{"id":87531,"date":"1994-08-31T00:01:52","date_gmt":"1994-08-30T22:01:52","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=87531"},"modified":"2021-07-05T14:10:20","modified_gmt":"2021-07-05T12:10:20","slug":"eine-erinnerung-an-marie-therese-kerschbaumer","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1994\/08\/31\/eine-erinnerung-an-marie-therese-kerschbaumer\/","title":{"rendered":"Eine Erinnerung an Marie-Th\u00e9r\u00e8se Kerschbaumer"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">An jedem Dienstag Abend, oft bis sp\u00e4t in die Nacht hinein, war im Keller der Wiener Secession ein K\u00fcnstlertreffen, quer durch alle Sparten, Maler, Dichter, Musiker. Lebensk\u00fcnstler waren wir alle, weil die meisten von uns mit wenig Geld ihr Auslangen finden mu\u00dften. Bei diesem Treffen gab es Bier und billigen Wein sowie W\u00fcrstel und Bohnen- oder Gulyassuppe. Was es gab und wer zu diesem Treffen herein durfte, das bestimmte der Galeriemitarbeiter Max, die eigentliche Autorit\u00e4t der Secession; wen er mochte, der durfte herein, wen er auf den ersten Blick nicht mochte oder nicht kannte, der durfte nicht herein, au\u00dfer ein anderer K\u00fcnstler \u201eb\u00fcrgte\u201c f\u00fcr ihn oder f\u00fcr sie. Das alles war in den fr\u00fchen Siebzigerjahren, als noch nicht alle K\u00fcnstler so zur\u00fcckgezogen waren wie heute und es noch Freundeskreise unter ihnen gab. Dort also, in diesem Secessionskeller lernte ich die Frau Dr. Marie-Th\u00e9r\u00e8se Kerschbaumer kennen. Wir sa\u00dfen zuf\u00e4llig an einem Tisch und kamen so ins Gespr\u00e4ch. Sie war schon eine bekannte Dichterin, ich war sozusagen noch niemand. \u00dcber die Frage \u201eWas schreibst du?\u201c kam man sich n\u00e4her; manchmal entstand daraus ein gewisses Zusammengeh\u00f6rigkeitsgef\u00fchl. Ich erinnere mich jedenfalls gut an diese Begegnung. Die Dichterin war immer sehr stilvoll und fein, ja elegant gekleidet. Das war damals so, das ist bis heute so geblieben. Und sie dr\u00fcckte sich sehr gew\u00e4hlt aus, sprach Hochdeutsch mit einer leichten F\u00e4rbung in ihrer Umgangssprache. Fasziniert hat mich, da\u00df sie auch in Kuba aufgewachsen war. Ich empfand das als etwas Geheimnisvolles. Ich wei\u00df bis heute nicht, was der Grund daf\u00fcr war. Und ich belasse es bei diesem Nichtwissen, bei dem Geheimnis. Etwas von dem mu\u00dfte sich auch auf ihre Person \u00fcbertragen haben, auf ihr Auftreten, auf ihre Umgangsformen, auf ihren Lebensstil. Denn sie war und ist &#8211; obwohl \u201eder Linken\u201c zugeh\u00f6rig &#8211; keine von den \u00fcblichen ideologischen Mitl\u00e4uferInnen, sondern eine absolut kritische Intellektuelle und dar\u00fcber hinaus eine Dame. Sie fl\u00f6\u00dft\/e Respekt ein; jedenfalls mir. Und so ist es f\u00fcr mich bis heute geblieben. Ich sch\u00e4tze sie sehr. Einige Zeit waren wir zusammen im Vorstand der IG Autorinnen Autoren und haben zusammen mit dem leider schon verstorbenen Arthur West und dem Hellmut Butterweck so manche Pr\u00e4ambel oder Resolution formuliert. Da lernt man auch jemanden n\u00e4her kennen. Und dann gab es einige auch private Telefonate. Aber stets war eine gewisse vornehme Distanz zwischen uns, etwas wie eine unsichtbare Grenze, die trotz weltanschaulicher Gemeinsamkeit und Kollegialit\u00e4t keiner von uns beiden je \u00fcberschritten h\u00e4tte. Und sie schreibt das, was man anderswo noch Poesie nennt; und was diese Bezeichnung auch zu Recht verdient. Sie ist eine wirkliche Dichterin, auch darin eine absolute Individualistin. Und sie steht &#8211; auch wenn sie irgendwo mitten drin ist und sich f\u00fcr dieses oder jenes engagiert &#8211; stets in einer gewissen Distanz \u00fcber allem dar\u00fcber.<\/p>\n<div style=\"text-align: justify\"><\/div>\n<div><\/div>\n<p style=\"text-align: center\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Schriftstellerbegegnungen<\/strong> 1960-2010 von Peter Paul Wiplinger, Kitab-Verlag, Klagenfurt, 2010<\/p>\n<div id=\"attachment_19169\" style=\"width: 222px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/02\/Wiplinger-Peter-Paul-2013-Krems-Copyright-Margit-Hahn-2.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-19169\" class=\"size-medium wp-image-19169\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/02\/Wiplinger-Peter-Paul-2013-Krems-Copyright-Margit-Hahn-2-212x300.jpg\" alt=\"\" width=\"212\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/02\/Wiplinger-Peter-Paul-2013-Krems-Copyright-Margit-Hahn-2-212x300.jpg 212w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/02\/Wiplinger-Peter-Paul-2013-Krems-Copyright-Margit-Hahn-2-725x1024.jpg 725w\" sizes=\"auto, (max-width: 212px) 100vw, 212px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-19169\" class=\"wp-caption-text\">Wiplinger Peter Paul 2013, Photo: Margit Hahn<\/p><\/div>\n<div style=\"text-align: justify\">\n<div style=\"text-align: justify\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192 <\/strong>KUNO sch\u00e4tzt dieses <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2009\/02\/28\/ein-geflecht-aus-perspektiven-und-eindruecken\/\">Geflecht aus Perspektiven und Eindr\u00fccken<\/a>. Weitere Ausk\u00fcnfte gibt der Autor im <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2009\/02\/24\/epilog-zu-schriftstellerbegegnungen-1960-2010\/\">Epilog<\/a> zu den <em>Schriftstellerbegegnungen<\/em>.<\/div>\n<div style=\"text-align: justify\"><strong>\u2192<\/strong> Die <em>Kulturnotizen<\/em> (KUNO) setzen die Reihe Kollegengespr\u00e4che in loser Folge ab 2011 fort. So z.B. mit dem vertiefenden <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=21407\">Kollegengespr\u00e4ch<\/a> von A.J. Weigoni mit Haimo Hieronymus \u00fcber Material, Medium und Faszination des Werkstoffs Papier. Druck und Papier, manche Traditionen gehen eben nicht verloren.<\/div>\n<p style=\"text-align: justify\">\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; An jedem Dienstag Abend, oft bis sp\u00e4t in die Nacht hinein, war im Keller der Wiener Secession ein K\u00fcnstlertreffen, quer durch alle Sparten, Maler, Dichter, Musiker. Lebensk\u00fcnstler waren wir alle, weil die meisten von uns mit wenig Geld ihr&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1994\/08\/31\/eine-erinnerung-an-marie-therese-kerschbaumer\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":98,"featured_media":19169,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[585,1142],"class_list":["post-87531","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-marie-therese-kerschbaumer","tag-peter-paul-wiplinger"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/87531","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/98"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=87531"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/87531\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=87531"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=87531"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=87531"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}