{"id":87380,"date":"2010-03-22T00:01:39","date_gmt":"2010-03-21T23:01:39","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=87380"},"modified":"2022-02-20T13:59:03","modified_gmt":"2022-02-20T12:59:03","slug":"der-eingetunkte-zauberstab","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2010\/03\/22\/der-eingetunkte-zauberstab\/","title":{"rendered":"Der eingetunkte Zauberstab"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als Stefan George f\u00fcr seinen Kreis die ma\u00dfgebliche Auslese aus der \u00dcber\u00adlieferung deutscher Dichtung in drei B\u00e4nden zusammenstellte, bestimmte er einen von diesen B\u00e4nden Jean Paul. Die Anwartschaft der deutschen Leser auf das Bild Jean Pauls, das diese Wahl regiert hat, hat sich jahrzehntelang gedulden m\u00fcssen. Gestalten, deren Bedeutung f\u00fcr das Deutschtum mittel\u00adbarer ist als Jean Paul, besitzen l\u00e4ngst ihr Standbild in der vielumstrittenen Folge von Werken, welche von Georges Sch\u00fclern errichtet wurden. Kommerell z\u00e4hlt zu diesen nur noch mittelbar. Im engeren Sinne ist sein Lehrer Friedrich Wolters. Und ein gewisser Abstand von dem Gr\u00fcnder der Schule mag eine unerl\u00e4\u00dfliche Bedingung f\u00fcr eine g\u00fcltige Darstellung von Jean Paul gewesen sein. Spr\u00f6der als andere erweist sich dieser Dichter dem Kanon von Begriffen und von Bildern, nach dem die Sch\u00fcler (nicht selten allzu wendig) verfahren sind.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit einem Buche \u00fcber den \u00bbDichter als F\u00fchrer in der deutschen Klassik\u00ab hat Kommerell schon vor zwei Jahren unverkennbar die Distanz bezeichnet, die seine Arbeit nicht nur von der der Gesinnungsfreunde, sondern nicht we\u00adniger von der z\u00fcnftigen trennt. Und so bedenklich jenes fr\u00fchere Unter\u00adnehmen erscheinen mu\u00dfte, sofern es den Versuch darstellte, die Klassiker zu Stiftern eines heroischen Zeitalters der Deutschen zu machen, so hat es dem Verfasser doch verschafft, worauf seit langem unter den deutschen Literar\u00adhistorikern kaum einer Anspruch machen konnte: Autorit\u00e4t. Am unverkenn\u00adbarsten bew\u00e4hrte sie sich in der Meisterschaft physiognomischer Darstellung, in der Spannkraft einer Erkenntnis, die nicht nur die Charaktere, sondern auch, und vor allem, die geschichtlichen Konstellationen ausma\u00df, in denen sie einander begegneten. Solcher Konstellationen gibt es nun im Leben Jean Pauls nur eine einzige. Darum bedeutet f\u00fcr das K\u00f6nnen des Verfassers dieser sein neuer Gegenstand die st\u00e4rkste Belastungsprobe. Er hat sie bestanden. Und sein Werk erhebt, zumal an einen Referenten, der auch hier entscheidend sich von der Gesinnung des Verfassers geschieden sieht, den Anspruch, getreu in seinen gro\u00dfen Linien kopiert zu werden. Das wird nicht hindern, einen anderen Umri\u00df Jean Pauls mit leichten Strichen anzudeuten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jene einmalige geschichtliche Konstellation im Leben von Jean Paul war seine Begegnung mit den Herren und Dichtern Weimars. Vorahnend mag er sie in der Vorrede zur \u00bbUnsichtbaren Loge\u00ab als seine \u00bbsch\u00f6nern Leser\u00ab angeredet