{"id":87401,"date":"2003-05-11T00:01:34","date_gmt":"2003-05-10T22:01:34","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=87401"},"modified":"2024-05-04T08:45:10","modified_gmt":"2024-05-04T06:45:10","slug":"volkstuemlichkeit-als-problem","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2003\/05\/11\/volkstuemlichkeit-als-problem\/","title":{"rendered":"Volkst\u00fcmlichkeit als Problem"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Um wissenschaftlich \u00bbm\u00f6glichst weiten Kreisen der Leser\u00ab nahezukom\u00admen \u2013 wie Hermann Schneiders \u00bbSchiller\u00ab es beabsichtigt \u2013 braucht es mehr als Wissen. Am besten belehren uns dar\u00fcber die gro\u00dfen Popularisatoren der modernen Physik. Sie mischen den Leser ins Spiel und geben ihm die Gewi\u00dfheit, da\u00df er vorw\u00e4rtsgebracht wird. Diese Gewi\u00dfheit braucht durchaus nicht am Stoff zu haften \u2013 kein Leser wird praktische Verwendung f\u00fcr die Relativit\u00e4tstheorie haben. Aber etwas anderes kommt ihm zugute: mit dem Wissen eignet er sich ein Denken an, das nicht nur ihm neu ist. Einmal im Leben, und sei es auf kurze Zeit, nimmt er den Standpunkt ein, auf dem die Avantgarde der heutigen Wissenschaft steht. Das ist das Entscheidende.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Man darf sagen, da\u00df jede popularisierende Arbeit verloren ist, die eine solche F\u00fchlung der Laien mit der Vorhut nicht herzustellen vermag. Die Physik verf\u00fcgt gerade heute \u00fcber die gl\u00e4nzendsten Popularisatoren \u2013 wie Eddington \u2013, weil sie sich in einer Revolution befindet und die Parolen der Avantgarde auf ihrem gesamten Gebiet vernommen werden. Auf der anderen Seite besagt das, da\u00df nicht jedweder Gegenstand des Wissens zu jeder Zeit popularisiert werden kann. Nicht die sachliche Schwierigkeit, sondern das Fehlen der historischen Konstellation bildet unter Umst\u00e4nden das wirkliche Hindernis. Daran k\u00f6nnen dann nat\u00fcrlich auch Jubil\u00e4en nichts \u00e4ndern.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hermann Schneider, der in seinen 1933 erschienenen soliden und lesens\u00adwerten Studien \u00bbVom Wallenstein zum Demetrius\u00ab (siehe \u00bbFrankfurter Zeitung\u00ab, Literaturblatt vom 29. Juli 1934) bekannte, den Ansto\u00df zu seinen Untersuchungen von dem eigent\u00fcmlichen \u00bbFremdheitsgef\u00fchl\u00ab empfangen zu haben, das den heutigen Leser vor Schiller bef\u00e4llt, gedenkt diesmal, zum 175. Geburtstag Schillers \u00bbdie im Grunde doch d\u00fcnne Scheidewand\u00ab dieses Gef\u00fchls niederzulegen. Dabei will er es sich nicht leicht machen. \u00bbMit dem vollendeten, himmelblau bl\u00e4\u00dflichen Schiller haben uns nun f\u00fcnf Vierteljahr\u00adhunderte lang Festredner, Schulmeister und Familienb\u00fccher gelangweilt\u00ab, meint er. Dieses summarische Urteil beweist aber nur, da\u00df mit einer gewis\u00adsen Unbek\u00fcmmertheit \u2013 die ohne Zweifel eine Bedingung popul\u00e4rer Darstel\u00adlung ist \u2013 das Fruchtbare und Interessante am Problem Schiller sich im Augenblick schwer vergegenw\u00e4rtigen l\u00e4\u00dft. F\u00e4llt doch in jene hundertf\u00fcnfund\u00adzwanzig Jahre gerade diejenige Epoche, die heute bei einer Schiller-Diskussion besondere Beachtung erheischen w\u00fcrde: das gro\u00dfe Schiller-Jubil\u00e4um von 1859, bei dem die Z\u00fcge des Schiller-Bildes zum erstenmal aus dem Hintergrund des h\u00f6fischen Weimar gel\u00f6st und in das Licht des deutschen B\u00fcrgerlebens gestellt wurden. Damals war Schiller popul\u00e4rer als je zuvor: die Avantgarde des B\u00fcrgertums hatte ihm ihre Parole entnommen, und eben darum konnte die b\u00fcrgerliche Wissenschaft ihn einem breiten Publikum darstellen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn der Verfasser geringsch\u00e4tzig \u00fcber diese Epoche hinweggleitet, wenn er die Geschichte von Schillers Ruhm, die nach den interessanten Fingerzeigen in Julian Hirschs \u00bbGenesis des Ruhmes\u00ab noch immer ein Desideratum der Wissenschaft bleibt, beiseite l\u00e4\u00dft, so ist das gewi\u00df zu verstehen; denn h\u00e4tte er es nicht so gehalten, so w\u00e4re die Unmittelbarkeit seines Textes gef\u00e4hrdet worden. Nur da\u00df diese leider ins Leere f\u00fchrt. Und das ist gerade da mit H\u00e4nden zu greifen, wo die Arbeit ihre besten Grundlagen hat \u2013 etwa in dem Kapitel \u00fcber Schillers Dramenstil. Die von au\u00dfen gesetzte N\u00f6tigung, zu popul\u00e4ren Angaben \u00fcber einen \u00bbSchiller-Stil\u00ab zu kommen, ist nat\u00fcrlich nicht der geeignete Weg, der B\u00fchnengeschichte der einzelnen Schillerschen Dramen, die der Verfasser genau kennt, Aufschl\u00fcsse abzugewinnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So ist zum Schlu\u00df der Wunsch nicht ganz abzuweisen, der Verlag h\u00e4tte die durch seine eigene Jubelfeier, die mit dem Schiller-Jubil\u00e4um zusammen\u00adf\u00e4llt, nahegelegte Schrift \u00fcber Schiller und Cotta f\u00fcr einen, wenn auch beschr\u00e4nkteren Kreis von Lesern herausgebracht. Man m\u00f6chte hoffen, da\u00df er es nachholt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Schiller. Werk und Erbe<\/strong>, von Hermann Schneider. Stuttgart und Berlin: J. G. Cotta&#8217;sche Buchhandlung Nachfolger 1934.<\/p>\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignleft\" style=\"text-align: justify;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright wp-image-99271 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/Friedrich_Schiller-220x300.jpg\" alt=\"\" width=\"220\" height=\"300\" \/>Die Redaktion erinnert sich an Walter Benjamin als einen undogmatischen Denker. Er l\u00e4\u00dft die Originalit\u00e4t und die Einzigartigkeit seiner Gedanken aufscheinen. Bei KUNO pr\u00e4sentieren wir Essays \u00fcber den Zwischenraum von Denken und Dichten, wobei das Denken von der Sprache kaum zu l\u00f6sen ist. Lesen Sie auch KUNOs <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/10\/zur-gattung-essay\/\">Hommage<\/a> an die Gattung des Essays.<\/figure>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Um wissenschaftlich \u00bbm\u00f6glichst weiten Kreisen der Leser\u00ab nahezukom\u00admen \u2013 wie Hermann Schneiders \u00bbSchiller\u00ab es beabsichtigt \u2013 braucht es mehr als Wissen. Am besten belehren uns dar\u00fcber die gro\u00dfen Popularisatoren der modernen Physik. 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