{"id":87546,"date":"1992-07-15T00:01:26","date_gmt":"1992-07-14T22:01:26","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=87546"},"modified":"2024-08-12T11:20:56","modified_gmt":"2024-08-12T09:20:56","slug":"abfall-der-geschichte","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1992\/07\/15\/abfall-der-geschichte\/","title":{"rendered":"Abfall der Geschichte"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><em><span style=\"color: #999999;\">Die Arbeit \u00fcber die Passagen setzt ein immer r\u00e4tselhafteres, eindringlicheres Gesicht auf und heult nach Art einer kleinen Bestie in meine N\u00e4chte, wenn ich sie tags\u00fcber nicht an den entlegensten Quellen getr\u00e4nkt habe. Wei\u00df Gott was sie anrichtet, wenn ich sie eines Tages frei lasse.<\/span><\/em><\/p>\r\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Walter Benjamin in einem Brief an Gershom Scholem vom 24. Mai 1928<\/span><\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Das Passagen-Werk<\/em> ist ein unvollendetes, philosophisch-literarisches Projekt, an dem Walter Benjamin ab 1927 bis zu seinem Tod 1940 gearbeitet hat. Er entwarf darin eine Geschichtsphilosophie des 19. Jahrhunderts, explizit aus der Sicht des 20. Jahrhunderts, in der Systematik eines historischen Materialismus, verkn\u00fcpft mit theologischen Momenten. Damit f\u00fchrte er verschiedene F\u00e4den aus seinen fr\u00fcheren Werken zusammen. W\u00e4hrend die fr\u00fchen Entw\u00fcrfe an das surrealistische Werk <em>Le paysan de Paris<\/em> (1926) von Louis Aragon mit seiner Beschreibung der 1925 abgerissenen Pariser Opernpassage ankn\u00fcpfen, das er teilweise ins Deutsche \u00fcbersetzte, distanziert er sich sp\u00e4ter von Aragon. Die umfangreiche Sammlung in Benjamins Nachlass besteht aus zwei Expos\u00e9s (\u201eParis, die Hauptstadt des XIX. Jahrhunderts\u201c) und mehreren tausend, thematisch geordneten Notizen, Zitaten und Exzerpten. Sie wurde erstmals 1982 unter eben dem Titel <em>Passagen-Werk<\/em> als Band V der <em>Gesammelten Schriften<\/em> mit weit \u00fcber 1000 Seiten ver\u00f6ffentlicht und gilt als eines der bedeutendsten Fragmente der deutschen Literatur.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Der Titel <em>Passagen<\/em> geht zur\u00fcck auf die \u00fcberdachten Ladenpassagen, die ab dem fr\u00fchen neunzehnten Jahrhundert zun\u00e4chst in Paris entstanden.<\/span><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Benjamin sammelte als Flaneur \u2013 und diesen Begriff f\u00fcllend \u2013 Hintergr\u00fcnde \u00fcber ebendiese Pariser Passagen, Stra\u00dfen und Warenh\u00e4user, auch Panoramen und Weltausstellungen, schrieb seine Gedanken \u00fcber Mode, Prostitution und Reklame auf und wollte eine <em>dialektische Feerie<\/em> entwerfen, in der die Entwicklung des Kapitalismus anhand der Lebenswelten der Metropole illustriert wird. Urspr\u00fcnglich plante er einen Essay von f\u00fcnfzig Druckseiten, doch es wurde zu einer ausgeuferten Stoffsammlung, die er in den folgenden Jahren in sechsunddrei\u00dfig Konvolute zusammenfasste, thematisch locker geordnet, und mit Schlagworten versah.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Sammlung und Manuskript hatte Benjamin 1940, als er vor der in Frankreich einmarschierten deutschen Wehrmacht floh, seinem Freund Georges Bataille anvertraut, der als Bibliothekar in der Biblioth\u00e8que nationale de France arbeitete und der es dort versteckte. Nach dem Krieg leitete dieser einen Teil an Theodor Adorno weiter, doch f\u00fchrten die Nachkriegswirren zu einigen Schwierigkeiten in der \u00dcbergabe und somit zu einiger Verz\u00f6gerung, so dass Adorno den Nachlass Anfang 1947 in Empfang nahm. Weitere Teile wurden im Jahr 1981 in der Biblioth\u00e8que Nationale ausfindig gemacht und gelangten schlie\u00dflich nach einigen juristischen Auseinandersetzungen um die Eigentumsrechte zu den Best\u00e4nden des Nachlasses.