{"id":87523,"date":"1993-09-18T00:01:30","date_gmt":"1993-09-17T22:01:30","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=87523"},"modified":"2022-04-20T11:23:10","modified_gmt":"2022-04-20T09:23:10","slug":"erinnerung-an-friedrich-heer","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1993\/09\/18\/erinnerung-an-friedrich-heer\/","title":{"rendered":"Erinnerung an Friedrich Heer"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jeder Intellektuelle kannte schon in den Sechzigerjahren den Friedrich Heer, den Provokateur, diesen ungew\u00f6hnlichen Menschen. Ich erinnere mich an das erste Zusammentreffen mit ihm bei einer Veranstaltung zum Thema Holocaust im H\u00f6rsaal 1 des Neuen Institutsgeb\u00e4udes der Universit\u00e4t Wien in der Liebiggasse. Unter den Rednern und Diskutanten am Podium waren Hermann Langbein, Viktor Frankl und Friedrich Heer. Nach der Podiumsdiskussion konnte man sich auch aus dem Publikum zu Wort melden. Ich tat das mit der kritischen Bemerkung, da\u00df sich dieses \u00d6sterreich noch immer nur als Opfer der Nazidiktatur sehe und sein Beteiligtsein auf der T\u00e4terseite verleugne und verdr\u00e4nge und seine eigene Geschichte nicht aufarbeite, ja dazu auch gar nicht bereit sei; vor allem was das Offizielle \u00d6sterreich betr\u00e4fe. Friedrich Herr griff meine Bemerkung auf und stimmte mir zu. Nach der Veranstaltung sprach er mich an und fragte mich nach meinem Namen. Ob ich der Bruder des Philosophen Wiplinger sei, fragte er mich hierauf. Ich bejahte dies. Friedrich Heer kannte meinen Bruder noch von der Katholischen Hochschuljugend in der Ebendorferstra\u00dfe, gleich um die Ecke des Institutsgeb\u00e4udes. Dort hatten sie sich in den F\u00fcnfzigerjahren mit anderen kritischen Geistern regelm\u00e4\u00dfig beim Studentenseelsorger Dr. Strobl getroffen. Beim Ersten \u00d6sterreichischen Schriftstellerkongre\u00df im Wiener Rathaus 1981 trafen wir wieder aufeinander. Auf meine H\u00f6flichkeits-Frage wie es ihm gehe, antwortete er auf seinen etwas aufgeschwollenen Bauch zeigend: \u201eWie soll es mir schon gehen? Da sitzt der Krebs im Bauch und arbeitet!\u201c Friedrich Heer hatte mir schon 1980 ein paar handschriftliche Zeilen zur Charakteristik meiner Haltung und meiner Gedichte geschrieben, die er aus dem 1978 in New York erschienenen Gedichtband \u201eBroders\/Grenzen\u201c kannte. Ich habe sie als Zitat auf die R\u00fcckseite meines Fotogedichtbandes \u201eFarbenlehre &#8211; Gedichte 1967-1987\u201c gegeben. Und sie lauten: \u201c Peter Paul Wiplinger ist ein \u00f6sterreichischer Dichter, der sich dem Ganzen stellt; dem t\u00e4glich m\u00f6glichen Fortschritt von der Endl\u00f6sung der Judenfrage zu einer Endl\u00f6sung der Menschenfrage. Das Ganze ist: der Mensch, eine offene, nie heilende Wunde. Das Ganze ist: das Sterben, im t\u00e4glichen Sterben wachsen. Das Ganze ist: auch die Liebe. Fr\u00fcher nannte man das Gott.\u201c F\u00fcr eine solche Erkenntnis meiner Gedichte und meiner Intention bin ich zutiefst dankbar.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div style=\"text-align: justify;\"><\/div>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Schriftstellerbegegnungen<\/strong> 1960-2010 von Peter Paul Wiplinger, Kitab-Verlag, Klagenfurt, 2010<\/p>\n<div id=\"attachment_19169\" style=\"width: 222px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/02\/Wiplinger-Peter-Paul-2013-Krems-Copyright-Margit-Hahn-2.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-19169\" class=\"size-medium wp-image-19169\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/02\/Wiplinger-Peter-Paul-2013-Krems-Copyright-Margit-Hahn-2-212x300.jpg\" alt=\"\" width=\"212\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/02\/Wiplinger-Peter-Paul-2013-Krems-Copyright-Margit-Hahn-2-212x300.jpg 212w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/02\/Wiplinger-Peter-Paul-2013-Krems-Copyright-Margit-Hahn-2-725x1024.jpg 725w\" sizes=\"auto, (max-width: 212px) 100vw, 212px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-19169\" class=\"wp-caption-text\">Wiplinger Peter Paul 2013, Photo: Margit Hahn<\/p><\/div>\n<div style=\"text-align: justify;\">\n<div style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192 <\/strong>KUNO sch\u00e4tzt dieses <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2009\/02\/28\/ein-geflecht-aus-perspektiven-und-eindruecken\/\">Geflecht aus Perspektiven und Eindr\u00fccken<\/a>. Weitere Ausk\u00fcnfte gibt der Autor im <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2009\/02\/24\/epilog-zu-schriftstellerbegegnungen-1960-2010\/\">Epilog<\/a> zu den <em>Schriftstellerbegegnungen<\/em>.<\/div>\n<div style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2192<\/strong> Die <em>Kulturnotizen<\/em> (KUNO) setzen die Reihe Kollegengespr\u00e4che in loser Folge ab 2011 fort. So z.B. mit dem vertiefenden <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=21407\">Kollegengespr\u00e4ch<\/a> von A.J. Weigoni mit Haimo Hieronymus \u00fcber Material, Medium und Faszination des Werkstoffs Papier. Druck und Papier, manche Traditionen gehen eben nicht verloren.<\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Jeder Intellektuelle kannte schon in den Sechzigerjahren den Friedrich Heer, den Provokateur, diesen ungew\u00f6hnlichen Menschen. Ich erinnere mich an das erste Zusammentreffen mit ihm bei einer Veranstaltung zum Thema Holocaust im H\u00f6rsaal 1 des Neuen Institutsgeb\u00e4udes der Universit\u00e4t Wien&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1993\/09\/18\/erinnerung-an-friedrich-heer\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":98,"featured_media":97941,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[2966,1142],"class_list":["post-87523","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-friedrich-heer","tag-peter-paul-wiplinger"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/87523","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/98"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=87523"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/87523\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":102758,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/87523\/revisions\/102758"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/97941"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=87523"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=87523"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=87523"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}