{"id":87362,"date":"2005-10-15T00:01:37","date_gmt":"2005-10-14T22:01:37","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=87362"},"modified":"2021-07-04T15:38:14","modified_gmt":"2021-07-04T13:38:14","slug":"privilegiertes-denken","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2005\/10\/15\/privilegiertes-denken\/","title":{"rendered":"Privilegiertes Denken"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbVergil. Vater des Abendlands\u00ab hei\u00dft ein Buch, in dem Theodor Haecker die Wahrheiten, Lehren, Mahnungen aus dem Schaffen Vergils darlegt, die ihm nach dessen zweitausendj\u00e4hriger Vollendung die zeitigsten scheinen. Der Verfasser, obwohl Katholik, ist Sch\u00fcler von Kierkegaard, und zwar nicht nur als Theolog sondern ebensosehr als Polemiker. Ihrer polemischen Absicht nach ist auch diese Schrift zu betrachten. Es geht Haecker um zwei Haupt\u00adgegenst\u00e4nde: die Aufl\u00f6sung der \u00fcberkommenen Wertung, die Vergil in den Schatten Homers stellt, und die Vernichtung jeder untheologischen, genauer noch: unkatholischen Interpretation des Dichters. So unverwechselbar das Buch durch die Doppelheit dieser Absicht in der \u00fcbrigen Jubil\u00e4umsliteratur steht, so ist es mit ihren wichtigeren Werken doch einig in dem einen Bestreben, au\u00dferhalb Homers, au\u00dferhalb nicht nur des Griechentums, vielmehr der reinen Dichtung \u00fcberhaupt den Standort zu suchen. Wie grundlegend sich, gewi\u00df zum ersten Male seit ein paar hundert Jahren, die Dinge hier ge\u00e4ndert haben, beweist ein Blick in irgendeine der landl\u00e4ufigen Literaturgeschichten um die Jahrhundertwende: \u00bbVergil\u00ab, so hei\u00dft es da schlankweg, \u00bbwar kein gro\u00dfer Dichter.\u00ab Demgegen\u00fcber hat sich in den verschiednen Schriften zum Feierjahr eine h\u00f6chst positive Einsch\u00e4tzung des Dichters hervorgetan und auch, da\u00df sie vom Religi\u00f6sen ihren Ausgang nimmt. \u00bbSo haben wir\u00ab, schreibt etwa Wjatscheslaw Iwanow, \u00bbin der Vergil&#8217;schen Darstellung der Irrfahrten und Kriegsm\u00fchen des \u203apater Aeneas\u2039 statt einer r\u00fchm- und leidvollen Heldensage alten Schlages, die auf eine mythologische Begr\u00fcndung des betreffenden Heroenkults hinausliefe, eine Art an Bibelgeschichten gemahnendes Heiligenleben vor uns, das eine unabsehbare Folge von Taten, die schon nicht mehr von ihm selbst, sondern erst von den Erben seiner Sendung vollbracht worden sind, einleitet und nur als Auftakt dient zu einer unerme\u00dflichen Schicksalsentfaltung, angesichts deren er sich nicht so sehr als ihr Urheber denn als Vorl\u00e4ufer des verheissenen Heils und als Gottes Werkzeug f\u00fchlt.\u00ab \u00bbMithin stellt sich Vergils Geschichtsdeutung zeitlich zwischen die Bibel und des heiligen Augustin Meisterwerk De Civitate Dei.\u00ab Es trifft sich, da\u00df diese Worte eine durchaus brauchbare Umschreibung von Haeckers Grundkonzeption geben. Ihre weitere Entfaltung bei diesem ist freilich an einen eigent\u00fcmlichen Aufbau gebunden. Haeckers Buch besteht aus Kapiteln, deren die meisten einen Vergilschen Halbvers zum Motto und zugleich zum Gegenstand ihrer Interpretation haben. Diese ist demnach im wesentlichen Exegese einzelner Redewendungen, ja Worte, wie das bei einem Sprachmystiker, der Haecker ist, nicht \u00fcberraschen kann. Ohne H\u00e4rte geht es bei keiner Auslegung, geschweige denn der theologischen ab. Sie kann die dichterische F\u00fcgung sprengen, um so zu m\u00e4chtigeren Grundgehalten vorzusto\u00dfen und doch zugleich