{"id":87803,"date":"1995-12-08T00:01:37","date_gmt":"1995-12-07T23:01:37","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=87803"},"modified":"2026-07-04T08:09:56","modified_gmt":"2026-07-04T06:09:56","slug":"ein-lyrik-album-aus-dem-jenseits","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1995\/12\/08\/ein-lyrik-album-aus-dem-jenseits\/","title":{"rendered":"Ein Lyrik-Album aus dem Jenseits"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><em><span style=\"color: #999999;\">Zuerst kam die Musik, anschlie\u00dfend entwickelte ich einige W\u00f6rter, die ich \u00fcber die Melodie legen konnte, weil ich nur auf diese Weise die Melodie im Kopf behalten konnte. H\u00e4ufig blieben mir dann nur die Texte in Erinnerung, und ich habe die Melodie wieder vergessen.<\/span><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">James Douglas \u201eJim\u201c Morrison<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eigentlich gilt Jim Morrison als Rockmusiker, der die Fantasien, Visionen, \u00c4ngste und die Selbstdestruktivit\u00e4t der Generation der sp\u00e4ten 1960er Jahre artikulierte und exemplarisch auslebte.<sup id=\"cite_ref-1\" class=\"reference\"> <\/sup>Er z\u00e4hlt zu den charismatischsten Pers\u00f6nlichkeiten der Rockmusik dieser Zeit. Gemeinsam mit den Doors erweiterte er das Repertoire der Rockmusik um mehrschichtige Konzeptst\u00fccke und Formen des Rocktheaters. Morrison, von dem zu Lebzeiten drei Gedichtb\u00e4nde ver\u00f6ffentlicht wurden, nutzte die Doors-Konzerte regelm\u00e4\u00dfig f\u00fcr spontane Rezitationen poetischer Texte, auch aus dem Band\u00a0<a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=Q0D8mNPGtAs\"><em>An American Prayer<\/em><\/a>, den er 1970 im Selbstverlag herausgab.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Wenn meine Dichtung auf irgendetwas abzielt, dann darauf, die Menschen aus den Zw\u00e4ngen zu befreien, innerhalb derer sie sich sehen und f\u00fchlen.<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Daran haben sich die \u00fcbrigen Bandmiglieder sieben Jahre nach seinem Tod erinnert und brachten mit den Rezitationen von Morrison ein Musikalbum heraus. \u00dcber die Musik wurden Aufnahmen des 1971 verstorbenen S\u00e4ngers Jim Morrison gelegt, der aus seinem ebenfalls mit <i>An American Prayer<\/i> betitelten Gedichtband rezitiert. Dies ist weniger ein vertonters Gedicht; es ist das Logbuch einer Fahrt durch die Nacht. Die W\u00fcste, die einst Raum der g\u00f6ttlichen Offenbarung war, ist nun von Neonr\u00f6hren ges\u00e4umt. Der Schamane tritt nicht mehr vor den Stamm, er tritt vor das Mikrofon. Seine Stimme, konserviert auf Magnetband, ist die Stimme eines Ertrinkenden, der die Sch\u00f6nheit des Schiffbruchs preist.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Lass den aufgekl\u00e4rten Verstand in unserem Kielwasser zur\u00fcck \/ du wirst Christus sein auf dieser Pauschalreise \/ \u2013Geld schl\u00e4gt die Seele\u2013 \/ Letzte Worte, letzte Worte \/ Aus<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eAwake.\u201c Das Wort kehrt wieder wie ein mechanischer Wecker. Doch das Erwachen, das Morrison besingt, ist kein politisches Bewusstwerden; es ist das Fieber des Somnambulen kurz vor dem Sturz aus dem Fenster. Das amerikanische Gebet ist ein Totenamt f\u00fcr eine Zukunft, die bereits in der Fabrikation stecken geblieben ist. Wenn die Stimme verklingt, bleibt das Rauschen des \u00c4thers. Die Einbahnstra\u00dfe f\u00fchrt hier nicht zum Fortschritt, sondern direkt in den Abgrund des eigenen, technisierten Traums. Da damals nicht das ganze Material auf eine LP passte, sind die kompletten Aufnahmen auf einer CD erschienen. Das Motiv der Produzenten mag befragbar sein, es ist eher eine Spekulation was aus den <em>Doors<\/em> h\u00e4tte werden k\u00f6nnen, w\u00e4re ihr S\u00e4nger am 3. Juli 1971 in Paris nicht in den Club 27 eingetreten.