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Passagen-Werk wurde in vielf\u00e4ltiger Weise rezipiert und weit mehr als andere Arbeiten Benjamins spekulativ interpretiert. So hat zum Beispiel Theodor Adorno gemutma\u00dft, dass Benjamin die Zitate als solche ver\u00f6ffentlichen wollte und durch die Anordnung die theoretischen \u00dcberlegungen von selbst hervortreten w\u00fcrden.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Von den im Umkreis des <i>Passagen-Werks<\/i>, an dem Benjamin seit 1927 arbeitete, entstammenden Baudelaire-Aufs\u00e4tze erschien nur einer zu Lebzeiten: <i>\u00dcber einige Motive Baudelaires<\/i> (1939 in der <i>Zeitschrift f\u00fcr Sozialforschung<\/i>). Zwei vorangegangene Versuche scheiterten am Einspruch Adornos.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Die Rivalit\u00e4t von Theoror Wiesengrund Adorno und Walter Benjamin<\/span><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00dcber Benjamins Verh\u00e4ltnis zum Institut f\u00fcr Sozialforschung, vornehmlich zu Adorno, ist viel geschrieben worden. Sein Einfluss auf die Kritische Theorie war bedeutend. Er erfolgte \u00fcber Adornos enge freundschaftliche Verbundenheit mit ihm; sie war nicht frei von Rivalit\u00e4ten und durch seine materielle Abh\u00e4ngigkeit vom Institut w\u00e4hrend des Exils eine durchaus asymmetrische Beziehung. In der franz\u00f6sischen Emigration waren die finanziellen Zuwendungen des Instituts seine wichtigste Einnahmequelle. Neben den Honoraren f\u00fcr Aufs\u00e4tze und Rezensionen in der Instituts-Zeitschrift erhielt er ab dem Fr\u00fchjahr 1934 ein monatliches Forschungsstipendium von 500 franz\u00f6sischen Francs, die ab Ende 1937 in US-W\u00e4hrung von 80 Dollar direkt von New York \u00fcberwiesen wurden.<sup id=\"cite_ref-142\" class=\"reference\"><\/sup> Sie reichten indes zur Existenzsicherung nicht aus. Zus\u00e4tzliche kleinere Geldgeschenke von Freunden, darunter auch \u201ezahlreiche Geld\u00fcberweisungen\u201c von Gretel Adorno, konnten nicht verhindern, dass er in immer billigere Hotels wechseln musste.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Benjamins Ver\u00f6ffentlichungen in der <i>Zeitschrift f\u00fcr Sozialforschung<\/i> wurden von Horkheimer und Adorno angeregt, redigiert, gek\u00fcrzt und teilweise zur\u00fcckgewiesen. Dabei fungierte Adorno als \u201eredaktioneller Torh\u00fcter\u201c f\u00fcr die von Benjamin der Zeitschrift angebotenen Essays. Reine Auftragsarbeiten waren die Aufs\u00e4tze <i>Zum gegenw\u00e4rtigen gesellschaftlichen Standort des franz\u00f6sischen Schriftstellers<\/i> (1934), <i>Probleme der Sprachsoziologie<\/i> (1935), der mit dem inad\u00e4quaten Untertitel <i>Eine Sammelrezension<\/i> ver\u00f6ffentlicht wurde, und die Arbeit <i>Eduard Fuchs, der Sammler und Historiker<\/i> (1937), die Benjamin nur mit Widerwillen verfasste, daneben mehrere k\u00fcrzere Rezensionen. Bereits diese Beitr\u00e4ge erschienen nicht ohne redaktionelle Eingriffe. Von \u201eerheblichen Entstellungen und L\u00fccken\u201c berichtete Benjamin an Scholem im Falle des Aufsatzes \u00fcber die franz\u00f6sischen Schriftsteller; im <i>Fuchs<\/i>-Aufsatz wurde der erste Absatz mit Er\u00f6rterungen \u00fcber eine \u201emarxistische Kunsttheorie\u201c und weitere Passagen gestrichen.