{"id":87462,"date":"2021-07-10T00:01:46","date_gmt":"2021-07-09T22:01:46","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=87462"},"modified":"2022-02-17T16:43:31","modified_gmt":"2022-02-17T15:43:31","slug":"literatur-betrieb","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2021\/07\/10\/literatur-betrieb\/","title":{"rendered":"Literatur-Betrieb"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><em><span style=\"color: #999999;\">Die identit\u00e4re Befindlichkeitsprosa reduziert Protagonisten auf ihre Zugeh\u00f6rigkeit zu Kohorten, sie versteht Autonomie nicht als Selbstentwicklung und -bestimmung, sondern als Selbstbehauptung. Es handelt sich um eine Denkungsart, welche die kategoriale Abgrenzung als Teil der eigenen Wesensbestimmung stets mitmeint und einschreibt. Das Ergebnis ist Identit\u00e4tskitsch, der das mutma\u00dflich Authentische, mutma\u00dflich Erfahrungsechte in ein rigides und damit triviales Gut-B\u00f6se-Schema presst und anstelle universalen Weltbegreifens das Verlangen, sich einzusortieren, zum Ausdruck bringt.<\/span><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Philipp Tingler<\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Pseudoexperimentierer, Nach\u00e4ffer und Epigonen, die Ideologen einer Sprachverhunzung, Sprachverh\u00f6hnung, Sprachzertr\u00fcmmerung arbeiten ganz zielbewu\u00dft und mit Unterst\u00fctzung einer bereits m\u00e4chtigen Lobby. Und ihre Vertreter sitzen in der \u00dcberzahl in den Juryen. Hierm\u00fcssen wir zielbewu\u00dft etwas entgegensetzen, m\u00fcssen aber auch gleichzeitig etwas zu bieten haben. Es m\u00fcssen sich namhafte Autoren aus unserem Kreis unbedingt als Juroren zur Verf\u00fcgung stellen. Autoren, deren Werk geistig-k\u00fcnstlerische Autorit\u00e4t bedeutet und somit bei Geschick und Einsatzkraft auch dann Autorit\u00e4t in den Juryen verb\u00fcrgt und einbringt. Was sich hier an pseudo-basisdemokratischer Vorgangsweise bei einer Entscheidungsfindung und Kandidatennominierung abspielt, ist oft unbeschreiblich grotesk. Ich hatte bereits genug Krach. Mir macht das nichts aus, ich setze mich durch. Ich will aber nicht immer der Einzige sein, der sich hier dagegen stellt, weil es ohnehin schon da und dort hei\u00dft, da\u00df ich ein Feind der experimentellen Literatur &#8211; oder was die daf\u00fcr halten und als solche ausgeben &#8211; bin, weil ich sie angeblich nicht verstehe. Aber kann mir jemand sagen, worin die literarisch-k\u00fcnstlerische Leistung besteht, wenn ein &#8211; im konkreten Fall auch wirklich preisgekr\u00f6nter und mit Stipendien \u00fcberh\u00e4ufter Experimentalschriftsteller zur einer so gro\u00dfartigen Erkenntnis wie folgt kommt und diese dann folgenderma\u00dfen ausdr\u00fcckt: \u201eDer Wind (Furz) ist kein Semmelbr\u00f6sel!\u201c (Reinhold Aumaier). Wir brauchen Juroren, die sich in solchen F\u00e4llen widersetzen, mit Ablehnung einer Jurydiskussion \u00fcber so viel Schwachsinn und Dummheit. Eine Jury hat nicht dar\u00fcber zu diskutieren, ob und was Literatur ist, sondern dies zu wissen und dieses Wissen als Grundvoraussetzung f\u00fcr ihre T\u00e4tigkeit mitzubringen. Deshalb ist sie ja Jury, um auf der Basis von Erfahrung, Bildung und Wissen, aufgrund der erarbeiteten Kriterien Literatur zu beurteilen in ihrer k\u00fcnstlerischen Qualit\u00e4t und nicht der Idiotie zu verfallen, alles Evidente, G\u00fcltige in Frage zu stellen, was f\u00fcr jeden literarisch Gebildeten auf der ganzen Welt selbstverst\u00e4ndlich, weil gesicherte Erkenntnis ist. Da sitzen Leute in den Juryen, SchriftstellerInnen, die bl\u00f6d schauen, wenn