haben, \u00bbderen getr\u00e4umte, zuweilen erblickte Gestalten ich wie Genien auf den H\u00f6hen des Sch\u00f6nen und Gro\u00dfen wandeln und winken sah\u00ab. Es ist bekannt, da\u00df man ihn wenig gastlich am Fu\u00dfe dieser H\u00f6hen empfangen hat. Nicht viele seiner Weimarer Begegnungen haben Gestalt gewonnen; die handlichste, nicht zuf\u00e4llig, diejenige mit Goethe, der als Tischnachbar des Dichters auf eine \u00c4u\u00dferung, welche sich Jean Paul \u00fcber das Tragische er\u00adlaubte, eine Viertelstunde verstimmt den Teller drehte. Kommerell geht wenig auf das anekdotische Beiwerk dieser Lebensperiode ein. Der alte Nerrlich ist da ausf\u00fchrlicher gewesen und hat Z\u00fcge festgehalten, die einem heutigen Betrachter Stoff zu triftigen Gedanken geben k\u00f6nnten. Hier einer dieser Z\u00fcge: \u00bbZu den Hofconcerten durften im Saal nur Edelleute erscheinen, w\u00e4hrend f\u00fcr die B\u00fcrgerlichen die Galerie reserviert war; als nun Jean Paul bedeutet wurde, da\u00df auch er Zutritt zum Saale erhalten w\u00fcrde, falls er einen Degen anlege, weigerte er sich, da er hierin eine Degradierung sah.\u00ab Solche Z\u00fcge wird man bei Kommerell vergeblich suchen. Doch ist er gleich in seinem Element, wo er Gestalten im Pathos ihrer Distanz, im Feuer ihres Gespr\u00e4ches darzustellen hat. \u00bbWer heute\u00ab, schreibt er, \u00bbvon den Sch\u00f6pfungen aus\u00adgehend, geneigt ist, den Sch\u00fcler \u00fcber den Lehrer zu setzen, vergegen\u00adw\u00e4rtige sich beider Gestalt, wie sie in Herders Studierstube auf St\u00fchlen sitzen und Gespr\u00e4ch f\u00fchren: der eine von moloch-artiger Beweglichkeit, wenig seiner W\u00fcrde achtend, w\u00e4sserigen Auges und riesiger Kinderstirn, der andere mit dem Ausdruck angeborenen Priestertums im Gesicht, der durch die fast weibliche Lieblichkeit des Mundes und durch die Musik in allem, was aus diesem Munde kam, gemildert war &#8230; und mit den dunklen Augen, deren unheilbare Traurigkeit schon damals an den Blick eines trauernden Demeterhauptes erinnert haben mag.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In unmittelbarer N\u00e4he solcher Vergegenw\u00e4rtigungen ist im Verfasser der Gedanke entsprungen, der vor allen anderen der Keim zu seiner bedeu\u00adtungsvollen Konzeption gewesen sein mag. Es handelt sich um die Idee des Humoristen, auf welchen das Kapitel \u00bbVorg\u00e4nger\u00ab eine perspektivische R\u00fcck\u00adschau er\u00f6ffnet. Der Humorist ist ein anthropologischer Typus, und das \u00fcber ihm waltende Gesetz das \u00bbder unpassenden Verk\u00f6rperung\u00ab. Er ist das Ge\u00adsch\u00f6pf des ersten Witzes, \u00bbden diese Witzbolde nicht machen, sondern der sie macht\u00ab. Die falsche Verk\u00f6rperung ist das Erlebnis des Humoristen, das, als verh\u00e4ngnisvolle Schickung, hinweggescherzt werden mu\u00df. \u00bbF\u00fcr den Philo\u00adsophen\u00ab, setzt der Verfasser hinzu, \u00bbist das im-Leib-Stecken kein Schicksal, sondern ein Schein &#8230; H\u00e4tte da &#8230; der Humorist als lachender Philosoph den tiefern Welternst von beiden?