{"id":87762,"date":"1994-10-08T00:01:15","date_gmt":"1994-10-07T23:01:15","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=87762"},"modified":"2022-09-27T18:12:59","modified_gmt":"2022-09-27T16:12:59","slug":"eine-erinnerung-an-valery-popov","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1994\/10\/08\/eine-erinnerung-an-valery-popov\/","title":{"rendered":"Eine Erinnerung an Valery Popov"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein herrlich sonniger Oktobertag 1994 in dieser wundersch\u00f6nen Stadt St. Petersburg. Vorher angek\u00fcndigt traf ich mit der Tochter unseres PEN-Mitgliedes Dr. Peter Marginter zu einem kurzen Besuch, wie ausgemacht war, bei Familie Popov ein. Es ging um PEN-Angelegenheiten. Aus dem kurzen Besuch wurde ein langer von 16 Uhr bis um Mitternacht, als wir uns auf mein Dr\u00e4ngen endlich verabschiedeten. Und das war kein blo\u00dfer H\u00f6flichkeitsbesuch bei einer Tasse Kaffee, sondern ein Erlebnis russischer Gastfreundschaft mit einem Festessen und mit viel Wodka, den man &#8211; immer einander zuprostend &#8211; aus halbvollen Wassergl\u00e4sern trank. Der Tisch war mehr als reich gedeckt mit allem, was man an anzubieten hatte. Nat\u00fcrlich gab es Trinkspr\u00fcche auf die Freundschaft, auf die zwischen uns als physischen Personen, aber auch auf die zwischen allen V\u00f6lkern der Welt. Ich kannte diese Ostblockliturgie als einen fixen Bestandteil solcher Begegnungen noch vor der \u201eWende\u201c. Flasche um Flasche wurde geleert, ich hielt mich sehr zur\u00fcck, was aber nicht viel n\u00fctzte, denn bei einer solchen Festivit\u00e4t \u00fcber so viele Stunden kommt doch einiges zusammen. Als wir von diesem reichlichen Buffet in der Zeit von zwei bis drei Stunden ausgiebig gegessen hatten, wollte ich aufstehen, mich bedanken und mit meiner Begleiterin gehen. Aber Frau Dr. Marginter, die perfekt Russisch spricht, damals in St. Petersburg an der Universit\u00e4t als Lektorin arbeitete und zusammen mit Dr. Stanislav Samsonov als Dolmetscher fungierte, bedeutete mir, da\u00df noch nicht Schlu\u00df sei mit dem Essen und dem Abend. \u201eNein, jetzt kommt das Abendessen!\u201c sagte Valery. Fassungslos sah ich ihn und seine zarte Frau, eine fr\u00fchere Ballerina, an. Und schon \u00f6ffnete sie das Backrohr und ein riesiger Lachs wurde in einer gro\u00dfen Pfanne herausgezogen. Dann geschah etwas ganz Seltsames und mir Unbegreifliches: Die Hausfrau filetierte diesen wunderbaren Fisch keineswegs, sondern stach mit einer Art Gabel und einem gro\u00dfen Messer auf den Fisch ein und portionierte ihn wie einen Strudel. Man konnte das Krachen vom Zerbrechen der Gr\u00e4ten h\u00f6ren. Jeder bekam ein gro\u00dfes St\u00fcck, das nat\u00fcrlich jetzt voller Gr\u00e4tenreste war. M\u00fchsam und gefahrvoll war dann das Essen dieses Fisches. Ich fragte mich noch lange, warum diese Fisch-zerst\u00f6rerische Prozedur so war, wie sie nun einmal war &#8211; und kam dann zu der Vermutung, da\u00df die Familie Popov f\u00fcr uns G\u00e4ste diesen wahrscheinlich sehr teuren Fisch, diesen Luxusfisch extra gekauft und selbst noch nie einen solchen zubereitet und gegessen hatte. Russische Gastfreundschaft! F\u00fcr seine Freunde und G\u00e4ste gibt man alles! Um Mitternacht endlich brachen wir auf. Dr. Samsonov, Repr\u00e4sentant einer gro\u00dfen deutschen Firma in St. Petersburg, der sicher eine ganze Menge Wodka getrunken hatte, auf jeden Fall viel zu viel, um noch Autofahren zu d\u00fcrfen, wollte mich unbedingt mit seinem Sportwagen nach Hause bringen. Auf Dr\u00e4ngen stimmte ich dann doch endlich zu. Samsonov fuhr wie der Teufel durch das n\u00e4chtliche St. Petersburg. Aber nicht gleich zu meinem Hotel! \u201eVorher m\u00fcssen wir noch unbedingt ein paar Freunde besuchen\u201c, sagte er, \u201esie machen eine Abschiedsparty, es sind russisch-j\u00fcdische K\u00fcnstler, die nach Israel auswandern.