{"id":87935,"date":"2005-04-02T00:01:28","date_gmt":"2005-04-01T22:01:28","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=87935"},"modified":"2022-04-20T18:27:09","modified_gmt":"2022-04-20T16:27:09","slug":"eine-erinnerung-an-alois-vogel","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2005\/04\/02\/eine-erinnerung-an-alois-vogel\/","title":{"rendered":"Eine Erinnerung an Alois Vogel"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mein mir liebster Freund unter den Schriftstellerkollegen war der Alois Vogel. Wir sind einander in den fr\u00fchen Siebzigerjahren, gleich nach Gr\u00fcndung des Literaturkreises \u201ePodium\u201c, dessen Mitbegr\u00fcnder und Obmann er dann Jahrzehnte hindurch war und dem auch ich seither angeh\u00f6re, bei einer Podium-Lesung in der Kleinen Galerie in der Neudeggergasse in Wien, die ich sp\u00e4ter sechs Jahre lang geleitet habe, begegnet und haben uns so kennengelernt. Es dauerte einige Zeit, bis wir n\u00e4her miteinander bekannt wurden und sich immer mehr unser Kontakt auch auf privater Ebene intensivierte, bis wir nach und nach Freunde wurden und sich im Lauf der Jahre unsere Freundschaft vertiefte. Wenn ich an ihn denke, sehe ich uns mit dem Alois und seiner lieben Frau Trude in ihrem wunderbaren Garten in Pulkau, entweder zu viert (ich mit Susanne) oder im Kreis mit anderen Freunden. Am sch\u00f6nsten war es an einem lauen Sommerabend, da wir vom sp\u00e4ten Nachmittag an bis fast nach Mitternacht unter dem Nu\u00dfbaum sa\u00dfen, bei intensivem Gespr\u00e4ch und einer Flasche Wein um die andere, die der Alois aus seinem Keller holte, und die Trude stellte immer wieder was zum Essen dazu. Von Alois und Trude habe ich viele Fotos gemacht, ob bei den von ihm organisierten Podium-Symposien in Pulkau oder im privaten Kreis. Eine der letzten Aufnahmen zeigt ihn mit einem Glas Rotwein vor sich, den Blick aufmerksam und zugleich tr\u00e4umerisch irgendwohin gerichtet. Ich mag dieses Bild, aufgenommen in Pulkau im Sommer 2003, nach der Er\u00f6ffnung meiner Fotoausstellung \u00fcber und in Pulkau. Auch in Wien sind wir des \u00f6fteren nach den Vorstandssitzungen beim Podium oder PEN oder nach anderen Veranstaltungen ein St\u00fcck des Weges miteinander gegangen, haben uns manchmal noch in das Espresso am Stephansplatz gesetzt, auf ein Glas Rotwein. Angerufen habe ich ihn immer knapp vor zw\u00f6lf Uhr Mittag, wenn ich wu\u00dfte, da\u00df er nicht mehr unten in seiner Schreibstube, sondern schon oben zum Essen war. Immer hat die Trude abgehoben, dann den Alois gerufen, der in der N\u00e4he war. In der Zwischenzeit habe ich mit der Trude geplaudert. \u201eWart ich geb ihn Dir gleich!\u201c hat sie immer gesagt. Die Trude war es auch, die mich angerufen hat und mir mitteilte, da\u00df der Alois in der Nacht gestorben ist. Ich war v\u00f6llig fassungslos, konnte nichts sagen, eben auch zur Trude nicht. Ich fragte nur banal nach den Umst\u00e4nden seines pl\u00f6tzlichen Todes. Herzinfarkt. Ich dachte an meine drei ebenso verstorbenen Br\u00fcder. Dann sind wir zum Begr\u00e4bnis nach Pulkau hinaufgefahren. Susanne und ich waren ganz hinten in der Kirche. Viele Freunde und Weggef\u00e4hrten waren da. Und wir sind dann hinter dem Sarg zum Grab jenen Weg gegangen, den wir ein paar Mal, wenn wir in Pulkau waren und die Kirche besuchten, auch mit dem Alois gemeinsam gegangen sind. Vor mir liegt mein Nachruf auf ihn, den ich damals geschrieben habe. Und ebenso ein Essay mit dem Titel \u201eDas Ma\u00df des Menschlichen &#8211; mein Bild von Alois