dem Text im Wortkern die fruchtbarste Entfaltung angedeihen zu lassen; sie kann theologisch sein, ohne die Philologie darum preiszugeben. Haeckers Deutung aber, die weniger den epischen als den r\u00f6mischen Zusammenhang sprengt, um die Worte in einer allen philologischen Gehalten fremden Sph\u00e4re ad majorem Dei gloriam zur Entfaltung zu bringen, ist gewaltt\u00e4tig. (W\u00e4re hier der Ort, das Haeckersche Lehrgeb\u00e4ude darzustellen, so h\u00e4tte diese geschichtsfremde idealistische Sprachmystik ein Hauptinteresse zu beanspruchen. Selbst diese Darstellung wird ihr im folgenden nicht g\u00e4nzlich aus dem Wege gehen k\u00f6nnen.) Das mystisch-interpretative Verfahren gibt dem Haeckerschen Werk den Charakter eines Traktats und dazu pa\u00dft ebenso die gehobene Sprache wie die autorit\u00e4re Bestimmtheit, mit der christliche Dogmen oder Dicta an jeden Vers oder Halbvers sich anschlie\u00dfen, sei es, da\u00df die Schlu\u00dfzeile der Aeneis eine Pascalsche Wendung bekommt oder in dem ber\u00fchmten \u00bbsunt lacrimae rerum\u00ab der Rechtfertigungsgedanke beschworen oder die \u00bbF\u00fclle der Vergilischen Humanit\u00e4t\u00ab interpretiert wird als die Bereitschaft, \u00bbdas Mysterium zu ehren, also zu glauben an ein g\u00f6ttliches Fatum ohne Beeintr\u00e4chtigung des freien Willens und der Verantwortung des Menschen\u00ab, um dann genauer bestimmt zu werden als doppeltes Mysterium, das erf\u00fcllt sei \u00bbdurch das Christentum im beneplacitum des trinitarischen Gottes, der Geist ist und Leben, in einem beneplacitum Dei, das unerforschlich, unzug\u00e4nglich ist wie das alte Fatum, aber nicht dunkel durch Nacht, sondern dunkel durch Licht, nicht Leiden bringend aus Willk\u00fcr, sondern aus Weisheit, nicht blo\u00df vollkommene Gerechtigkeit, sondern Glut und Flamme der Liebe\u00ab. Einige weitere theologische Reflexionen, so ist das wieder ins \u00c4sthetische zur\u00fcckgeflossen: \u00bbGott ist wahr und gut und sch\u00f6n; sobald ein Dichter nur an den Saum der Sch\u00f6nheit Gottes r\u00fchrt, womit er zugleich auch an den Saum des Wahren und Guten r\u00fchrt, ist in seinem Werke notwendig ein Absolutes und Unverg\u00e4ngliches.\u00ab Gewi\u00df kann man in diesem Buche Tieferes und Gr\u00fcndlicheres \u00fcber Vergil finden. Das \u00e4ndert nichts daran, da\u00df die entschlossene Vernachl\u00e4ssigung einer profanen \u2013 d. i. eigentlichen \u2013 Vergilphilologie den Verfasser ganz au\u00dferstand setzt, solche Theologumena als das zu erkennen, was sie sind: Schablonen aus der Hinterlassenschaft der sch\u00f6ngeistigen Sp\u00e4tromantik.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Man mag die Invektiven, mit denen Haecker den Vergil\u00fcbertragungen von Rudolf Alexander Schr\u00f6der entgegentritt, an mancher Stelle gegr\u00fcndet finden \u2013 dennoch ist es unzweifelhaft, da\u00df dessen \u00bbMarginalien eines Vergillesers\u00ab, die ungef\u00e4hr gleichzeitig mit dem Werk Haeckers erschienen sind, einen besseren Weg gehen. Auch Schr\u00f6der hat die Bedeutung der pietas f\u00fcr Vergil erkannt. Indem er sie aber in ihrer historischen Konkretion und F\u00fclle erfa\u00dfte, stie\u00df er auf einen neuen und befruchtenden Begriff des Synkretismus und war imstande, mit allem, was er von dem Wert Vergils f\u00fcr seine Nachwelt sagt, auch etwas \u00fcber dessen eigenes historisches Bild auszumachen, woge\u00adgen Haecker sehr bezeichnender-, aber auch sehr anst\u00f6\u00dfigerweise \u00fcber den individuellen Seelenraum des Dichters, die anima