\u201c Meine Einw\u00e4nde wurden wie versch\u00fctteter Wodka weggewischt. Also besuchten wir die Freunde. Und wir &#8211; auch ich &#8211; wurden so begr\u00fc\u00dft und behandelt, als w\u00e4ren wir schon seit ewigen Zeiten engstens befreundet. Mit einer Polaroidkamera wurde viel fotografiert, jeder wollte mit dem Dichter aus \u00d6sterreich fotografiert werden. Irgendwann gegen drei Uhr brachte mich Samsonov dann endlich mit seinem Auto zum Hotel und ich fiel todm\u00fcde und betrunken ins Bett. Um sieben Uhr Fr\u00fch konnte ich kaum aufstehen, aber ich mu\u00dfte, weil um neun Uhr mein Flieger (Aeroflot) nach Moskau abflog. Ein kleines quadratisches Polaroid, auf dem ich mit allen \u201eFreunden\u201c abgebildet bin, ist mir als Relikt von diesem denkw\u00fcrdigen russischen Abend zum Andenken geblieben. Doch der Aufenthalt \u00fcberhaupt in St. Petersburg bleibt mir unverge\u00dflich. An einem Abend, als ich auf einem meiner vielen Spazierg\u00e4nge allein \u00fcber eine der vielen Br\u00fccken ging, waren der Himmel und alles rundum erleuchtet von einem wunderbaren Abendrot, das die Stadt in ein magisches Licht tauchte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div style=\"text-align: justify;\"><\/div>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Schriftstellerbegegnungen<\/strong> 1960-2010 von Peter Paul Wiplinger, Kitab-Verlag, Klagenfurt, 2010<\/p>\n<div id=\"attachment_19169\" style=\"width: 222px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/02\/Wiplinger-Peter-Paul-2013-Krems-Copyright-Margit-Hahn-2.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-19169\" class=\"size-medium wp-image-19169\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/02\/Wiplinger-Peter-Paul-2013-Krems-Copyright-Margit-Hahn-2-212x300.jpg\" alt=\"\" width=\"212\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/02\/Wiplinger-Peter-Paul-2013-Krems-Copyright-Margit-Hahn-2-212x300.jpg 212w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/02\/Wiplinger-Peter-Paul-2013-Krems-Copyright-Margit-Hahn-2-725x1024.jpg 725w\" sizes=\"auto, (max-width: 212px) 100vw, 212px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-19169\" class=\"wp-caption-text\">Wiplinger Peter Paul 2013, Photo: Margit Hahn<\/p><\/div>\n<div style=\"text-align: justify;\">\n<div style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192 <\/strong>KUNO sch\u00e4tzt dieses <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2009\/02\/28\/ein-geflecht-aus-perspektiven-und-eindruecken\/\">Geflecht aus Perspektiven und Eindr\u00fccken<\/a>. Weitere Ausk\u00fcnfte gibt der Autor im <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2009\/02\/24\/epilog-zu-schriftstellerbegegnungen-1960-2010\/\">Epilog<\/a> zu den <em>Schriftstellerbegegnungen<\/em>.<\/div>\n<div style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2192<\/strong> Die <em>Kulturnotizen<\/em> (KUNO) setzen die Reihe Kollegengespr\u00e4che in loser Folge ab 2011 fort. So z.B. mit dem vertiefenden <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=21407\">Kollegengespr\u00e4ch<\/a> von A.J. Weigoni mit Haimo Hieronymus \u00fcber Material, Medium und Faszination des Werkstoffs Papier. Druck und Papier, manche Traditionen gehen eben n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Ein herrlich sonniger Oktobertag 1994 in dieser wundersch\u00f6nen Stadt St. Petersburg. Vorher angek\u00fcndigt traf ich mit der Tochter unseres PEN-Mitgliedes Dr. Peter Marginter zu einem kurzen Besuch, wie ausgemacht war, bei Familie Popov ein. 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