{"id":87382,"date":"2005-09-14T00:01:47","date_gmt":"2005-09-13T22:01:47","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=87382"},"modified":"2021-07-04T16:06:35","modified_gmt":"2021-07-04T14:06:35","slug":"gelehrte-registratur","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2005\/09\/14\/gelehrte-registratur\/","title":{"rendered":"Gelehrte Registratur"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das vorliegende Werk stellt die erste Abteilung des dritten Bandes von Ellingers \u00bbGeschichte der neulateinischen Literatur Deutschlands im sech\u00adzehnten Jahrhundert\u00ab dar. Es weist also einerseits zur\u00fcck auf die beiden umfangreichen B\u00e4nde, deren erster die Geschichte dieser Lyrik in Italien und im deutschen Humanismus, deren zweiter sie insbesondere in dem Deutschland der ersten H\u00e4lfte des sechzehnten Jahrhunderts verfolgt; es weist dann andererseits voraus auf seine zweite Abteilung, in der der Autor die neulateinische Lyrik des \u00e4lteren und des j\u00fcngeren Scaliger einer gesonderten Betrachtung unterziehen will.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie man sieht, ist die Kontinuit\u00e4t dieser Darstellungen eine durchaus im\u00adponierende. Man w\u00fcnschte, von ihrer wissenschaftlichen Haltung das gleiche sagen zu k\u00f6nnen. Leider ist das nicht m\u00f6glich. Nirgends gelingt es dem Ver\u00adfasser \u2013 ja, nirgends hat er auch wohl nur geplant \u2013 in dem entlegenen Stoff\u00adgebiet, das er behandelt, eigene Wege zu bahnen. Die ausgetretenen aber, die er bis hinein in jenes zu verl\u00e4ngern sich bem\u00fcht, erweisen sich auf diesem steinigen Gel\u00e4nde noch b\u00fcndiger als auf anderem als die falschen. Ellinger glaubt, es mit mehr oder minder vollkommener Lyrik im modernen Sinn \u2013 besser: im Sinn des vorigen Jahrhunderts \u2013 zu tun zu haben; mit Gedichten, in denen sich ein individuelles Erlebnis oder eine individuelle Stimmung derart niedergeschlagen habe, da\u00df sich der Leser mit dem eigenen Gef\u00fchl in das Gedichtete des Dichters zu versetzen, es innerlich sich anzueig\u00adnen verm\u00f6ge. Ob eine solche Auffassung von Lyrik sich im allgemeinen als stichhaltig erweist, kann hier au\u00dfer Betracht bleiben. Denn da\u00df sie ange\u00adsichts der neulateinischen der Humanisten untauglich ist, ergibt sich schon aus deren Funktion. Diese war keine dichterische, sondern im strengsten Sinne literarisch: bildungs-, Staats- oder religionspolitisch. Es ist ein Unding, so wie der Verfasser es hier versucht, an diese Produktionen gewisserma\u00dfen unverbindlich, mit der Haltung des Sch\u00f6ngeistes, der in einer Bl\u00fctenlese bl\u00e4ttert, heranzutreten, um sodann ein Urteil nach eigenem Geschmacke \u00fcber sie zu f\u00e4llen. Ein Unding ferner, zu glauben, da\u00df mit einigen sehr summarischen Hinweisen auf die niederl\u00e4ndische Geschichte dieses Zeitraums das wissenschaftlich Angezeigte geleistet sei.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Erfahrungsgem\u00e4\u00df will ein Problem, je spr\u00f6der es sich darstellt, desto entschiedener nach jenen eigent\u00fcmlichen Methoden studiert sein, die sich mit der strengsten Anpassung an seine besonderen Gegebenheiten bilden. Diese besonderen Gegebenheiten aber erweisen gerade bei den spr\u00f6desten Materien sich stets als die von Grenzgebieten. Ein Grenzgebiet ist auch die neulateinische Dichtung der Humanisten. Ihre Geschichte liegt an der Stelle, wo die Grenzen einer Geschichte der klassischen Philologie, einer Geschichte der politischen und theologischen Ideen, einer Geschichte des gelehrten Unterrichts, einer Geschichte der Hochschulen und \u2013 gewi\u00df erst an letzter Stelle \u2013 einer Geschichte der Dichtung ineinanderlaufen. Pragmatisch sie abzuhandeln, ist ein hoffnungsloses