\u00ab Das geht auf Fichte. Die Philosophie der \u00bbWissenschaftslehre\u00ab hat Jean Paul in ein und demselben ungeheuren Witz zu sprengen und sich zuzueignen gesucht. Leibgeber sei ihr Sch\u00f6pfer (eine seiner Romanfiguren also). Der habe n\u00e4mlich den Fichte selbst erst \u00bbsetzen\u00ab m\u00fcssen, der dann Verfasser der Wissenschaftslehre geworden sei. Drei Dinge w\u00e4ren es, die im Humoristen zusammentreten: das Ausquartiertsein aus dem eigenen Leib, die Versatilit\u00e4t des Ich, das in jedem Fremden Quartier beziehen kann, und das Denken, das Rahmen und Inhalt dieses Vorgangs Zugleich ist. \u00bbDas Erlebnis der Unentrinnbarkeit des Ich und das Erlebnis der verf\u00e4nglichen Dehnbarkeit des Geistes sind nur scheinbar Widerspr\u00fcche.\u00ab Diese Dehnbarkeit geht in das Grenzenlose. Nicht nur die vielf\u00e4ltigen B\u00e4lge, die das Ich als Humorist bezieht, nicht nur die sch\u00f6nen Traumgestalten, in denen es sich f\u00fcr die Ewigkeit Quartier bereitet, ohne je in der Zeit in ihnen zu Hause zu sein, nehmen den Dichter auf. Der Weltraum selbst liegt ihm nicht ferner, ist ihm auch nicht unwirtlicher als sie. Denn \u00bbJean Paul dachte sich nicht, wie manche Denker, in die Welt, sondern weg von der Welt\u00ab. Mit dem Luftschiffer Giannozzo gewinnt er seinen gr\u00f6\u00dften Abstand von ihr.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In dieser d\u00fcnnen Atmosph\u00e4re hat sp\u00e4ter Paul Scheerbart, der Verfasser des \u00bbKometentanzes\u00ab und der \u00bbAstralen Novelletten\u00ab, sich heimisch ge\u00admacht. Und dessen Freund Mynona hat in der exzentrischen Spannung des Ich als \u00bbsch\u00f6pferische Indifferenz\u00ab den Ruhepunkt erblickt, um den die Weltwaage balanciert. Nicht umsonst hat er in einer brauchbaren Auswahl \u00bbJean Paul als Denker\u00ab sprechen lassen. Es w\u00e4re ungerecht zu leugnen, da\u00df auch Kommerell diese Dimension des Humors gesichtet hat. \u00bbJean Paul entdeckt\u00ab, so sagt er, \u00bbin der alles in sich ziehenden, brechenden, sich selbst ausmessenden Ichheit die bejubelte Unendlichkeit der neuen Dichtung.\u00ab Jedoch nicht diese R\u00e4ume, die der Fernblick, sondern die dunkleren, die sich der Tiefsinn am liebsten w\u00e4hlt, sind der Betrachtung des Verfassers die gelegeneren. Und sehr bezeichnend deutet er das Schicksal des Humoristen, das Jean Paul f\u00fcr sich niederk\u00e4mpfte, auf eine deutsche Gefahr: \u00bbdie Gefahr einer philosophisch \u00fcberreizten Selbstbesinnung, also die Gefahr eines Jahrhunderts. Bewu\u00dftseinsfrevel ist die Sache, zu der Jean Paul &#8230; die Gestalt erfand.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Von hier ist&#8217;s nur ein Schritt \u2013 wenn auch ein Fehltritt \u2013 bis zur Diffamie\u00adrung des Denkens selbst. Zwar ist, wie man erst k\u00fcrzlich sehr mit Recht bemerkt hat,<sup>2)<\/sup> jene Bewu\u00dftheit, aus welcher der deutsche Idealismus und Jean Paul mit ihm spekuliert, \u00bbnicht gesch\u00e4rfter Verstand oder Helle der Vernunft &#8230;, sondern Lust und Qual \u00e4sthetischer Selbstbespiegelung\u00ab. Aber wie nahe liegt nicht die Verwechslung! Wie doppelt nah dem Autor, dreifach nah der Zeit! Kommerell ist ihr nicht anheim gefallen. Er schlie\u00dft sie auch nicht aus. Er scheint zu z\u00f6gern. Er sucht die \u00dcberwindung dieses Zweifels in der heroischen Geisteshaltung. \u00bbDie Traumgestalten Jean Pauls\u00ab, so schrieb er schon vor Jahren, \u00bbscheinen nur solange blutlos bis ihre irdischen Br\u00fcder \u00fcber unsern Boden gehen.