{"id":87581,"date":"1996-01-27T00:01:32","date_gmt":"1996-01-26T23:01:32","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=87581"},"modified":"2021-07-29T20:05:04","modified_gmt":"2021-07-29T18:05:04","slug":"50-jahre-danach","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1996\/01\/27\/50-jahre-danach\/","title":{"rendered":"50 JAHRE DANACH"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">\u00a0 Am 27. Januar 1945 wurde das Vernichtungslager Auschwitz von sowjetischen Soldaten befreit. Was sie dort entdecken mu\u00dften, l\u00e4\u00dft der Welt, l\u00e4\u00dft uns noch heute den Atem stocken vor Abscheu und Entsetzen. Mehr als eine Million Menschen waren allein in Auschwitz zwischen M\u00e4rz 1942 und November 1944 in einem beispiellosen Vernichtungswillen ermordet worden. &#8222;Auschwitz&#8220; steht heute als Begriff f\u00fcr den nationalsozialistischen Rassenwahn.<\/span><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">50 Jahre danach sieht man die grauen Bilder, die Bilder des Grauens \u00fcber den Bildschirm des Fernsehers flimmern. Ausgemergelte Totengestalten, aus demInferno einer anderen Welt kommend, taumeln in den KZs ihren Befreiern entgegen. Hinter den Baracken und vor den Krematorien liegen die Leichenberge.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">50 Jahre danach sieht man Staatspr\u00e4sidenten, Regierungschefs, Minister, Abgeordnete, Delegierte bei Gedenkfeiern vor Rednerpulten auf Trib\u00fcnen stehen- unten eine schweigende Menge von alten Frauen und M\u00e4nnern, \u00dcberlebende des Holocausts &#8211; und sie sprechen in ihren Gedenkreden von Schuld und Mitverantwortung, endlich auch, viel zu sp\u00e4t, von der eigenen. Und kleine Lichterflackern zwischen den Schienen auf den Gleisanlagen des Bahnhofs von Auschwitz-Birkenau.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">50 Jahre danach sieht man und sah man aber auch brennende Asylantenheime,eine tatenlos herumstehende, ja sogar Beifall klatschende Menge, die Tragbahrenmit den in Plastiks\u00e4cken verpackten Leichnamen der Toten, der Opfer. Und mansah sie wieder marschieren, eine gr\u00f6lende Horde von jungen, besoffenen, verblendeten, fanatisch-hassenden Burschen, die Benzinbomben warfen und miterhobenem Arm &#8222;Heil Hitler!&#8220; &#8211; &#8222;Sieg Heil!&#8220; und &#8222;Deutschland den Deutschen!&#8220;schrien. Und man wei\u00df, da\u00df gut organisierte Gruppen gezielt im geheimenagieren. Ergebnis: Briefbombenterror und die Roma-Morde in Oberwart, im Februar 1995.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">50 Jahre danach stehe ich in Yad Vashem, der Holocaust-Gedenkst\u00e4tte in Jerusalem, zwischen den Steinschluchten und lese die in Stein gemei\u00dfelten Namen der Orte des Grauens, die es nicht mehr gibt, die es so nicht mehr gibt, wie sie waren &#8211; vorher; vor dem gro\u00dfen Morden, vor den &#8222;S\u00e4uberungen&#8220;, vor der Vernichtung. Namen &#8211; Namen &#8211; Namen, sonst nichts. Sonst ist nichts gebliebenvom Leben, damals und dort. Und ich treten ein in den gro\u00dfen dunklen Raum des &#8222;Children-Memorials&#8220;, taste mich mit einer Hand entlang am Gel\u00e4nder des Weges, sehe die unz\u00e4hligen Lichter an diesem k\u00fcnstlichen Nachthimmelfirmament- jedes Licht ein Zeichen f\u00fcr ein ermordetes Kind &#8211; und ich h\u00f6re von einer Stimme aus den Lautsprechern monoton die Namenslitanei der Opfer: Rachel, sieben Jahre &#8211; Ruth, drei Jahre &#8211; Esther, f\u00fcnf Jahre &#8211; David, zw\u00f6lf Jahre &#8211; usw. Eine endlose Opfernamensliste. Und ich sp\u00fcre die Tr\u00e4nen in meinen Augen.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">50 Jahre danach sehe ich die Leichen von hingeschlachteten Menschen, Frauen, Kindern, wehrlosen M\u00e4nnern, in Fl\u00fcchtlingslagern in Ruanda, in den Abendnachrichten im Fernsehen. Und sehe Soldaten, mit Maschinenpistolen, die das Victory-Zeichen mit ihren M\u00f6rderh\u00e4nden machen und lachen. &#8211; Und ich denke an Bosnien-Herzegowina, an den Krieg, an die &#8222;ethnischen S\u00e4uberungen&#8220; dort, an die Friedh\u00f6fe.