{"id":87416,"date":"2003-04-10T00:01:29","date_gmt":"2003-04-09T22:01:29","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=87416"},"modified":"2024-05-04T06:18:09","modified_gmt":"2024-05-04T04:18:09","slug":"kunstform-schauerroman","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2003\/04\/10\/kunstform-schauerroman\/","title":{"rendered":"Kunstform Schauerroman"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Nach Adornos Urteil bestand zwischen Walter Benjamin und Karl Kraus eine Wahlverwandtschaft, n\u00e4mlich die, \u201eprofane Texte so zu betrachten, als w\u00e4ren es heilige\u201c. War Benjamin ein Vordenker des Trash?<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit der Schrift <i>Gartes <\/i>hat eine Gattung, die nach der positivistischen Epoche der Literaturwissenschaft f\u00fcr ausgestorben gelten konnte, einen interessanten Nachfahr erhalten. Einzelne Exemplare von dieser Gattung m\u00f6gen noch in Erinnerung stehen; genannt sei R. M. Werners Buch \u00bbLyrik und Lyriker\u00ab, das gegen Ende des vorigen Jahrhunderts eine Klassifizierung der gesamten Lyrik nach genera und species unternahm. Absicht und Gegen\u00adstand pa\u00dften da zueinander so schlecht wie m\u00f6glich. Die gleiche Absicht pa\u00dft zu einem ver\u00e4nderten Gegenstand bei G[arte] so gut wie m\u00f6glich. Und das, weil der Schauerroman, entgegen der vom Verf[asser] gegebenen Versiche\u00adrung, durchaus keine Kunstform ist. Der Schauerroman geh\u00f6rt einer Gattung des Schrifttums an, die \u2013 wie Reise-, Erbauungs- oder Jugendliteratur \u2013 sich zureichend nicht in \u00e4sthetischen, sondern nur in gesellschaftlichen Katego\u00adrien erfassen l\u00e4\u00dft. Einer solchen Erfassung leistet eine beschreibende Klassi\u00adfikation der Gattung wertvolle Dienste. G[arte] nimmt sie unter einfachen und konkreten Kriterien vor. Und weil er diese, ohne rechts oder links zu blicken, unmittelbar aus dem noch sehr unerschlossenen Stoff gesch\u00f6pft hat, so mu\u00df man ihnen nicht nur Sachgem\u00e4\u00dfheit, sondern auch eine gewisse Originalit\u00e4t zubilligen. Sie inventarisieren den Schauerroman nach Hergang, Figuren und Schauplatz. Dabei ist G[arte]s gl\u00fccklichster Griff die Aufteilung des letzteren in die Dreiheit Tartarus, Welt und Elysium. Auch weiterhin wird vern\u00fcnftig und drastisch spezifiziert. Wenn wir im Begriffskreis des Tartarus u. a. Gang und Treppe, Friedhof, gotisches Schlo\u00df, Uhren und Fallt\u00fcren finden, so in dem des Elysiums die Einsiedelei, die melancholische Landschaft, Arkadien, das Gar\u00adtenh\u00e4uschen. \u2013 Die Vertrautheit mit Jean Paul, dessen Werk dem volkst\u00fcm\u00adlichen Schrifttum und gewi\u00df auch dem Schauerroman verpflichtet ist, ist f\u00f6rderlich f\u00fcr G[arte] gewesen. Dagegen ist sein Versuch, den \u00bbTitan\u00ab selbst als Schauerroman darzustellen, wohl nur aus der Absicht begreiflich, f\u00fcr diesen letzteren das Pr\u00e4dikat \u00bbKunstform\u00ab in Anspruch zu nehmen. Dieser Versuch ist abwegig. Abzulehnen ist er viel weniger im Interesse irgend\u00adwelcher hierarchischer Ordnungen, die innerhalb der Literatur einen engeren Bereich der Kunstformen bestimmen m\u00f6gen, als im Interesse des Schauer\u00adromans selbst. Er vereitelt n\u00e4mlich dessen Deutung (und damit auch die ge\u00adwisser ihm verwandter Dichtungen wie des \u00bbTitan\u00ab). Zu dieser Erkenntnis h\u00e4tte der Verf[asser] gelangen k\u00f6nnen, wenn er der klassifizierenden Methode die ihr zukommende untergeordnete Rolle belassen h\u00e4tte. Statt dessen sucht er seine Untersuchung zu einer Definition vorzutreiben, die notwendig nichtssagend ausfallen mu\u00df. \u00bbEin Geschehen\u00ab, hei\u00dft es, \u00bbver\u00adgegenw\u00e4rtigt sich im Roman nur mit Hilfe von Figuren, und sein Ablauf kann nur in Episoden oder Teilgeschehen mittels wechselnder Leitfiguren verdeut\u00adlicht werden.