\u00ab Und nun r\u00fcckt er entschlossener seinen Dichter in die N\u00e4he Nietzsches. So gelingt ihm zum mindesten das eine: dem Humor nach seiner destruktiven Seite gerecht zu werden. Es fallen scharfe Worte \u00fcber jene bequemen Geister, die Aussicht haben, \u00bbin den ewigen Vorrat deutschen Humors zu kommen, und noch den d\u00fcrftigsten Scherz bejauchzt zu sehen\u00ab, weil sich \u203aja hinter ihm ein goldenes Gem\u00fct verbirgt\u2039. Solche bequemen Geister haben es aufgebracht, da\u00df dieser Humor dem Dichter \u00bbdas Schicksal eines Kleist oder H\u00f6lderlin erspart habe. N\u00e4her gemustert, war dieser Humor selbst etwas, vor dem sich Jean Paul zu sch\u00fctzen hatte, und lange nicht die gelindeste unter seinen innern Vernichtungskr\u00e4ften.\u00ab Schoppe, der Denker, den der Irrsinn packt, lehrt, \u00bbwas ein Denkerlebnis ist\u00ab, und stiftet seinem Dichter, nach Kommerell, die Verwandtschaft mit Nietzsche.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So f\u00fchrt der Verfasser die Geschichte des Lachens bis zu Nietzsche herab. Weit unanfechtbarer und hochbedeutend ist die Wendung, mit der er sie bis zu Sokrates herauff\u00fchrt. Tragweite und Niveau des Werkes sind k\u00fcrzer kaum zu vermitteln als mit folgendem Zitat, das lang ist: \u00bbMan mag Sokrates den ersten Humoristen nennen, von dem die Welt wei\u00df. Darin da\u00df er sich selbst mit Humor behandelte, lag das Emp\u00f6rende seiner Erscheinung f\u00fcr die Griechen. Nicht da\u00df es ihm an Sch\u00e4tzung seiner selbst gefehlt h\u00e4tte &#8230; Aber die Selbstachtung der Griechen bezog sich auf die Gestalt &#8230; Sokrates stellte das Ehrw\u00fcrdige in sich weit von sich weg: mit \u203asich\u2039 im griechischen Sinn: n\u00e4mlich mit seiner Gestalt spielte er, ja gab sie preis.\u00ab Das war unerh\u00f6rt &#8230; Sokrates in Athen und Jean Paul in Weimar. Zwei gro\u00dfe St\u00f6renfriede und enfants terribles, umso unausstehlicher, je mehr sie bewegten und bedeuteten! Einen Menschen, der von sich selbst absah, konnte die attische Herrenschicht oder konnten die Weimarer Herren-im-Geist als Hofnarren um sich leiden \u2013 wenn er aber die andern \u00fcbersah und aufwog? Niemand liebt die geistige Aufhebung des Raumes in dem er sich selbst befindet, noch weniger, wenn er selbst ihn unter M\u00fchen geschaffen hat, am wenigsten, wenn dieser selbe Johann Wolfgang Goethe hei\u00dft. Und auch die Weimarer waren, da sie sich zu einer Art geistigen Herrentums erzogen hatten, betont humorlos. So bot die Geschichte den Stoff zu zwei gro\u00dfen Kom\u00f6dien &#8230; die eine ist geschrieben worden und hei\u00dft: die Wolken des Aristophanes. Die andre wurde blo\u00df gelebt.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gelebt aber wurde sie im Biedermeier. Das ist, f\u00fcr den Verfasser, der Augenblick, in dem das B\u00fcrgertum aufh\u00f6rt \u00bbSymbole zu haben, und der reinen Innerlichkeit anheimf\u00e4llt &#8230; Erst mit dieser gibt es auch die reine \u00c4u\u00dferlichkeit. Zwischen beidem liegt der Stil. Man mag das Biedermeier lieben oder schelten: es ist das B\u00fcrgertum als Stil \u2013 nach ihm besteht es ohne sol\u00adchen weiter.