{"id":87484,"date":"1992-07-05T00:01:21","date_gmt":"1992-07-04T22:01:21","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=87484"},"modified":"2021-07-05T09:22:51","modified_gmt":"2021-07-05T07:22:51","slug":"echolot","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1992\/07\/05\/echolot\/","title":{"rendered":"ECHOLOT"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Echolot<\/em> hei\u00dft der pr\u00e4gnante Titel eines 1982 vom Adalbert-Stifter-Institut des Landes Ober\u00f6sterreich als Folge 2 der \u201eSchriften zur ober\u00f6sterreichischen Literatur\u201c herausgegebenen Essaybandes, der eine in verschiedene Kapitel gegliederte Reihe von Essays, Vortr\u00e4gen und Notizen der \u00f6sterreichischen Dichterin Gertrud Fussenegger vereinigt. Es sind Texte aus den letzten zwanzig Jahren, die zum siebzigsten Geburtstag der Dichterin in diesem Sammelband erschienen sind. Eine Bilanz der geistigen Auseinandersetzung mit den oft brennenden Fragen dieser Zeit. Eine ,,geistige Biographie\u201c der Dichterin.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Schon der Titel deutet an, worum es geht: ,,Was nottut\u201c, sind ,,Raumsonden und Tiefbohrungen\u201c. Diese Aussage der Dichterin markiert ihren Standpunkt in der Auseinandersetzung mit den Fragen der Zeit. Was angestrebt und erreicht wird, ist die Auslotung der Hohlr\u00e4ume der menschlichen Existenz und der Menschheitsgeschichte und ihre zeitbedingte geistes- und kulturgeschichtliche \u00c4u\u00dferung bis zu jenem Punkt hin, wo das Geheimnis beginnt, das sich unserer Erkenntnis entzieht, das sich nur dem gl\u00e4ubigen Begreifen und der Einsicht er\u00f6ffnet und entbirgt. Immer steht die Frage, ja die Suche nach dem Menschen, nach dem Humanem, und seinem Eingebettetsein in eine kosmische, ja g\u00f6ttliche Ordnung, in etwas, das sich letztlich seiner Verf\u00fcgbarkeit entzieht, im Mittelpunkt. Das Sein des Menschen besteht f\u00fcr Gertrud Fussenegger nicht in seiner Seinsweise, sondern in seinem letzten Begr\u00fcndetsein in dieser Ordnung. Das wahre Bild des Menschen ist nicht sein Erscheinungsbild. Der Mensch ist kein Reduktionspartikel einer jeweiligen kultur- und geistesgeschichtlichen Epoche und der daraus resultierenden gesellschaftlichen Wirklichkeit mit ihrer oft nur sehr oberfl\u00e4chlichen Terminologie, die vom Geschw\u00e4tz bis hin zur Selbstbel\u00fcgung reicht, sondern das wahre Sein des Menschen liegt in seiner Transzendenz. Der Mensch ohne metaphysische Bedeutung ist nicht denkbar, er w\u00e4re nur ein Bestandteil einer Fall- und Erscheinungswelt, ein Teil einer sich wandelnden Systematik, ihr ausgeliefert, von ihr bestimmt. Der Mensch aber ist, von Gott geschaffen nach seinem Ebenbild, frei und damit auch verantwortlich. Er kann Ordnungen begr\u00fcnden &#8211; und je nach seinem Selbst- und Geschichtsverst\u00e4ndnis &#8211; aber auch das Chaos, die Zerst\u00f6rung herbeif\u00fchren. Er kann gegen sich selber handeln, er kann seine Menschenw\u00fcrde, seinen Wert zerst\u00f6ren, auch f\u00fcr immer. Was diese Texte von Gertrud Fussenegger in ihrer Besonderheit auszeichnet und ausmacht, das ist der Aufruf und die Stimme ihres Gewissens. Das tut not in dieser Zeit. Das tut besonders not in Zeiten von unglaublicher und unverantwortlicher Werte-Nivellierung, wo der Mensch, oder sagen wir es gleich richtiger: die Gesellschaft, mit ihren Ideologien, den damit verbundenen Werte-Umschichtungen, Werte-Nivellierungen und Werte-Zerst\u00f6rungen, aus denen eine ungeheure Angst und Hilflosigkeit, ein Sich-ausgesetzt-F\u00fchlen des einzelnen Menschen in ein Niemandsland: in seine unbeantwortete Existenz, resultiert, alles daran setzt, sich selbst zu amputieren, kr\u00fcppelhaft zu werden. Was uns in einer solchen Krise not tut, ist, nach Fussenegger, aufzubrechen, um ,,nach neuen Gr\u00fcnden, nach neuen Perspektiven zu suchen, um das Hergebrachte, Unverzichtbare, das Fundamentale neu zu entdecken, neu auszuleuchten.\u201c Und die Dichterin und Denkerin Fussenegger leistet dazu mit ihren \u00dcberlegungen und tiefgr\u00fcndigen Reflexionen in diesem Buch einen bedeutenden Beitrag.