{"id":87425,"date":"2010-10-28T00:01:24","date_gmt":"2010-10-27T22:01:24","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=87425"},"modified":"2021-10-25T14:06:21","modified_gmt":"2021-10-25T12:06:21","slug":"ist-die-photographie-eine-kunst","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2010\/10\/28\/ist-die-photographie-eine-kunst\/","title":{"rendered":"Ist die Photographie eine Kunst?"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Peter Meilchen und Walter Benjamin sind sich nie begegnet. KUNO erinnert mit einer Denkfigur an den einen ohne den anderen nicht zu vergessen.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vor acht bis zehn Jahren (<span style=\"color: #999999;\">ca. 1926, die Redaktion)<\/span> hat man begonnen, die Geschichte der Photo\u00adgraphie zu erforschen. Man kennt eine Anzahl, meist illustrierter Arbeiten \u00fcber ihre Anf\u00e4nge und ihre fr\u00fchen Meister. Es ist dieser j\u00fcngsten Publikation vorbehalten geblieben, den Gegenstand im Zusammenhang mit der Geschich\u00adte der Malerei zu behandeln. Gis\u00e8le Freunds Studie stellt den Aufstieg der Photographie als durch den Aufstieg des B\u00fcrgertums bedingt dar und macht diese Bedingtheit in gl\u00fccklicher Weise an der Geschichte des Portr\u00e4ts ein\u00adsichtig. Von der unter dem ancien regime am meisten verbreiteten Portr\u00e4t\u00adtechnik, der kostspieligen Elfenbeinminiatur ausgehend, zeigt die Verfasserin die verschiedenen Verfahren auf, die um 1780, das hei\u00dft sechzig Jahre vor Erfindung der Photographie, auf eine Beschleunigung und Verbilligung, damit auf eine weitere Verbreitung der Nachfrage nach Portr\u00e4ts hinzielten. Die Beschreibung des Physiognotrace als eines Mittelgliedes zwischen Portr\u00e4t\u00adminiatur und photographischer Aufnahme zeigt musterg\u00fcltig, wie technische Gegebenheiten gesellschaftlich transparent gemacht werden k\u00f6nnen. Die Verfasserin legt dann weiter dar, wie die technische Entwicklung ihren der gesellschaftlichen angepa\u00dften Standard in der Photographie erreicht, durch die das Portr\u00e4t breiten B\u00fcrgerschichten erschwinglich wird. Sie f\u00fchrt aus, wie die Miniaturisten die ersten Opfer der Photographie in den Reihen der Maler wurden. Sie berichtet endlich \u00fcber die theoretische Auseinandersetzung zwischen Malerei und Photographie um die Jahrhundertmitte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Frage, ob die Photographie eine Kunst sei, wurde damals mit dem leidenschaftlichen Anteil eines Lamartine, Delacroix, Baudelaire verhandelt, die Vorfrage wurde nicht erhoben: ob nicht durch die Erfindung der Photo\u00adgraphie der Gesamtcharakter der Kunst sich ver\u00e4ndert habe. Die Verfasserin hat das Entscheidende gut gesehen. Sie stellt fest, wie hoch dem k\u00fcnstleri\u00adschen Niveau nach eine Anzahl der fr\u00fchen Photographen gestanden haben, die ohne k\u00fcnstlerische Pr\u00e4tentionen zu Werke gingen und mit ihren Arbeiten nur einem engen Freundeskreise vor Augen kamen. \u00bbDer Anspruch der Photographie, eine Kunst zu sein, wurde gerade von denen erhoben, die aus der Photographie ein Gesch\u00e4ft machten.\u00ab (S. 49) Mit andern Worten: der Anspruch der Photographie eine Kunst zu sein, ist gleichzeitig mit ihrem Auftreten als Ware. Das stimmt zu dem Einflu\u00df, welchen die Photographie als Reproduktionsverfahren auf die Kunst selber nahm. Sie isolierte sie vom Auf\u00adtraggeber, um sie dem anonymen Markte und seiner Nachfrage zuzuf\u00fchren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Methode des Buches ist an der materialistischen Dialektik ausgerich\u00adtet. Seine Diskussion kann ihre Ausbildung f\u00f6rdern. Darum sei ein Einwand gestreift, der nebenher den wissenschaftlichen Ort dieser Forschung n\u00e4her bestimmen mag. \u00bbJe gr\u00f6\u00dfer\u00ab, schreibt die Verfasserin, \u00bbdas Genie des K\u00fcnstlers ist, desto besser reflektiert sein Werk, und zwar gerade kraft der Originalit\u00e4t seiner Formgebung, die Tendenzen der ihm gleichzeitigen Gesellschaft.