\u00ab Das ist nun eine sonderbare Perspektive auf die letzten Drittel des neunzehnten Jahrhunderts: Zeitraum eines \u00bbstillosen\u00ab B\u00fcrgertums. Lassen wir sie beiseite, um zu fragen: was sagt denn Kommerell, wenn er das Biedermeier mit einem warmen und mit einem kalten Worte einen \u00bbStil\u00ab nennt? Nichts Entschiedenes und nichts Entscheidendes. Er steht hier an der Grenze des Bereichs, das der heroischen Geschichtsbetrachtung fa\u00dflich ist. Der Zeitgeist, den Jean Paul wie keiner sonst beim Namen rief, mu\u00df hier als L\u00fcckenb\u00fc\u00dfer sein Dasein fristen. Kommerell l\u00e4\u00dft ihn nicht zu Worte kommen. Er scheut, ihn zu vernehmen, und er hat recht. Was dieser Zeitgeist anzusagen hat, ist der Zusammenbruch der Forderung, die die Klassik an das deutsche B\u00fcrgertum gestellt hat. Diese Forderung hie\u00df: Vers\u00f6hnung mit dem Feudalismus durch \u00e4sthetische Erziehung und im Kult des sch\u00f6nen Scheins. Da\u00df nicht der Trotz des B\u00fcrgertums, vielmehr der Anspruch der Reaktion es war, an welchem die klassischen Forderungen zunichte wurden, tut zu dieser Sache nichts. Das klassische Gesetz der Menschenbildung hat Goethe Mignon ins Lied gelegt: \u00bbSo la\u00dft mich scheinen, bis ich werde.\u00ab Der Lebenslauf des Apothekers Henoch Marggraf, der letzte, den Jean Paul geschildert hat, ein undurchdringliches Gewebe aus Betrug und Wahn, das er um sich und andere spinnt, erscheint als b\u00f6ses Zerrbild jenes Beschw\u00f6rungsverses. Und nicht umsonst ist es ein F\u00fcrstenthron, welchen der Apotheker sich vorgaukelt und den anderen. Die Goetheschen Schutzg\u00f6ttinnen des Scheins \u2013 Ottilie, Mignon, Helena \u2013 sind versunken, und eine ganz andere Scheinwelt ist es, in der das B\u00fcrgertum des Biedermeier unter Jean Pauls Protektorat sich einrichtet. Als Protektor hat es ihn in der Tat empfunden, und sein Erfolg, dem bei Kommereil keine Deutung zuteil wird, hat hier seinen Grund. Freilich ist es dem Verfasser gelungen, dieser Scheinwelt des Biedermeier von einer Seite sich zu n\u00e4hern. Da\u00df alles Geistige hier ins Geisterhafte \u00fcberzugehen trachtet, Spiegel- und Wachsfigur, nicht nur in den Ritter- und R\u00e4uber\u00adb\u00fcchern, sondern auch bei Jean Paul zu Ger\u00e4tschaften des Verh\u00e4ngnisses werden, spricht er aus. Diese Zersetzungserscheinungen, die dem Auf\u00adschwung des spekulativen Idealismus der oberen in den niederen St\u00e4nden entsprechen, hat er im Werk Jean Pauls auf das geistvollste nachgewiesen. Aber die Tagseite des Scheins, die innigst zu dieser seiner Nachtseite geh\u00f6rt, der sch\u00f6ne Schein, der im Biedermeier nicht mehr, wie in der Klassik, sich selbst genug tut, sondern als Gegenst\u00fcck zum Blendwerk dies zerstreut, der Schein des Zauberm\u00e4rchens ber\u00fchrt ihn kaum. Vielleicht weil dieser tr\u00f6stliche aus Schichten kam, an welche die heroische Geschichtsbetrachtung ungern sich verliert. Es sind