{"id":88020,"date":"2008-11-25T00:01:38","date_gmt":"2008-11-24T23:01:38","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=88020"},"modified":"2021-10-01T16:24:33","modified_gmt":"2021-10-01T14:24:33","slug":"eine-erinnerung-an-joseph-zoderer","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2008\/11\/25\/eine-erinnerung-an-joseph-zoderer\/","title":{"rendered":"Eine Erinnerung an Joseph Zoderer"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wahrscheinlich sind wir uns schon in den ganz fr\u00fchen Sechzigerjahren \u00fcber den Weg gelaufen, n\u00e4mlich an der Universit\u00e4t Wien, wo wir beide zur selben Zeit Theaterwissenschaft und Philosophie studierten. Wir haben uns aber nicht als Autoren wahrgenommen, weil wir beide solche noch gar nicht waren. Irgendwann und irgendwo sind wir einander wiederbegegnet, aber ich wei\u00df nicht mehr wo: es k\u00f6nnte bei der Tagung in Unterk\u00e4rnten gewesen sein, im K\u00e4rntnerslowenischen, wo wir \u00fcber Minderheiten(sprachen) gesprochen haben. Und Zoderer k\u00f6nnte als S\u00fcdtiroler, der mit dem Problem der Zweisprachigkeit sein Leben lang konfrontiert war und ist und das sein Werk durchzieht (\u201eDie Walsche\u201c), daran teilgenommen haben; aber genau wei\u00df ich das nicht mehr. Wahrscheinlich sind wir uns in Fresach zum erstenmal als Autoren begegnet, weil aus der Zeit das Portr\u00e4tfoto stammt, das ich von ihm gemacht habe; ein noch junger Bursch. Heute sind wir beide \u00fcber siebzig! Unglaublich!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jedenfalls haben wir einander einmal auf der K\u00e4rntnerstra\u00dfe getroffen, das mu\u00df sp\u00e4ter gewesen sein, so in den Neunzigerjahren. \u201eWas machst denn du da!\u201c &#8211; so die Frage und Gegenfrage. \u201eHast a bi\u00dfl Zeit, setz ma uns wo nieda?\u201c Wir hatten. Und gingen in den von mir damals noch geliebten Esterhazykeller bei der Naglergasse. Viele Male war ich fr\u00fcher dort; jetzt ist ein anderer P\u00e4chter, das Lokal, im Sommer herau\u00dfen im Haarhof, hat seine Identit\u00e4t \u201everloren\u201c, nein: sie wurde vernichtet &#8211; wie so vieles Wertvolle in Wien, wo alles der Gleichmacherei geopfert wird. Also sa\u00dfen wir so gegen 17 Uhr im Esterhazykeller, a\u00dfen ein paar Liptauerschnitten und tranken z\u00fcgig Rotwein, damals noch in \u00bc l-Henkelgl\u00e4sern, dazu. Ich erz\u00e4hlte ihm, da\u00df ich den Film \u201eDie Walsche\u201c gesehen hatte und begeistert davon war. \u201eJa\u201c, sagte er, \u201eda mu\u00df ich heute Abend um sieben Uhr noch hin, ein paar Worte sagen, der Film wird im Votivkino gezeigt.\u201c &#8211; \u201eNa, da haben wir ja noch Zeit\u201c, sagte ich. Und so unterhielten wir uns in einem sehr ausf\u00fchrlichen freundschaftlichen Gespr\u00e4ch. Kurzum: Er vers\u00e4umte die Zeit, wo er h\u00e4tte dort sein sollen. \u201eVerdammt nochmal\u201c, sagte er, \u201ejetzt hab ich das verpa\u00dft!\u201c Also, weil&#8217;s eh schon wurscht war, tranken und redeten wir weiter. Irgendwann brachen wir auf, jeder dorthin, wohin er geh\u00f6rte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Viele Jahre sp\u00e4ter, vor noch nicht langer Zeit, durfte ich in der Wohnung der Literar Mechana in Venedig &#8211; in der ehemaligen Wohnung der so jung verstorbenen S\u00fcdtiroler Autorin Anita Pichler &#8211; zu Gast sein. Dort fand ich die Monographie von Anita Pichler, ein sch\u00f6nes gro\u00dfes Buch. Und darin auch einen ber\u00fchrenden Essay \u00fcber diese Autorin vom Zoderer. Ich schrieb eine Art Erz\u00e4hlung \u00fcber dieses Buch und die dadurch erfolgte Begegnung mit Anita Pichler im nachhinein. \u201eNachtr\u00e4gliche Begegnung\u201c ist der Titel. Ich schickte dem Joseph Zoderer diesen Text mit ein paar Zeilen. Nach einiger Zeit kam ein freundlicher Brief von ihm, in dem er sich daf\u00fcr bedankte. So schlie\u00dfen sich manchmal die Lebenskreise; oft verl\u00e4\u00dflicher, als man denkt.<\/p>\n<div style=\"text-align: justify;\"><\/div>\n<div><\/div>\n<div><\/div>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Schriftstellerbegegnungen<\/strong> 1960-2010 von Peter Paul Wiplinger, Kitab-Verlag, Klagenfurt, 2010<\/p>\n<div id=\"attachment_19169\" style=\"width: 222px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/02\/Wiplinger-Peter-Paul-2013-Krems-Copyright-Margit-Hahn-2.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-19169\" class=\"size-medium wp-image-19169\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/02\/Wiplinger-Peter-Paul-2013-Krems-Copyright-Margit-Hahn-2-212x300.jpg\" alt=\"\" width=\"212\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/02\/Wiplinger-Peter-Paul-2013-Krems-Copyright-Margit-Hahn-2-212x300.jpg 212w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/02\/Wiplinger-Peter-Paul-2013-Krems-Copyright-Margit-Hahn-2-725x1024.jpg 725w\" sizes=\"auto, (max-width: 212px) 100vw, 212px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-19169\" class=\"wp-caption-text\">Wiplinger Peter Paul 2013, Photo: Margit Hahn<\/p><\/div>\n<div style=\"text-align: justify;\">\n<div style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192 <\/strong>KUNO sch\u00e4tzt dieses <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2009\/02\/28\/ein-geflecht-aus-perspektiven-und-eindruecken\/\">Geflecht aus Perspektiven und Eindr\u00fccken<\/a>. Weitere Ausk\u00fcnfte gibt der Autor im <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2009\/02\/24\/epilog-zu-schriftstellerbegegnungen-1960-2010\/\">Epilog<\/a> zu den <em>Schriftstellerbegegnungen<\/em>.<\/div>\n<div style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2192<\/strong> Die <em>Kulturnotizen<\/em> (KUNO) setzen die Reihe Kollegengespr\u00e4che in loser Folge ab 2011 fort. So z.B. mit dem vertiefenden <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=21407\">Kollegengespr\u00e4ch<\/a> von A.J. Weigoni mit Haimo Hieronymus \u00fcber Material, Medium und Faszination des Werkstoffs Papier. Druck und Papier, manche Traditionen gehen eben nicht verloren.<\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Wahrscheinlich sind wir uns schon in den ganz fr\u00fchen Sechzigerjahren \u00fcber den Weg gelaufen, n\u00e4mlich an der Universit\u00e4t Wien, wo wir beide zur selben Zeit Theaterwissenschaft und Philosophie studierten. 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