\u00ab (S. 4) Was an diesem Satze bedenklich scheint, ist nicht der Versuch, die k\u00fcnstlerische Tragweite einer Arbeit mit R\u00fccksicht auf die gesellschaftliche Struktur ihrer Entstehungszeit zu umschreiben; bedenklich ist nur die Annahme, diese Struktur erscheine ein f\u00fcr alle Mal unter dem gleichen Aspekt. In Wahrheit d\u00fcrfte sich ihr Aspekt mit den verschiedenen Epochen \u00e4ndern, die ihren Blick auf das Werk zur\u00fccklenken. Seine Bedeutung mit R\u00fccksicht auf die gesellschaftliche Struktur seiner Entstehungszeit definieren, kommt also vielmehr darauf hinaus, seine F\u00e4higkeit, zu der Epoche seiner Entstehungszeit den ihr entlegensten und fremdesten Epochen einen Zugang zu geben, aus der Geschichte seiner Wirkungen zu bestimmen. Solche F\u00e4higkeit hat Dantes Gedicht f\u00fcr das zw\u00f6lfte Jahrhundert, Shakespeares Werk f\u00fcr das elisabethanische Zeitalter an den Tag gelegt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Klarstellung der hier angedeuteten Frage ist umso wichtiger als die Formulierung von Freund auf eine These zur\u00fcckzuf\u00fchren droht, die ihren drastischsten und zugleich fragw\u00fcrdigsten Ausdruck bei Plechanow gefunden hat. \u00bbJe gr\u00f6\u00dfer ein Schriftsteller ist\u00ab, so hei\u00dft es in Plechanows Polemik gegen Lanson, \u00bbdesto st\u00e4rker und einsichtiger h\u00e4ngt der Charakter seines Werkes vom Charakter seiner Epoche ab, <i>oder mit anderen Worten <\/i>(Sperrung vom Referenten): desto weniger l\u00e4\u00dft sich in seinen Werken jenes Element ausfindig machen, das man das \u203apers\u00f6nliche\u2039 nennen k\u00f6nnte.\u00ab<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignleft\" style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/04\/6301.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-21627 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/04\/6301.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"225\" \/><\/a>Zum 70. Todestag von Walter Benjamin erinnert KUNO an diesen undogmatischen Denker und l\u00e4\u00dft die Originalit\u00e4t und Einzigartigkeit seiner Gedanken aufscheinen. Bei KUNO pr\u00e4sentieren wir Essays \u00fcber den Zwischenraum von Denken und Dichten, wobei das Denken von der Sprache kaum zu l\u00f6sen ist. Lesen Sie auch KUNOs <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/10\/zur-gattung-essay\/\">Hommage<\/a> an die Gattung des Essays.<\/figure>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend\u00a0\u2192 <\/strong>Lesen Sie auch den <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=12763\">Nachruf<\/a> \u00fcber Peter Meilchens Lebenswerk und den <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=21518\">Essay<\/a> <em>50 Jahre Krumscheid \/ Meilchen<\/em> \u00fcber die\u00a0Retrospektive im Kunstverein Linz und den Essay zum Buch \/ Katalog-Projekt <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=46549\"><em>630<\/em><\/a>.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Peter Meilchen und Walter Benjamin sind sich nie begegnet. KUNO erinnert mit einer Denkfigur an den einen ohne den anderen nicht zu vergessen. 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