<sup id=\"cite_ref-147\" class=\"reference\"><\/sup><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Zu teils heftigen Konflikten f\u00fchrten die auf Benjamins eigener Initiative entstandenen und eingereichten Arbeiten. Dies waren zum einen der <i>Kunstwerk<\/i>-Aufsatz, zum anderen die aus dem Umkreis des <i>Passagen-Werks<\/i> stammenden Arbeiten. Der Aufsatz <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2020\/12\/16\/das-kunstwerk-im-zeitalter-seiner-technischen-reproduzierbarkeit\/\"><i>Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit<\/i><\/a> erschien 1936 in einer stark gek\u00fcrzten franz\u00f6sischen \u00dcbersetzung von Pierre Klossowski in der <i>Zeitschrift f\u00fcr Sozialforschung<\/i>. Eine franz\u00f6sische \u00dcbersetzung war im Sinne Benjamins; er hoffte damit, sich in franz\u00f6sischen Intellektuellenkreisen bekannt zu machen. Die von Horkheimer veranlassten, auf eine politische Entsch\u00e4rfung hinauslaufenden K\u00fcrzungen stie\u00dfen hingegen auf Benjamins anf\u00e4nglichen Protest, bevor er schlie\u00dflich \u201ekapitulierte\u201c und Horkheimers Streichungen akzeptierte. Adorno artikulierte seine Kritik in einem umfangreichen, acht Schreibmaschinenseiten umfassenden Brief an Benjamin, in der er seine gegenteilige Auffassung von der modernen Kunst darlegte, insbesondere mit der Verteidigung der Autonomie der Kunst und der Betonung der \u00e4sthetisch-immanenten Technologie gegen\u00fcber der von Benjamin herausgestellten Reproduktionstechnik. Wesentlich unverbl\u00fcmter kritisierte er Benjamin im internen Briefverkehr mit Horkheimer: \u201eDazu die professoral romantischen Vorstellungen von der Technik. Er hat wirklich etwas von einem wahnsinnig gewordenen Wandervogel und die Emanzipation von Brecht ist ihm l\u00e4ngst nicht gelungen\u201c.<sup id=\"cite_ref-151\" class=\"reference\"><\/sup><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2030\/01\/Baudelaire_Coverl.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-87553 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2030\/01\/Baudelaire_Coverl-189x300.jpg\" alt=\"\" width=\"189\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2030\/01\/Baudelaire_Coverl-189x300.jpg 189w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2030\/01\/Baudelaire_Coverl-260x413.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2030\/01\/Baudelaire_Coverl-160x254.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2030\/01\/Baudelaire_Coverl.jpg 315w\" sizes=\"auto, (max-width: 189px) 100vw, 189px\" \/><\/a>Eine glatte Ablehnung erfuhren zwei Arbeiten aus dem <i>Passagen<\/i>-Komplex: \u201eParis, die Hauptstadt des XIX, Jahrhunderts\u201c, ein Expos\u00e9 von 1935, und \u201eDas Paris des Second Empire bei Baudelaire\u201c (1938). Die erste Arbeit hatte er zun\u00e4chst enthusiastisch begr\u00fc\u00dft (Brief v. 5. Juni 1935), unterzog sie aber wenige Monate sp\u00e4ter (Brief v. 2.\u20134. August 1935) einer harschen Kritik, in der er die \u201ePsychologisierung des dialektischen Bildes\u201c und die R\u00fcckbindung der klassenlosen Gesellschaft an den Mythos monierte. Den Druck des zweiten Textes verhinderte er mit dem Argument, dass er es \u201emethodisch ungl\u00fccklich\u201c halte, \u201eeinzelne sinnf\u00e4llige Z\u00fcge aus dem Bereich des \u00dcberbaus \u201amaterialistisch\u2018 zu wenden, indem man sie zu benachbarten Z\u00fcgen des Unterbaus unvermittelt und wohl gar kausal in Beziehung setzt. Die materialistische Determination kultureller Charaktere ist m\u00f6glich nur durch den <i>Gesamtprozess<\/i>\u201c (Hervorh. i. O.). Damit w\u00fcrden \u201edem Marxismus Tribute [gezollt], die weder diesem noch Ihnen recht anschlagen\u201c. Erst die aus der \u201eNachpr\u00fcfung der Gesamtkonstruktion\u201c hervorgegangene \u00dcberarbeitung mit dem Titel \u201e\u00dcber einige Motive bei Baudelaire\u201c, die einige Themenkomplexe und Formulierungen aus der vorangegangenen Arbeit aufgenommen hatte, wurde von Adorno mit gro\u00dfem Lob akzeptiert. Nach der Interpretation von Rolf Tiedemann habe Benjamin sich die Adornoschen Vorbehalte zu eigen gemacht. Der neue Text kenne \u201ekeine metaphorischen Parallelit\u00e4ten mehr zwischen den Gebilden des \u00dcberbaus und ihrer gesellschaftlichen Basis\u201c. Die Arbeit erschien schlie\u00dflich 1939 in der <i>Zeitschrift f\u00fcr Sozialforschung<\/i>.