Vogel\u201c, den ich zu seinem achtzigsten Geburtstag verfa\u00dft und in Pulkau bei der Feier vorgetragen habe. Eine Passage aus diesem Essay bringe ich hier, weil sie alles Wesentliche zusammenfa\u00dft, was den Schriftsteller und Freund Alois Vogel betrifft:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eDurch das imagin\u00e4re Objektiv meiner Kamera sehe ich ihn, den Alois Vogel: Seine gro\u00dfe, aufrechte, schlanke Gestalt; in einem grauen Anzug, mit Strickweste und mit sorgf\u00e4ltig gebundener, farblich und stofflich dazu passender Krawatte. Im Winter dar\u00fcber ein knielanger, schwarzer Kapuzenmantel. Eine Baskenm\u00fctze oder eine Kangol-Kappe auf dem Kopf. Meist braune, elegante Halbschuhe aus feinem Leder, mit Gummisohle. Und eine Aktentasche unter dem Arm; darin allerlei Manuskripte, Zeitschriften; und wahrscheinlich auch ein Buch. Zur\u00fcckhaltung, elegante Vornehmheit schon in der Erscheinung des \u00c4u\u00dferen. Dem entsprechend eine solche im Benehmen, im Umgang, in den Geb\u00e4rden, im Gespr\u00e4ch. Dazu noch eine gewisse, vorsichtige Bed\u00e4chtigkeit, das Ma\u00dfhalten in der Abgemessenheit ruhiger Bewegungen; das Abw\u00e4gen der Worte beim Aussprechen der Gedanken. Der zielgerichtete Aufbau eines Satzes ebenso wie das harmonische Ausklingen desselben. Das Schweigen danach. Der Blick zum Gegen\u00fcber. Der fast schon liturgisch anmutende Griff zum Weinglas und das Trinken daraus. Das wieder immer wieder In-sich-Zur\u00fcckkehren &#8211; f\u00fcr eine kurze Weile oder am Ende des Gespr\u00e4ches; beim Abschied. Die Frage, das Fragen \u00fcberhaupt. Das Kreisen um eine vielleicht m\u00f6gliche Antwort. Nichts als Behauptung, nichts als laute, als vorlaute \u00c4u\u00dferung; nein. Immer wieder das \u201eGlaubst du nicht, da\u00df &#8230;?\u201c oder das \u201eEs k\u00f6nnte aber vielleicht auch sein\u201c als R\u00fcckfrage und Anfrage im Dialog; oder als Einwand. Nie: \u201eDas ist so &#8211; und nicht anders!\u201c Nein, immer die Sprache des eines trotz Lebenserfahrung und Lebensweisheit noch immer Suchenden, der f\u00fcr sich nicht \u201edie Wahrheit gepachtet hat\u201c; der noch immer neugierig ist auf andere Sichtweisen und Antworten; und diese &#8211; auch wenn er anderer Meinung ist &#8211; respektiert. Also ein Mensch, der &#8211; auch wenn und indem er seinen eigenen Standpunkt hat &#8211; andere Sichtweisen, Meinungen, Standpunkte und Haltungen gelten l\u00e4\u00dft. Das ist mehr, als man mit dem abgegriffenen Wort \u201eToleranz\u201c bezeichnen mag. Nur f\u00fcr eines bringt er kein Verst\u00e4ndnis auf, was in diesem Fall kein Mangel, sondern Haltung ist: F\u00fcr Intoleranz und Gewalt. Lebenserfahrung &#8211; das bedeutet auch Erfahrung auf der politischen, auf der ideologischen Ebene. St\u00e4ndestaat, Nazidiktatur, Militarismus \u00fcberhaupt. Das ist bei Alois Vogel ein Bereich individueller Pers\u00f6nlichkeitserfahrung; auch als Grenzerfahrung im Krieg. Daraus resultiert eine prinzipielle, lebenslange Ablehnung. Diese gilt einer jeden Art von sich selbst absolut setzender Ideologie; weil sie den Menschen versklavt, ihn seiner Freiheit und W\u00fcrde beraubt. Und die Wahrheit stets mit F\u00fc\u00dfen tritt. Und so gilt seine Ablehnung auch einer jeden Macht, die nicht demokratisch legitimiert ist oder sich \u00fcber das Legitime hinwegsetzt. Hohle Pathos-Spr\u00fcche, leere Propaganda und deren Urheber miteingeschlossen. Hier definiert sich seine klare Position gegen den Mi\u00dfbrauch vom Menschen und gegen die Herabw\u00fcrdigung der Sprache zum blo\u00dfen Werkzeug.