naturaliter christiana, nie hinauskommt, den Durchblick auf die r\u00f6mische religio nie gewinnt. So hei\u00dft es bei Schr\u00f6der: \u00bbGewiss kann eine religi\u00f6se Anschauungswelt, die alle irdische Erscheinung, alles irdische Tun und Lassen in einer kaum merkbar erh\u00f6hten Geistesebene gleichsam redupliziert erscheinen l\u00e4sst, dem gemeinen Sinne zum rohen Animismus, dem des gl\u00e4ubigen Aufschwungs Unf\u00e4higen zu einer Wirrsal mehr oder minder skurriler Observanzen entarten. Aber dahinter steht doch ein Gesamtbegriff von weltbewegender und weltbefruchtender Tiefe, n\u00e4mlich der, dass ein Ehrfurcht gebietendes Heilige auch dem Unheiligsten der Erscheinungswelt innewohne &#8230; Der Gottesdienst, der neben Laren und Penaten dem Grenzstein, dem Gesch\u00e4ft des Pfl\u00fcgens und S\u00e4ens, dem Genius der Er\u00f6ffnung und des Schliessens und so manchen andern &#8230; Fixierungen des schwebend entschwebenden Momentes Kranz und Spende weihte, mochte nicht in jedem einzelnen Fall oder in jeder einzelnen Person sich mit dem Bilde einer durchweg vergeistigten und vergotteten Welt durchdringen. Trotzdem war dies Weltbild als eine eigene Entelechie jedem seiner einzelnen Bestandteile eingeordnet.\u00ab Wie d\u00fcrr und bla\u00df dagegen Haecker: \u00bbUns interessieren nicht mehr lebendig \u2013 das geht allein die Wissenschaft an \u2013 die \u00e4u\u00dferen Praktiken der r\u00f6mischen Staats\u00adreligion, noch \u00fcberhaupt der ganze G\u00f6tterhimmel, der in der Hauptsache \u2013 au\u00dfer den Bauerng\u00f6ttern \u2013 bei Vergil schon sch\u00f6ne Dichtung ist von \u00e4u\u00dferlich symbolischer Bedeutung nur.\u00ab Und in gleichem Zusammenhange, den Gegen\u00adsatz von Staatsreligion und Fr\u00f6mmigkeit kennzeichnend: \u00bbIm reinen Geist ist nicht der m\u00f6gliche Gegensatz zwischen \u00e4u\u00dferer Fr\u00f6mmigkeit, die keine ist, und innerer, die die \u00e4u\u00dfere verachtet oder verleumdet, denn in ihm ist alles <i>innen<\/i>: Form wie Inhalt; im Menschen aber <i>ist <\/i>dieser Gegensatz.\u00ab Der unscheinbare Hilfsbegriff des \u00bbreinen Geistes\u00ab, der hier auftaucht, verdient Aufmerksamkeit. Denn niemand anders als er ist der Inhaber der sonder\u00adbaren Privilegien, die ein Denken, wie Haecker es praktiziert, kennzeichnen. Es hat sich schon gezeigt, da\u00df dieses Denken autorit\u00e4r ist. Nun hat es aber mit der Autorit\u00e4t eine besondere Bewandtnis. Stark und unersch\u00fctterlich mu\u00df sie sein \u2013 gewi\u00df. Aber auch einladend mu\u00df sie sein und gewinnend. Weithin sichtbar, wenn man will eine Veste \u2013 aber mit tausend Toren. Das Besserwissen ist auch eine feste Burg, nur da\u00df man das Privileg hat, sie allein zu bewohnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es hat in Deutschland immer viele Leute gegeben und gibt heute beson\u00adders viele, die meinen das, <i>was <\/i>sie wissen und da\u00df <i>sie <\/i>es wissen, das stelle nun den Hebel der Verh\u00e4ltnisse dar und von da aus m\u00fcsse es anders werden. Auf welche Weise aber diesem Wissen nun etwa Kurs zu geben sei und mit welchen Mitteln man es k\u00f6nne unter die Leute bringen, dar\u00fcber haben sie nur die schattenhaftesten Vorstellungen. Man m\u00fcsse es eben sagen, betonen. Ganz fern liegt ihnen der Gedanke, da\u00df ein Wissen, das keinerlei Anweisung auf seine Verbreitungsm\u00f6glichkeiten enth\u00e4lt, wenig hilft, da\u00df es in Wahrheit \u00fcberhaupt kein Wissen ist. Und sagt man ihnen, da\u00df jedes wahre Wissen seine Wahrheit