<sup id=\"cite_ref-157\" class=\"reference\"><\/sup><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Burkhardt Lindner, langj\u00e4hriger Leiter der <i>Arbeitsstelle Walter Benjamin<\/i> an der Frankfurter Universit\u00e4t und Herausgeber des <i>Benjamin-Handbuchs<\/i>, machte bei Horkheimer und Adorno die Tendenz ausfindig, \u201eBenjamins theoretische Eigenst\u00e4ndigkeit und intellektuelle Kreativit\u00e4t, von deren weitreichenden Impulsen sie selbst profitierten, zu bevormunden\u201c<sup id=\"cite_ref-158\" class=\"reference\"><\/sup> und insbesondere den als \u201ewahres Ungl\u00fcck\u201c angesehenen Einfluss Brechts zur\u00fcckzudr\u00e4ngen.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Die \u201eMinina Moralia\u201c eine Coverversion von Benjamins \u201eEinbahnstrasse\u201c<\/span><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/Einbahnstra\u00dfe-1.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright wp-image-68591 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/Einbahnstra\u00dfe-1-223x300.jpg\" alt=\"\" width=\"223\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/Einbahnstra\u00dfe-1-223x300.jpg 223w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/Einbahnstra\u00dfe-1-260x350.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/Einbahnstra\u00dfe-1-160x216.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/Einbahnstra\u00dfe-1.jpg 440w\" sizes=\"auto, (max-width: 223px) 100vw, 223px\" \/><\/a>KUNO viel auf, dass Theodor Adorno mit der \u201eMinina Moralia\u201c eine Coverversion von Benjamins \u201eEinbahnstrasse\u201c geschrieben hat. Keine sonderlich erhellende Erkenntnis, also haben wir uns mal das Verh\u00e4ltnis der beiden angeschaut.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Was den intellektuellen Austausch zwischen Adorno und Benjamin anbelangt, so war dieser ungleichgewichtig. W\u00e4hrend Benjamin nur vereinzelt Adornos Arbeiten zur Kenntnis nahm, und sie dann zumeist wohlwollend beurteilte, kritisierte Adorno zahlreiche Arbeiten Benjamins, nicht nur die der \u201eZeitschrift f\u00fcr Sozialforschung\u201c eingereichten. Intellektueller Nutznie\u00dfer ihrer beider Beziehung war Adorno. Benjamins Biographen, Howard Eiland und Michael Jennings, urteilen, dass \u201eder Ideenfluss zwischen beiden unzweifelhaft als Einbahnstra\u00dfe verlief\u201c. Nicht immer redlich \u00fcbernahm Adorno Benjaminsche Ideen und Motive. In der Fachliteratur reichen die Bezichtigungen von \u201everschwiegener Aneignung\u201c bis zum \u201eunverh\u00fcllten Plagiatsvorwurf\u201c. H\u00e4ufig ist Adornos Lob Benjaminscher Theoreme vom \u201eIBAH (ick bin all hier)-Syndrom\u201c begleitet, n\u00e4mlich mit dem Hinweis, dass \u201eer selber \u00c4hnliches, ob nun ver\u00f6ffentlicht oder nicht, schon fr\u00fcher gedacht habe\u201c.