{"id":87789,"date":"1994-06-28T00:01:33","date_gmt":"1994-06-27T22:01:33","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=87789"},"modified":"2021-07-08T10:14:42","modified_gmt":"2021-07-08T08:14:42","slug":"eine-erinnerung-an-erwin-ringel","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1994\/06\/28\/eine-erinnerung-an-erwin-ringel\/","title":{"rendered":"Eine Erinnerung an Erwin Ringel"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">\u201eServus, Franz!\u201c, sagte ich, nachdem mich meine Lebensgef\u00e4hrtin Susanne mit \u201eDer Ringel ist am Apparat\u201c ans Telefon gerufen hatte. Ich dachte, der Maler Franz Ringel sei es und wunderte mich noch, warum der bei mir anrufen sollte, obwohl wir einander kennen. Das war im Dezember 1987 am Abend der Er\u00f6ffnung des \u201eGemeinschaftsateliers Oman-Wiplinger\u201c in der Rasumofskygasse 22, im dritten Bezirk in Wien. \u201eIch bin nicht der Franz, ich bin der Erwin Ringel, aber du kannst auch ruhig du zu mir sagen\u201c, h\u00f6rte ich es aus dem Telefon. \u201eDu, ich danke Dir f\u00fcr die Einladung zur Er\u00f6ffnung eures Ateliers, das ist sicher eine gute Sache, aber ich mu\u00df mich entschuldigen, du wei\u00dft schon\u2026 Aber das n\u00e4chste Mal gehen wir (ja, \u201egehen\u201c, sagte er) mit dem Matejka miteinander am 8. Mai zur Befreiungsfeier nach Mauthausen\u201c, f\u00fcgte er noch hinzu. Ich war perplex, stammelte nur \u201eJa, gerne!\u201c und \u201eAuf Wiedersehen!\u201c Dann ging ich zur Veranstaltung zur\u00fcck. Wir sind nie miteinander nach Mauthausen \u201egegangen\u201c. Es hat sich nicht ergeben. Der Professor Dr. Ringel kannte mich, er hatte meinen Fotogedichtband \u201eFarbenlehre\u201c, in dem der Hauptteil das ehemalige KZ Mauthausen Gegenstand von Text und Bild war. Vielleicht sch\u00e4tzte er mich deswegen. Jedenfalls hat er dann f\u00fcr den n\u00e4chsten Fotogedichtband \u201eBildersprache\u201c ein kurzes, mich \u00fcberaus lobendes Vorwort geschrieben. Das n\u00e4chste Mal rief er mich an, als ich im Atelier am Modenapark war, im 8. Stock oben. Ich hatte mich an ihn gewandt, weil ich da oben wieder an unertr\u00e4glicher H\u00f6henangst litt. Dieses Symptom hatte ich seit der Todesnachricht meines 1949 in den Lienzer Dolomiten t\u00f6dlich verungl\u00fcckten Bruders Josef. \u201eAlso, der Wiplinger hat wieder einmal Probleme\u201c, begann er. \u201eAber das wundert mich ja nicht. Zuerst ist er im Keller und dann im Turm, immer ist er im Extrem, er ist eben ein Extremer!\u201c So sprach er zu mir in der dritten Person, als ob er mir von jemand anderem erz\u00e4hlte. \u201eAber das alles kann man therapieren\u201c, meinte er. \u201eHast was dagegen, wenn das meine Frau macht?\u201c fragte er. \u201eIch brauch keine Therapie, Herr Professor!\u201c sagte ich. \u201eIch brauch ein Attest bez\u00fcglich meiner H\u00f6henangst; ich mu\u00df aus dem Atelier, in das ich viel Geld investiert habe, das aber der Gemeinde Wien geh\u00f6rt, wieder raus\u201c, erkl\u00e4rte ich. \u201eIch werde schauen, was ich tun kann\u201c, versprach er. \u201eAber gscheiter w\u00e4r\u2019s schon, wennst das therapieren lassen w\u00fcrdest, denn da hast schon ein Trauma als Kind bekommen, das wei\u00dft schon\u201c, sagte er noch. Dann beendeten wir das Gespr\u00e4ch. Die Angelegenheit l\u00f6ste ich nach vielen Bem\u00fchungen, auch bei den sturen Leuten der Gemeinde Wien, dann selbst. Ich \u00fcbersiedelte in eine im 1. Stock gelegene Hinterhofwohnung, wo ich heute noch bin. Der Franz Ringel aber hatte recht mit dem Trauma, dessen Symptome ich auf verschiedene Art bis heute manchmal noch sp\u00fcre. Ich hatte vorher schon sein Buch \u201eDie \u00f6sterreichische Seele\u201c (1984) gelesen und las sp\u00e4ter dann noch \u201eDie K\u00e4rntner Seele\u201c (1988) mit zustimmender Begeisterung. Als ich von seinem pl\u00f6tzlichen Tod h\u00f6rte, war ich tief betroffen und erinnerte mich zugleich an den Satz von ihm: \u201eDu, das n\u00e4chste Mal gehen wir mit dem Matejka gemeinsam nach Mauthausen.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div style=\"text-align: justify\"><\/div>\n<p style=\"text-align: center\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Schriftstellerbegegnungen<\/strong> 1960-2010 von Peter Paul Wiplinger, Kitab-Verlag, Klagenfurt, 2010<\/p>\n<div id=\"attachment_19169\" style=\"width: 222px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/02\/Wiplinger-Peter-Paul-2013-Krems-Copyright-Margit-Hahn-2.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-19169\" class=\"size-medium wp-image-19169\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/02\/Wiplinger-Peter-Paul-2013-Krems-Copyright-Margit-Hahn-2-212x300.jpg\" alt=\"\" width=\"212\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/02\/Wiplinger-Peter-Paul-2013-Krems-Copyright-Margit-Hahn-2-212x300.jpg 212w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/02\/Wiplinger-Peter-Paul-2013-Krems-Copyright-Margit-Hahn-2-725x1024.jpg 725w\" sizes=\"auto, (max-width: 212px) 100vw, 212px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-19169\" class=\"wp-caption-text\">Wiplinger Peter Paul 2013, Photo: Margit Hahn<\/p><\/div>\n<div style=\"text-align: justify\">\n<div style=\"text-align: justify\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192 <\/strong>KUNO sch\u00e4tzt dieses <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2009\/02\/28\/ein-geflecht-aus-perspektiven-und-eindruecken\/\">Geflecht aus Perspektiven und Eindr\u00fccken<\/a>. Weitere Ausk\u00fcnfte gibt der Autor im <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2009\/02\/24\/epilog-zu-schriftstellerbegegnungen-1960-2010\/\">Epilog<\/a> zu den <em>Schriftstellerbegegnungen<\/em>.<\/div>\n<div style=\"text-align: justify\"><strong>\u2192<\/strong> Die <em>Kulturnotizen<\/em> (KUNO) setzen die Reihe Kollegengespr\u00e4che in loser Folge ab 2011 fort. So z.B. mit dem vertiefenden <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=21407\">Kollegengespr\u00e4ch<\/a> von A.J. Weigoni mit Haimo Hieronymus \u00fcber Material, Medium und Faszination des Werkstoffs Papier. Druck und Papier, manche Traditionen gehen eben nicht verloren.<\/div>\n<p style=\"text-align: justify\">\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; \u201eServus, Franz!\u201c, sagte ich, nachdem mich meine Lebensgef\u00e4hrtin Susanne mit \u201eDer Ringel ist am Apparat\u201c ans Telefon gerufen hatte. 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