Unternehmen. Wie vielmehr Bachofen das Mutterrecht, Riegl die sp\u00e4tr\u00f6mische Kunstindustrie, Giehlow die Emblematik der Renaissance und k\u00fcrzlich erst Hertz den Faust zweiter Teil behandelt hat \u2013 n\u00e4mlich als Konfinium, als Grenzgebiet \u2013 so einzig w\u00e4re auch die neulateinische Lyrik der Humanisten zu erfassen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das h\u00e4tte zur Voraussetzung, da\u00df sie, bevor sich die Betrachtung einzel\u00adnen Poeten zuwendet, als ein kollektives Ph\u00e4nomen gesichtet w\u00fcrde. Den Nachdruck auf die \u00bbW\u00fcrdigung\u00ab der einzelnen Dichter zu verlegen, ist genau so abwegig wie den Pr\u00fcfstein der Erlebniswahrheit oder der Nat\u00fcrlichkeit des Ausdrucks an ihre Produktionen anzulegen. Abwegig aber nicht nur im Zusammenhang dieser Forschungen. Ellingers Werk ist vielmehr \u00fcberhaupt, sowohl methodisch wie auch gegenst\u00e4ndlich hinter dem heutigen Stand der Wissenschaft zur\u00fcckgeblieben. Es geht nicht an, die Darstellung der gro\u00dfen geistigen Bewegung, die die Allegorik ausmacht und zu der wir Studien gr\u00fcndlicher Kenner haben, durch den Hinweis auf \u00bbdie Figuren an den Geb\u00e4uden und auf den Pl\u00e4tzen\u00ab, durch die \u00bbdie B\u00fcrger &#8230; an allegorische und mythologische Vorstellung gew\u00f6hnt worden\u00ab waren, zu ersetzen. Genau so wenig geht es an, nach dem was Cysarz, H\u00fcbscher, G\u00fcnther M\u00fcller gezeigt haben, in dem Barockstil weiterhin nur die Entartung klassischer Vollkommenheit zu sehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So bleibt der wissenschaftliche Ertrag der flei\u00dfigen, gewi\u00df auf umfangreiche Quellenstudien gest\u00fctzten Arbeit unbetr\u00e4chtlich und nur das melancholische Gef\u00fchl, so zwecklos einen gro\u00dfen Aufwand vertan zu sehen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Geschichte der neulateinischen Literatur Deutschlands im sechzehnten Jahrhundert<\/strong>. Von Georg Ellinger. Bd. 3, Abt. 1: Geschichte der neulateinischen Lyrik in den Niederlanden vom Ausgang des f\u00fcnfzehnten bis zum Beginn des siebzehnten Jahrhunderts. Berlin und Leipzig: Walter de Gruyter u. Co. 1933.<\/p>\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignleft\" style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Walter_Benjamin.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-87150 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Walter_Benjamin-248x300.jpg\" alt=\"\" width=\"248\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Walter_Benjamin-248x300.jpg 248w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Walter_Benjamin-560x677.jpg 560w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Walter_Benjamin-260x314.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Walter_Benjamin-160x193.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Walter_Benjamin.jpg 750w\" sizes=\"auto, (max-width: 248px) 100vw, 248px\" \/><\/a>KUNO erinnert an Walter Benjamin. 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Lesen Sie auch KUNOs <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/10\/zur-gattung-essay\/\">Hommage<\/a> an die Gattung des Essays.<\/figure>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong>\u00a0Poesie z\u00e4hlt f\u00fcr KUNO weiterhin zu den identit\u00e4ts- und identifikationstiftenden Elementen einer Kultur, dies bezeugte auch der Versuch einer <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25630\">poetologischen Positionsbestimmung<\/a>.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Das vorliegende Werk stellt die erste Abteilung des dritten Bandes von Ellingers \u00bbGeschichte der neulateinischen Literatur Deutschlands im sech\u00adzehnten Jahrhundert\u00ab dar. 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