die volkst\u00fcmlicher \u00dcberlieferung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Kunst des Biedermeier ist von solchen \u00dcberlieferungen durchdrungen, und Jean Pauls Zettelkasten war deren Archiv. Kommerell hat die offen\u00adkundige Verwandtschaft dieses gewi\u00df barocken Dichters mit der Barockzeit der deutschen Dichtung keiner Ausdeutung gew\u00fcrdigt. Und doch ist hier ein Tatbestand gegeben, an welchem weder die Betrachtung seines Werks noch seiner Zeit vor\u00fcbergehen kann. Das Biedermeier sah die Auferstehung der blutigen oder geisterhaften Vorg\u00e4nge der barocken B\u00fchne im Schicksals\u00addrama. Es sah die Nachbl\u00fcte der die Dinge verwandelnden, dem eigenen Wesen zu sinnbildlichem Gebrauch sie entfremdenden Allegorie im Zauber- und Feenm\u00e4rchen. Es h\u00f6rte die opernhafte Sprache der Barockpoeten in einer Art Spieldosen-Lyrik nachklingen. Das alles vereinigt sich in Jean Paul. \u00bbEin Nachz\u00fcgler \u00fcber Jahrhunderte weg\u00ab \u2013 so folgt nicht nur der Apotheker Marggraf dem Don Quichote, sondern Jean Paul dem Genius der deutschen Barockdichtung. Nur da\u00df, wie im M\u00e4rchen von \u00bbSchwan kleb an\u00ab, eine unabsehbare Kette von kleinen Leuten und vor allen Dingen Kleinb\u00fcrger\u00adinnen Deutschlands sich an ihn geh\u00e4ngt hat. Ins Blumige, Anspruchslose und Gef\u00e4llige haben sich die Motive des Barock, die einst in der gelehrten Dichtung prunkten, umgebildet. Das hindert nicht, da\u00df sie der Zeit als Erbe, als \u00dcberlieferung zugefallen sind. Keiner hat \u00fcppiger mit ihr geschaltet als Jean Paul. Dies breite souver\u00e4ne Schaffen macht den Blick in seinen Fundus unerl\u00e4\u00dflich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nicht die Gestalt, der Wandel ist&#8217;s, dessen Gesch\u00f6pfe unersch\u00f6pflich sich der Dichtung aus diesem Fundus zur Verf\u00fcgung stellen. Sein Wesen ist das der Phantasie, die die Gestalt der Umgestaltung zuf\u00fchrt. Dies nicht ohne sie dabei zu entstalten. Entstaltendes Geschehen ist der Stoff Jean Paulscher Dichtung. Es ist die Stelle, an der sie mit der Traumwelt sich ber\u00fchrt. So viel die Ahnung von diesem wolkigen Kern vermitteln kann, so viel \u2013 nicht mehr \u2013 enth\u00fcllt sich dem Verfasser. Er streift die Sache und spricht von \u00bbzarten, buntgef\u00e4rbten Grenzen\u00ab, welche die Wirklichkeit des Dichters hat. Er sagt sie, wenn auch nur im Bilde, aus: \u00bbDie kleinste seiner Dichtungen ist erschaffen, sobald eine Farbe des Gef\u00fchls das Gewebe eines Vergleiches tr\u00e4nkt.\u00ab Und in der Tat: die Phantasieanschauung \u2013 der Gegensatz aller gestaltenden Einbildung \u2013 ist in der Welt der Farbe zu Hause. Aller Form n\u00e4mlich, allem Umri\u00df, den der Mensch wahrnimmt, entspricht er selbst mit dem Verm\u00f6gen, ihn hervorzubringen. Der K\u00f6rper im Tanz, die Hand in ihren Gesten bildet ihn nach und eignet ihn sich an. Dies Verm\u00f6gen aber hat an der Farbe seine Grenze; der Menschenk\u00f6rper kann die Farbe nicht erzeugen. Er entspricht ihr nicht sch\u00f6pferisch, sondern empfangend: im farbig schim\u00admern\u00adden Auge. Reine Farbe ist das Medium der Phantasie, nicht der strenge Kanon des gestaltenden K\u00fcnstlers. Ihre Wolkenheimat, in der Formen sich weniger gestalten als entstalten, ist das Reich des Wandels. \u00bbWo ist denn das hin\u00ab, sagt Jean Paul, \u00bbdas gef\u00e4rbte Gew\u00f6lk, das seit drei\u00dfig Jahren an diesem Ich vor\u00fcberzog und das ich Kindheit, Jugend, Leben hie\u00df?