historisch daran allererst erprobt, da\u00df es zu neuen Unwissenden sich auf den Weg macht, so wird man sie kopfscheu machen. Nichts kennzeichnet ja ihre Hilflosigkeit, ihren Mangel an Wirklichkeitssinn so kra\u00df wie die kl\u00e4gliche Unmittelbarkeit, mit der der \u00bbreine Geist\u00ab in ihnen ohne viel Federlesen an \u00bbden Menschen\u00ab sich wendet. \u00bbDer Mensch\u00ab und \u00bbder Geist\u00ab haben in diesen K\u00f6pfen eine Gespensterfreund\u00adschaft geschlossen, und so vereint begegnen sie auch hier. Die Einleitung bereits erkl\u00e4rt in einer, vielleicht \u00fcberfl\u00fcssigen, Verteidigung des \u00bbMenschen\u00ab oder des \u00bbMenschlichen\u00ab, die ja ohnehin alle Ehren von Modew\u00f6rtern genie\u00dfen: \u00bbEs wird kaum einer, der die zahllos verschiedenen Arten der Pflanzen und Tiere betrachtet und eben auf die Verschiedenheit dieser Arten sein Hauptaugenmerk lenkt, dar\u00fcber vergessen oder leugnen, da\u00df es <i>die <\/i>Pflanze und <i>das <\/i>Tier gibt mit ewigen unver\u00e4nderlichen Merkmalen, w\u00e4hrend es heute wohl solche gibt, die an eine radikale Wesens\u00e4nderung des Menschen im Laufe der Zeiten zu glauben scheinen.\u00ab Bei einem scholastisch Geschulten, wie Haecker es selbstverst\u00e4ndlich ist, bedarf eine solche Aussage einer ungew\u00f6hnlichen Freiheit von intellektuellen Skrupeln. Denn nirgends ist die Frage, ob es solche Gattungswesenheiten gibt \u2013 ob sie ante rem seien, wie das in der Schulsprache hie\u00df \u2013, mit \u00e4hnlicher Erbitterung ausgefochten worden wie im Universalienstreit, den die Nominalisten gegen die Realisten f\u00fchrten. Man wird nun eine so angelegentliche Parteinahme post festum seitens des Verfassers, zumal an dieser Stelle, vielleicht kurios finden. Doch nur, solange man nicht erfa\u00dft hat, was sie zum Schutze der besagten Privilegien leistet. Und damit kehren wir nochmals zu \u00bbdem Menschen\u00ab, wie \u00bbder Geist\u00ab ihn schaut, zur\u00fcck. \u00bbWir m\u00fcssen sagen\u00ab, so hei\u00dft es in sp\u00e4terem Zusammenhange, \u00bbda\u00df der abendl\u00e4ndische Mensch seit \u00fcber 2000 Jahren das Prinzipat gehabt hat \u00fcber alle anderen V\u00f6lker und Rassen; das will, auf die letzte Formel gebracht, sagen, da\u00df er die <i>prinzipielle <\/i>M\u00f6glichkeit, die er faktisch oft genug nicht verwirklichte, gehabt hat, alle anderen Menschen zu verstehen, worin eingeschlossen ist seine faktische und seine m\u00f6gliche politische Herrschaft. Und diese M\u00f6glichkeit und Wirk\u00adlichkeit hat er gehabt durch seinen \u203aGlauben\u2039.\u00ab Es ist nicht unsere Schuld, wenn der Verfasser das realpolitische \u00c4quivalent seiner \u00bbIdee des Men\u00adschen\u00ab in so peinliche N\u00e4he r\u00fcckt: jenes, im drastischen Sinne privilegierte, Verst\u00e4ndnis der nichtabendl\u00e4ndischen V\u00f6lker, welches gekennzeichnet ist durch das Ineinanderwirken von Ausbeutung und Mission. So pflegt nun einmal die Kontrebande auszuschauen, die in das Musselin des reinen Geistes gewickelt, die Reisenden nach Wolkenkuckucksheim mit sich f\u00fchren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Am allerwenigsten sollte die Theologie ein solches Wolkenkuckucksheim sein. Es sind denn auch in der Tat theologische Denker gewesen, die gerade in unserer Generation erschienen, um den Kampf gegen die Idolatrie des Geistes aufzunehmen: der Jude Franz Rosenzweig von der Sprache, der Protestant Florens Christian Rang von der Politik her. Nun h\u00e4lt allerdings auch Haecker sich