\u00ab \u2013 Es h\u00e4tte einer Blickwendung auf die gesellschaftlichen Grundlagen des Schauerromans in der Zeit vom Aufstieg des B\u00fcrgertums bis zum Biedermeier bedurft, um aus der verdienstlichen Arbeit mehr als eine Vorstudie zu machen. Ganz von selbst h\u00e4tten sich damit die historischen Fluchtlinien in die Vergangenheit und in die Zukunft verfolgen lassen: sie f\u00fchren in der einen Richtung zum Ritterroman, zum Detektivroman in der anderen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignleft\" style=\"text-align: justify;\">Die Redaktion an den undogmatischen Denker Walter Benjamin und l\u00e4\u00dft die Originalit\u00e4t und Einzigartigkeit seiner Gedanken aufscheinen. Bei KUNO pr\u00e4sentieren wir Essays \u00fcber den Zwischenraum von Denken und Dichten, wobei das Denken von der Sprache kaum zu l\u00f6sen ist. Lesen Sie auch KUNOs <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/10\/zur-gattung-essay\/\">Hommage<\/a> an die Gattung des Essays.<\/figure>\n<p><strong><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/11\/Jaguar_Cover.jpeg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-48066 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/11\/Jaguar_Cover-211x300.jpeg\" alt=\"\" width=\"211\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/11\/Jaguar_Cover-211x300.jpeg 211w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/11\/Jaguar_Cover.jpeg 714w\" sizes=\"auto, (max-width: 211px) 100vw, 211px\" \/><\/a>Weiterf\u00fchrend \u2192 <\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">KUNO hat ein Faible f\u00fcr Trash. Dem Begriff <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/11\/01\/trash-eine-einfuehrung\/\"><em>Trash<\/em><\/a> haftet der Hauch der Verruchtheit und des Nonkonformismus an. In Musik, Kunst oder Film gilt Trash als Bewegung, die im Klandestinen stattfindet und an der nur ein exklusiver Kreis nonkonformistischer Aussenseiter partizipiert. Dieser angeschmutzte Realismus entzieht sich der Rezeption in einer \u00f6ffentlichen Institution. 1989 erscheint Helge Schneiders allererste Schallplatte <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=26990\"><em>Seine gr\u00f6\u00dften Erfolge<\/em><\/a>. Produziert von Helge Schneider und <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/07\/20\/klangkloetzchen\/\">Tom T\u00e4ger<\/a> im Tonstudio\/Ruhr. Constanze Schmidt beschreibt den Weg von <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=26080\">Proust zu Pulp<\/a>. Ebenso eindr\u00fccklich empfohlen sei Heiner Links <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=42272\">Vorwort<\/a> zum Band Trash-Piloten. Ebenso verwiesen sei auf <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=44449\">Trash-Lyrik <\/a>.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nach Adornos Urteil bestand zwischen Walter Benjamin und Karl Kraus eine Wahlverwandtschaft, n\u00e4mlich die, \u201eprofane Texte so zu betrachten, als w\u00e4ren es heilige\u201c. War Benjamin ein Vordenker des Trash? 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