man uns stellt?\u201c Dies ist die Welt der Erkenntnis: Leben ist Geopfertwerden. Und dies schon wie schicksalhaft im voraus bestimmt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch so schon beim Vater: ,,Gefreiter der k. und k. Infanterie, \/ mit zwei Schu\u00dfwunden ausgezeichnet am lsonzo, \/ kehrte heim in seine an Rum\u00e4nien verlorene Heimat\u2026 Arbeitete sechzehn Stunden im Tag\u2026 Als \u201aAusbeuter\u2019 von den Sowjets im Viehwaggon \/ verladen, vier Wochen durch den Orlogsommer 41 \/<em>&#8230; <\/em>verlor seine Brille im Eis \/ und starb am Nervenfieber, wimmernd im tauben Schnee \/ von Novosibirsk &#8230;\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Sohn: \u201e,In die Welt ausgesto\u00dfen als Schrei\u201c (1920), in seinen Geburtsort Czernowitz, in einen Schmelztiegel verschiedenster V\u00f6lker, Religionen, Sprachen und Kulturen; in die Stadt eines Gregor von Rezzori, aber auch in eine, in der man ,,Paul Celan mit Trakl unterm bei den Tulpen begegnen\u201c konnte. Dort ging er zur Schule und, bevor er noch lesen konnte, lehrte man ihn, \u201eda\u00df es s\u00fc\u00df sei f\u00fcrs Vaterland zu sterben &#8230; sp\u00e4ter mehr nutzloses Zeug: \/ die Zehn Gebote zum Beispiel &#8230; \/ Dazu sechs Sprachen, darunter drei tote, \/ auch die Kunst des Sophismus, Dialektik, den Talmud &#8211; \u201e doch wu\u00dft er \u201esp\u00e4ter kein Spr\u00fcchlein <em>\/ <\/em>um die M\u00f6rder vers\u00f6hnlich zu stimmen\u2026\u201c Dann Flucht vor den M\u00f6rdern, dann Wien, dann weiter in die USA; seit langem in New York, integriert in der Fremde.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und noch immer auf der Suche nach Heimat. Sie wird zum Bild seiner Kindheit, zur Gewi\u00dfheit seiner Verankerung im Dort und im Damals: \u201eDie Steine gedenken meiner &#8230;\u201c , Erinnerung an eine Heimat, in der man auf die Frage \u201ewas Sterne sind<sup>\u201c, <\/sup>den Kindern zur Antwort gab: \u201eSind die Seelen von Opa und Oma \/ und allen Lieben, die auf dem j\u00fcdischen \/ Friedhof von Czernowitz ruhn.\u201c Und wo ,,Rabbi Ezra blinzelte im Fenster \/ und wu\u00dfte: Heut seid ihr Kinder &#8211; \/ morgen werdet ihr Juden sein.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und das Jetzt, und die Zukunft und das, was bleibt an Erwartung? &#8211; \u201eAngepflockt, anbequemt, ans\u00e4ssig \/ <em>&#8230; <\/em>unbeteiligt, unbek\u00fcmmert, unger\u00fchrt\u00a0\u00a0\u00a0 Sinnlos, ohne Berufung, ohne Aussicht auf ein Auferstehn.\u201c Die Resignation, die bereits auf ein unertr\u00e4gliches Ma\u00df reduzierte Anteilnahme am Leben, die in der Frage an sich selbst zum Ausdruck kommt: \u201e&#8230;. was hast du noch zu gew\u00e4rtigen? \/Wie schl\u00e4gt man dann seine Zeit \/ bis zur Abberufung tot? &#8230; \u201e schl\u00e4gt noch einmal ein Sichaufb\u00e4umen als Ausdruck und zum Zeichen der Selbstachtung um: ,,Zerschlag die Uhren, die Spiegel, den Trug\u201c, um freilich darauf kraftlos in Wehmut zu versinken, gepeinigt von einer Sehnsucht weil mit dem Wissen um ihre Unerf\u00fcllbarkeit: ,,Einmal sagen d\u00fcrfen: September &#8211; \/ und meinen alle September \/ von einst und dereinst \u2026\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jetzt ist der Punkt im Leben erreicht, wo ,,hinter schneeblinder Luke \/ legendenwei\u00df \/ deine Kindheit &#8230;\u201c, erscheint. Dann ist es Zeit, die die Hoffnung zu suchen, die Liebe. Und dazu zu mahnen: ,,Liebt, liebt endlos, ohn Erbarmen .. .\u201c! Denn dann, wenn ein Mensch, ein Vertriebener, Getriebener sagt: ,,Alt bin ich und vergessen \/ und ohne Feinde geblieben &#8230;\u201c, beginnt der ,,Schatten des Schneefalls!\u201c Und mit ihm vielleicht die Erl\u00f6sung.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/1991\/10\/content.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-88034 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/1991\/10\/content.jpg\" alt=\"\" width=\"128\" height=\"179\" \/><\/a><strong>Gnadenfrist in einem fremden Land<\/strong>,\u00a0Gedichte von Alfred Gong.\u00a0Band 15 der Reihe \u201eLyrik aus \u00d6sterreich\u201c, herausgegeben von Alois Vogel und Alfred Gesswein. Verlag G. Grasl, Baden bei Wien, 1980.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong>\u00a0Poesie z\u00e4hlt f\u00fcr KUNO weiterhin zu den identit\u00e4ts- und identifikationstiftenden Elementen einer Kultur, dies bezeugte auch der Versuch einer <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25630\">poetologischen Positionsbestimmung<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor zehn Jahren starb der Lyriker Alfred Gong in New York City. 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