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Schon in seiner ersten Buchpublikation, der Habilitationsschrift \u00fcber Kierkegaard und vollends in seiner Antrittsvorlesung von 1931, \u201eDie Aktualit\u00e4t der Philosophie\u201c, orientiert Adorno sich an Gedankeng\u00e4ngen Benjamins. Die verschwiegene \u00dcbernahme eines wichtigen Gedankens Benjamins (nach dessen Einsch\u00e4tzung: eines \u201ev\u00f6llig unverwechselbaren [\u2026] neuen Gedankens\u201c) aus der \u201eErkenntniskritischen Vorrede\u201c des <em>Trauerspiel<\/em>-Buches in die Antrittsvorlesung veranlasst Benjamin zu dem brieflichen Kommentar: \u201eIch an meiner Stelle h\u00e4tte hier den Hinweis auf das Barockbuch nicht unterlassen k\u00f6nnen. Muss ich nun nicht hinzuf\u00fcgen: ich an Ihrer Stelle noch viel weniger\u201c<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">In der <em>Dialektik der Aufkl\u00e4rung<\/em> haben die Autoren drei zentrale Ideen aus dem hinterlassenen Manuskript \u201e\u00dcber den Begriff der Geschichte\u201c (auch unter dem Titel \u201eGeschichtsphilosophische Thesen\u201c ver\u00f6ffentlicht) \u00fcbernommen, ohne den Text zu zitieren. Es handelt sich, Detlev Sch\u00f6ttker zufolge, um die Verkn\u00fcpfung von Kultur und Barbarei, die Auffassung der Geschichte als Katastrophe und die Verschr\u00e4nkung von technischer Naturbeherrschung und gesellschaftlichen R\u00fcckschritten.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Nach Adornos R\u00fcckkehr aus dem amerikanischen Exil setzte er die verdeckte Aneignung Benjaminscher Ideen in seinen Essays fort; Sch\u00f6ttker listet allein neun Arbeiten aus den <em>Noten zur Literatur<\/em> auf, in denen er sich an entsprechenden Essays Benjamins orientiert habe, ohne den Bezug auszuweisen.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">In den 1950er Jahren war es Adorno, der zusammen mit Gershom Scholem Benjamins Schriften der deutschsprachigen \u00d6ffentlichkeit erstmals wieder bekannt machte. Adornos Initiative und Herausgeberschaft waren es, mit der Unterst\u00fctzung seines Mitarbeiters Rolf Tiedemann, zu verdanken, dass der Suhrkamp Verlag nach und nach Benjamins B\u00fccher und nachgelassene Schriften mit zunehmendem Erfolg ver\u00f6ffentlichte.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><!-- \/wp:post-content -->\r\n\r\n<!-- wp:paragraph {\"align\":\"center\"} --><\/p>\r\n<p class=\"has-text-align-center\" style=\"text-align: center;\">***<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-98124 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/Walter_Benjamin-248x300.jpg\" alt=\"\" width=\"248\" height=\"300\" \/>Vor 100 Jahren wurde Walter Benjamin in Berlin geboren. KUNO erinnert an diesen undogmatischen Denker und l\u00e4\u00dft die Originalit\u00e4t und Einzigartigkeit seiner Gedanken aufscheinen. Bei KUNO pr\u00e4sentieren wir Essays \u00fcber den Zwischenraum von Denken und Dichten, wobei das Denken von der Sprache kaum zu l\u00f6sen ist.<\/p>\r\n<p><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192 <\/strong>Zur Gattung des Essays machte sich Holger Benkel <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=13332\">gedanken \u00fcber das denken<\/a>.<\/p>\r\n<p><strong>\u2192 <\/strong>Zum Essay unternimmt Constanze Schmidt <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/10\/gedankenspaziergaenge\/\"><em>Gedankenspazierg\u00e4nge<\/em><\/a>.<\/p>\r\n<p>\u2192 KUNO versucht mit Essays <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/01\/02\/mit-essays-licht-ins-dasein-bringen\/\">mehr Licht ins Dasein zu bringen<\/a>.<\/p>\r\n<p><strong>\u2192 <\/strong>Die Redaktion stellt den <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2003\/01\/01\/der-essay-als-versuchsanordnung\/\">Essay als Versuchsanordnung <\/a>vor.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><!-- \/wp:paragraph -->\r\n\r\n<!-- wp:image {\"align\":\"left\",\"linkDestination\":\"custom\"} --><\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Arbeit \u00fcber die Passagen setzt ein immer r\u00e4tselhafteres, eindringlicheres Gesicht auf und heult nach Art einer kleinen Bestie in meine N\u00e4chte, wenn ich sie tags\u00fcber nicht an den entlegensten Quellen getr\u00e4nkt habe. 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