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es steht mir nicht zu, dieses Buch in seiner denkerischen Substanz und Konsequenz und in seiner literarischen Qualit\u00e4t zu beurteilen. Das erscheint mir auch nicht so wichtig. Viel wichtiger erscheint mir die Botschaft, die aus diesem Buch spricht; und die hat mich tief ergriffen. Was an klarer Wahrheit und an tiefen Einsichten z.B. in den f\u00fcr mich besten Essays &#8211; wie ,,\u00dcber die Menschenw\u00fcrde\u201c sowie ,,\u00dcber das Sinnbildliche im Werk Leon Blois\u201c oder in den ,,Tagebuch-Notizen\u201c aus den Jahren 1943 bis 1978 oder in ihrer ,,Dankesrede\u201c aus Anla\u00df der \u00dcberreichung des ,\u00d6sterreichischen Ehrenzeichens f\u00fcr Wissenschaft und Kunst&#8216; am 11 -Juni 1981 &#8211; ausgesprochen wird, das formt sich f\u00fcr mich zu einer Botschaft, f\u00fcr die ich der Dichterin danke. Es ist eine Botschaft, die mir auch Orientierung bietet. Sie ist auch Zeichen und Ausdruck eines tiefen, religi\u00f6sen Glaubens und des personalen Verwurzeltseins in ihm. Sie ist auch Zeichen und Ausdruck einer Hoffnung, die wir alle so dringend brauchen, um die wir auch wieder ringen m\u00fcssen: die Hoffnung, da\u00df der Mensch nicht verlorengeht. Und dies mit dem Wissen und mit der Gewi\u00dfheit, die letztlich nur dem Glauben entspringen k\u00f6nnen: da\u00df die Begr\u00fcndung des Menschen und seine Bestimmung nicht in ihm selbst und allein liegen und sich nicht in ihm selbst und allein erf\u00fcllen; da\u00df er letztlich seinen Schutz findet, da\u00df er aufgehoben ist in einer alles umfassenden Liebe des G\u00f6ttlichen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div style=\"text-align: justify;\"><\/div>\n<div style=\"text-align: justify;\"><\/div>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<div style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Echolot<\/strong>, Essays, Vortr\u00e4ge, Notizen. Schriften zur ober\u00f6sterreichischen Literatur Folge 2, OLV-Buchverlag, Linz, 1982<\/p>\n<\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/1992\/07\/echolot-von-gertrud-fussenegger-1982-handsigniert.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-87488 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/1992\/07\/echolot-von-gertrud-fussenegger-1982-handsigniert-210x300.jpg\" alt=\"\" width=\"210\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/1992\/07\/echolot-von-gertrud-fussenegger-1982-handsigniert-210x300.jpg 210w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/1992\/07\/echolot-von-gertrud-fussenegger-1982-handsigniert-260x372.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/1992\/07\/echolot-von-gertrud-fussenegger-1982-handsigniert-160x229.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/1992\/07\/echolot-von-gertrud-fussenegger-1982-handsigniert.jpg 301w\" sizes=\"auto, (max-width: 210px) 100vw, 210px\" \/><\/a><strong>Weiterf\u00fchrend\u00a0\u2192 <\/strong>Wir begreifen die Gattung des Essays auf KUNO als eine <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/10\/zur-gattung-essay\/\">Versuchsanordnung<\/a>, undogmatisch, subjektiv, experimentell, ergebnisoffen. Was den <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=21478\">Rezensionsessays<\/a> von Holger Benkel die \u00dcberzeugungskraft verleiht, ist die philosophische Anstrengung, denen er sein Material unterwirft, seine Texte zeigen, was der Fokus auf eine Fragestellung sichtbar machen kann, wie diese Konzentration aufdeckt, was dem Schreibenden selbst verborgen blieb, wohl wissend, da\u00df die F\u00fclle der Literatur, der Kunst und des Lebens eben darin liegen, nie alles wissen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00a0 Echolot hei\u00dft der pr\u00e4gnante Titel eines 1982 vom Adalbert-Stifter-Institut des Landes Ober\u00f6sterreich als Folge 2 der \u201eSchriften zur ober\u00f6sterreichischen Literatur\u201c herausgegebenen Essaybandes, der eine in verschiedene Kapitel gegliederte Reihe von Essays, Vortr\u00e4gen und Notizen der \u00f6sterreichischen Dichterin Gertrud Fussenegger&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1992\/07\/05\/echolot\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":98,"featured_media":87488,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[1142],"class_list":["post-87484","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-peter-paul-wiplinger"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/87484","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/98"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=87484"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/87484\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=87484"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=87484"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=87484"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}