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">50 Jahre danach erinnere ich mich, auch an Hand von B\u00fcchern und Bildern, andamals, als ich noch ein Kind war. Und ich frage mich: Was hat das alles mit mirzu tun, auch jetzt noch und heute. Und gebe mir selber zur Antwort: Sehr viel, esist ein Teil meines Lebens. Ich bin dadurch gepr\u00e4gt und etwas ist davon nochimmer in mir.Ich erinnere mich dunkel an diese Zeit, an diese dunkle Zeit, die so viele Millionen Menschen trotzdem geblendet und verblendet hat. Immer waren sie strahlend, diese K\u00e4mpfer, diese Helden, diese Sieger; diese M\u00e4nner und Frauen inihren Uniformen, diese strammen Burschen und feschen M\u00e4dels. Alles war sauber, geordnet und sch\u00f6n. Und die Aufm\u00e4rsche und Kundgebungen waren imposant und eindrucksvoll. Da wollte man gerne dabeisein, dazugeh\u00f6ren. Das sagten sp\u00e4ter auch viele. Das war eine Welt voll Kraft durch Freude. Und man sahwieder eine Zukunft, eine glanzvolle, und f\u00fcr alle; f\u00fcr alle, die dazugeh\u00f6rten. Soh\u00f6rte man es aus den Lautsprechern, aus dem Volksempf\u00e4nger-Radio, von den Rednertrib\u00fcnen herab, von den Parteifunktion\u00e4ren, den Gauleitern, vom Reichspropagandaminister Dr. Joseph Goebbels, vom F\u00fchrer Adolf Hitler selbst. So stand es auf Plakaten und in Zeitungen. Keiner war mehr allein, alle &#8211; die dazugeh\u00f6rten &#8211; geh\u00f6rten jetzt zum Volksganzen, zur gro\u00dfen, alles umfassendenund einschlie\u00dfenden Volksgemeinschaft des Nationalsozialistischen Partei- und F\u00fchrerstaates, dessen Programm und Wirklichkeit in die Formel gefa\u00dft und darinausgedr\u00fcckt war: &#8222;Ein Volk &#8211; ein Reich &#8211; ein F\u00fchrer!&#8220;<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich erinnere mich dunkel an diese dunkle Zeit meiner Kindheit. Ich erinnere mich an das Dunkel im Raum, wenn wieder einmal das Licht ausgegangen war, im Wohnzimmer, und sp\u00e4ter im Keller; wenn wir voll Angst nebeneinander oderaneinander gepre\u00dft dasa\u00dfen, \u00fcber uns der Motorenl\u00e4rm der Flugzeuge und dann das Pfeifen und die Einschl\u00e4ge und das Zittern der W\u00e4nde und das unserer K\u00f6rper. Ich erinnere mich an zackig gebr\u00fcllte Befehle, an das Geschrei auf der Stra\u00dfe. Und da\u00df viele Menschen, wenn sie beieinanderstanden, nur sehr leisemiteinander sprachen. Und da\u00df man uns Kindern sagte, wir sollten still sein undnicht soviel reden. Und ich erinnere mich an die Namen von Gefallenen, die manim Radio verlautbarte; aber gleich darauf kamen Siegesmeldungen undMarschmusik. Und ich erinnere mich an Begr\u00e4bnisse, an solche, wo keinLeichnam in dem aufgestellten Sarg lag, und an Birkenkreuze, die man auf Grabh\u00fcgeln unseres Friedhofes errichtete. Und an Frauen und M\u00e4dchen, die pl\u00f6tzlich schwarze Kleider trugen. Und da\u00df man, hinter vorgehaltener Hand nur zu engsten, wirklich Vertrauten, zu denen man Vertrauen hatte, von Menschensprach, die in KZs eingeliefert worden waren. Und an zwei im Ort bekannte Geistig-Behinderte, die pl\u00f6tzlich verschwunden waren. Und da\u00df es Leute gab, diesagten, das sei besser so, auch f\u00fcr sie. Und ich erinnere mich, da\u00df es fanatischeNazis im Ort gab, von denen man nachher, nach dem &#8222;Zusammenbruch&#8220; sagte,da\u00df sie Leute denunziert h\u00e4tten, damals. Und ich erinnere mich und wei\u00df es, da\u00dfdiese Nazis nie zur Rechenschaft gezogen worden sind. Und ich kann micherinnern und sehe sie noch vor mir, wie sie am Sonntag, bei ihremNachmittagsspaziergang, stets eine Gruppe von Damaligen und noch immer Gleichgesinnten, von den meisten anderen Ortsbewohnern ehrerbietig und respektvoll gegr\u00fc\u00dft wurden. Und in manchen F\u00e4llen ist das auch heute noch so.