{"id":87431,"date":"2010-04-20T00:01:05","date_gmt":"2010-04-19T22:01:05","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=87431"},"modified":"2021-10-01T11:28:44","modified_gmt":"2021-10-01T09:28:44","slug":"die-macht-des-charlatans","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2010\/04\/20\/die-macht-des-charlatans\/","title":{"rendered":"Die Macht des Charlatans"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit welchen Mitteln Personen oder Gruppen Einflu\u00df auf Massen aus\u00fcben k\u00f6nnen, das ist ein verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig neuer Gegenstand des Nachdenkens. Vom Altertum bis zum Beginn des vorigen Jahrhunderts war die Redekunst unter diesen Mitteln das einzige eines n\u00e4heren Studiums gew\u00fcrdigte. Im Laufe des genannten Jahrhunderts wurde es durch die Photographie, die Rotationspresse, den Film und den Rundfunk m\u00f6glich, Aufforderungen, Informationen und Meinungen nebst Bildern zu ihrer Bekr\u00e4ftigung immer schneller unter eine immer gr\u00f6\u00dfere Zahl von Leuten zu bringen. Das kam unter anderem der Reklame zugute. Je mehr sie sich verbreitete, desto sinnf\u00e4lliger wurde, da\u00df die Redekunst ihr Monopol im fr\u00fcheren Umfang verloren hatte. Wer im Werbefilm f\u00fcr einen Industrieartikel einzutreten hat, kann vom Marktschreier mehr lernen als von Cicero.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Zuge dieser technischen und wirtschaftlichen Entwicklung ist die Frage: Wie beeinflu\u00dft man Massen? akut geworden. Die Politik sorgt daf\u00fcr, da\u00df sie es bleibt. Die Untersuchung, welche Grete de Francesco ver\u00f6ffentlicht, nimmt an dieser Aktualit\u00e4t teil. Sie hat es mit den Mitteln zu tun, dank deren der Scharlatan seine Macht aus\u00fcbt. Ist das Monopol der Redekunst erst einmal eingeschr\u00e4nkt, so richtet sich der Blick gleich auf Formen der Massen\u00adbeeinflussung, die von je her neben ihr bestanden haben. Die Geschichte des Scharlatans schreiben hei\u00dft, die Vorgeschichte der Reklame darstellen. Die instruktiven, zu einem gro\u00dfen Teil bisher unbekannten bildlichen Dokumente, mit denen de Francesco ihr Buch illustriert hat, beweisen das. Der Scharlatan begegnet auf ihnen als ein Mittelding zwischen Zauberk\u00fcnstler und Kom\u00f6diant; die Bretterbank, auf der er sich produziert, ist halb Podium, halb Schaub\u00fchne. Herolde und Harlekins sind sein Stab; Fahnen und Baldachine begleiten ihn; Prozessionen f\u00fchren ihn durch die Stadt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Verfasserin macht den Leser mit den Gestalten bekannt, die in diesem Rahmen erschienen sind, welcher heute so bemerkenswerte Bereicherungen erfahren hat. Charakterstudien der Alchimisten Bragadino und Thurnei\u00dfer stehen neben dem Portr\u00e4t Mondors, des Quacksalbers, dessen Ruhm im Namen seines Spa\u00dfmachers Tabarin \u00fcberdauert; an sie reiht sich die Darstel\u00adlung Eisenbarths; die Kapitel \u00fcber die Scharlatane des dix-huiti\u00e8me si\u00e8cle, die Cagliostro und Saint-Germain bilden in dem Werke einen H\u00f6hepunkt. Die Ent\u00adwicklung des Scharlatans bringt, gewisserma\u00dfen versuchsweise, Motive zur Geltung, die die kommende industrielle und politische Publizit\u00e4t mit gestei\u00adgertem Nachdruck entfaltet hat. Damit ist die Perspektive gekennzeichnet, in der der Figur des Scharlatans ihr historischer Umri\u00df gesichert ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nicht ganz ohne Gefahr f\u00fcr die Bildsch\u00e4rfe unternahm die Verfasserin es, ihn noch unmittelbarer an uns heranzur\u00fccken. Ein polemisches Interesse bestimmte sie. Sie gedachte, den irregeleiteten Massen unter den Heutigen ein Spiegelbild in der Masse derer zu pr\u00e4sentieren, welche in den vergan\u00adgenen Jahrhunderten der Macht des Scharlatans unterlegen sind. So kam sie, aus aktuellen Motiven, dazu, den Scharlatan als F\u00e4lscher zu kennzeichnen. \u00bbDie Macht des Charlatans bestand &#8230; darin, da\u00df er alle Unsicherheiten einer &#8230; Situation durch mannigfaltige F\u00e4lschungen so auszun\u00fctzen &#8230; wu\u00dfte, da\u00df eine Wertwelt entstand, in der seine eigenen Unwerte zu Werten wur\u00adden.