man Namen wie Rimbaud, Valery, Lermontow, Jessenin, Alberti, Ungaretti, Lorca, Pascal und andere nennt, weil sie diese nicht kennen, noch nie ein Gedicht von denen oder von Chamisso, Hebbel, Novalis, Lenau, H\u00f6lderlin gelesen haben, die weder die Literatur noch die geistige Welt von Tolstoj, Dostojewski oder Puschkin kennengelernt und sich mit ihr befa\u00dft haben. Und die plappern dann in einer Jury Adorno-Schriften nach oder sonstwas, das sie gerade irgendwo aufgelesen haben als \u201egeistiges R\u00fcstzeug\u201c. Das habe ich alles schon erlebt und dann bin ich explodiert und es gab Krach. Soll sein, ist aber auf die Dauer langweilig, frustrierend, sinnlos. Hierm\u00fcssen wir etwas \u00e4ndern. Ich habe im Ministerium schon an entsprechender Stelle deponiert, da\u00df ich mich mit solchen Leuten nicht mehr in einer Jury zusammensetze. Um \u00fcberliterarische Qualit\u00e4t zu sprechen, solche zu beurteilen, braucht es Personen mit ausgebildetem Sachverstand, die selber qualifiziert sind, und keine Lobbys, keine Gesinnungsgenossen; keine KollegInnen, die einer Ideologie &#8211; auch im Bereich der \u00c4sthetik &#8211; zum Durchbruchverhelfen wollen; die in Wirklichkeit allzu oft v\u00f6llig blind gegen die Literatur anstatt f\u00fcr die Literatur arbeiten, eintreten, agieren.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #999999;\">Ein redaktioneller Nachtrag:<\/span> Gerade hat Moritz Ba\u00dfler im Magazin <i>Pop. Kultur und Kritik <\/i>einen Essay <a href=\"https:\/\/pop-zeitschrift.de\/2021\/06\/28\/der-neue-midcultautorvon-moritz-bassler-autordatum28-6-2021-datum\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">online gestellt<\/a>, wie sich Identit\u00e4tspolitik in der Gegenwartsliteratur und deren Rezeption niederschl\u00e4gt. Unter dem Schlagwort &#8222;der neue Midcult&#8220; sieht der Literaturwissenschaftler das Umkreisen von Partikularinteressen, eine rein affirmative Lesart und die Privilegierung von Themen und Milieus zuungunsten literarischer Ambitionen.<\/p>\n<div id=\"attachment_19167\" style=\"width: 235px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/01\/Wiplinger-Peter-Paul-2008-10-19-Copyright-Annemarie-Susanne-Nowak_sw.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-19167\" class=\"size-medium wp-image-19167\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/01\/Wiplinger-Peter-Paul-2008-10-19-Copyright-Annemarie-Susanne-Nowak_sw-225x300.jpg\" alt=\"\" width=\"225\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/01\/Wiplinger-Peter-Paul-2008-10-19-Copyright-Annemarie-Susanne-Nowak_sw-225x300.jpg 225w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/01\/Wiplinger-Peter-Paul-2008-10-19-Copyright-Annemarie-Susanne-Nowak_sw-768x1024.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 225px) 100vw, 225px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-19167\" class=\"wp-caption-text\">Wiplinger Peter Paul, Portr\u00e4t von Annemarie Susanne<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192 <\/strong>Zu den Gr\u00fcndungsmythen der alten BRD geh\u00f6rt die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2001\/04\/01\/nonkonformistische-literatur\/\">Nonkonformistische Literatur<\/a>, lesen Sie dazu auch ein Portr\u00e4t von <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2000\/04\/04\/vauo\/\">V.O. Stomps<\/a>. Kaum jemand hat die L\u00fcckenhaftigkeit des <em>Underground<\/em> so konzequent <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2008\/09\/24\/underground\/\">erz\u00e4hlt<\/a> wie N\u00ed Gudix und ihre <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2008\/08\/23\/kritik-an-der-literarischen-alternative\/\">Kritik an der literarischen Alternative<\/a> ist berechtigt. Ein Portr\u00e4t von N\u00ed Gudix findet sich <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2015\/08\/16\/da-lernst-du-die-menschen-kennen\/\">hier<\/a>. Lesen Sie auch die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2005\/09\/24\/erinnerungen\/\">Erinnerungen an den Bottroper Literaturrocker<\/a> von Werner Streletz und den <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2008\/09\/28\/rip-bruno\/\">Nachruf<\/a> von Bruno Runzheimer. Zum 100. Geburtstag von Charles Bukowski, eine <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2020\/08\/16\/ledertasche-geborgt\/\">Doppelbesprechung<\/a> von Hartmuth Malornys Ruhrgebietsroman <em>Die schwarze Ledertasche<\/em>. 1989 erscheint Helge Schneiders allererste Schallplatte <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=26990\"><em>Seine gr\u00f6\u00dften Erfolge<\/em><\/a>. Produziert von Helge Schneider und <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/07\/20\/klangkloetzchen\/\">Tom T\u00e4ger<\/a> im Tonstudio\/Ruhr. Lesen Sie auch das <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=26709\">Portr\u00e4t <\/a>der einzigartigen Proletendiva aus dem Ruhrgebeat auf KUNO. In einem Kollegengespr\u00e4ch mit Barbara Ester dekonstruiert A.J. Weigoni die <em><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1997\/10\/09\/ruhrgebietsromantik\/\">Ruhrgebietsromantik<\/a><\/em>. Mit<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=6071\"> Kersten Flenter<\/a> und <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2001\/06\/23\/killroy-review\/\">Michael Sch\u00f6nauer<\/a> geh\u00f6rte <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2015\/08\/24\/polyphone-ich-erzaehlungen\/\">Tom de Toys<\/a> zum\u00a0Dreigestirn des deutschen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1997\/01\/05\/bewegung\/\">Poetry Slam<\/a>. Einen Nachruf von Theo Breuer auf den Urvater des Social-Beat finden Sie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/03\/07\/hubsch-revisited\/\">hier<\/a> \u2013 Sowie selbstverst\u00e4ndlich his <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1995\/06\/25\/wie-was-social-beat-ist-und-warum-und-warum-nicht\/\">Masters voice<\/a>. Und Dr. Stahls kaltgenaue <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2002\/06\/26\/social-beat-vs-digitales-dasein\/\">Analyse<\/a>. \u2013 Constanze Schmidt beschreibt den Weg von <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=26080\">Proust zu Pulp<\/a>. Ebenso eindr\u00fccklich empfohlen sei Heiner Links <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=42272\">Vorwort<\/a> zum Band Trash-Piloten. Die KUNO-Redaktion bat A.J. Weigoni um einen Text mit Bezug auf die Mainzer Minpressenmesse (MMPM) und er kramte eine <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1993\/05\/31\/treff-der-titanen\/\">Realsatire<\/a> aus dem Jahr 1993 heraus, die er f\u00fcr den Mainzer Verleger Jens Neumann geschrieben hat. Ein w\u00fcrdiger Abschlu\u00df gelingt Boris Kerenski mit <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2021\/03\/30\/wer-war-ist-noch-social-beat\/\">Stimmen aus dem popliterarischen Untergrund<\/a><strong>.<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die identit\u00e4re Befindlichkeitsprosa reduziert Protagonisten auf ihre Zugeh\u00f6rigkeit zu Kohorten, sie versteht Autonomie nicht als Selbstentwicklung und -bestimmung, sondern als Selbstbehauptung. 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