f\u00fcr einen Sprachdenker so gut wie er ein Politiker ist, wennschon er vielleicht vorzieht, nicht daf\u00fcr zu gelten. Aber das eben schlie\u00dft ihn aus der Reihe der echten theologischen Denker aus, da\u00df er die Philosophie der Sprache wie der Politik vom Geiste aus handhaben zu k\u00f6nnen meint, ohne weder mit der Philologie noch mit der \u00d6konomie n\u00e4her sich einzulassen. Freilich \u2013 und so erst r\u00fcckt der Sachverhalt ins rechte Licht \u2013 bei Rosenzweig und vollends bei Rang handelt es sich um h\u00e4retisch gestimmte M\u00e4nner, denen es nichts Unm\u00f6gliches ist, die Tradition auf ihrem eigenen R\u00fccken zu bef\u00f6rdern, statt sie se\u00dfhaft zu verwalten. Der Moderantismus ist es, der Haecker um die Frucht seiner Bem\u00fchungen bringt. Denn was hilft ein noch so radikaler R\u00fcckgang auf die Quellen, die noch so gro\u00dfe Kunst der Auslegung, wenn das Bewu\u00dftsein selber an die Konvention sich klammert, deren verr\u00e4terischstes Kennzeichen in diesem Falle die dilettantische Fragestellung ist, was uns Vergil sei. Gewi\u00df entspricht sie aufs Haar der falschen Unmittelbarkeit, mit der der Geist sich an den Menschen wendet. (Es ist die gro\u00dfe politische Bedeutung der Lehre von der Erbs\u00fcnde, dieser Art Unmittelbarkeit und Innerlichkeit den Garaus zu machen.) W\u00e4re Haecker zur echten, mittelbaren Fragestellung vorgedrungen: was die Geschichte der Vergilschen Dichtung und ihrer Erforschung in einem Zeitpunkt uns lehrt, da beide ihren unfreiwilligen Abschlu\u00df zu finden drohen, er h\u00e4tte seine gl\u00e4nzenden schriftstellerischen Gaben unter Beweis gestellt, ohne die Aufmerksamkeit auf seine sehr bescheidenen denkerischen zu lenken. An Vorbildern auf solchem Wege fehlte es nicht. Man denke an die wissen\u00adschaftliche Bescheidung, mit welcher Bezold das \u00bbFortleben der antiken G\u00f6tter im mittelalterlichen Humanismus\u00ab untersucht hat und wird verstehen, wieviel bedeutsamer nicht allein Vergil sondern die Scholastik in einer Darstellung der Einbettung des Dichters in das mittelalterliche Schrifttum zu ihrem Recht gekommen w\u00e4ren, indessen Haeckers Formeln im Grunde nur jene wiederholen, mit denen einst der \u00bbZauberer Vergilius\u00ab beschworen wurde.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbEin der Theologie entleerter Humanismus wird nicht standhalten\u00ab, sagt der Verfasser. Aber der Spa\u00df geht zu weit, einem Zeitalter, dem dieser Humanismus denkerisch und tats\u00e4chlich gleich kompromittiert ist, den Thomismus zu dessen Rettung anzuempfehlen. Haecker lebt in einem elfen\u00adbeinernen Turm, aus dessen oberstem Fenster er schm\u00e4lend herausblickt. Und das schlimmste ist, da\u00df der Grund, auf dem dieser Turm errichtet ist, nachgibt. Wie ist es anders m\u00f6glich, da\u00df einer den Begriff des \u00bbadventisti\u00adschen Heidentums\u00ab wie eine landl\u00e4ufige Redensart handhabt und doch nichts sp\u00fcrt von dem auf ihn und unsere Tage Zukommenden, das ein Adventistisches ist, auch wenn es marschiert; da\u00df einer \u00bbeine blo\u00df philologisch-\u00e4sthetische Erkl\u00e4rung Vergils\u00ab als \u00bbein Falsum, eine Zersetzung des Ganzen, ausgef\u00fchrt durch zersetzte Geister\u00ab bezeichnet und dennoch nirgends Worte f\u00fcr die barbarischen Bedingungen findet, an welche jeder heutige Humanismus gebunden ist. Es ist die Unaufrichtigkeit und der Hochmut der Geistigen, die an dieser Unstimmigkeit schuld sind; dieselben Z\u00fcge, die es ihnen erlauben, die