{"id":87792,"date":"1990-06-06T00:01:43","date_gmt":"1990-06-05T22:01:43","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=87792"},"modified":"2022-04-20T08:29:19","modified_gmt":"2022-04-20T06:29:19","slug":"eine-erinnerung-an-gyoergy-sebestyen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1990\/06\/06\/eine-erinnerung-an-gyoergy-sebestyen\/","title":{"rendered":"Eine Erinnerung an Gy\u00f6rgy Sebesty\u00e9n"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein anderer, ebenso viel zu fr\u00fch verstorbener Freund war der ungarisch-\u00f6sterreichische, aus einer katholisch-j\u00fcdischen Familie stammende Schriftsteller, Kulturjournalist, Chefredakteur und ehemalige Pr\u00e4sident des \u00d6sterreichischen P.E.N.-Clubs Gy\u00f6rgy Sebesty\u00e9n. Er hatte Ethnologie studiert. Nach der von der Sowjetarmee niedergeschlagenen Ungarn-Revolution von 1956 war er nach Wien geflohen und wurde hier vom \u00d6sterreichischen P.E.N.-Club aufgenommen und betreut, was eine lebenslange enge Beziehung zum PEN zur Folge hatte, soda\u00df er schlie\u00dflich auch zum Pr\u00e4sidenten gew\u00e4hlt wurde. Als solcher organisierte er wichtige internationale Europ\u00e4ische PEN-Regionalkonferenzen in Wien, zu der viele KollegInnen aus den ehemaligen Ostblockstaaten kamen. \u00dcberhaupt baute Sebesty\u00e9n wichtige Br\u00fccken, auch durch die Kulturzeitschriften \u201ePannonia\u201c und \u201emorgen\u201c. Er gr\u00fcndete den \u201eMorgen-Kreis\u201c, eine wichtige Kulturinitiative, aus der sich eine Gemeinschaft von K\u00fcnstlern, Wissenschaftlern und Intellektuellen bildete, in dessen Zentrum von 1980 bis 1990 Sebesty\u00e9n stand. Sebesty\u00e9n hatte auch die besondere Gabe, die richtigen Menschen zusammenzubringen und miteinander bekannt zu machen. Er erkannte aufgrund von Anzeichen oder ganz einfach intuitiv, welche Personen sich etwas zu sagen haben oder einander sympathisch sein k\u00f6nnten, zwischen wem eine Verbindung hergestellt werden sollte oder k\u00f6nnte und zwischen wem wohl eher nicht. Jedes zweite Jahr trafen wir &#8211; eine Gruppe von etwa 80-100 Personen &#8211; zu einem Symposium an verschiedenen Orten in Nieder\u00f6sterreich zusammen, um \u00fcber grunds\u00e4tzliche Probleme des Menschen und Fragen der Zeit nachzudenken, zu reflektieren, miteinander zu diskutieren. Auch die Zeitschrift \u201ePannonia\u201c sowie die Kulturseite der \u201eFurche\u201c, die Sebesty\u00e9n redigierte, waren ein Ort der Begegnung. Ganz besonders aber der von mir initiierte \u201eMorgen-Kreis-Stammtisch\u201c an jedem Montag Abend im Gasthaus \u201eZu den drei Hacken\u201c in der Singerstra\u00dfe im ersten Bezirk in Wien. Der funktionierte zwei bis drei Jahre sehr gut. Innerhalb des Morgen-Kreises bildeten sich wiederum kleine Gruppen, auch Freundschaften wurden so begr\u00fcndet. Ich hatte auf dieser Schiene sowie auf der PEN-Ebene, aber auch privat meine Beziehung zu Sebesty\u00e9n.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine Zeitlang trafen wir uns an fast an jedem Sonntag-Nachmittag ab 16 Uhr im legend\u00e4ren \u201eWeinhaus Rieder\u201c beim Wiener Rathaus. Wenn es warm und das Wetter sch\u00f6n war, sa\u00dfen wir stundenlang unter den Arkaden im Gespr\u00e4ch bei Brot und Wein und einem Klumpen Parmesan, den Sebesty\u00e9n in seiner Rocktasche mitbrachte und den wir mit meinem Taschenmesser zerteilten. Man konnte mit Sebesty\u00e9n sehr gut reden. Gespr\u00e4che hatten eine gro\u00dfe Spannbreite, von einer leichten Plauderei bis zu tiefen philosophischen Betrachtungen \u00fcber den Menschen, das Leben und die Welt. In einer unnachahmlichen umsichtigen Weise und mit druckreifen Formulierungen machte Sebesty\u00e9n seine Ausf\u00fchrungen oder, wenn ich etwas in meiner Art und Weise &#8211; immer emotionalisiert und heftig &#8211; sagte, seine Einw\u00e4nde, korrigierte mich mit den aus seinen gr\u00fcndlichen \u00dcberlegungen resultierenden Argumenten, oft aber auch mit einem \u201eSchau, Peter, das k\u00f6nnte man ja auch so oder so sehen!\u201c Er versuchte stets, mich zu beschwichtigen. Er war auf Ruhe und Beruhigung, auf Harmonie und Harmonisierung der Gegens\u00e4tze aus, ich aber war und bin ein Mensch der Konflikte, der Auseinandersetzung, der Heftigkeit, der Emotionalit\u00e4t, die sich oft in Ausbr\u00fcchen kundtut. Sebesty\u00e9n hingegen war ein Weiser, er war ein Mann des Ausgleichs, er wollte Toleranz und Frieden. Gegen Mitternacht, wenn Sperrstunde war und der Wirt als sein bester eigener Gast manchmal schon genauso betrunken war wie wir nach meist drei oder vier Vierteln Wein, dann brachen wir auf. Ich begleitete Sebesty\u00e9n noch ein St\u00fcck des Weges, er wohnte damals schon in der Auersperggasse an der sogenannten Zweierlinie. Ich sagte: \u201eAdieu! Jetzt ist es aber Zeit zum Schlafen!