{"id":87688,"date":"2022-01-08T00:01:13","date_gmt":"2022-01-07T23:01:13","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=87688"},"modified":"2022-02-17T17:02:22","modified_gmt":"2022-02-17T16:02:22","slug":"rede-am-grabe-leo-reins","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2022\/01\/08\/rede-am-grabe-leo-reins\/","title":{"rendered":"Rede am Grabe Leo Reins"},"content":{"rendered":"<div>\n<p style=\"text-align: right;\">\u00a0(In der Berliner B\u00f6rsenzeitung 547 v.27.11.21)<\/p>\n<\/div>\n<div style=\"text-align: justify;\">\n<p>Zun\u00e4chst behaupte ich, Herr Kritiker Leo Rein w\u00e4re tot. Kritiker sind tot oder Dadaisten. Ich behaupte, Herr Rein w\u00e4re beides, weil das so sch\u00f6n geht. Seiner Rede fehlt die W\u00e4rme, das Flaisch, sie klappert wie Knochenbeine.<\/p>\n<\/div>\n<div style=\"text-align: justify;\">\n<p>Aber ist er schon tot, lebt uns sein Name noch und k\u00fcndet es b\u00e4\u00dferen Zuk\u00fcnften, dass der L\u00f6w reineren Zeiten entgegenklappert, Zeiten ohne die l\u00e4cherliche Merzmalerei und ohne die widerliche Anna Blume. Der Stimme schwendet Kopf verquer die Beine. Ja, Herr Rein, alle Neme kann man nich von hinten lesen. Sie hiessen z. B. Snier\u00f6l, wenn es noch wenigstens Schmieroel w\u00e4re!<\/p>\n<\/div>\n<div style=\"text-align: justify;\">\n<p>Ich bin Kriminalist, vaschtehste? Selbstmord? Leider ja. Der L\u00f6w hat sich solange hinten in seinen eigenen Schwanz gebissen, bis er tot umfuhl. (Weniger gebr\u00e4uchliches Imperfekt von fallen.) Nun l\u00fcgt er da und schreit so sehr. (Und wenn der Brummb\u00e4r mich doch nassmacht?) Dann kriegt er Haue.<\/p>\n<\/div>\n<div style=\"text-align: justify;\">\n<p>Ich bin Pastor und wende mich gegen Leos Lebenswandel, besonders an seinem Lebensabend, seine Grabrede auf meine Kunscht. Warum verallgemeinern Sie? (Gemeinheit im All.) Wer gibt Ihnen z. B. ein Recht, etwas Dadaismus zu nennen, das sachlich MERZ und nicht dada ist? Ich meine meine Kunst. Wenn Sie nicht gut fundamentiert sind, dann wenden Sie sich nur gleich einer anderen Brangsche zu. Ick werde Ihnen mal fundamentieren!<\/p>\n<\/div>\n<div style=\"text-align: justify;\">\n<p>MERZ bedeutet bekanntlich Toleranz in Bezug auf alle Nebensachen, wie Material, Motiv; dagegen die Forderung konsequenter Formung zum Zwecke des Ausdrucks. Nach diesem fundamentalen Grundsatz frage ich Sie: Wer gibt Ihnen ein Recht dazu, ein Kunstwerk Unsinn zu nennen, weil sein Motiv Unsinn war. (Toter Kritiker, h\u00f6ren Sie eigentlich?) Sie verwerfen meine Kunstwerke, weil Sie nicht gut fundamentiert sind, infolge Verwechslung des Motivs mit der Gestaltung. Kunst ist niemals Unsinn. Kunst ist Logik. Jawohl, da staunen Sie! Sie aber verwechseln die Begriffe und begreifen Ihre Verwechslung nicht.<\/p>\n<\/div>\n<div style=\"text-align: justify;\">\n<p>De mortuis nil nisi bene, auf deutsch: Man soll den Toten nicht auf die Beene niesen. Ich niese nicht, toter Mann, h\u00f6ren Sie, ich niese nicht auf Ihre Beene, wenn ich behaupte, dass Ihr Wunsch, Merz m\u00f6ge doch bitte tot sein, der Vater Ihres Gedankens nebst Grabrede war. Wissen Sie, was das bedeutet? (Wohl lange Dein eigenes Geschrei nich jeh\u00f6rt!)<\/p>\n<\/div>\n<div style=\"text-align: justify;\">\n<p>Damit Sie aber h\u00f6ren, dass ich noch niesen kann, treten Sie bitte ein paar Schritt zur\u00fcck, Sie kennen ja die \u00fcbliche R\u00fcckw\u00e4rtsbewegung der Herren von der Kritik. Abort frei. Zur F\u00f6rderung der \u00f6ffentlichen Gesundheit wird dringend ersucht, nicht auf den \u00f6ffentlichen Boden zu spucken. Die Augen der Herren Kritiker d\u00fcrfen auf beiden Seiten nur mit Zustimmung aller Mitreisenden ge\u00f6ffnet werden.<\/p>\n<\/div>\n<div style=\"text-align: justify;\">\n<p>Lernen Sie erstlichmal deklinieren: der Hass, die Hose, das Haus.<\/p>\n<\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<div id=\"attachment_5286\" style=\"width: 219px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/06\/220px-Kurt_Schwitters.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-5286\" class=\"size-medium wp-image-5286\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/06\/220px-Kurt_Schwitters-209x300.jpg\" alt=\"\" width=\"209\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/06\/220px-Kurt_Schwitters-209x300.jpg 209w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/06\/220px-Kurt_Schwitters.jpg 220w\" sizes=\"auto, (max-width: 209px) 100vw, 209px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-5286\" class=\"wp-caption-text\">Kurt Schwitters, vor 1927, auf einer Fotografie von Genja Jonas<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Das literarische Werk<\/strong> von Kurt Schwitters. Quelle: <i>Der Sturm<\/i>, 13. Jahrgang, Heft 1 (Januar 1922)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Kurt Schwitters war ein deutscher K\u00fcnstler, Maler, Dichter, Raumk\u00fcnstler und Werbegrafiker, der unter dem Kennwort <i>Merz<\/i> ein dadaistisches \u201eGesamtweltbild\u201c entwickelte. Sein Werk umfasst die Stilrichtungen Konstruktivismus, Surrealismus und Dadaismus, dem sie aber nur durch Gegens\u00e4tzlichkeit \u00e4hnlich waren. Aus heutiger Sicht z\u00e4hlt Schwitters zu den einflussreichsten K\u00fcnstlern des fr\u00fchen 20.\u00a0Jahrhunderts.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00a0(In der Berliner B\u00f6rsenzeitung 547 v.27.11.21) Zun\u00e4chst behaupte ich, Herr Kritiker Leo Rein w\u00e4re tot. Kritiker sind tot oder Dadaisten. Ich behaupte, Herr Rein w\u00e4re beides, weil das so sch\u00f6n geht. 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