{"id":87567,"date":"2008-02-10T00:01:17","date_gmt":"2008-02-09T23:01:17","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=87567"},"modified":"2021-07-07T08:34:38","modified_gmt":"2021-07-07T06:34:38","slug":"eine-erinnerung-an-peter-marginter","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2008\/02\/10\/eine-erinnerung-an-peter-marginter\/","title":{"rendered":"Eine Erinnerung an Peter Marginter"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Zu allererst habe ich ihn bei einer Lesung aus seinem Buch \u201eDer Baron und die Fische\u201c wahrgenommen. Abstrus, skurril &#8211; dachte ich, ein kleiner Herzmanovsky-Orlando. Dann lernten wir einander beim Morgen-Kreis kennen. Ich fotografierte ihn und auch seine Tochter, die mich dann Jahre sp\u00e4ter bei meinem Aufenthalt in St. Petersburg betreute. Ich erinnere mich an sein herzliches Lachen, er lachte gern und laut, \u00fcber alle m\u00f6glichen eigenartigen Sp\u00e4\u00dfchen, auch \u00fcber seine eigenen. Aber er war auch still und ernst, bed\u00e4chtig, abw\u00e4gend, unabh\u00e4ngig, objektiv. Eine Meinung, die er sich gebildet hatte, vertrat er zur\u00fcckhaltend, aber unnachgiebig, was Inhalt, Wesen und Substanz betraf; \u00fcber Formalit\u00e4ten konnte man mit ihm reden. Wir sind einander oft begegnet, sowohl im \u00d6sterreichischen P.E.N.-Club wie auch im Morgen-Kreis, zum Beispiel bei den Symposien in Ottenstein im Waldviertel. Peter Marginter war ein Genie\u00dfer, glaube ich jedenfalls; und zum Genie\u00dfen geh\u00f6rt auch das Ma\u00dfhalten. In keinem Bereich war er ma\u00dflos, ich k\u00f6nnte mir das gar nicht vorstellen. Alles hatte seine Grenzen, weniger der Disziplin wegen, sondern vielmehr als tugendhafte Haltung. Er war ein flei\u00dfig Schreibender, vor allem aber ein unerm\u00fcdlich Lesender. Er kannte die Literatur, die Weltliteratur und er kannte sich darin aus. Alles was er las, schien er zu verinnerlichen; auch im Sinne der von ihm als Selbstverst\u00e4ndlichkeit angesehenen Pers\u00f6nlichkeitsbildung, zu der man nicht nur verpflichtet war, sondern die zugleich ein Geschenk, eine ungeheure Bereicherung, im Sinne eines Privilegs der Bildung war. Und so war er auch ein daf\u00fcr Dankbarer. Und einer, der das Wissen aus der Vergangenheit nicht als B\u00fcrde mit sich schleppte, sondern dieses als Reichtum und Bereicherung auffa\u00dfte, als ein Haus mit vielen R\u00e4umen, die man betreten durfte und konnte; als ein Haus, ein Zuhause, in dem man lebte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">So haben wir ihn auch in London in seiner Residenz kennengelernt, als Peter Marginter nach einer Lesung von mir sowie von Matthias Mander und Gabriel Barylli beim Festival in Cheltenham 1991 mich und meine Lebensgef\u00e4hrtin Susanne auf eine Woche zu sich einlud und beherbergte und wir in den Genu\u00df seiner gro\u00dfz\u00fcgigen Gastfreundschaft kamen. Das Haus war hoch und schmal, eine enge Stiege mit vielen Stufen f\u00fchrte hinauf bis zum obersten Stockwerk, wo wir ein Zimmer bewohnten. Fast kamen wir mit unserem Gep\u00e4ck nicht hinauf, aber Fahrud, so glaub ich hie\u00df der Butler, ein freundlicher schwarzer Nubier, half uns bereitwillig. Hinter dem Haus hatte das Grundst\u00fcck einen sch\u00f6nen Garten mit den verschiedensten Str\u00e4uchern und Blumen, vor dem Haus war eine Stra\u00dfe. Das Haus stand am Ufer der Themse. Man hatte einen herrlichen Ausblick, vor allem auch am Abend, wenn es dunkel war und \u00fcberall die Lichter aufflammten und sich im Wasser der Themse spiegelten. Ein wunderbares Schauspiel! Vor allem sehr inspirierend