\u201c. Worauf er des \u00f6fteren erwiderte: \u201eIch mu\u00df jetzt noch was arbeiten.\u201c Sebesty\u00e9n vertrug einiges. Er ging auch nach drei oder vier Vierteln Wein noch kerzengerade, manchmal vielleicht mit einem kaum bemerkbaren Wanken nach Hause. Ich ging auf dem Heimweg meist noch auf ein \u201eDr\u00fcberstreuerachterl\u201c irgendwohin, wo man noch offen hatte, wenn ich genug Geld daf\u00fcr \u00fcbrig hatte, was nicht selbstverst\u00e4ndlich und nicht immer der Fall war.\u00a0 Einmal sind der Sebesty\u00e9n und ich beim Besuch einer \u201eDame\u201c &#8211; er bezeichnete die Frauen ganz allgemein stets als \u201e die Damen\u201c &#8211; vom Wohnzimmer eines Ateliers aus auf das Dach gestiegen und haben dionysisch-euphorisch und volltrunken den Sonnenuntergang von dort aus beobachtet. Das war eindrucksvoll, ja \u00fcberw\u00e4ltigend, der Augenblick ist mir unverge\u00dflich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dann trennten sich unsere Wege, f\u00fcr eine lange Zeit, eigentlich bis zu seinem Tod. Drei Tage davor rief mich Sebesty\u00e9n aus dem Spital an, mit sehr m\u00fcder Stimme, langsam Wort f\u00fcr Wort sprechend. Wir sprachen ganz kurz miteinander. Seine letzten Worte, mit denen er sich von mir f\u00fcr immer verabschiedete, waren: \u201eGott beh\u00fcte Dich, Peter!\u201c Von seinem Tod erfuhr ich in den Mittagsnachrichten aus dem Radio, als ich mit meinem Auto gerade die Triesterstra\u00dfe stadteinw\u00e4rts fuhr. Nicht lange danach haben wir ihn in einem Ehrengrab auf dem Zentralfriedhof begraben.<\/p>\n<div style=\"text-align: justify;\"><\/div>\n<div><\/div>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Schriftstellerbegegnungen<\/strong> 1960-2010 von Peter Paul Wiplinger, Kitab-Verlag, Klagenfurt, 2010<\/p>\n<div id=\"attachment_19169\" style=\"width: 222px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/02\/Wiplinger-Peter-Paul-2013-Krems-Copyright-Margit-Hahn-2.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-19169\" class=\"size-medium wp-image-19169\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/02\/Wiplinger-Peter-Paul-2013-Krems-Copyright-Margit-Hahn-2-212x300.jpg\" alt=\"\" width=\"212\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/02\/Wiplinger-Peter-Paul-2013-Krems-Copyright-Margit-Hahn-2-212x300.jpg 212w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/02\/Wiplinger-Peter-Paul-2013-Krems-Copyright-Margit-Hahn-2-725x1024.jpg 725w\" sizes=\"auto, (max-width: 212px) 100vw, 212px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-19169\" class=\"wp-caption-text\">Wiplinger Peter Paul 2013, Photo: Margit Hahn<\/p><\/div>\n<div style=\"text-align: justify;\">\n<div style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192 <\/strong>KUNO sch\u00e4tzt dieses <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2009\/02\/28\/ein-geflecht-aus-perspektiven-und-eindruecken\/\">Geflecht aus Perspektiven und Eindr\u00fccken<\/a>. Weitere Ausk\u00fcnfte gibt der Autor im <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2009\/02\/24\/epilog-zu-schriftstellerbegegnungen-1960-2010\/\">Epilog<\/a> zu den <em>Schriftstellerbegegnungen<\/em>.<\/div>\n<div style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2192<\/strong> Die <em>Kulturnotizen<\/em> (KUNO) setzen die Reihe Kollegengespr\u00e4che in loser Folge ab 2011 fort. So z.B. mit dem vertiefenden <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=21407\">Kollegengespr\u00e4ch<\/a> von A.J. Weigoni mit Haimo Hieronymus \u00fcber Material, Medium und Faszination des Werkstoffs Papier. Druck und Papier, manche Traditionen gehen eben nicht verloren.<\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Ein anderer, ebenso viel zu fr\u00fch verstorbener Freund war der ungarisch-\u00f6sterreichische, aus einer katholisch-j\u00fcdischen Familie stammende Schriftsteller, Kulturjournalist, Chefredakteur und ehemalige Pr\u00e4sident des \u00d6sterreichischen P.E.N.-Clubs Gy\u00f6rgy Sebesty\u00e9n. Er hatte Ethnologie studiert. 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