{"id":87556,"date":"2023-06-07T00:01:26","date_gmt":"2023-06-06T22:01:26","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=87556"},"modified":"2023-06-07T04:09:17","modified_gmt":"2023-06-07T02:09:17","slug":"eine-erinnerung-an-christine-lavant-2","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/06\/07\/eine-erinnerung-an-christine-lavant-2\/","title":{"rendered":"Eine Erinnerung an Christine Lavant"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zwei mich tief beeindruckende Begegnungen, keine direkt pers\u00f6nlichen, sondern literarische, waren die beiden Lesungen in der \u00d6sterreichischen Gesellschaft f\u00fcr Literatur von Christine Lavant und von Ingeborg Bachmann; beide damals noch in dem sehr vitalen, heute heruntergewirtschafteten Palais Palffy am Josefsplatz in Wien. Die Lesung von der Christine Lavant war am 21. Mai 1965, die Einladungskarte liegt jetzt vor mir, gelesen haben fr\u00fche und neue Gedichte K\u00e4the Gold und Eva Zilcher, die Einleitung hat der philosophisch und kulturell sehr engagierte Jesuitenpater Alfred Focke gehalten, der tragischerweise von einem seiner Sommerspazierg\u00e4nge in gebirgiger Gegend nicht mehr zur\u00fcckgekommen ist und dessen Leichnam bis heute nicht gefunden wurde. Ich erinnere mich noch gut. \u201eDie Lavant\u201c, eine von ihrem schweren Schicksal niedergedr\u00fcckte, zerbrechliche Gestalt, betrat sch\u00fcchtern und gebeugt den Saal. Sie war wie in eine \u00e4rmliche lange Kutte gekleidet, mit einem braunen Kopftuch auf dem Haupt. Sie blickte zu Boden, kaum ins Publikum; alle klatschten, begeistert und verehrungsvoll, denn sie war damals schon eine Dichterlegende. Ihre Erscheinung entsprach in Wirklichkeit genau dem Bild, das Werner Berg von ihr gemalt und ebenso als Holzschnitt angefertigt hatte. Gro\u00dfe dunkle Augen, mit denen sie wie unber\u00fchrt von allem in eine weite Ferne schaute. Dann eine kurze Kopfhebung, ein scheues L\u00e4cheln zum Publikum hin, und wieder senkte sie den Blick und das Haupt und zog sich in sich selbst, in ihre Einsamkeit auch zur\u00fcck. Nie mehr habe ich einen Dichter, eine Dichterin in einer solchen Bescheidenheit und Zur\u00fcckhaltung, ja Sch\u00fcchternheit erlebt. Und dies bei einem solchen dichterischen Lebenswerk, wie es Lavant vorzuweisen hatte. Ich besa\u00df damals schon die Lyrikb\u00e4nde \u201eDer Pfauenschrei\u201c (2. Auflage 1968) und \u201eDie Bettlerschale\u201c (4. Auflage 1972) und hatte mich &#8211; ebenso wie mit Georg Trakl &#8211; eingehend mit dem lyrischen Werk der Christine Lavant befa\u00dft, das mich in seine Tiefgr\u00fcndigkeit hineingezogen, durch den poetischen Bilderreichtum bereichert und in seiner Expressivit\u00e4t sogleich angesprochen hatte. Da sa\u00df nun die Dichterin, drau\u00dfen im Scheinwerferlicht, h\u00f6rte ihre eigenen Gedichte, wie sie rezitiert wurden und war von all dem wie in eine unerreichbare Ferne entr\u00fcckt. Im Saal war es &#8211; der Ausdruck pa\u00dft zur Lavant und ihren Gedichten &#8211; totenstill. Und nach der Lesung wurde zwar geklatscht, aber man sp\u00fcrte, da\u00df fast jeder in seiner eigenen Nachdenklichkeit versunken war. Eine Frau, die beeindruckte und die Gedichte schrieb, die einen im Innersten ber\u00fchrten. Eine unverge\u00dfbare Begegnung mit einer Dichterin und ihrer Literatur.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div style=\"text-align: justify;\"><\/div>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Schriftstellerbegegnungen<\/strong> 1960-2010 von Peter Paul Wiplinger, Kitab-Verlag, Klagenfurt, 2010<\/p>\n<div id=\"attachment_19169\" style=\"width: 222px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/02\/Wiplinger-Peter-Paul-2013-Krems-Copyright-Margit-Hahn-2.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-19169\" class=\"size-medium wp-image-19169\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/02\/Wiplinger-Peter-Paul-2013-Krems-Copyright-Margit-Hahn-2-212x300.jpg\" alt=\"\" width=\"212\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/02\/Wiplinger-Peter-Paul-2013-Krems-Copyright-Margit-Hahn-2-212x300.jpg 212w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/02\/Wiplinger-Peter-Paul-2013-Krems-Copyright-Margit-Hahn-2-725x1024.jpg 725w\" sizes=\"auto, (max-width: 212px) 100vw, 212px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-19169\" class=\"wp-caption-text\">Wiplinger Peter Paul 2013, Photo: Margit Hahn<\/p><\/div>\n<div style=\"text-align: justify;\">\n<div style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192 <\/strong>KUNO sch\u00e4tzt dieses <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2009\/02\/28\/ein-geflecht-aus-perspektiven-und-eindruecken\/\">Geflecht aus Perspektiven und Eindr\u00fccken<\/a>. Weitere Ausk\u00fcnfte gibt der Autor im <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2009\/02\/24\/epilog-zu-schriftstellerbegegnungen-1960-2010\/\">Epilog<\/a> zu den <em>Schriftstellerbegegnungen<\/em>.<\/div>\n<div><strong>\u2192<\/strong> Lesen sie auch <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2015\/03\/05\/lavant-a-lettre\/\">Lavant-a-lettre<\/a><\/div>\n<div style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2192<\/strong> Die <em>Kulturnotizen<\/em> (KUNO) setzen die Reihe Kollegengespr\u00e4che in loser Folge ab 2011 fort. So z.B. mit dem vertiefenden <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=21407\">Kollegengespr\u00e4ch<\/a> von A.J. Weigoni mit Haimo Hieronymus \u00fcber Material, Medium und Faszination des Werkstoffs Papier. Druck und Papier, manche Traditionen gehen eben nicht verloren.<\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Zwei mich tief beeindruckende Begegnungen, keine direkt pers\u00f6nlichen, sondern literarische, waren die beiden Lesungen in der \u00d6sterreichischen Gesellschaft f\u00fcr Literatur von Christine Lavant und von Ingeborg Bachmann; beide damals noch in dem sehr vitalen, heute heruntergewirtschafteten Palais Palffy am&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/06\/07\/eine-erinnerung-an-christine-lavant-2\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":98,"featured_media":97941,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[1734,1142],"class_list":["post-87556","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-christine-lavant","tag-peter-paul-wiplinger"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/87556","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/98"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=87556"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/87556\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":104742,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/87556\/revisions\/104742"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/97941"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=87556"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=87556"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=87556"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}