{"id":87454,"date":"2023-03-07T00:01:08","date_gmt":"2023-03-06T23:01:08","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=87454"},"modified":"2022-02-25T13:00:03","modified_gmt":"2022-02-25T12:00:03","slug":"zum-100-geburtstag-von-milo-dor","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/03\/07\/zum-100-geburtstag-von-milo-dor\/","title":{"rendered":"Zum 100. Geburtstag von Milo Dor"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir verdanken ihm viel und haben ihm sehr zu danken. Er hat den Sozialfonds der Literar-Mechana begr\u00fcndet<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Den Milo Dor &#8211; fast niemand kennt seinen \u201ewirklichen\u201c Namen Milutin Doroslovac &#8211; braucht man in der \u00d6sterreichischen Literaturszene nicht vorzustellen. Jeder wei\u00df, wer der Milo Dor war und immer noch ist: in seiner Literatur, in seinem Einsatz zum Wohle der Kollegenschaft, in seiner Br\u00fcckenfunktion zum Balkan, in seinem Kampf um Humanismus und Aufkl\u00e4rung. Wenn ich mich jetzt an den Milo Dor erinnere, so sehe ich ihn vor mir als einen stets sehr sorgf\u00e4ltig, ja fast elegant gekleideten Herrn, immer mit Zigarre und einem Glas Wein, die Augen pr\u00fcfend aber ruhig auf sein Gegen\u00fcber gerichtet, konzentriert auf das, worum es geht; aber auch in fr\u00f6hlicher Runde, mit seiner Frau, an einem Tisch in Rauris oder anderswo, in angeregtem Gespr\u00e4ch. Oder wie er mit Gy\u00f6rgy Sebesty\u00e9n, Hans Weigel, Franz Leo Popp, dem jungen Gerhard Ruiss und dem Vertreter der Austro Mechana bei einer Demonstration der gesamten K\u00fcnstlerschaft &#8211; das gab es damals noch &#8211; in einem hellen Sarg das \u00d6sterreichische Urheberrecht zu Grabe trug. Ich kann mich noch gut daran erinnern, sehe diesen Augenblick vor der Oper in Wien vor mir.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir standen einander nicht sehr nahe, es gab kaum eine wirkliche Begegnung, die zu einer engeren Beziehung h\u00e4tte f\u00fchren k\u00f6nnen. Aber es gab den gegenseitigen Respekt. Und auch, da\u00df uns beide sozusagen \u201eder Balkan\u201c, n\u00e4mlich Jugoslawien, irgendwie miteinander verband. Er wu\u00dfte, da\u00df ich viel \u201eda unten\u201c war und dort meine Kontakte, Bezugspersonen, Freunde hatte. Milo Dor verbrachte bis 1942 seine Jugend in Belgrad, wo er dann nach dem Einmarsch der Nazitruppen &#8211; andere sagten lieber \u201eDeutsche Wehrmacht\u201c und sprachen in diesem Zusammenhang von \u201ePflichterf\u00fcllung\u201c &#8211; verhaftet, gefangengenommen, gefoltert und schlie\u00dflich zur Zwangsarbeit nach Wien abgeschoben worden war, wo er nach dem Krieg bis zu seinem Tod verblieb.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das erste Mal, da\u00df ich den Namen Milo Dor h\u00f6rte, war, als ich die gro\u00dfartige Verfilmung seiner Romantrilogie \u201eDie Raikow Saga\u201c im TV gesehen habe; das mu\u00df so in den fr\u00fchen Sechzigerjahren gewesen sein. Und dieser Film hat mich nicht nur sehr beeindruckt, sondern auch beeinflu\u00dft, in meiner Stellung(nahme) zum Nationalsozialismus, der ja meine Kinderzeit begleitet hat. Zwei Br\u00fcder von mir (Max\/Sepp) waren ja bei dieser \u201eDeutschen Wehrmacht\u201c, dann \u201evermi\u00dft\u201c und in Gefangenschaft. Irgendwann nachdem ich den Film, den ich sp\u00e4ter dann noch einige Male sah, gesehen hatte, griff ich zu den B\u00fcchern der \u201eRaikow Saga\u201c, und die faszinierten mich genauso, indem sie mich in eine Welt f\u00fchrten, deren Geographie ich zumindest kannte. Wenn ich heute in mein Wohnzimmer gehe, dann blickt mir