\u00ab Was aber auf der einen Seite Spiel scheint, neigt sich auf der anderen zum Heiligen. Die Kunst, die unterm Walten reiner Phantasie sich der Gestalt entfremdet, nimmt damit vielleicht nur Bilder des tausendj\u00e4hrigen Reichs vorweg. Kommereil irrt sich nicht, wenn er erkl\u00e4rt: \u00bbIm Ganzen genommen sind Jean Pauls Urteile chiliastisch, weshalb Herder es liebte, seine Namen Johannes und Richter sinnbildlich zu nehmen.\u00ab Und, unverwischbar in der Pr\u00e4gung, bezeichnet der Verfasser Zuletzt als das Verh\u00e4ltnis Jean Pauls zu Goethe dies: \u00bbWo bleibt Jean Paul? Er behielt anders Recht \u2013 nicht wie ein F\u00fchrer, sondern wie ein weises Kind oder eine heilige alte Frau.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jean Paul war ein Gesch\u00f6pf, welches \u00bbmit Staat, Sitte, Beruf, Weib und Gesch\u00e4ft blo\u00df in der Form der Niederlage bekannt werden konnte\u00ab. Daf\u00fcr ist ihm \u00bbder eingetunkte Zauberstab\u00ab zuteil geworden, der \u00bbdie Form an der materiellen Welt mit einem Schlage\u00ab \u00e4ndert. Der Zauberstab, von dem die Rede ist, ist der der Phantasie; die Feuchte, die ihn benetzt, die des Humors, den man aus unergr\u00fcndlicher Quelle sprudelnd sich denken mag. Zu F\u00fc\u00dfen eines biedermeierlich gebl\u00fcmten Felsens springt sie auf. Gelehnt an eine himmelblaue G\u00f6ttin lagert dort der Dichter mit den melodischen H\u00e4nden. Was ihm die Muse eingibt, zeichnet ein Fl\u00fcgelkind neben ihm auf. Verstreut umher liegen Harfe und Laute. Zwerge im Scho\u00df des Berges blasen und geigen. Am Himmel aber geht die Sonne unter. So hat Lyser einmal die Landschaft gemalt, in deren buntem Feuer die Gestalten Jean Pauls wandeln und sich verwandeln. Bei Kommerell zeichnet das Dichterhaupt nackt von dem grauen Hintergrund der Ewigkeit sich ab.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p><strong>Jean Paul<\/strong>, von Max Kommerell. Frankfurt am Main: Vittorio Klostermann (1933).<\/p>\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignleft\" style=\"text-align: justify;\">\n<div id=\"attachment_14179\" style=\"width: 230px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-14179\" class=\"size-full wp-image-14179\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/03\/220px-RichterJP1.jpg\" alt=\"\" width=\"220\" height=\"288\" \/><p id=\"caption-attachment-14179\" class=\"wp-caption-text\">Jean Paul, Gem\u00e4lde von Heinrich Pfenninger, 1798<\/p><\/div>\n<p>Zum 70. Todestag von Walter Benjamin erinnert KUNO an diesen undogmatischen Denker und l\u00e4\u00dft die Originalit\u00e4t und Einzigartigkeit seiner Gedanken aufscheinen. Bei KUNO pr\u00e4sentieren wir Essays \u00fcber den Zwischenraum von Denken und Dichten, wobei das Denken von der Sprache kaum zu l\u00f6sen ist. 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