\u00ab (S. 97) Diesen F\u00e4lschern f\u00e4llt die \u00bbgro\u00dfe Mehrheit der Menschen\u00ab (S. 18) anheim \u2013 die Halbgebildeten, hei\u00dft es gelegentlich (S. 24); aber hat der Begriff vor Einf\u00fchrung des allgemeinen Schulzwanges einen rechten Sinn? Als Pendant dieser Masse tritt \u00bbdie kleine Minderheit der Immunen\u00ab (S. 18) auf den Plan. \u00bbDie Immunen\u00ab, so hei\u00dft es, \u00bbwaren immer in der Minderzahl und dennoch gelang es nur ihnen, die unheilvolle Macht des Charlatans zu ersch\u00fcttern &#8230;, indem sie &#8230; das Faktum ihres Lebens und ihrer Handlungen als konkretes Wahrzeichen einer Wertwelt setzten, \u00fcber der unangetastet die Wahrheit thront.\u00ab (S. 245)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Historiker kennt keine Apotheose und kennt daher auch nicht den im Vordergrund solcher Darstellungen zu Boden getretenen, unsch\u00e4dlich gemachten B\u00f6sewicht, als der hier der Scharlatan figuriert. Die Beeinflussung der Massen ist keine Schwarzkunst, gegen die an die wei\u00dfe Magie der Eliten zu appellieren w\u00e4re. Sie ist eine geschichtliche Aufgabe, und vieles in dem aufschlu\u00dfreichen und sachkundigen Buch de Francescos spricht daf\u00fcr, da\u00df der Scharlatan ihr zu seiner Zeit und auf seine Weise entsprochen hat. Gewi\u00df nicht immer auf eine s\u00e4uberliche. Aber die Versuche, profanes Wissen an die Massen heranzubringen, sind noch niemals desinteressiert gewesen. Dennoch stellten sie einen Fortschritt dar. Oft hat ihm der Scharlatan selbst noch da gedient, wo er am r\u00fccksichtslosesten seinem Vorteil nachging. Ein Cagliostro und Saint-Germain r\u00e4chten den dritten Stand an der Herrenkaste. Sie waren authentische Zeitgenossen von Beaumarchais.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p><strong>Die Macht des Charlatans<\/strong>, von Grete de Francesco. Benno Schwabe und Co. Basel, 1937<\/p>\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignleft\" style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Walter_Benjamin.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-87150 size-medium alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Walter_Benjamin-248x300.jpg\" alt=\"\" width=\"248\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Walter_Benjamin-248x300.jpg 248w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Walter_Benjamin-560x677.jpg 560w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Walter_Benjamin-260x314.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Walter_Benjamin-160x193.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Walter_Benjamin.jpg 750w\" sizes=\"auto, (max-width: 248px) 100vw, 248px\" \/><\/a>Zum 70. Todestag von Walter Benjamin erinnert KUNO an diesen undogmatischen Denker und l\u00e4\u00dft die Originalit\u00e4t und Einzigartigkeit seiner Gedanken aufscheinen. Bei KUNO pr\u00e4sentieren wir Essays \u00fcber den Zwischenraum von Denken und Dichten, wobei das Denken von der Sprache kaum zu l\u00f6sen ist. Lesen Sie auch KUNOs <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/10\/zur-gattung-essay\/\">Hommage<\/a> an die Gattung des Essays.<\/figure>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Mit welchen Mitteln Personen oder Gruppen Einflu\u00df auf Massen aus\u00fcben k\u00f6nnen, das ist ein verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig neuer Gegenstand des Nachdenkens. 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