f\u00fcr mich als Fotografen, der ich mich jahrelang fotografisch mit Spiegelbildern besch\u00e4ftigte und die Ergebnisse meiner k\u00fcnstlerischen Arbeit auch in Fotoausstellungen zeigte. Der uns durch Marginter erm\u00f6glichte Londonaufenthalt war nicht nur ein gro\u00dfes Erlebnis f\u00fcr uns, sondern legte auch den Grundstein f\u00fcr weitere Aufenthalte in London, so zum Beispiel im Anschlu\u00df an die Lesung beim Poesiefestival in Swindon. Ich kannte London seit 1979, als ich mit meinem \u00dcbersetzer Harry Kuhner zu einer Lesung in einem indischen Club dort gewesen war. Jedenfalls war der Aufenthalt bei Peter Marginter und seiner Tochter damals in London der sch\u00f6nste von allen; dies auch dadurch, weil wir freundschaftlich, aber ohne Aufdringlichkeit betreut wurden, und uns selber mit im Supermarkt eingekauften Lebensmitteln versorgen konnten, soda\u00df der Aufenthalt auch finanziell f\u00fcr uns leistbar war. Bis heute sind wir dem Peter Marginter daf\u00fcr dankbar.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Sp\u00e4ter haben Peter Marginter und ich uns fast nur mehr im Rahmen von PEN-Veranstaltungen oder bei sonstigen offiziellen Anl\u00e4ssen gesehen. DDr. Marginter war ja auch eine Zeitlang PEN-Generalsekret\u00e4r. Als solcher nahm er bei meinen Kontroversen mit der damaligen F\u00fchrung des \u00d6sterreichischen PEN immer eine vermittelnde Rolle ein, er war stets auf einen gerechten Ausgleich bedacht, auch wenn dieser trotz seiner Briefe an mich nie mehr zustande gekommen ist und sich meine Beziehung zum PEN nie mehr wirklich verbessert, sondern in Distanz zu ihm h\u00f6chstens irgendwie normalisiert hat. Immer aber war der Peter Marginter, vielleicht auch im Hintergrund, bem\u00fcht, die Wogen zu gl\u00e4tten. Und stets war er bei unseren Begegnungen von einer offenen, echten Herzlichkeit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Das letzte Mal, aber ich konnte das ja nicht ahnen, sahen wir einander und sprachen miteinander bei einem zuf\u00e4lligen Zusammentreffen. Das war im wundersch\u00f6nen Waldbad von Bad Fischau. Jeder von uns beiden schwamm im sehr kalten, doch wunderbar klaren und sauberen Wasser. Und pl\u00f6tzlich sahen wir einander, als sich unsere Schwimmrouten kreuzten. Der Peter Marginter lachte, eine solch unvermutete Begegnung an einem doch eher seltsamen Ort hatte irgendwie etwas Skurriles an sich, also etwas, das zu Peter Marginters Welt geh\u00f6rte. Er war erstaunt dar\u00fcber, mich und meine Susanne hier zu treffen. Ich war \u00fcber seine Anwesenheit nicht so sehr verwundert, weil ich wu\u00dfte, da\u00df Marginter in Bad Fischau sein Domizil hatte. Trotzdem war diese Begegnung seltsam. Wir schwammen gemeinsam noch eine Runde, dann stiegen wir aus dem Wasser, trockneten uns ab. Marginter begr\u00fc\u00dfte Susanne, wir hatten eine kurze Unterhaltung. Dann sagte der Peter: \u201eMir ist jetzt kalt, ich geh mich umziehen.\u201c Und dabei lachte er. Wir sagten einander \u201eAdieu!\u201c Der Peter drehte sich auf dem Weg zu seiner Kabine noch einmal um und winkte uns zu. Das war f\u00fcr mich sein letztes Zeichen. Es war Sommerende, fast schon Herbst. Im darauf folgenden Jahr ist Peter Marginter verstorben. Wenn ich an London denke oder die Fotos von ihm aus der gemeinsamen Zeit unserer \u201eMorgen-Kreis\u201c-Symposien betrachte, dann sehe ich ihn sowohl in meiner Vorstellung wie auf den Bildern vor mir, wie er herzlich lacht und dabei ein so positives Lebensgef\u00fchl und eine innere Harmonie mit sich und der Welt ausstrahlt, um die ich ihn manchmal wegen unserer grundlegenden Verschiedenheit beneidet habe.