\u201c<\/p>\n<div style=\"text-align: justify;\"><\/div>\n<div><\/div>\n<div><\/div>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Schriftstellerbegegnungen<\/strong> 1960-2010 von Peter Paul Wiplinger, Kitab-Verlag, Klagenfurt, 2010<\/p>\n<div id=\"attachment_19169\" style=\"width: 222px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/02\/Wiplinger-Peter-Paul-2013-Krems-Copyright-Margit-Hahn-2.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-19169\" class=\"size-medium wp-image-19169\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/02\/Wiplinger-Peter-Paul-2013-Krems-Copyright-Margit-Hahn-2-212x300.jpg\" alt=\"\" width=\"212\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/02\/Wiplinger-Peter-Paul-2013-Krems-Copyright-Margit-Hahn-2-212x300.jpg 212w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/02\/Wiplinger-Peter-Paul-2013-Krems-Copyright-Margit-Hahn-2-725x1024.jpg 725w\" sizes=\"auto, (max-width: 212px) 100vw, 212px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-19169\" class=\"wp-caption-text\">Wiplinger Peter Paul 2013, Photo: Margit Hahn<\/p><\/div>\n<div style=\"text-align: justify;\">\n<div style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192 <\/strong>KUNO sch\u00e4tzt dieses <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2009\/02\/28\/ein-geflecht-aus-perspektiven-und-eindruecken\/\">Geflecht aus Perspektiven und Eindr\u00fccken<\/a>. Weitere Ausk\u00fcnfte gibt der Autor im <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2009\/02\/24\/epilog-zu-schriftstellerbegegnungen-1960-2010\/\">Epilog<\/a> zu den <em>Schriftstellerbegegnungen<\/em>.<\/div>\n<div style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2192<\/strong> Die <em>Kulturnotizen<\/em> (KUNO) setzen die Reihe Kollegengespr\u00e4che in loser Folge ab 2011 fort. So z.B. mit dem vertiefenden <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=21407\">Kollegengespr\u00e4ch<\/a> von A.J. Weigoni mit Haimo Hieronymus \u00fcber Material, Medium und Faszination des Werkstoffs Papier. Druck und Papier, manche Traditionen gehen eben nicht verloren.<\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Mein mir liebster Freund unter den Schriftstellerkollegen war der Alois Vogel. Wir sind einander in den fr\u00fchen Siebzigerjahren, gleich nach Gr\u00fcndung des Literaturkreises \u201ePodium\u201c, dessen Mitbegr\u00fcnder und Obmann er dann Jahrzehnte hindurch war und dem auch ich seither angeh\u00f6re,&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2005\/04\/02\/eine-erinnerung-an-alois-vogel\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":98,"featured_media":97941,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[2984,1142],"class_list":["post-87935","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-alois-vogel","tag-peter-paul-wiplinger"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/87935","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/98"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=87935"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/87935\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":102773,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/87935\/revisions\/102773"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/97941"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=87935"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=87935"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=87935"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}