aus dem B\u00fccherschrank hinter der Glast\u00fcr das Gesicht von Milo Dor auf dem Umschlag seines Buches \u201eGrenz\u00fcberschreitungen &#8211; Positionen eines k\u00e4mpferischen Humanisten\u201c entgegen. Da sieht man einen freundlich dreinblickenden alten Herrn mit Hut und Brille und einem fast zaghaften L\u00e4cheln um seinen Mund. Die Augen blicken direkt in das Objektiv der Kamera und somit den Betrachter des Bildes an, direkt in seine Augen. Das war der Milo Dor n\u00e4mlich wirklich: Einer, der auf das Wesentliche sah und viel Verlogenes und Gef\u00e4hrliches in seiner Gegebenheit und Entwicklung, worum er sich auch Sorgen machte, durchschaute. Der Titel des Buches ist absolut richtig; denn dieser Milo Dor war nicht nur selber ein von und in seiner Haltung gepr\u00e4gter k\u00e4mpferischer Humanist, sondern auch einer, der glaubte, jedenfalls daf\u00fcr k\u00e4mpfte, da\u00df dieser Humanismus nicht einfach so verschwindet und untergeht. Und er wu\u00dfte: Dieser Humanismus und als Folge davon die Humanit\u00e4t werden einem nicht einfach geschenkt, weder dem Einzelnen, noch der Gesellschaft, noch dem Staat, weder der Politik, noch der Demokratie, nein, den gilt es, t\u00e4glich von neuem zu erk\u00e4mpfen. Das tat der Milo Dor. Und das ist weit \u00fcber seine Literatur hinaus sein Verm\u00e4chtnis an uns.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div style=\"text-align: justify;\"><\/div>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Schriftstellerbegegnungen<\/strong> 1960-2010 von Peter Paul Wiplinger, Kitab-Verlag, Klagenfurt, 2010<\/p>\n<div id=\"attachment_19169\" style=\"width: 222px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/02\/Wiplinger-Peter-Paul-2013-Krems-Copyright-Margit-Hahn-2.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-19169\" class=\"size-medium wp-image-19169\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/02\/Wiplinger-Peter-Paul-2013-Krems-Copyright-Margit-Hahn-2-212x300.jpg\" alt=\"\" width=\"212\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/02\/Wiplinger-Peter-Paul-2013-Krems-Copyright-Margit-Hahn-2-212x300.jpg 212w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/02\/Wiplinger-Peter-Paul-2013-Krems-Copyright-Margit-Hahn-2-725x1024.jpg 725w\" sizes=\"auto, (max-width: 212px) 100vw, 212px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-19169\" class=\"wp-caption-text\">Wiplinger Peter Paul 2013, Photo: Margit Hahn<\/p><\/div>\n<div style=\"text-align: justify;\">\n<div style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192 <\/strong>KUNO sch\u00e4tzt dieses <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2009\/02\/28\/ein-geflecht-aus-perspektiven-und-eindruecken\/\">Geflecht aus Perspektiven und Eindr\u00fccken<\/a>. Weitere Ausk\u00fcnfte gibt der Autor im <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2009\/02\/24\/epilog-zu-schriftstellerbegegnungen-1960-2010\/\">Epilog<\/a> zu den <em>Schriftstellerbegegnungen<\/em>.<\/div>\n<div style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2192<\/strong> Die <em>Kulturnotizen<\/em> (KUNO) setzen die Reihe Kollegengespr\u00e4che in loser Folge ab 2011 fort. So z.B. mit dem vertiefenden <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=21407\">Kollegengespr\u00e4ch<\/a> von A.J. Weigoni mit Haimo Hieronymus \u00fcber Material, Medium und Faszination des Werkstoffs Papier. Druck und Papier, manche Traditionen gehen eben nicht verloren.<\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Wir verdanken ihm viel und haben ihm sehr zu danken. 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