{"id":87739,"date":"2023-06-20T00:01:47","date_gmt":"2023-06-19T22:01:47","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=87739"},"modified":"2022-02-25T16:44:06","modified_gmt":"2022-02-25T15:44:06","slug":"nichts-toetet-schneller-als-laecherlichkeit","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/06\/20\/nichts-toetet-schneller-als-laecherlichkeit\/","title":{"rendered":"Nichts t\u00f6tet schneller als L\u00e4cherlichkeit"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So wollen wir uns heute einmal Herrn Felix Neumann \u201eergreifen\u201c. \u201eNichts t\u00f6tet schneller als L\u00e4cherlichkeit\u201c, schreibt er. Aber mein Herr, Sie begehen ja Selbstmord! Haben Sie denn Ihren Artikel in der Post vom 6. Januar 1920 nicht gelesen? Der reinste Selbstmord! (Nichts t\u00f6tet schneller als L\u00e4cherlichkeit.) Ich citiere w\u00f6rtlich: \u201eDie Umrisse aller Begebenheiten sind ins Ungeheuerliche ger\u00fcckt\u201c. Wir wollen uns einmal diesen einen Satz \u201eergreifen\u201c, heute einmal. Was haben Sie sich wohl dabei gedacht? (Damenringkampf mit Turbinen.) Ach, zeigen Sie mir doch bitte einmal den Umriss einer Begebenheit, oder einen ins Ungeheuerliche ger\u00fcckten Umriss. (Die Frau ist doch schliesslich auch kein R\u00e4derwerk!) Ergreifen wir uns einmal den n\u00e4chsten Satz: \u201eAlles Alte, ehrw\u00fcrdig \u00dcberlieferte liegt auf dem Kehrichthaufen.\u201c Sagen Sie mal, Herr Neumann, geh\u00f6ren Sie auch zum ehrw\u00fcrdig \u00dcberlieferten? Dann wollen wir lieber fortfahren. Sie treiben also sozusagen \u201eSchindluder\u201c mit Anna Blume. (Preisfrisierwettbewerb mit Salonmusik.) (Er hat en Bullen gemolken.) Sie sagen, ich nagte mit tausend Gesinnungsgenossen an den Wurzeln unserer Kraft. (Ein sch\u00f6nes Bild.) Sie meinen wohl: Ihrer Kraft? Nein, millionenmal nein, ich nage nicht, seien Sie unbesorgt, ich bin keine Ratte und Sie sind kein Baum. Ich w\u00fcsste auch garnicht die Wurzeln ihrer Kraft zu finden. Ausserdem w\u00fcrde ich auch meinen Weg allein nagen, ohne tausend Mitnager. Aber ich bin kein Nagetier, sondern man nagt mich an. Wollen Sie wohl gleich aufh\u00f6ren, mich anzunagen, sonst mache ich Sie l\u00e4cherlich, jawohl! Ich mache Sie sonst l\u00e4cherlich. Sie wissen doch, das t\u00f6tet. (20 Jahr, da stand der Schwanz noch kerzengerade hoch, 30 Jahr, da hat er schon en Bogen.) Ich brauche bloss abzuschreiben, was Sie selbst geschrieben haben, das gen\u00fcgt. Ich brauche bloss Ihre eigenen Worte, \u201eauf den B\u00fcchermarkt zu werfen\u201c, ich brauche Sie garnicht erst \u201ein den dadaistischen Dichterschlund\u201c zu reissen. (Und meine Z\u00e4hne sind so teuer gewesen.) Sie meinen, dass \u201eSchmutz in Wort und Bild tonangebend wurden.\u201c Mein Herr, Ihre Art zu kritisieren, wird nie tonangebend werden, nichts t\u00f6tet schneller als L\u00e4cherlichkeit. Sie meinen aber, diese tr\u00fcben Erscheinungen w\u00e4ren nur \u201evor\u00fcbergehend\u201c. Da muss ich allerdings widersprechen. Kritiken, wie die Ihrigen, \u201evernichten\u201c (Schmutz in Wort und Bild) zu tausenden unter Ausnutzung der jetzt g\u00fcnstigen Konjunktur den Rest von Feingef\u00fchl im deutschen Volke und unterh\u00f6hlen den Baum der Kunst. \u201eAber nichts t\u00f6tet schneller als L\u00e4cherlichkeit.\u201c Und der Baum der Kunst ist eine Schlange (fein, was?) mit tausend K\u00f6pfen am Fusse und wenn Sie einen abgenagt haben, dann wachsen tausend Zehen aus jedem H\u00fchnerauge seiner Wurzeln, und das ist schlimm f\u00fcr Sie. Denken Sie doch nur, wenn der Baum der Kunst ein Pflaumenbaum w\u00e4re, der Sie einzeln vor den Richterstuhl schleppte (\u201eund in Ihrer ganzen traurigen Erb\u00e4rmlichkeit zerpfl\u00fcckte\u201c) und dem Gesp\u00f6tt \u00fcberlieferte. (\u201eUnd \u2013 dem Gesp\u00f6tt \u00fcberlieferte\u201c.) Mein Herr, ich muss lachen, ich kann nicht mehr ernsthaft schreiben. Gleich beisse ich doch die letzte haltende Wurzel durch. \u201eVorsicht, sonst f\u00e4llste!\u201c \u201eAm meisten zu bedauern ist aber das deutsche Volk, dem moderne Kritiker so etwas zu bieten wagen.\u201c Es er\u00fcbrigt sich, auf Einzelheiten einzugehen. \u201eLassen Sie sich man keenen Dachziegel aufen Kopp fallen.\u201c Also, nichts f\u00fcr ungut!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<div id=\"attachment_5286\" style=\"width: 219px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/06\/220px-Kurt_Schwitters.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-5286\" class=\"size-medium wp-image-5286\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/06\/220px-Kurt_Schwitters-209x300.jpg\" alt=\"\" width=\"209\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/06\/220px-Kurt_Schwitters-209x300.jpg 209w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/06\/220px-Kurt_Schwitters.jpg 220w\" sizes=\"auto, (max-width: 209px) 100vw, 209px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-5286\" class=\"wp-caption-text\">Kurt Schwitters, vor 1927, auf einer Fotografie von Genja Jonas<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Das literarische Werk<\/strong> von Kurt Schwitters.\u00a0<em>Quelle: Der Sturm<\/em>, 10. Jahr, Nr. 11 (Februar 1920): S. 157.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; So wollen wir uns heute einmal Herrn Felix Neumann \u201eergreifen\u201c. \u201eNichts t\u00f6tet schneller als L\u00e4cherlichkeit\u201c, schreibt er. Aber mein Herr, Sie begehen ja Selbstmord! Haben Sie denn Ihren Artikel in der Post vom 6. Januar 1920 nicht gelesen? 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