{"id":87478,"date":"2019-03-19T00:01:11","date_gmt":"2019-03-18T23:01:11","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=87478"},"modified":"2021-07-05T09:05:20","modified_gmt":"2021-07-05T07:05:20","slug":"eine-erinnerung-an-gertrud-fussenegger","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2019\/03\/19\/eine-erinnerung-an-gertrud-fussenegger\/","title":{"rendered":"Eine Erinnerung an Gertrud Fussenegger"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Ich hatte von ihr schon 1958 geh\u00f6rt und sie auch gesehen, als ich das Franziskanergymnasium in Hall in Tirol besuchte und beim Zahnarzt Dr. Gruber wohnte. Ihr Haus n\u00e4mlich war das Nachbarhaus. Und manchmal sah ich sie und ihre Kinder im Garten. Erst Jahrzehnte sp\u00e4ter begegneten wir einander. Sie gab sich immer als Grande Dame der \u00d6sterreichischen Literatur, obwohl ich nicht wei\u00df, ob sie au\u00dferhalb \u00d6sterreichs bekannt ist. Sie war sehr katholisch, repr\u00e4sentierte jedenfalls \u201edas Katholische\u201c in der literarischen \u00d6ffentlichkeit. Eine gewisse N\u00e4he damals zum Nationalsozialismus, belegbar durch Gedichte aus dieser Zeit, st\u00f6rte da nicht und (fast) niemanden; mich schon. Sie hatte in Linz und Ober\u00f6sterreich, meinem Herkunftsland, immer eine N\u00e4he zu kirchlichen und politischen Instanzen und Repr\u00e4sentanten. Einmal habe ich f\u00fcr die Kulturzeitschrift \u201emorgen\u201c auf Gy\u00f6rgy Sebesty\u00e9ns Bitte hin eine Rezension \u00fcber ein Buch von ihr geschrieben. In einem Brief an mich hat sie Freundliches \u00fcber meine Gedichte formuliert. Ob das ehrlich war oder nicht, das wei\u00df ich nicht. Meine kritische Haltung dem Katholizismus und einer daraus abgeleiteten Weltanschauung und dementsprechender Politik gegen\u00fcber, hat ihr nicht gefallen, das wei\u00df ich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Da\u00df sie schon 1933 der \u00f6sterreichischen NSDAP beigetreten, bei einer Demonstration in Innsbruck das Horst Wessel-Lied mitgesungen und dabei den Hitlergru\u00df dargeboten und den F\u00fchrer, Adolf Hitler, auch als Idol verehrt hatte, und auch \u00fcber ihre Nazi-Ausspr\u00fcche \u00fcber \u201edie Juden\u201c und den Alten J\u00fcdischen Friedhof in Prag &#8211;\u00a0 dar\u00fcber breitete man sp\u00e4ter vornehm den Mantel des Verschweigens. Und das tat auch dem b\u00fcrgerlichen Katholizismus, dem sie sich verpflichtet f\u00fchlte und den sie dann geradezu repr\u00e4sentierte, soda\u00df man sie als Vertreterin des katholischen Schrifttums &#8211; es gibt ja auch einen \u201eKatholischen Schriftstellerverband\u201c in \u00d6sterreich &#8211; bezeichnen kann und mu\u00df, keinen Abbruch. Die Grande Dame der \u00d6sterreichischen Literatur, als die sie sich gerne sah und bezeichnen lie\u00df, residierte an ihrem Lebensabend in Leonding bei Linz. Manchmal, aber sehr selten, traf ich sie auch dort, im Stifterhaus oder im Ursulinenhof oder sonstwo. Auch in Wien und anderswo hat sie an Konferenzen und Tagungen teilgenommen, stets das Wort ergriffen und mit ihrem besonderen Sprachgesang ihre Meinung und ihren Standpunkt, wozu auch immer, dargelegt. Ich kann mich daran noch gut erinnern. Ich sehe sie noch vor mir: mit ihrem schlohwei\u00dfen Haar, mit ihrem schmalen, asketisch wirkenden Gesicht, ihren langsamen Bewegungen, ihrer bed\u00e4chtigen Ausdrucksweise, ihrer (scheinbaren?) Emotionslosigkeit. Zwischen ihr und \u201eden Jungen\u201c gab es keine Verbindung. Wir hielten Abstand von ihr. F\u00fcr sie existierten wir sowieso (fast) nicht; mit wenigen Ausnahmen. Alles was irgendwie \u201elinks\u201c war und nach \u201eRevoluzzertum\u201c roch oder die \u201eOrdnung\u201c in Frage stellte, verabscheute sie. Katholizismus und Konservativit\u00e4t &#8211; \u201ereaktion\u00e4r\u201c nannten wir diese Mischung &#8211; pa\u00dften da gut bei ihr zusammen. Auch wenn man in jungen Jahren f\u00fcr die neue Bewegung, die NSDAP und den F\u00fchrer war. Aber das durfte man damals und darf man ja heutzutage ja nicht mehr sagen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Jedenfalls war Gertrud Fussenegger ein langes Leben geschenkt; sie ist fast 100 Jahre alt geworden. Und nat\u00fcrlich geb\u00fchrt ihr Respekt und Piet\u00e4t; die Wahrheit aber auch.<\/p>\n<div style=\"text-align: justify\"><\/div>\n<div><\/div>\n<div style=\"text-align: justify\"><\/div>\n<p style=\"text-align: center\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Schriftstellerbegegnungen<\/strong> 1960-2010 von Peter Paul Wiplinger, Kitab-Verlag, Klagenfurt, 2010<\/p>\n<div id=\"attachment_19169\" style=\"width: 222px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/02\/Wiplinger-Peter-Paul-2013-Krems-Copyright-Margit-Hahn-2.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-19169\" class=\"size-medium wp-image-19169\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/02\/Wiplinger-Peter-Paul-2013-Krems-Copyright-Margit-Hahn-2-212x300.jpg\" alt=\"\" width=\"212\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/02\/Wiplinger-Peter-Paul-2013-Krems-Copyright-Margit-Hahn-2-212x300.jpg 212w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/02\/Wiplinger-Peter-Paul-2013-Krems-Copyright-Margit-Hahn-2-725x1024.jpg 725w\" sizes=\"auto, (max-width: 212px) 100vw, 212px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-19169\" class=\"wp-caption-text\">Wiplinger Peter Paul 2013, Photo: Margit Hahn<\/p><\/div>\n<div style=\"text-align: justify\">\n<div style=\"text-align: justify\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192 <\/strong>KUNO sch\u00e4tzt dieses <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2009\/02\/28\/ein-geflecht-aus-perspektiven-und-eindruecken\/\">Geflecht aus Perspektiven und Eindr\u00fccken<\/a>. Weitere Ausk\u00fcnfte gibt der Autor im <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2009\/02\/24\/epilog-zu-schriftstellerbegegnungen-1960-2010\/\">Epilog<\/a> zu den <em>Schriftstellerbegegnungen<\/em>.<\/div>\n<div style=\"text-align: justify\"><strong>\u2192<\/strong> Die <em>Kulturnotizen<\/em> (KUNO) setzen die Reihe Kollegengespr\u00e4che in loser Folge ab 2011 fort. So z.B. mit dem vertiefenden <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=21407\">Kollegengespr\u00e4ch<\/a> von A.J. Weigoni mit Haimo Hieronymus \u00fcber Material, Medium und Faszination des Werkstoffs Papier. Druck und Papier, manche Traditionen gehen eben nicht verloren.<\/div>\n<p style=\"text-align: justify\">\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Ich hatte von ihr schon 1958 geh\u00f6rt und sie auch gesehen, als ich das Franziskanergymnasium in Hall in Tirol besuchte und beim Zahnarzt Dr. Gruber wohnte. Ihr Haus n\u00e4mlich war das Nachbarhaus. 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