Bezeichnung als \u00bbGeistige\u00ab ohne Schamr\u00f6te und aus keinem anderen Grund hinzunehmen, als weil sie nicht imstande sind, sich Rechenschaft von ihrer Stellung im Produktionsproze\u00df zu geben. T\u00e4ten sie&#8217;s: ein Essayist vom Range Haeckers k\u00f6nnte nicht umhin, das Problem jeder wahrhaft aktuellen Vergilinterpretation \u2013 die M\u00f6glichkeit des Humanisten in unserer Zeit \u2013 ins Auge zu fassen. Und die Betrachtung der Privilegien, kraft deren es einer noch ist, w\u00fcrde ihn von deren h\u00e4rtester Ablagerung befreien: jenem privilegierten Wissen um den rechten Weg, das die verh\u00e4ngnisvollste Metamorphose des Bildungsprivilegs darstellt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Vergil<\/strong>. Vater des Abendlands, von Theodor Haecker. Leipzig: Jakob Hegner 1931.<\/p>\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignleft\" style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Walter_Benjamin.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-87150 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Walter_Benjamin-248x300.jpg\" alt=\"\" width=\"248\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Walter_Benjamin-248x300.jpg 248w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Walter_Benjamin-560x677.jpg 560w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Walter_Benjamin-260x314.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Walter_Benjamin-160x193.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Walter_Benjamin.jpg 750w\" sizes=\"auto, (max-width: 248px) 100vw, 248px\" \/><\/a>KUNO erinnert an Walter Benjamin. Dieser undogmatische Denker und l\u00e4\u00dft die Originalit\u00e4t und Einzigartigkeit seiner Gedanken aufscheinen. Bei KUNO pr\u00e4sentieren wir Essays \u00fcber den Zwischenraum von Denken und Dichten, wobei das Denken von der Sprache kaum zu l\u00f6sen ist. Lesen Sie auch KUNOs <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/10\/zur-gattung-essay\/\">Hommage<\/a> an die Gattung des Essays.<\/figure>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong>\u00a0Poesie z\u00e4hlt f\u00fcr KUNO weiterhin zu den identit\u00e4ts- und identifikationstiftenden Elementen einer Kultur, dies bezeugte auch der Versuch einer <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25630\">poetologischen Positionsbestimmung<\/a>.<\/p>\n<\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; \u00bbVergil. Vater des Abendlands\u00ab hei\u00dft ein Buch, in dem Theodor Haecker die Wahrheiten, Lehren, Mahnungen aus dem Schaffen Vergils darlegt, die ihm nach dessen zweitausendj\u00e4hriger Vollendung die zeitigsten scheinen. Der Verfasser, obwohl Katholik, ist Sch\u00fcler von Kierkegaard, und zwar&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2005\/10\/15\/privilegiertes-denken\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":72,"featured_media":87150,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[3038,428],"class_list":["post-87362","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-vergil","tag-walter-benjamin"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/87362","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/72"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=87362"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/87362\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=87362"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=87362"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=87362"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}