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">50 Jahre danach. Und ich frage mich, warum das so ist, warum das noch immerso ist. Und warum das einst denn so war. Und das ist mein Leben, jedenfalls auch.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">50 Jahre danach sehe ich die Wirklichkeit, die Propaganda aber auch dieschreckliche Wahrheit von damals als Bilder im Fernsehen. Ich sehe einen Filmvom Bombenangriff auf Dresden, sehe die St\u00e4dte in Schutt und Asche, sehe dieendlosen Fl\u00fcchtlingskolonnen, die Gefangenen nach der Schlacht von Stalingrad. Sehe die fanatisch-euphorische Masse Hunderttausender, wenn der F\u00fchrer Adolf Hitler &#8222;spricht&#8220;, besser gesagt, sich mit \u00fcberschlagender Stimme und wildgestikulierend immer fanatischer in seinen Ha\u00df und seinen Wahn hineinsteigert.Und die unten heben, wie von einer h\u00f6heren Macht gelenkt und befohlen, den Arm und schreien wie aus einer Kehle &#8222;Sieg Heil!&#8220;<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Und f\u00fcnfzig Jahre danach denke ich an die Menschen, die sich auskleiden mu\u00dften f\u00fcr die &#8222;Dusche&#8220;, die jedoch der Gasmord war. Und denke ich an einzelne,versuche ich sie mir vorzustellen, was sie in jenem Augenblick f\u00fchlten und dachten, da sie wu\u00dften, da\u00df sie durch M\u00f6rderhand jetzt sterben mu\u00dften, wenn das Erschie\u00dfungskommando angetreten war. Und denke ich auch an die T\u00e4ter.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Und f\u00fcnfzig Jahre danach, da ich im Fernsehen Neonazis sehe, bei Umz\u00fcgen undVersammlungen, die wieder Parolen schreien, von Rassismus und Gewalt, unddies mit Duldung von Justiz und Polizei, frage ich mich, was wir denn vers\u00e4umt haben und wei\u00df um unsere neue Schuld.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Und f\u00fcnfzig Jahre danach werde ich vielleicht auch in diesem Jahr mit meinem alten Freund France Filipi\u010d, der ein Widerstandsk\u00e4mpfer war, bei der Befreiungsfeier im ehemaligen KZ Mauthausen von unten \u00fcber die &#8222;Todesstiege&#8220; hinaufgehen, die gleiche Stiege, die er einst, vor f\u00fcnfzig Jahren, als H\u00e4ftling ging; und wir werden uns an den H\u00e4nden halten und schweigen.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<div id=\"attachment_19167\" style=\"width: 235px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/01\/Wiplinger-Peter-Paul-2008-10-19-Copyright-Annemarie-Susanne-Nowak_sw.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-19167\" class=\"size-medium wp-image-19167\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/01\/Wiplinger-Peter-Paul-2008-10-19-Copyright-Annemarie-Susanne-Nowak_sw-225x300.jpg\" alt=\"\" width=\"225\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/01\/Wiplinger-Peter-Paul-2008-10-19-Copyright-Annemarie-Susanne-Nowak_sw-225x300.jpg 225w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/01\/Wiplinger-Peter-Paul-2008-10-19-Copyright-Annemarie-Susanne-Nowak_sw-768x1024.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 225px) 100vw, 225px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-19167\" class=\"wp-caption-text\">Wiplinger Peter Paul, Portr\u00e4t von Annemarie Susanne<\/p><\/div>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend\u00a0\u2192\u00a0<\/strong><\/p>\r\n<!-- \/wp:post-content -->\r\n\r\n<!-- wp:paragraph -->\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00dcber den dezidiert politisch arbeitenden Peter Paul Wiplinger lesen Sie hier eine <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=14676\">W\u00fcrdigung<\/a>.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00a0 Am 27. 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