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div style=\"text-align: justify\"><\/div>\n<p style=\"text-align: center\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Schriftstellerbegegnungen<\/strong> 1960-2010 von Peter Paul Wiplinger, Kitab-Verlag, Klagenfurt, 2010<\/p>\n<div id=\"attachment_19169\" style=\"width: 222px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/02\/Wiplinger-Peter-Paul-2013-Krems-Copyright-Margit-Hahn-2.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-19169\" class=\"size-medium wp-image-19169\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/02\/Wiplinger-Peter-Paul-2013-Krems-Copyright-Margit-Hahn-2-212x300.jpg\" alt=\"\" width=\"212\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/02\/Wiplinger-Peter-Paul-2013-Krems-Copyright-Margit-Hahn-2-212x300.jpg 212w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/02\/Wiplinger-Peter-Paul-2013-Krems-Copyright-Margit-Hahn-2-725x1024.jpg 725w\" sizes=\"auto, (max-width: 212px) 100vw, 212px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-19169\" class=\"wp-caption-text\">Wiplinger Peter Paul 2013, Photo: Margit Hahn<\/p><\/div>\n<div style=\"text-align: justify\">\n<div style=\"text-align: justify\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192 <\/strong>KUNO sch\u00e4tzt dieses <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2009\/02\/28\/ein-geflecht-aus-perspektiven-und-eindruecken\/\">Geflecht aus Perspektiven und Eindr\u00fccken<\/a>. Weitere Ausk\u00fcnfte gibt der Autor im <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2009\/02\/24\/epilog-zu-schriftstellerbegegnungen-1960-2010\/\">Epilog<\/a> zu den <em>Schriftstellerbegegnungen<\/em>.<\/div>\n<div style=\"text-align: justify\"><strong>\u2192<\/strong> Lesen sie auch <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2015\/03\/05\/lavant-a-lettre\/\">Lavant-a-lettre<\/a><\/div>\n<div style=\"text-align: justify\"><strong>\u2192<\/strong> Die <em>Kulturnotizen<\/em> (KUNO) setzen die Reihe Kollegengespr\u00e4che in loser Folge ab 2011 fort. So z.B. mit dem vertiefenden <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=21407\">Kollegengespr\u00e4ch<\/a> von A.J. Weigoni mit Haimo Hieronymus \u00fcber Material, Medium und Faszination des Werkstoffs Papier. Druck und Papier, manche Traditionen gehen eben nicht verloren.<\/div>\n<p style=\"text-align: justify\">\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Zu allererst habe ich ihn bei einer Lesung aus seinem Buch \u201eDer Baron und die Fische\u201c wahrgenommen. Abstrus, skurril &#8211; dachte ich, ein kleiner Herzmanovsky-Orlando. Dann lernten wir einander beim Morgen-Kreis kennen. Ich fotografierte ihn und auch seine Tochter,&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2008\/02\/10\/eine-erinnerung-an-peter-marginter\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":98,"featured_media":19169,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[2971,1142],"class_list":["post-87567","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-peter-marginter","tag-peter-paul-wiplinger"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/87567","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/98"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=87567"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/87567\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=87567"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=87567"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=87567"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}