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">\u201eAn American Prayer resounds in the silence that surrounds the cocoon of the lord.\u201c<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Patti Smith<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da nur wenige eine Ausgabe von <em>An American Prayer<\/em> im Regal zu stehen haben, m\u00fcssen wir uns mit den Lyrics begn\u00fcgen, die von <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2011\/04\/05\/cocktail-jazz\/\">The Doors<\/a> vertont wurden. Es ist nicht die schlechteste Wahl, denn wir h\u00f6ren, wie der Autor seine Gedichte selbst rezitiert. Das mag gespenstisch wirken, doch seit Benjamins Aufsatz \u201e<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Das_Kunstwerk_im_Zeitalter_seiner_technischen_Reproduzierbarkeit\">Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit<\/a>\u201c nehmen wir Kunst <em>als einmalige Erscheinung einer Ferne, so nah sie sein mag<\/em> wahr. Weiter f\u00fchrt er an dieser Stelle aus, dass die <em>Aura<\/em> eines <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Kunstwerk\">Kunstwerks<\/a> durch die Kennzeichen <em>Unnahbarkeit<\/em>, <em>Echtheit<\/em> und <em>Einmaligkeit<\/em> gepr\u00e4gt ist. Will man n\u00e4her an den Mythos herankommen, sind Kopfh\u00f6rer empfehlenswert.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><b>An American Prayer<\/b>, Lyrik von Jim Morrison, erschienen 1970 im Selbstverlag (500 Exemplare). Nun als Album erh\u00e4ltlich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong data-wp-editing=\"1\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-107256 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/1995\/12\/Prayer-scaled-e1783145247699.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"300\" \/>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong>\u00a0 Im typischen Gestus junger Dichter hasste Arthur Rimbaud die kleinb\u00fcrgerliche Enge seiner Vaterstadt, was z.\u00a0B. in dem satirischen Gedicht <em>\u00c0 la musique<\/em> (<em>An die Musik<\/em>) zum Ausdruck kommt, er ist <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1995\/10\/20\/der-erste-rockstar-der-poesie\/\">der erste Rockstar der Poesie<\/a>. Dichter wie der <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1989\/11\/06\/dub-poetry\/\">Dub-Poet Linton Kwesi Johnson<\/a>, der <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2024\/08\/30\/medway-poets\/\">Punk-Poet John Cooper Clarke<\/a>, der <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2008\/11\/12\/haus-und-hof-punks\/\">Lo-Fi-Poet Dan Treacy<\/a>, der <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1991\/01\/01\/zur-lage-der-detonation-revisited\/\">Sp\u00e4t-Expressionist<\/a> Peter Hein, der <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/12\/08\/wings\/\">Lizard-King<\/a> Jim Morrison und die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2005\/12\/30\/leben-und-kunstwollen-im-transit\/\">Grandma des Punk<\/a> Patti Smith nutzten Musik als Transportmittel f\u00fcr ihre Lyrics. Und eigentlich k\u00f6nnte auch: \u201eDylan gut ohne den Nobelpreis f\u00fcr Literatur weiterleben und -arbeiten. <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2016\/10\/14\/the-dimes-they-are-a-changin\/\"><em>Er ist auch kein genuiner Kandidat<\/em><\/a><em>, <\/em>insofern er halt kein \u201arichtiger\u2018 Schriftsteller ist, sondern ein Singer-Songwriter.\u201c<em> (<\/em>Heinrich Detering).<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zuerst kam die Musik, anschlie\u00dfend entwickelte ich einige W\u00f6rter, die ich \u00fcber die Melodie legen konnte, weil ich nur auf diese Weise die Melodie im Kopf behalten konnte. 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